My Hometown

My Hometown 29.09.2021, 08:01

ASPHYX - My Hometown: Enschede/Oldenzaal mit Martin van Drunen

Wer in Gronau, Flensburg oder Saarbrücken, also im Grenzgebiet, lebt, hat sich längst an die Horden kaufwütiger Holländer, Dänen und Franzosen gewöhnt, die an Wochenenden regelmäßig die örtlichen Supermärkte leer kaufen und bei Shell oder Aral volltanken. Auch ASPHYX-Frontmann Martin van Drunen (ex-Pestilence & Hail Of Bullets) fährt regelmäßig die paar Kilometer von Oldenzaal bei Enschede nach NRW, um sich dort mit Tabak, Alkohol und Lebensmitteln einzudecken, während Deutsche zum Kiffen in die Gegenrichtung pendeln.

Martin, wo bist du geboren und aufgewachsen, wo wohnst du mittlerweile?

»Ich wurde im Süden der Niederlande in einem Städtchen namens Uden geboren. Das liegt in der Provinz Brabant in der Nähe von Den Bosch. Als ich sechs oder sieben war, sind wir dann nach Oldenzaal umgezogen, weil mein Vater bei der holländischen Luftwaffe war und an den Militärflughafen Twente versetzt wurde. Derzeit wohne ich am Rand von Oldenzaal, bin aber auch ganz schnell in Enschede.«

Hast du eine oder mehrere Lieblingskneipen in Enschede?

»Wenn ich mal an einem Wochenende nicht mit ASPYHX unterwegs bin, gehe ich in Enschede gerne ins Café Rocks. Das ist die Hardrock-Kneipe, in der auch mal was Härteres wie Slayer läuft. Die beiden Inhaber Luc und Kees sind echt cool.«

Wo gehst du gerne essen?

»Wenn ich mal ein Restaurant besuche, dann nicht in Oldenzaal oder Enschede, sondern in Paris. Dort lebt meine französische Freundin. Der Chef eines Restaurants dort mag sogar Metal und tischt mir an meinem Geburtstag immer supergeile Fischplatten auf, weil er weiß, dass ich auf Fisch stehe. Paris ist quasi mein zweiter Wohnsitz.«

Gibt es irgendwelche guten Clubs und Venues in Enschede?

»Früher gab es in Enschede mal einen sehr bekannten Club namens Atak. Der hat vor ein paar Jahren aber mit dem Metropol in Hengelo fusioniert, also gibt es jetzt je ein Metropol in Enschede und Hengelo. Im Atak sind früher viele Bands aufgetreten, wenn sie auf Europatour waren. Leider hat das in den letzten Jahren nachgelassen, weil die meisten Bands jetzt im Baroeg in Rotterdam spielen. Als ich 18 oder 19 war, konnte man immer ins Atak gehen. Unter anderem habe ich dort alles von Napalm Death über Morbid Angel und Paradise Lost bis zu Bolt Thrower gesehen.«

Gibt es noch weitere Live-Clubs bei euch in der Gegend?

»Ja, besagtes Café Rocks, aber das ist halt mehr eine Kneipe. Da spielen dann eher die kleineren Bands. Wenn 100 Leute im Rocks sind, ist es schon gerammelt voll, also kein Vergleich mit dem Metropol. Dort haben sie zwei Bühnen; auf der kleinen habe ich im November 2019 Immolation gesehen, zwei Jahre zuvor auf der großen Y&T.«

Gibt es die Diskothek Jumbo in Oldenzaal noch?

»Ja, das Gebäude steht nach wie vor, aber da ist mittlerweile eine Wohnungsgesellschaft drin. Ganz früher war es ja mal eine Textilfabrik; den Parkplatz gibt es ebenfalls noch, und auch drum herum ist noch fast alles so wie damals.«

Ich war 1984 bei der Show von Metallica und Warlock im Jumbo. Bist du auch dort gewesen?

»Klar, ich war auch anwesend. In diesem verschlafenen Städtchen hat doch nur dieses eine geile Konzert stattgefunden (lacht). Ich habe sogar noch einen Mitschnitt des Gigs auf Kassette – nein, nicht selbst aufgenommen, sondern etwas später von einem Tapetrader bekommen; ich war damals ein bisschen in dieser Szene unterwegs und kann mich auch noch gut daran erinnern, dass bei Metallica der Strom ausgefallen ist. Das hört man auch auf dem Tape. Der Ausfall hat echt lange gedauert, so 15 bis 20 Minuten. Währenddessen war aber der ganze Laden derart am Brüllen und Singen, dass Hetfield später meinte: „You are fucking crazy – you make us feel like home!“ Eigentlich waren Metallica ja mit Twisted Sister auf Europatour und hatten an dem Tag frei, aber als ein Kumpel von mir davon erfuhr, machte er der Band auf gut Glück ein Angebot.«

Wo habt ihr euren Proberaum?

