Classic Albums

Classic Albums 23.05.2018

NEVERMORE - „Dead Heart In A Dead World“ (2000)

NEVERMORE fanden auf „Dead Heart In A Dead World" nicht nur den goldenen Mittelweg zwischen Moderne und Tradition, sondern gestalteten ihren komplexen Stil auch zugänglicher als in der Vergangenheit. Der Geniestreich öffnete der Seattle-Combo um die Hauptsongwriter Warrel Dane (R.I.P.) und Jeff Loomis im Jahr 2000 einige Türen, die den Musikern mit ihren drei Vorgängeralben verschlossen geblieben waren. Jeff wirft mit uns einen Blick auf ein prägendes Kapitel der NEVERMORE-Diskografie.

Jeff, zuerst einmal möchte ich dir mein Beileid zum Verlust deines jahrelangen Wegbegleiters Warrel Dane aussprechen.

»Danke. Ich will nicht sagen, dass ich Warrels Ableben erwartet habe, aber ich hatte schon das Gefühl, dass es mit ihm kein gutes Ende nehmen würde. Wir hatten eine Zeit lang keinen Kontakt mehr. Kurz vor seinem Tod haben wir uns aber wieder geschrieben. Immerhin konnte ich ihm auf diesem Weg alles sagen, was ich ihm schon immer mitteilen wollte. Aber es ist bedauerlich, dass zwischen uns so lange Funkstille herrschte und er nun tot ist. Als er starb, war ich gerade zu Hause und nicht auf Tour. Ich bin sehr froh, dass wir zu dem Zeitpunkt nicht mit Arch Enemy unterwegs waren. Ich denke nicht, dass ich mich nach dem Erhalt der Nachricht auf die Konzerte hätte fokussieren können. Die Zeit daheim nutzte ich zum Trauern. Aber über so was kommt man nie richtig hinweg. Ich habe einen Freund verloren, und das tut weh. Warrel war nicht nur einer der besten Metal-Sänger und ein begnadeter Texter, sondern auch ein toller Mensch.«

Kommen wir zum Thema unseres Interviews: In welcher Stimmung wart ihr, als ihr „Dead Heart..." angegangen seid?

»Wir wollten in eine härtere Richtung gehen. Ich habe damals viel Meshuggah und Korn gehört. Ich fragte mich, wie diese Combos es schafften, so heavy zu klingen, bis mir auffiel, dass sie siebensaitige Gitarren benutzten. Da diese Klampfen damals schwer zu finden waren, hat ein Freund mir eine gebaut. Ich habe rumexperimentiert und festgestellt, dass ich damit einen druckvollen, tiefen Klang erzielen kann. So fing ich an, auf dem Instrument Songs zu schreiben, die zu dem „Dead Heart..."-Material wurden. Dieses Album gab NEVERMORE ein ganz neues Klangbild. Ich halte es immer noch für ein Highlight unserer Diskografie. Es war nämlich auch ein Wendepunkt, an dem NEVERMORE immer größer wurden und wir bessere Tourneen angeboten bekamen. In dieser Phase unserer Karriere arbeiteten wir am härtesten – eine Tour folgte auf die nächste. Wir waren dauernd unterwegs, und es hat viel Spaß gemacht.«

Inwiefern hat die Verwendung der Siebensaitigen nicht nur den Sound, sondern auch das Songwriting beeinflusst?

»Warrel war es gewohnt, im Standard-Tuning der sechssaitigen Gitarre zu singen, und nun kam ich mit den tiefer gestimmten sieben Saiten an. Es harmonierte aber hervorragend mit seiner Stimme und machte Spaß, damit herumzuspielen. Ich erinnere mich noch, dass Warrel und ich an dem Material sehr eng zusammen gearbeitet haben. Bei manch anderem Album war das eher nicht der Fall, da haben wir des Öfteren getrennt voneinander an den Songs gefeilt.«

„Dead Heart..." stellt auch die erste Scheibe seit eurem Debüt dar, die du ohne einen zweiten Gitarristen aufgenommen hast. Hast du den Einfluss eines Nebenmanns vermisst, oder war es eher eine befreiende Erfahrung?

»Beides hat in der Tat seine Vor- und Nachteile. Mit einem anderen Gitarristen kann man Ideen austauschen. Bei „Dead Heart..." machte es mir aber nicht viel aus, alleine zu arbeiten, weil ich sehr fokussiert darauf war, meine Vision für den Sound umzusetzen. Deshalb war die Hinzunahme eines zweiten Gitarristen für die Studioaufnahmen damals gar kein Thema.«

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Produzentenwechsel von Neil Kernon zu Andy Sneap. Wie seid ihr auf den damals noch nicht so bekannten Engländer gestoßen?

