Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 21.07.2021, 15:45

ANTHRAX - 40th Anniversary Show

ANTHRAX haben ihrer Show zum 40-jährigen Jubiläum schon Monate im Voraus mit einer Doku-Serie über die Bandgeschichte das Feld bereitet. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli stieg dann das technisch einwandfrei in Szene gesetzte Live-Stream-Event, welches allerdings die großen Überraschungen vermissen ließ.

Es ist immer wieder interessant zu sehen, welch unterschiedliche Wege Bands bei ihrer Live-Stream-Präsentation einschlagen. Während viele Künstler auf eine besondere Location zurückgreifen (zum Beispiel Mastodon im Georgia Aquarium oder Devin Townsend vor einer Waldkulisse), verzichten andere auf jegliches Schickimicki. Zur letzten Kategorie zählen ANTHRAX. In dem zwei Stunden und 12 Minuten langen Live-Stream lässt das Quintett ausschließlich die Musik für sich sprechen. Es gibt keine einzige Ansage und auch das Stagedesign ist auf das Nötigste reduziert (nicht mal ein Backdrop ist vorhanden). Nach einigen Songs werden immerhin Glückwünsche von befreundeten Musikern und Promis eingeblendet, bevor es mit dem Set weitergeht. Was sich langweilig liest, überzeugt aber durch eine tolle Lichtshow, hochprofessionelle Kameraführung und eine gestochen scharfe Bildqualität. Nicht unerwähnt bleiben soll natürlich die Bühnenpräsenz der Amerikaner: Bassist Frank Bello, Gitarrist Scott Ian und Sänger Joey Belladonna bilden die Aktivposten, an deren energischer Performance man sich gar nicht satt genug sehen kann. Drummer Charlie Benante spielt nach seiner überwundenen Karpaltunnelsyndrom-Erkrankung wie ein junger Gott und sorgt dafür, dass die Grooves von Uralt-Tracks wie 'Madhouse' oder 'Caught In A Mosh' auch über 30 Jahre später noch wie eine Eins sitzen. Lead-Gitarrist John Donais scheint sich hingegen mit seiner Rolle in der zweiten Reihe abgefunden zu haben und versucht gar nicht, mit dem wilden Stageacting der anderen mitzuhalten. Dafür erweisen sich seine Soli nicht nur als geschmackvoll, sondern auch sattelfest.

Festzuhalten ist, dass ANTHRAX nicht nur optisch am besten von den Big Four gealtert sind, sondern ihre Konkurrenten Metallica, Megadeth und Slayer auch in spielerischer Hinsicht locker in die Tasche stecken. Wo bei den anderen dreien in den letzten Jahren vermehrt instrumentale Unsicherheiten oder gesangliche Fehltritte zu beobachten waren, zeigen sich ANTHRAX immer noch in Topform, was vor allem für den mittlerweile 60-jährigen Joey Belladonna erstaunlich ist.

Woran es allerdings hapert, ist der Mut bei der Setlist-Gestaltung. Die Band greift zum großen Teil auf ihr Standard-Repertoire zurück und scheut sich auch davor, Tracks in neuen Arrangements zu präsentieren. Schon klar, „never change a winning team" und die Sache bereitet in der erprobten Form ja auch jede Menge Spaß. Dennoch ist man als jahrelanger Fan, der die Band mehrfach live gesehen hat, etwas enttäuscht, dass man wenig „Neues" geboten bekommt. „Spreading The Disease"-Anhänger können sich immerhin darüber freuen, dass 'Lone Justice' und 'Aftershock' entstaubt werden (mit 'Madhouse', 'Medusa' und 'A.I.R.' stehen gar noch drei weitere Tracks des Albums auf der Setliste). Liebhaber der „State Of Euphoria"- und „Persistence Of Time"-Ära werden hingegen nur spärlich entlohnt. Von „Persistence..." gibt es neben dem fest im Set integrierten Joe-Jackson-Cover 'Got The Time' nur 'Keep It In The Family' zu hören. „State Of Euphoria" wird immerhin mit drei Songs bedacht, von denen zwei aber immer ('Antisocial') oder oft ('Be All, End All') gespielt werden, wodurch 'Now It's Dark' als einzige Rarität dieses Albums glänzt. Wieso versucht sich die Band sich nicht mal an 'Finale', 'Who Cares Wins', 'Gridlock' oder 'Discharge'? Auch die beiden letzten Belladonna-Alben „Worship Music" und „For All Kings" bieten genügend herausragendes Material, das nie oder selten aufgeführt wurde.

Ein weiterer Wermutstropfen: In der Youtube-Doku wurden die vier Alben der John-Bush-Ära von den Musikern mit Lob überschüttet und ihre Artworks sind auf dem Plakat zum 40-jährigen Jubiläum abgebildet. Die Show wäre eine würdige Angelegenheit gewesen, endlich mal den ein oder anderen Bush-Song ins Set zu holen. Doch Fehlanzeige, die zwölf Jahre mit Bush werden weiterhin ignoriert, während die Phase mit Ursänger Neil Turbin immerhin mit 'Metal Thrashing Mad' bedacht wird. Die einzigen „richtigen" Überraschungen bleiben deshalb der Auftritt von Chuck D bei 'Bring The Noise' und die Performance des Discharge-Covers 'Protest And Survive' (letzteres ist nur im Zugabe-Teil des separat buchbaren „Behind The Scenes"-Streams zu sehen).

Die Kritikpunkte schmälern das Ereignis für die Die-Hard-Fans zwar etwas, unterm Strich muss man der Truppe aber natürlich eine tolle Show attestieren. Glückwunsch zum 40-jährigen Jubiläum, ANTHRAX! Hoffentlich bleibt ihr uns noch lange erhalten und wir sehen euch bald wieder auf einer richtigen Bühne und nicht am Bildschirm!

www.anthraxlive.com

SETLIST

Fight 'Em 'Til You Can't
Madhouse
Caught In A Mosh
Metal Thrashing Mad
Got The Time (Joe-Jackson-Cover)
I Am The Law
Keep It In The Family
Lone Justice
The Devil You Know
Be All, End All
Now It's Dark
Antisocial (Trust-Cover)
In The End
Medusa
Evil Twin
Indians
A Skeleton In The Closet
Aftershock
Blood Eagle Wings
Bring The Noise (Public-Enemy-Cover mit Chuck D)
A.I.R.
Among The Living

Zugaben im „Behind The Scenes"-Stream:

Breathing Lightning
Protest And Survive (Discharge-Cover)
N.F.L.

Bands:
ANTHRAX
Autor:
Ronny Bittner

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos