Festivals & Live Reviews


Foto: Alexandra Zackiewicz

Festivals & Live Reviews 28.08.2019, 15:36

BANG YOUR HEAD 2019: Bei Skid Row an der Laterne

In seiner letztjährigen Abschlussrede fand BANG YOUR HEAD-Veranstalter Horst Franz deutliche Worte: Wenn es mit dem Festival weitergehen soll, muss es Veränderungen geben. Von einer kleineren Bühne war die Rede, kleineren Headlinern, einer Preiserhöhung und einem musikalisch weiter gefächerten Programm. Die Preiserhöhung gab es tatsächlich, von „kleineren Headlinern“ kann hingegen keine Rede sein: Avantasia sind einer der derzeit größten einheimischen Metal-Acts, Steel Panther und Michael Schenker Fest ebenfalls erstklassige, weltberühmte Live-Bands – und in Anbetracht des generell hervorragenden Billings nimmt man auch den Dauerregen, der Balingen dieses Jahr heimsucht, (fast) ohne zu murren in Kauf.

Donnerstag

STORMWARRIOR, die die Freiluft-Saison beim BYH heute eröffnen, haben zwar einen ziemlich bedröppelten Ausblick (was das Wetter angeht, nicht die Fans!), können sich im Nachhinein jedoch glücklich schätzen – immerhin regnet es bei ihrem Auftritt noch keine Bindfäden, sodass die Norddeutschen mit ihrem piratigen, von dezenten Viking-Elementen durchwirkten Power Metal Song für Song mehr Leute vor die Bühne locken und das ´Heavy Metal Fire´ voller Tatendrang zum Lodern bringen. Als besonderen Leckerbissen packen die Hanseaten ihre laut Fronter Lars Ramcke „ewig nicht live gespielte“ 2002er (Battle-)Hymne ´Defenders Of Metal´ aus und vertreiben Müdigkeit (und Kater?) des Publikums im Handumdrehen.

Derart aufgewärmt, heißt die Meute im Anschluss SORCERER lautstark willkommen. Die Schweden, allen voran Sänger Anders Engberg, feuern ein wahres Epic-Doom-Feuerwerk ab, zu dem die dunkelgrauen Wolkentürme am Himmel ausnahmsweise mal bestens passen. U.a. mit dem Schwergewicht ´The Dark Tower Of The Sorcerer´, ´The Crowning Of The Fire King´ und dem Schlusspunkt ´The Sorcerer´ liefert die Band eine rundum gelungene Show mit Endzeitatmosphäre – und das ist durchaus als Kompliment zu verstehen.

Deutlich beschwingter bitten die Norweger AUDREY HORNE zum Hardrock-Tanz, nachdem als Intro die Erkennungsmelodie der „Muppet Show“ für einige Lacher sorgt. Frontmann Toschie läuft im Schiedsrichter-Cosplay samt Beinstutzen auf, fegt energiegeladen wie ein Duracell-Hase über die Bühne, läutet die ´Audrevolution´ ein und beweist sowohl gute Manieren als auch respektable Deutschkenntnisse, als er das Publikum mit „Danke schön, meine Damen und Herren“ anredet. Wie nur wenigen anderen Bands gelingt es dem Fünferpack mit seiner ehrlichen, von Herzen kommenden Musik, die Zuhörer zu packen und positive Stimmung zu verbreiten.

Gleiches kann man auch von BRAINSTORM behaupten, die heute als waschechte Schwaben ein Heimspiel feiern. Mit mehreren Songs von ihrer starken aktuellen Platte „Midnight Ghost“ und älteren Dauerbrennern wie ´Shiva´s Tears´ und ´All Those Words´ liefern die Metaller, die ganz offensichtlich so richtig Bock auf Live-Party haben, einen abwechslungsreichen Set, bei dem sowohl Nackenschüttler als auch Fans des melodiöseren Metal voll auf ihre Kosten kommen. Pechvogel Andy B. Franck legt sich zwar im Eifer des Gefechts auf der Bühne lang, singt aber vollkommen unbeeindruckt und mit vollem Einsatz einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Respekt! (am)