»Ich hörte ein Stuck-Mojo-Album, das er produziert hatte, und fragte ihren Gitarristen Rich Ward: „Wer hat das Ding produziert? Das klingt unglaublich!" Er empfahl mir dann Andy, woraufhin ich begann, mich mit seinem bisherigen Schaffen näher auseinanderzusetzen. Es stellte sich heraus, dass er ebenfalls ein langhaariger Metal-Typ und ein großer Sanctuary-Fan ist. Andy flog von England nach Seattle und verbrachte zwei Wochen mit uns bei der Vorproduktion. Er hörte sich alle Songs gründlich an, und wir feilten gemeinsam an den Arrangements. Daraufhin jetteten wir nach Texas, um das Album aufzunehmen. Er war ein integraler Bestandteil, der für diesen hämmernden Sound sorgte.
Als wir in Texas aufnahmen, standen eines Tages ein paar Fans aus Mexiko vor der Tür, die etwas von unserem Studioaufenthalt spitzbekommen hatten. Wir verbrachten eine gute Zeit mit ihnen, bis Andy sie fragte, ob sie einen neuen Song hören wollten. Er spielte ihnen ´The River Dragon´ vor, das mit einem zärtlichen Akustikintro beginnt. Dabei hatte er die Lautstärke-Regler voll aufgezogen, was aber erst deutlich wurde, als die Kickdrum einsetzte und die Fans buchstäblich einen halben Meter nach hinten geblasen wurden. Über diesen Anblick kann ich mich heute noch amüsieren (lacht). Uns war schon im Studio bewusst, dass wir etwas Besonderes und Cooles in der Hinterhand hatten.«

Besonders war auch, dass ihr die Songs im Vergleich zu euren Vorgängerwerken wesentlich zugänglicher arrangiert habt.

»Ja, ich war schon immer ein Fan von Bands wie Queen, die einen melancholischen Piano-Sound mit harten Arrangements vermischen. Diesen Vibe wollte ich mit dem Album aufgreifen. Bei der Arbeit an ´Believe In Nothing´ dachten Warrel und ich: „Das könnte vielleicht ein Radiohit werden!" Wir drehten dafür sogar ein Video und hatten die Hoffnung, dass mit dem Song etwas passiert, aber letztlich ist daraus nichts geworden. Das hat uns ziemlich überrascht, denn wir hatten auf einen weiteren Wendepunkt gehofft. Der Track ist definitiv einer der eingängigsten, einer meiner Favoriten ist allerdings ´Insignificant´. Das Lied klingt extrem traurig und stellt für mich eine der besten Kompositionen dar, die Warrel und ich geschrieben haben.«

Mir fiel beim erneuten Lesen der Texte auch auf, dass Warrel schon damals sehr düstere Lyrics schrieb.

»Bis heute zählt er zu den Menschen, bei denen ich nie ganz dahintergekommen bin, wie sie ticken. Ihn umgab eine mystische Aura, die besonders Journalisten immer faszinierte. Sie fragten ihn, wovon dieser oder jener tiefgründige Text handele, und er erwiderte: „Was meinst du denn, wovon er handelt?" Er interessierte sich immer für die Interpretationen seiner Lyrics, gewährte aber nie einen kompletten Einblick in die Tiefen seiner Seele.«

Gab es einen Song, bei dem ihr euch anfangs unsicher wart, ob er es aufs Album schafft?

»Vielleicht ´The Heart Collector´, weil er extrem balladesk gehalten ist. Letztlich wurde unsere Waghalsigkeit aber belohnt, denn das Stück wurde ein absoluter Publikumsfavorit. Da wir zu Beginn der Touraktivitäten für Dimmu Borgir eröffneten, wollten wir den Set besonders heavy gestalten. Eines Tages sagte Warrel aber: „Fick dich, Jeff! Heute Abend spielen wir ´The Heart Collector´, es ist mir egal, was du dazu sagst!" Ich war alles andere als begeistert und hatte Bedenken, dass das vor dem Black-Metal-Publikum total in die Hose gehen könnte. Aber ich schwöre: In der ersten Reihe standen beinharte Dimmu-Fans, die lauthals mitsangen und denen vor lauter Tränen das Corpsepaint zerlief (lacht). Warrel hatte oft eine Vision, von der er hundertprozentig überzeugt war. Irgendwann sagte ich mir, dass ich mir von diesem Selbstbewusstsein, dass unsere Songs total cool sind, eine Scheibe abschneiden muss.«

Für ´The Sound Of Silence´ habt ihr die Lyrics des Simon-&-Garfunkel-Tracks benutzt, aber einen völlig eigenständigen Song daruntergelegt.