»Ganz ehrlich: Wir haben keinen. Wenn wir proben, dann in einem der beiden Metropols in Enschede oder Hengelo. Allerdings hat sich Husky (Asphyx-Drummer Stephan Hüskens – buf) kürzlich im Keller seines neuen Hauses einen kleinen Proberaum eingerichtet; wenn dort alles passt, wird das vermutlich unser offizieller. Seit Husky verheiratet ist, wohnt er kurz hinter der Grenze in Epe bei Gronau, also nur etwa 25 Minuten von mir entfernt.«

Mit welchen anderen Acts aus der Gegend seid ihr befreundet?

»Ich kenne eigentlich wenig Bands aus der Gegend, spiele aber noch mit Husky und einigen anderen deutschen Jungs bei Rotten Casket.«

Gibt es einen oder mehrere gute Plattenläden in Enschede?

»In Enschede meines Wissen leider nicht mehr. Das alte Popeye in Hengelo soll aber sehr schön sein. Da habe ich früher immer meine Importplatten gekauft. Johann, der Besitzer, macht wie die meisten anderen Läden wegen Corona momentan viel online. Von unserem aktuellen Album „Necroceros“ haben wir extra ein paar Schallplatten fürs Popeye signiert. Dass es den Laden immer noch gibt, freut mich sehr. Johann muss inzwischen auch im Rentenalter sein (lacht).«

Hat Enschede Coffeeshops, die regelmäßig von deutschen Kiffern überrannt werden?

»Ja, eine Menge. Frag mich jetzt bloß nicht nach Namen, aber diese Shops haben echt viele deutsche Kunden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mal an einem Samstag zu Husky nach Dortmund gefahren bin und es in der Bahn überall nach Marihuana gerochen hat. Das war voll der Drogenzug (lacht).«

Fährst du öfter zum Einkaufen oder Tanken über die Grenze nach Gronau?

»Da der Tabak bei euch nur die Hälfte kostet, fahre ich regelmäßig mit Eric Daniels von Soulburn rüber, der früher auch mal Gitarre bei Asphyx gespielt hat. Wir decken uns in Deutschland erst mal mit Tabak, Bier, Schnaps und anderem Zeug ein; bei euch sind sogar verdammte Kartoffeln und Milch billiger. Mittlerweile gibt es in Holland zwar auch Lidl- und Aldi-Filialen, aber dort sind die Produkte teurer. Das hat wohl auch was mit der Mehrwertsteuer zu tun. Wenn ich ein Auto hätte, würde ich wahrscheinlich auch noch tanken. Die meisten Holländer, die im Grenzgebiet wohnen, fahren ein- bis zweimal im Monat nach Deutschland, um sich mit allen möglichen Dingen einzudecken, und tanken bei der Gelegenheit auch gleich voll.«

Könntest du dir vorstellen, woanders zu leben? Falls ja, wo?

»Eigentlich ist es mein Plan, irgendwann mal nach Paris zu ziehen. Ich fühle mich da sehr wohl, was wahrscheinlich auch damit zu tun hat, dass ich die Stadt nicht nur von der touristischen Seite her kenne. Viele Leute sagen zwar, Paris sei schweineteuer, aber wenn du die richtigen Läden kennst und die Einheimischen selbst kennenlernst, ist das echt total geil. Dort ist natürlich auch sehr viel los, und es gibt auch ein paar coole Metal-Kneipen. Außerdem finden in normalen Zeiten reichlich Konzerte statt.«

Bist du Fan des lokalen Erstligisten Twente Enschede?

»Fan ist ein großes Wort und für mich jemand, der alle Spiele im Stadion verfolgt, doch ich war erst ein paar Mal dort. Hier in der Gegend unterstützen aber so viele Leute den Club, dass die Dauerkarten in der Regel schnell ausverkauft sind. Selbst als Twente vor zwei Jahren abstieg, waren in der zweiten Liga mitunter 30.000 Leute im Stadion, also mehr als manchmal in Eindhoven oder Feyenoord. Wie sehr man in der Region auf Twente steht, ist echt der Wahnsinn.«

www.asphyx.nl

www.facebook.com/officialasphyx

Bands:
ASPHYX
Autor:
Buffo Schnädelbach

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