Nach dem Abriss von Brainstorm haben es THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA zunächst nicht leicht, zumal Bassist Sharlee D´Angelo wegen Tour-Verpflichtungen mit Arch Enemy derzeit verhindert ist. Sein Ersatz zockt aber ebenfalls souverän, und der Maßstäbe setzende AOR/Melodic-Rock sowie die großen Entertainment-Qualitäten lassen das Publikum schnell mit den schwedischen Spaßvögeln warm werden. Die beiden als Stewardessen gekleideten Backing-Sängerinnen Anna und Anna-Mia (heute mal in Lila) tänzeln, winken und reichen sich sowie Frontmann Björn Strid (im weißen Jackett mit Goldflügeln sowie Baskenmütze) zwischendurch immer mal wieder ein Glas Champagner. Der Soilwork-Sänger begeistert einmal mehr mit seinem Alter Ego und gibt augenzwinkernd den lässigen Crooner. Dieses sich selbst nicht zu ernst nehmende Image überträgt sich auf die Leute, die spontan eine riesige Polonaise über die gesamte Bühnenbreite starten. Gottlieb Wendehals wäre stolz gewesen!

Da Hardcore Superstar Probleme mit ihrem Equipment haben, das beim Flug wohl teils abhanden gekommen ist, tauschen sie ihren Slot mit DREAM EVIL, die nun statt in der Halle auf der Hauptbühne ran dürfen. Die ist eindeutig eine Nummer zu groß für sie, denn ihre Show ist zwar in allen Belangen solide, aber gänzlich unspektakulär. Ich hab sie schon fast wieder vergessen…

SOULFLY sind auf dem BYH stilistisch zwar eher Paradiesvögel, können mit ihrem Percussion-getriebenen Groove-Thrash aber dennoch viele Leute abholen, die sich natürlich vor allem bei ´Jumpdafuckup´ in Trance hüpfen. Ich gehöre allerdings nicht dazu und finde, dass die viel zu oft umbesetzte „Band“ ihre besten Zeiten hinter sich hat. Mir fehlt hier gerade bei Max das Feuer und die Inspiration der frühen Tage, die er bei Cavalera Conspiracy zumindest ansatzweise noch zu zeigen vermag.

Der Donnerstag ist bekanntlich der am schlechtesten besuchte BYH-Tag, weil viele noch arbeiten müssen. Zusammen mit dem starken Regen wird es diesmal doppelt bitter, sodass das MICHAEL SCHENKER FEST im Vergleich zum letzten Jahr nur vor rund einem Viertel der Menge spielt. Dafür beträgt die Spielzeit diesmal fast zweieinhalb Stunden und wird mit einem äußerst repräsentativen Querschnitt gut genutzt (obwohl es natürlich immer noch Nerds gibt, die bestimmte Songs vermissen). Michael ist in blendender Verfassung und spielt wie ein Gott, doch leider können die Sänger immer weniger ihr Alter und ihre Stimmprobleme verbergen. Lediglich Robin McAuley überzeugt auf ganzer Linie, wohingegen Gary Barden, Graham Bonnet und Doogie White nochmals deutlicher als 2018 schon abfallen. Dennoch ein würdiger Headliner! (ms)

Freitag

Zum Leidwesen der Lokalmatadoren TRAITOR schüttet es wie aus Kübeln, als die Jungs auf die Bühne gehen. Die Thrasher machen – frei nach dem Motto ihres Songs ´Teutonic Storm´ – trotzdem Dampf, als gäbe es kein Morgen, präsentieren bei ´Fuck You And Die´ Ex-Gitarrist Robin Mauser als Special Guest und hätten wirklich ein größeres Publikum verdient. Dafür feiern die besonders wetterfesten Fans ihre Helden aber umso lauter und schwingen zum Ramones-Cover ´Blitzkrieg Bop´ das Tanzbein, dass die Pfützen nur so spritzen.

PICTURE haben laut Sänger Ronald van Prooijen die Wettergöttin beschworen, und zumindest zu Beginn macht das Gepläster von oben mal Pause. Die jung gebliebenen Heavy-Rocker aus den Niederlanden verbreiten mit ulkigen deutschen Ansagen und Songs wie ´No No No´, ´Eternal Dark´ und ´Heavy Metal Ears´ gute Stimmung und zeigen ihre akrobatische Ader, als Ronald singend an der Bühne hochklettert.

