Festivals & Live Reviews


Foto: John Tucker

Festivals & Live Reviews 22.04.2020, 08:00

OVERDRIVE, SARACEN, SEVEN SISTERS - BROFEST (UK) # 6: Newcastle upon Tyne (UK), Newcastle University

„Heavier! Faster! Louder!“ So lautet der Titel des kulturellen Aufwärmprogramms für die sechste Auflage des Brofest. Im Herzen von Newcastle hat sich zum Launch Event der Audio-Dokumentation „The Story Of Tyneside Heavy Metal“ im Großen Saal des Discovery-Museums auf der Bühne ein illustres Panel versammelt: Venoms Abaddon, Ian „Hiroshima“ Hill (Axe, Fist), Bernadette Mooney (War Machine), Robb Weir (Trick, Tygers Of Pan Tang) und Ged Wolf (Atomkraft, vorher Venom-Roadie). Rock-Hard-Fotograf John Tucker führt als Zeremonienmeister launig durchs Programm, besonders Abaddon drängt sich das eine oder andere mal als Stand-up-Comedian geradezu auf und sorgt für zahlreiche Lacher.

Danach geht´s flugs weiter ins Trillians, den berühmt-berüchtigten Rockpub der nordenglischen Metropole. Die Warm-up-Show mit BLIND HAZE, STORMZONE aus Belfast (mit dem legendären Sweet-Savage-Drummer Davey Bates hinter der Schießbude) und den Headlinern WITCHFYNDE hat der ehemalige Tygers-Sänger Jess Cox organisiert. Luther Beltzs skurriles Stage-Acting sorgt besonders bei den Einheimischen für verdutzte Gesichter, der Ruf der Münchner Fan-Fraktion nach der obskuren Witchfynde-Nummer ´Belfast´ wird leider nicht erhört.

Freitag

Nach zwei Jahren Pause also der Relaunch des Brofest, diesmal in einer neuen Venue, gegenüber auf der anderen Straßenseite, in der Newcastle University. Die Studis haben extra Bier gebraut, das Brown Ale reicht nicht einmal bis zum Ende des ersten Festivaltags. Die Hälfte der im Vorverkauf abgesetzten Tickets ging (mal wieder) nach Deutschland. Wenn das Boris Johnson wüsste...

Den Anfang am Freitagnachmittag machen RISEN PROPHECY, die keinen besonders langen Anfahrtsweg hatten, stammen sie doch aus der wenig malerischen Nachbarstadt Sunderland. Ihre Mischung aus Heavy-, Power- und Thrash Metal ist alles andere als uninteressant. Der eine oder andere angetäuschte Doom-Part sorgt zudem für ein wenig Kauzigkeit. ´Vengeance From Above´ zeichnet sich durch extreme High-pitched-Vocals aus. Fraglos ein guter Start.

Der Schriftzug von RIOT CITY erinnert auf den ersten Blick unwillkürlich an das Logo des DEL-Clubs Adler Mannheim, also quasi die Parodie einer Parodie. Die Kanadier sind zurzeit gerade auf ausgedehnter Europatournee und gelten zusammen mit ihren Landsleuten TRAVELER, die heute ebenfalls auf dem Programm stehen, als große Hoffnungsträger der neuen Welle des traditionellen Heavy Metal. Folgerichtig werden beide mit freundlichem Applaus verabschiedet. Begeisterung sieht allerdings anders aus.

Dazwischen stehen HAUNT aus Kalifornien auf der Bühne der hochmodernen Venue auf dem Campus der Newcastle University. Die niedrige Deckenhöhe gilt als Markenzeichen des Veranstaltungsortes, die Wände sind mobil, sodass die Kapazität nach Belieben vergrößert und verkleinert werden kann. Eine Komplettauslastung haben wir heute freilich nicht. Haunt (die mit Seven Sisters unterwegs waren und hier beim Brofest ihre Tour abschließen) sieht man die etwas größere Spielerfahrung im direkten Vergleich zu ihren beiden kanadischen Kollegentruppen an. Alles wirkt ein wenig geschmeidiger, das Songmaterial enthält gute Melodien und die eine oder andere spannende Idee.

Pünktlich für 23 Uhr ist der Zapfenstreich angesagt. Bleibt also exakt noch eine Stunde für den Haupt-Act: HEAVY PETTIN. Genau der richtige Zeitrahmen für die schottischen NWOBHM-Veteranen. Ähnlich wie beim Headbanger´s Open Air im letzten Jahr kommen die alten, schnellen Nummern wie ´Roll The Dice´, ´Hell Is Beautiful´ oder ´Love Times Love´ am besten. Sänger Hamie ist mittlerweile nach Kalifornien emigriert, sein gesamtes Auftreten und auch sein Stage-Acting sind ziemlich amerikanisiert. Heavy Pettin überzeugen. Ob die Welt allerdings ein neues Studioalbum von ihnen braucht (an dem gerade gearbeitet wird), steht auf einem ganz anderen Blatt.