»Eigentlich sollte das Stück ein komplett eigenständiger NEVERMORE-Track werden. Simon & Garfunkel zählten schon lange zu Warrels Lieblingssängern, er liebte die tiefgründigen Texte und wollte ihnen unbedingt in irgendeiner Form Tribut zollen. Ihm fiel dann auf, dass sich der Text von ´The Sound Of Silence´ vom Tempo her gut zu unserem Track singen lassen könnte. Im Endeffekt ist das eine coole Herangehensweise, denn die meisten Coversongs werden einfach nur eins zu eins nachgespielt und sind stinklangweilig. Dies war ein weiteres Lied, bei dem ich mich fragte, ob das funktionieren würde, und auch dieses wurde ein Fanfavorit.«

Würdest du es in Betracht ziehen, die „Dead Heart..."-Songs eines Tages ohne Warrel live zu spielen?

»Ich weiß es nicht, das ist echt eine schwierige Frage. Warrel war eines der Herzen, die NEVERMORE ihren Puls verliehen. Die Songs jemand anderen singen zu lassen, fühlt sich in meinen Augen nicht richtig an. Es ist besser, das Kapitel anhand des Albums und der Liveaufnahmen in guter Erinnerung zu behalten. Um ehrlich zu sein, kam mir kurz vor Warrels Tod der Gedanke, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten. Wir haben uns sogar über die Möglichkeit einer erneuten Kooperation ausgetauscht, aber sein Tod kam so plötzlich, dass sich unsere Idee, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben, nicht mehr in die Tat umsetzen ließ. Dies ist das Ende einer Ära, man muss nach vorne blicken. Ich spiele nun bei Arch Enemy und bin damit extrem glücklich. Doch es ist immer wieder schön, von Fans zu hören, dass ihnen das Album und die Lyrics über schwierige Zeiten hinweggeholfen haben. Dabei belasse ich es.«

Schön zu sehen, dass du bei Arch Enemy auf beiden Füßen gelandet bist.

»Danke! Dabei war ich damals auch kein Heiliger, ich habe mit Warrel und den anderen manchmal wie verrückt gefeiert. Ich habe aber einen anderen Pfad eingeschlagen und trinke seit fünf Jahren nicht mehr. Ich liebe das Musikspielen und das Touren so sehr, dass ich es bis zu meinem 60. oder 70. Lebensjahr machen möchte.«

Hast du noch Kontakt zu NEVERMORE-Drummer Van Williams und -Bassist Jim Sheppard?

»Mit Van spreche ich ständig, er ist immer noch mein bester Freund und gerade mit seiner Band Ghost Ship Octavius im Studio. Zu Jim habe ich leider keinen Draht mehr. Ich habe ihn zum ersten Mal seit fünf Jahren auf Warrels Beerdigung gesehen. Ich war mir nicht sicher, wie er auf mich reagieren würde, aber es war alles cool. Wir haben uns umarmt und gemeinsam getrauert. Ich hoffe, dass unser Verhältnis mit der Zeit wieder enger wird.«
(Das Interview fand im Januar statt, im März stand Jeff bei einem Sanctuary-Gig in Seattle gemeinsam mit Jim auf der Bühne.)

Das Line-up auf „Dead Heart In A Dead World"

Warrel Dane (v.)
Jeff Loomis (g.)
Jim Sheppard (b.)
Van Williams (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten


Spielzeit: 56:39 Minuten
Produzent: Andy Sneap
Studio: Village Production, Tornillo, Texas
Coverartwork: Travis Smith
Veröffentlichung: 17. Oktober 2000

Die Songs

Narcosynthesis
We Disintegrate
Inside Four Walls
Evolution 169
The River Dragon Has Come
The Heart Collector
Engines Of Hate
The Sound Of Silence
Insignificant
Believe In Nothing
Dead Heart In A Dead World

DISKOGRAFIE


Nevermore (1995)
In Memory (EP, 1996)
The Politics Of Ecstasy (1996)
Dreaming Neon Black (1999)
Dead Heart In A Dead World (2000)
Enemies Of Reality (2003)
Enemies Of Reality (neue Version, 2005)
This Godless Endeavor (2005)
The Year Of The Voyager (DVD, 2008)
The Obsidian Conspiracy (2010)
The Complete Collection (Boxset, 2018)

Bands:
NEVERMORE
Autor:
Ronny Bittner

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