Besonders die weiblichen Begeisterungsrufe sind allerdings um einiges lauter, als ENFORCER mit ´Die For The Devil´ in ihren Set starten. Die Schweden punkten mit allerfeinstem Old-School-Metal, Poserlevel für Fortgeschrittene, Pfeffer im Arsch und einer unbändigen Spielfreude, die die 60 Minuten Bühnenzeit viel zu schnell verfliegen lassen. Wer die Gelegenheit hat, sich einen Headliner-Auftritt der Skandinavier anzusehen, sollte nicht lange fackeln.

EKTOMORF wecken mit ihrem Thrash-trifft-Hardcore-Gewitter den Knüppel-Instinkt der Zuschauer, und dabei grooven die Ungarn um Frontmann Zoltan Farkas, der dem F-Wort-Rekord eines gewissen Alexi Laiho ziemlich nahe kommt, auch noch wie Sau. Hinter den tags zuvor aufgetretenen Soulfly müssen sich Zoli & Co. jedenfalls nicht verstecken.

Keine Frage: BEAST IN BLACK, die im Anschluss die Bühne entern, polarisieren. Selbst unter ausgemachten Power-Metal-Fans sind die Finnen um Gitarrist Anton Kabanen (ex-Battle-Beast) umstritten und sorgen, so munkelt man, bei einigen Szenevertretern gar für immerwährende Taubheit. Fakt ist: Die Band kokettiert mit Extremen, lässt sich bei ihren Synthesizer-Klängen nicht nur von Journey, sondern scheinbar noch mehr von Modern Talking inspirieren und hat mit Sicherheit auch mehr als eine Manowar-Platte im Schrank stehen. Fakt ist allerdings auch, dass ein Großteil des BYH-Publikums den Party-Metal (oder die Metal-Party?) der Combo, die sich auf der Stage wirklich den Allerwertesten aufreißt, begeistert abfeiert und sich einen feuchten Regenguss darum schert, ob die Synthies nun vom Band kommen oder nicht. Muss man nicht mögen, sollte man aber anerkennen. (am)

CIRITH UNGOL haben richtig Pech: Während die wiederbelebten US-Heroen bereits im leichten Regen auf die Bühne müssen, wird das Unwetter während des dritten Songs so fies, dass der Gig tatsächlich unterbrochen werden muss. Als sich die Lage ein Viertelstündchen später wieder aufklärt, geht´s nahtlos weiter, die Truppe darf ein wenig der verlorenen Zeit hinten anhängen. Frontmann Tim Baker ist nach wie vor hervorragend bei Stimme, Night-Demon-Chef Jarvis Leatherby (der hier den Bass schwingt) ja sowieso eine Rampensau sondergleichen, während das Songmaterial auch drei Dekaden nach seiner Erstveröffentlichung keinen Deut von seiner Magie verloren hat. Starker Auftritt!

Weiter geht´s mit DARK TRANQUILLITY. Die Schweden sind Vorreiter des Göteborg-Sounds, der die skandinavische Metropole in den Neunzigern und frühen Zweitausendern weltbekannt gemacht hat. Der Fokus des Sets liegt zwar nicht auf den Klassikern, sondern auf dem Material des aktuellen Albums „Atoma“, was für ein Festival immer ein Stück weit suboptimal ist, zu überzeugen weiß die Truppe, die live eigentlich immer sehenswert ist, aber trotzdem – und spätestens der abschließende Doppelschlag aus ´Lost To Apathy´ und ´Misery´s Crown´ gibt den Leuten sowieso den Rest.

KROKUS befinden sich derzeit auf Abschiedstour, und nach über 40 Jahren im Geschäft haben sich die Schweizer ihren Ruhestand auch mehr als redlich verdient. Das letzte Konzert soll im Dezember in Zürich steigen, heute macht man noch einmal in Balingen Halt, wo man bereits in den Jahren 2000, 2005, 2010 und 2017 aufspielte – ja, Krokus sind BYH-Veteranen, daran gibt es keinen Zweifel. Dass die Eidgenossen live nichts anbrennen lassen, ist bekannt, und auch heute feuern Sänger Marc Storace und seine Crew vom Opener ´Headhunter´ bis zum abschließenden ´Quinn The Eskimo (The Mighty Quinn)´ bestens gelaunt einen Hit nach dem anderen ins Publikum. Ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der die Band in Zukunft als regelmäßigen Gast des Festivals vermissen wird. Schön ist´s – daran können auch die wiederholten Wolkenbrüche während des Konzerts nichts ändern.