Samstag

Für SKYRYDER geht am Samstagmittag ein Traum in Erfüllung. Die Jungs feierten bei jedem der vorangegangenen Ausgaben des Brofest im Publikum, was die Kondition hergab. Und heute stehen die Lokalmatadore aus Newcastle selbst auf der Bühne. Es ist ihr großer Tag. Und tatsächlich machen die Grünschnäbel live einen wesentlich besseren Eindruck als auf ihrem bereits etwas älteren Debüt „Vol.1“. Keine Frage, Skyryder gehört die Zukunft. Mit ´Angel Witch´ beschließen die Geordies einen gelungenen Auftritt.

Mit HEAVY SENTENCE aus Manchester folgt ein Kontrastprogramm: rotziger Motörhead´n´Roll mit Venom-Schlagseite und einem gewissen Punk-Feeling. Das machen Midnight und Konsorten auch nicht viel anders. Wenig filigran, aber ziemlich unterhaltsam. Nach den obligatorischen 40 Minuten ist allerdings die Luft raus.

Das sieht bei RHABSTALLION ganz anders aus: altgediente NWOBHM-Recken aus Yorkshire, die schon zur ursprünglichen Welle Anfang der Achtziger mit ihrer vorzüglichen „Day To Day“-Single am Start waren. Sänger/Gitarrist Andy Wood (der auch bei Cloven Hoof und Tredegar aktiv war) sieht aus wie eine Mischung aus Alt-Hippie und Waldgeist, mischt sich völlig zwanglos unters Fanvolk und hat am frühen Nachmittag, bevor er die Bretter betritt, schon mal locker vier bis fünf Pint Lager im System. Ob es daran liegt, dass Rhabstallion von der ersten Sekunde an wie der geölte Blitz loslegen? „Back In The Saddle“ lautet das Motto, und geboten wird mitreißender Altherren-Hardrock, der völlig unprätentiös klingt, jeder Ton kommt aus tiefstem Herzen. Am ersten (!) Studioalbum wird derzeit fleißig gewerkelt. Solche Geschichten schreibt nur das Brofest!

Was sich mit MEDUSA TOUCH nahtlos fortsetzt. Jene gründeten sich nämlich bereits 1983, kamen aber niemals auf einen grünen Zweig und blieben folglich im Demostadium stecken. Zum Glück gibt es allerdings heute Idealisten wie George Arvanitakis mit seinem Label Obscure N.W.O.B.H.M. Releases, der der Band aus Edinburgh eine zweite Chance einräumte. Und diese wissen Medusa Touch an diesem Nachmittag zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit eindrucksvoll zu nutzen. Crunchiger Midtempo-NWOBHM mit treibender Bass-Arbeit und rauen Vocals. 100 Prozent Street Credibility!

Wesentlich filigraner gehen in der Folge SEVEN SISTERS aus London zu Werke. Sie stehen nach 2015 zum zweiten Mal auf der Brofest-Bühne, und der Unterschied zu ihrer ersten Vorstellung könnte kaum größer sein. Eine wirklich fulminante Entwicklung. Mittlerweile haben die Sisters fast die gesamte englische Konkurrenz meilenweit hinter sich gelassen, von Amulet über Toledo Steel und Dark Forest bis hin zu Wytch Hazel. Ihr Stil ist unverwechselbar, geprägt von glasklaren Twin-Guitar-Leads und längeren Instrumentalpassagen. Der notorisch schlechte Kleidungsstil der Hauptstädter tut der Begeisterung keinen Abbruch. Wenn es irgendwelche aktuellen englischen Musiker wirklich schaffen sollten, ihre Nebenjobs als Büchsenstapler im lokalen Supermarkt an den Nagel hängen zu können, dann nur Seven Sisters.

Mittlerweile ist auf dem Haymarket ein UFO gelandet. Und ausgestiegen ist nicht John Cyriis, sondern Sean Canning. Der Originalsänger der Space-Metal-Legende SACRED ALIEN aus Manchester steht mit silberner Röhrenjeans vor den Fans. Auf seinem T-Shirt blinkt in Neongrün in unregelmäßigen Abständen ein stilisierter Plattenteller. Auf der Stirn ein drittes Auge, ganz offensichtlich zum Empfang extraterrestrischer Botschaften. Was für ein Spektakel. Zu Lebzeiten haben es Sacred Alien gerade mal auf eine Split-Single mit Virgin sowie eine selbstproduzierte 7” gebracht, was sich insgesamt auf die drei Songs ´Legends´, ´Spiritual Planet´ und ´Energy´ summiert. Dieses eklektische Material gehört allerdings mit zum Originellsten und Besten, was die zweite Liga der NWOBHM zu bieten hat. Aber auch mit Demostücken wie ´Electric Beam Squad´ räumen die Mancunians am Tyne heute so richtig ab. Zum Abschluss zieht sich Canning Laserhandschuhe (!) an und lässt wahlweise grüne oder rote Blitze über den Köpfen des Publikums zucken. Ist bestimmt nicht erlaubt. Aber wirkungsvoll. Rush sind (leider) Geschichte. Lange lebe Sacred Alien! An einem Album wird gerade gearbeitet (ein kleiner Vorgeschmack in Form von ´The Beautiful Delusion´ weckt diesbezüglich bereits große Vorfreude). Das wird mit Sicherheit außerirdisch gut.

