Interview


Pic: Nils Sjöholm

Interview 16.11.2021, 15:47

CRAZY LIXX - Hard-Rock-Hadouken

Im Zuge der „New Wave Of Swedish Sleaze“ mit Bands wie Crashdiet oder Hardcore Superstar groß geworden, steht die Malmö-Formation CRAZY LIXX seit knapp 20 Jahren für geballte Hard-Rock-Kompetenz. Auf ihrem siebten Silberling „Street Lethal“ setzt die Truppe um Frontmann und Produzent Danny Rexon auf ein knackiges Rezept aus Gitarrenrotz, AOR-Eingängigkeit und einer übergreifenden Martial-Arts-Thematik. Wir schnappten uns Danny für ein Gespräch über die Widrigkeiten der letzten eineinhalb Jahre, Kampfsport, die amerikanische Popkultur und die Zukunft der Rockmusik.

Danny, „Street Lethal“ ist schon einige Zeit auf dem Markt. Wie fühlt sich euer neues Album für dich an, gerade im Vergleich zum Vorgänger „Forever Wild“?
»Wir haben schon so lange mit diesem Album gelebt, deshalb fühlt es sich nicht sonderlich neu für uns an. Mir fällt aber auf, dass wir von allen Seiten mehr Unterstützung bekommen. Das könnte damit zu tun haben, dass die Songs stilistisch etwas weiter voneinander entfernt sind. Natürlich bewegen sie sich innerhalb des CRAZY LIXX-Bereichs, aber wir versuchen, diesen weiter auszubauen. Wir hatten für das Album außerdem einen neuen Mixer hinter den Reglern, Tobias Lindell (H.E.A.T., Hardcore Superstar - sb). Er brachte in meinen Augen einen moderneren Aspekt in die Songs. Das alles hilft uns, ein breiter aufgestelltes Publikum zu erreichen. Zumindest wirkt es im Moment so.«

Stimmt es, dass ihr für die Besetzung des Mixing-Postens ein regelrechtes Casting veranstaltet habt?
»Bevor die erste Single 'Anthem For America' veröffentlicht wurde, sendeten wir sie an neun oder zehn Personen, die den Song mixten, bevor wir uns für Tobias Lindell entschieden. Das war ein Unterschied im Vergleich zu den letzten drei Alben, bei denen wir von Anfang an Chris Laney eingeplant hatten. Wir hatten aber das Gefühl, dass wir an diesem Punkt etwas ändern müssen. Besonders, weil das die dritte CRAZY LIXX-Scheibe in Folge mit demselben Line-up ist. Früher hatten wir jedes Mal ein anderes Line-up, was natürlich nicht optimal war. Außerdem ist es das dritte Album, das ich selbst produziert habe. Ein Unterschied ist auch, dass dieses Mal einige externe Songwriter beteiligt waren. Bei den vorhergegangenen Alben habe ich den Großteil des Materials selbst geschrieben.«

Die Entstehung von „Street Lethal“ inmitten der Pandemie dürfte nicht gerade einfach gewesen sein. Wie hast du die Zeit nach eurer letzten Show vor Corona Anfang 2020 in Erinnerung?
»Wir kamen im Februar von einem Festival in Deutschland zurück nach Hause. Damals trudelten langsam die Nachrichtenmeldungen ein, dass die Menschen in Italien erkrankten. Für uns stand als nächstes Australien auf dem Plan. Zwei von uns haben es auch tatsächlich nach Australien geschafft, weil sie schon eine Woche früher anreisten, um Urlaub zu machen. Dann verschlechterte sich die Covid-Situation und als die beiden zurückkamen, gab es bereits Probleme. Wir hatten noch einen Großteil der Tour vor uns, mit Australien, Japan und den USA standen einige der besten Abschnitte auf dem Plan. Dazu kam die Festivalsaison in Europa. Erst haben wir einfach alles verschoben, aber im Sommer wurde dann ziemlich schnell klar, dass wir nahezu alles absagen müssen. An diesem Punkt trat das Label mit dem Auftrag an uns heran, mit der Arbeit an unserem nächsten Album zu beginnen. Ich war darüber nicht begeistert, weil sich „Forever Wild“ für mich noch überhaupt nicht abgeschlossen anfühlte. Schlussendlich kam ich aber zu der Erkenntnis, dass es so sein sollte. Was die Aufnahmen an sich betrifft: Wir hatten nie einen richtigen Lockdown in Schweden. Das lief alles ziemlich milde ab, dafür wurden wir auch von vielen anderen Ländern kritisiert.«

Stimmt, das Thema wurde in der Vergangenheit viel diskutiert.
»Ich habe oft den Witz gemacht, dass ich während der gesamten Pandemie nur zweimal eine Schutzmaske getragen habe. Bei der ersten Corona-Impfung und als ich die zweite Impfdosis bekommen habe. Wir konnten uns treffen und aufnehmen, aber wir haben trotzdem versucht, immer nur mich als Produzent und die jeweilige aufnehmende Person zusammenzubringen.«