STEEL PANTHER polarisieren, daran gibt es keinen Zweifel. Ebenfalls keinen Zweifel kann es allerdings daran geben, dass sich die US-Truppe während der letzten zehn Jahre von einer Band, die vor gerade mal knapp 100 Nasen im Kölner Underground spielte, zu einer Gruppe gemausert hat, die problemlos die Oberhausener Turbinenhalle vollmacht und zur besten Zeit in Wacken auf der Hauptbühne spielt. Die Frage, ob Steel Panther Headliner-Qualitäten haben, wäre damit im Grunde schon geklärt, und wer trotzdem noch Zweifel hat, wird von den Panthern im Verlauf der heutigen Show im Handumdrehen eines Besseren belehrt. Die Mischung aus wirklich gutem (!) Songmaterial und Achtziger-Sunset-Strip-Parodie funktioniert einmal mehr hervorragend und kommt gerade bei den jüngeren Leuten im Publikum hervorragend an, aber auch der eine oder andere ältere Hase wippt verzückt mit dem Fuß, und das abschließende Triple aus ´Community Property´, ´Death To All But Metal´ und ´Gloryhole´ ist tatsächlich ganz, ganz großes Kino – ein gelungener Abschluss für den Festival-Freitag. (jp)

Samstag

Das erste Morgenbierchen versüßen SCREAMER den gar nicht so wenigen vor der Bühne aufmarschierten Frühaufstehern. Der mit weißen Shirts und schwarzen Westen uniformierte Fünfer zockt fröhlichen Trad-Metal irgendwo zwischen Maiden und Priest, wobei die Stärke der Schweden eindeutig bei den flotten Nummern liegt. Hits wie ´Phoenix´ oder ´Monte Carlo Nights´ holen einen auch ab, ohne mit dem Backkatalog der Band allzu vertraut zu sein. Dazu stimmen die klassischen Posen wie Synchronwippe und Mikroständerschmeißen, ohne je aufgesetzt zu wirken. Das Sahnehäubchen sind die Obertonschreie von Sänger Andreas Wikström. Zum Abschluss gibt es mit dem rollenden Stampfer ´Highway Of Heroes´ noch einen Ausblick aufs gleichnamige kommende Album. Feine Sache!

Deutlich ernsthafter – man könnte auch sagen, humorlos – präsentieren sich RAM. Die Schweden um „Painkiller“-Stimme Oscar Carlquist haben reichlich Leute aufs Gelände gelockt und bieten eine ordentliche Show, wobei besonders die coolen Double-Leadgitarren gefallen. Unterm Strich ist mir der lederbehoste Pyramidennieten-Metal des Quintetts allerdings etwas zu bieder. Beim Publikum hingegen sorgt er für kollektives Kopfnicken und Gruppenfistbanging.

Das erwartete Hochlicht setzen dann FLOTSAM AND JETSAM. Mit seiner jüngsten Scheibe „The End Of Chaos“ hat der Phoenix-Fünfer ein richtig heißes Langeisen am Start, und auch auf der Bühne zeigt sich, wer im Feld der Thrash-Veteranen gerade das gelbe Trikot trägt. Okay, Michael Gilbert gewinnt mit seiner lila Klampfe locker den Jury-Preis für die hässlichste Gitarre der Festivalsaison, aber sonst stimmt hier einfach alles: Die Setlist ist eine gesunde Mischung aus alt und neu, die Einzelakteure sind instrumental voll auf der Höhe, die Band spielt arschtight, und Eric A.K. Knutson meistert auch die höchsten Höhen seiner fantastischen Gesangslinien scheinbar wie im Schlaf. Apropos Nachtruhe: Wenn man an dieser Show überhaupt etwas kritisieren könnte, dann den latenten Bewegungsmangel der Instrumentalisten (in der B-Note haben dann doch Anthrax die Nase vorn).