Kann´s noch besser werden? Jedenfalls nicht mit OVERDRIVE. Die haben so ein wenig ihr Momentum verloren (und treten nicht zum ersten Mal beim Brofest auf). Alles kommt irgendwie behäbig rüber. Und ein Ramones-Shirt auf der Bühne wirkt bei einer NWOBHM-Band doch einigermaßen inkongruent. Overdrive haben u.a. in Form von ´Nuclear Bomb´ und ´Stonehenge´ bärenstarke Songs im Programm (auch das brandneue ´Transfixed´ überzeugt), aber an diesem Abend fehlt eindeutig der Biss.

Der Auftritt beim Keep It True vor einigen Jahren hat im Hause ALIEN FORCE für einen riesigen Motivationsschub gesorgt. Wie auf Weihnachten freuten sich die Dänen im Vorfeld auf ihre England-Premiere beim Brofest. Und es wird in der Tat ein wahrer Triumphzug. Gleich vom ersten Ton an steht das gesamte Publikum wie ein Mann hinter den ursympathischen Nordmännern, absolut textsicher wird jede einzelne Zeile mitgesungen. Spätestens bei ´Hell And High Water´ gleicht der komplette Saal einem Meer aus Händen. Mit einer derartig überwältigenden Publikumsreaktion haben die Rasmussen-Brothers wohl selbst nicht gerechnet. Aber Dänen sind ja für ihr Understatement bekannt. Wo andere womöglich Rockstar gespielt und einen Nadeldrucker aus dem Hotelfenster geschmissen hätten, stehen die Musiker von Alien Force nach diesem glanzvollen Auftritt völlig tiefenentspannt mit einem Dosenbier in der Hand hinterm eigenen Merch-Stand und fragen fast schüchtern in die Runde: „War´s einigermaßen okay?“ Ja, das war es! „Night of glory, night of glory.“

Die englischen Thrash-Rüpel HYDRA VEIN halten nix von endlosen Abschiedstourneen der Sorte Scorpions oder Kiss. Einmal von Brighton nach Newcastle, einmal 40 Minuten lang alles in Schutt und Asche legen. Das muss reichen. Laut Bassist Damian Maddison war´s das jetzt. Wer nicht da war, hat´s halt nicht anders gewollt. Das hier war einmalig. „Rather death than false of faith!“

SARACEN standen bereits in den Achtzigern für die Dehnbarkeit des Begriffs NWOBHM. Stilistisch sicherlich näher an Neoprog-Formationen wie Pendragon, Chemical Alice oder Twelfth Night als an Venom, Raven oder Jaguar, frisst das Publikum Sänger Steve Bettney allerdings auch heute wieder vom ersten Ton an förmlich aus der Hand. So dynamisch kann Progrock sein. Der Sound in der Halle war noch nie transparenter als bei Saracen. Und diese verlassen sich wie üblich auf die beiden Klassikeralben „Heroes, Saints & Fools“ und „Change Of Heart“ (wobei das Debüt fraglos ein größerer Klassiker ist als das Folgealbum). Das geht ganz eindeutig zu Lasten des durchaus formidablen Spätwerks (etwa „Vox In Excelso“), lässt sich aus stimmungstechnischen Gründen aber wohl schwerlich vermeiden.

STORMCHILD ganz zum Schluss sind als Headliner eine krasse Fehlbesetzung, das muss man leider so deutlich formulieren. Eine ausgesprochen hüftsteife Performance, das Material zwar ebenfalls recht proggy, allerdings bis auf den Ohrwurm ´Rockin´ Steady´ als allerletzte Nummer niemals packend genug. Die eine Stunde Spielzeit ist für Stormchild eindeutig zu lang.

Da nach Sacred Alien in diesem Jahr für 2021 mit Marquis De Sade bereits die nächste Mikro-Sensation angekündigt ist, sollten sich die europäischen NWOBHM-Legionen das letzte Wochenende im Februar schon mal fest im Kalender anstreichen. (Und wohl auch gleich ein paar Pfund Zwangsumtausch für den Eintritt ins neue britische Empire zur Seite legen.)

Bands:
STORMZONE
WITCHFYNDE
RISEN PROPHECY
RIOT CITY
TRAVELER
HAUNT
SKYRYDER
RHABSTALLION
SEVEN SISTERS
OVERDRIVE
ALIEN FORCE
HYDRA VEIN
SARACEN
Autor:
Matthias Mader

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