ARMORED SAINT waren schon immer ein Garant für furiose Live-Shows, doch kann die L.A.-Truppe das Flotsam-Niveau halten? Jein! Die Kalifornier liefern eine souveräne Show, der geschmackvolle US-Metal wird von der Instrumentalfraktion mit traumwandlerischer Stilsicherheit vorgetragen, und John Bush singt nicht nur hervorragend, sondern macht auch ordentlich Kilometer. Trotzdem dauert es bis zur finalen Hymne ´March Of The Saint´, bis die Meute richtig Feuer fängt. Vielleicht sind wir dank der Zuverlässigkeit, mit der die Band regelmäßig abliefert, inzwischen einfach zu verwöhnt. John Bush fasst es zum Abschied treffend in Worte: „It was amazing as always.“ (fm)

Nach fuckin´ Saint auf die Bühne zu müssen, ist immer Käse. CANDLEMASS haben zumindest den Vorteil, stilistisch anders aufgestellt zu sein, und provozieren deshalb nicht sofort einen Direktvergleich. Neu-Altsänger Johan Längquist hat die Eloquenz zwar nicht mit Löffeln gefressen („Are you havin´ a good time?“ – „Ah, that´s... (Pause) ...good!“), macht dafür aber ordentlich Meter vor allem auf dem Steg und kommt auch mit den zahlreichen Messiah-Momenten (´The Well Of Souls´, ´Mirror Mirror´, ´Bewitched´, leider wieder kein ´Samarithan´) gut zurecht. Höhepunkt ist aber natürlich der unkaputtbare Rauswerfer ´Solitude´.

Apropos „Direktvergleich“: In Sachen Legenden-Faktor hinken METAL CHURCH ihren heutigen Vorgängern Flotsam, Saint und eben Candlemass nicht hinterher, das ist für mich alles eine Liga; auf der Bühne können Kurdt Vanderhoof, Mike Howe & Co. aber nicht so richtig mithalten. Der Sound, vor allem der Sound der Gitarren, hat was unangenehm Mumpfiges, die Setlist mit vier aktuellen Songs, die – man kann das leider nicht anders sagen – kaum jemanden interessieren, ist auch bei den Klassikern nicht gerade perfekt: kein ´Metal Church´, kein einziger Track vom brillanten „The Human Factor“. Für sich genommen sicherlich okay, an diesem starken Tag aber eher der „Ich geh´ mir mal entspannt ´ne Wurst holen!“-Act.

Apropos „Wurst“: Laut Peters, der bereits Stunden vor der Show die Losung „Bei SKID ROW an der Laterne!“ ausgibt, geht´s jetzt um ebendiese – und zwar ausnahmsweise mal nicht um seine, sondern ganz generell, denn Snake, Rachel und ihre Wasserträger haben´s wieder nach Deutschland geschafft und ´ne Stunde Sleaze-Spaß im Gepäck. Frontmann ZP Theart ist nicht ganz so gut bei Stimme wie beim Rock Hard Festival; das latent Unperfekte steht den 13 Songs – durchgehend Hits mit dem „Thickskin“-Beitrag ´Ghost´ als Hidden Champion – allerdings prima und hilft mit, die New-Jersey-Veteranen zur im positivsten Sinne Konsensband des Festivals avancieren zu lassen.

Apropos „Konsens“: Als „Band für alle“ gehen AVANTASIA selbst beim BYH nicht durch (fragt mal Mescoli!), zudem merkt man Teilen des Publikums das anstrengende Wetter der Vortage an. Nichtsdestotrotz sind Tobias Sammet, seine wunderbar eingespielte Band und das anwesende Sänger-Kuddelmuddel (Geoff & Jorn & Bob & Co. KG halt...) ein würdiger, fast zweieinhalbstündiger Headliner, ihre Show sticht alles andere, was man an diesem Wochenende gesehen hat, bei weitem aus. Den musikalisch „harten“ Tobak muss man als „Metalfan“ natürlich nicht kritiklos goutieren, und eine gewisse Kitsch-Affinität schadet beim Zusehen auch nicht; Avantasia in eine Schublade mit irgendwelchem drittklassigen Symphonic-Gedöns zu stecken, wie es immer wieder passiert, ist aber natürlich Nonsens. Man sollte dieses Projekt vielmehr als das verstehen, was es nun mal ist: ein Zwitter aus „Keeper Of The Seven Keys“ und „Bat Out Of Hell“. (bk)

Es planschten im Regen, tranken Bier und freuten sich einen Ast: Boris Kaiser (bk), Jens Peters (jp), Alexandra Michels (am), Marcus Schleutermann (ms), Wolfram Küper (wk), Felix Mescoli (fm), Tobias Schmidt (ts) und Harald Ross (hr). Die Fotos schoss Alexandra Zackiewicz.

DIE HALLE

Mittwoch

Friede, Freude, Frühanreise: Auch 2019 beginnt das Bang Your Head nicht mehr wie bis vor einigen Jahren gewohnt am Donnerstag, sondern bereits am Mittwoch mit der offiziellen Warm-up-Party, für die Veranstalter Horst Franz und seine Crew erneut ein kleines, aber feines Programm auf die Beine gestellt haben. Als Opener darf eine Band aus der Umgebung ran, auch das ist inzwischen fast schon Tradition. Diesmal sind es ENDLEVEL, die aus Balingen selbst kommen, 2017 ihr Debütalbum „Time To Kill“ veröffentlicht haben und mit ihrem Death/Thrash souverän losrumpeln. Die Truppe macht einen sympathischen Eindruck und findet heute mit Sicherheit auch bei dem einen oder anderen Gehör, der sie bis dato noch nicht kannte.

Als Nächstes sind die Power-Metaller WARKINGS an der Reihe, die für ihre Show konzeptgemäß ordentlich Mummenschanz betreiben. Die beteiligten Musiker halten ihre Identitäten geheim und treten in Kostümen und mit Masken auf, auf der Bühne stehen also nicht Klaus, Peter, Heinz und Karl, sondern „The Viking“, „The Spartan“, „The Crusader“ und „The Tribune“. Daran gibt es per se natürlich erst mal nichts auszusetzen, hat bei Kiss ja früher auch schon funktioniert, und der Power Metal der Truppe passt prima zum heutigen Billing. Den Gästen, die inzwischen teilweise schon ganz gut auf Pegel sind, gefällt´s, und die Band kann zufrieden von der Bühne gehen.

GRAVE DIGGER sind nicht nur teutonische Metal-Heroen der ersten Stunde, sondern auch Garanten für gutlaunige Live-Auftritte. Die Truppe um Frontmann Chris Boltendahl und Gitarrist Axel Ritt ist (wie eigentlich immer) hervorragend in Form, zockt einen Set mit zahlreichen Hits (´Rebellion´!, ´Circle Of Witches´!, ´Lionheart´!, ´Heavy Metal Breakdown´!) und ein, zwei Überraschungen (´The Curse Of Jaques´ von „Knights Of The Cross“ hatte die Band zum Beispiel seit Ewigkeiten nicht mehr im Programm), hat zur Feier des Tages ein paar Pyro-Effekte mitgebracht und macht rundum eine richtig gute Figur.

Dasselbe gilt für BATTLE BEAST: Ganz gleich, wie man zum poppigen Metal der Finnen steht, man kann ihnen ihren Erfolg kaum absprechen – und das, was in der gut gefüllten Halle während des Auftritts abgeht, spricht sowieso Bände. Die Fans tanzen, singen, klatschen, feiern, die Band freut sich ´nen Ast und spielt eine ausgewogene Mischung aus älterem Material und Songs vom erst vor ein paar Monaten erschienenen Album „No More Hollywood Endings“. Der AOR-Anstrich, den sich die Truppe auf der aktuellen Platte gegeben hat, wird auch live prima umgesetzt. Man darf sich ziemlich sicher sein, dass der Erfolgs-Zenit für Battle Beast noch nicht erreicht ist.

Als letzte Band des Abends sollten eigentlich Grailknights ran, die am Nachmittag zuvor jedoch aus nicht näher benannten Gründen ihre Show gecancelt haben. Als Ersatz dürfen SONS OF SOUNDS antreten, von denen zumindest ich (und dem Füllstand der Halle nach zu urteilen, in der sich kaum noch 150 Leute befinden, als das Trio auf die Bühne geht, auch sonst kaum jemand) noch nie etwas gehört habe. Die Band besteht aus drei Brüdern, spielt progressiv angehauchten Heavy Rock und macht im Grunde eine gute Figur, kann aber nach Battle Beast und Grave Digger – und sicherlich auch in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde, zu der die meisten Leute eher Bock auf Bekanntes denn auf Neues haben dürften – nicht mehr viel reißen. Schade drum! (jp)

Donnerstag

I´LL BE DAMNED aus Dänemark sind eine Band, die die meisten Anwesenden vorher nicht kannten, die sich mit ihrem Auftritt aber neue Fans erspielt. Stilistisch zwischen ihren Landsleuten D-A-D sowie Corrosion Of Conformity positioniert, bietet die Truppe bei ihrem ersten Auftritt mit neuem Sänger eine lässige Show und wird der Opener-Rolle schnell entwachsen.

KEEP OF KALESSIN sind zu groß für eine Schublade, demonstrieren aber eindrucksvoll, was man sich unter „Epic Extreme Metal“ vorzustellen hat, und zeigen sich heute mit ihrem neuen deutschen Drummer und einem zweiten Gitarristen.

Statt Dream Evil spielen danach HARDCORE SUPERSTAR in der Halle, und es ist wirklich nicht der Tag der Schweden: Erst gibt es Probleme bei der Anreise, und dann wird der Auftritt nach der Hälfte der Spielzeit aufgrund angeblicher technischer Probleme abgebrochen. Bis dahin gibt es eine coole Show, bei der sich Hit an Hit reiht (´Moonshine´, ´Electric Rider´, ´We Don´t Celebrate Mondays´, ´Liberation´), bis man ein verwirrtes Publikum zurücklässt.

Schade, dass die Herren Mantas, Abaddon und Cronos nicht mehr gemeinsame Sache machen. So streiten sich Venom und VENOM INC. um das musikalische Erbe der Black-Metal-Vorreiter. Mantas (seine gesundheitlichen Probleme scheinen überwunden) und Demolition Man (optisch stellt man sich so einen Millwall-Althooligan und Brexitwähler vor) sind mittlerweile ohne Abaddon, dafür mit dem neuen Drummer Warmachine unterwegs. Und das neue Trio bietet eine überraschend starke Show mit der erwarteten Mischung aus eigenem Material und Venom-Klassikern der Achtziger (u.a. ´Rip Ride´, ´Warhead´, ´Countess Bathory´, ´Don´t Burn The Witch´, ´Bloodlust´, ´Lady Lust´, ´Black Metal´). Jetzt ist Cronos am Zug zu beweisen, dass auch er dieses intensive Niveau erreicht.

Dass VISIONS OF ATLANTIS der Headliner in der Halle sind, hat vor allem damit zu tun, dass die Österreicher mit dem Bohemian Symphony Orchestra Prague viele Gastmusiker dabei haben und eine DVD-Aufnahme in Angriff nehmen. Dass man mich dafür als Rezensenten auswählt, ist ein gefühlter Mobbingversuch der Redaktion. Das Gebotene ist zwar hochprofessionell, aber wenig Rock-Hard-kompatibel. Dass sich die Halle nach und nach leert, spricht für sich. (wk)

Freitag

DUST BOLT eröffnen den Hallenreigen und liefern ihre gewohnt energiegeladene Mischung aus Old-School-Thrash, wilder Bühnenpräsenz und herrlichen, Exodus huldigenden Riffs aus der „Oberbay“-Area ab. Der große Circle-Pit sagt alles – sauguad!

Die parallele Ansetzung der Touring-Buddies von Dark Tranquillity auf der Hauptbühne ist ziemlich unglücklich, denn dadurch schauen nicht nur viele Fans der Göteborg-Schule in die Röhre, sondern auch EVERGREY, die sich aufgrund dessen ihre Crew teilen müssen. Der knapp 50-minütige Gig mit Schwerpunkt auf den beiden letzten Alben „A Storm Within“ und „The Atlantic“ überzeugt dennoch mit den bekannten Band-Trademarks: unglaublich guten Songs, durch die Bank exzellenten und agil agierenden Musikern sowie natürlich der markant-einschmeichelnden Stimme von Frontmann Tom Englund. Groß!

ATTIC sind zugegebenermaßen keiner meiner persönlichen Favoriten, aber objektiv lässt sich den Mercyful-Fate-Devotees nichts vorwerfen, zumal der vorne rechts stehende King-Diamond-Trecker-Club Erkelenz und die eher mittig postierten Falsett-Freunde Fulda für ordentlich Stimmung in der üppig mit Weihrauch durchzogenen Halle sorgen.

Die Vorfreude war groß – und EXHORDER liefern! Die New-Orleans-Formation um Frontmann Kyle Thomas hat richtig Bock und bietet eine gemischte Tüte Thrash und Groove. Sie legt eine unfassbare Energie und Spielfreude an den Tag, die einfach mitreißend ist, und feuert u.a. ´Death In Vain´, ´Legions Of Death´, ´Unforgiven´ und ´The Dirge´ in die Meute. Zudem gibt es mit ´My Time´ einen überzeugenden Vorgeschmack auf das neue, nach 27 Jahren (!) Pause im September erscheinende Album „Mourn The Southern Skies“. Klarer Tagessieg in der Halle!

Manche Bands setzen auf eine riesige Produktion – erst recht, wenn sie ansonsten optisch nicht ganz so viel zu bieten haben. Doch MANTAR reicht, obwohl nur ein Duo, eine schlichte Bühne mit dunkler Stimmung. Es ist schon erstaunlich, welche bösen Sound-Monster die beiden erschaffen und dabei auch noch dem Extrem-Metal neue Impulse verleihen. Dafür gibt es verdientermaßen viel Zuspruch! (hr)

Samstag

Nachdem der Bruch mit Ex-Sänger Joe Edwards das Gastspiel des Georgia-Vierers im Vorjahr in letzter Minute verhindert hatte, können KICKIN VALENTINA mit ihrem neuen Vokalisten D. K. Revelle endlich ihr Bang-Your-Head-Debüt geben und eröffnen damit den heutigen Hallenreigen. Zahlreiche Zuschauer finden sich vor der Bühne ein, um dem groovigen Hardrock der Amis zu lauschen.

OMNIUM GATHERUM erhöhen dann mit Melo-Death den Härtegrad, versprühen dabei aber ausgesprochen gute Laune, was einen interessanten Kontrast bildet. Die Finnen sind ebenfalls zum ersten Mal beim BYH dabei und verabschieden sich nach einer guten Stunde mit „Dankedankedankeschön!“.

Anschließend sorgt der Frisch-aus-der-Familiengruft-Look von TRIBULATION, gepaart mit Räucherstäbchen und den androgynen Pirouetten der Gitarristen, bei manch traditionell eingestelltem Festivalbesucher für verstörtes Zucken der Gesichtsmuskulatur. Ein paar hundert Kenner nehmen an der Messe teil und verzichten dafür gerne auf die zeitgleich auf der Hauptbühne aufgeführte lebensbejahendere Metal-Oper.

Mit leichter Verzögerung starten danach EINHERJER in einen wuchtigen Set mit nordischen Hymnen, Flitzefinger-Gitarrensolo und Metalhorns bis in die letzte Reihe.

ROSS THE BOSS beschließen das Festival gebührend mit feinstem Liedgut von Ross´ früherem Arbeitgeber Manowar. Sänger Marc Lopes hat das Balinger Bangervolk sofort im Griff. Die begeisterte Menge schmettert ´Blood Of The Kings´, martialische Hünen liegen sich bei ´Battle Hymn´ weinend in den Armen, und die gesamte Halle skandiert Fäuste reckend ´Hail And Kill´. Veranstalter Horst lässt es sich nach dem Finale nicht nehmen, noch mal zu einer allerletzten Schlussansprache auf die Bühne zu kommen, freut sich über den anhaltenden Jubel des Publikums in der seit vielen Jahren nicht mehr so gut gefüllten Halle und frotzelt mit Ross und Marc über einen jüngst sehr kurzfristig ausgefallenen Festivalauftritt einer gewissen anderen Band. (ts)

Autor:
Onlineredaktion

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