Allerdings hast du dich leider auch selbst mit dem Coronavirus infiziert.
»Ja, es erwischte mich Anfang Dezember. Es ging mir eigentlich gut, nur in der Woche vor Weihnachten hatte ich für einen Tag richtig hohes Fieber. Wir wollten im Januar mit den Aufnahmen beginnen, deshalb stand natürlich die Frage im Raum, wie lange ich ansteckend sein werde. Später erkrankte auch noch unser Schlagzeuger und einer unserer Gitarristen. Ich glaube, nur zwei in der Band steckten sich nicht damit an. Das ist dann wohl der Nachteil von Schwedens mildem Umgang mit der Pandemie. Uns ging es aber glücklicherweise nicht allzu schlecht damit.«

Als übergreifendes Konzept für „Street Lethal“ habt ihr euch für das Thema „Martial Arts“ entschieden. Wie seid ihr die Sache angegangen?
»Das alles hat eigentlich schon mit dem „Ruff Justice“-Album angefangen, auf dem wir drei Songs für das „Freitag der 13.“-Videospiel komponierten. Diese Stücke etablierten die Stimmung des gesamten Albums. Bei „Forever Wild“ hatten wir diese übergreifende Atmosphäre zunächst nicht, auch wenn wir spürten, dass sie sehr hilfreich sein kann. Also erschufen wir diesen hypothetischen Achtziger-Jahre-Kampfpiloten-Film, der uns auch einige Ideen für Lyrics, Kostüme und Videos brachte. Für dieses Album wollten wir etwas Ähnliches machen und konzentrierten uns auf einen weiteren nostalgischen Teil unserer Kindheit. Das Horrorgenre und die Kampfflieger-Action hatten wir abgearbeitet, also entschieden wir uns für die Thematik der Martial-Arts-Filme und -Videospiele der späten Achtziger und frühen Neunziger. Ein Grund dafür war natürlich auch die Popularität von TV-Serien wie „Cobra Kai“. Daraus ergab sich alles, das Albumcover, die Videos und viele Texte. Das nächste Album wird sich wahrscheinlich wieder um einen Bestandteil meiner Kindheit drehen. Vielleicht gehen wir in Richtung RomCom, auch wenn ich nicht weiß, ob das als Rock-Album funktioniert. Oder auch „Wayne's World“ oder „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“.«

Hast du denn selbst eine Kampfsportart gelernt?
»Oh nein, darin bin ich wirklich schlecht. Ich habe noch nie in meinem Leben gekämpft. Auch als ich noch jünger war, vermied ich jede Form der physischen Konfrontation. Ich bin kein Fan des Sports an sich, das ist für mich mehr eine Kindheits-Fantasie. Ich verstehe nicht viel davon und würde in einer echten Situation wahrscheinlich sehr schnell den Arsch versohlt bekommen.«

Du warst also mehr der „Street Fighter“- und „Mortal Kombat“-Typ?
»Yeah, ich vertraue auf meine Superkräfte! Ich könnte mit einen Hadouken-Angriff aus sicherer Entfernung gewinnen.«

Was waren deine Lieblingsfilme im Martial-Arts-Genre?
»Als Kind mochte ich Jean-Claude Van Damme immer sehr gerne. „Bloodsport“ und „Kickboxer“. Natürlich auch die „Karate Kid“-Reihe, von denen einige Filme heute noch gut funktionieren, manche aber auch nicht. „Best Of The Best“ war früher auch einer meiner Favoriten. Wenn ich mir den heute ansehe, wirkt er schauspielerisch wirklich mies, auch wenn mir die Kampfszenen immer noch Spaß bereiten. Was ich nie mochte, waren die Filme von Steven Seagal. Es gefiel mir nicht, dass er immer gewinnen konnte, ohne ins Schwitzen zu geraten. Ich finde es gut, wenn der Held brutal zusammengeschlagen wird und am Schluss doch noch gewinnt. Wie zum Beispiel bei „Rocky“, auch wenn diese Filme heute eher schwer anzuschauen sind. Es stört mich, wie viele Schläge gegen den Kopf sie einstecken. Sie versuchen nicht einmal, ihre Verteidigung oben zu halten.«

Als ersten Vorgeschmack auf „Street Lethal“ habt ihr vor einigen Monaten die Lead-Single 'Anthem For America' veröffentlicht. Allerdings scheinen nicht alle eure Fans die Botschaft hinter dem Song verstanden zu haben.
»Wir wussten, dass einige Leute daraus eine politische Angelegenheit machen würden. Schlussendlich steckt aber keine politische Botschaft dahinter. Ironischerweise beschreibt das exakt das Problem, das ich ansprechen will. Der Hauptgrund, warum ich glaube, dass die USA in kultureller Hinsicht zurückgefallen sind, ist die Spaltung des Landes. Heutzutage kannst du einfach eine amerikanische Flagge schwenken und sofort gibt es zwei Lager, die sich gegenseitig hassen und sich auf nichts einigen können. Unsere Botschaft an die USA ist: Ihr wart einmal großartig und habt coole Musik, Comics, Cartoons, Filme und all das abgeliefert, mit dem ich aufgewachsen bin und zu dem ich aufgesehen habe. Irgendwo auf dem Weg ist euch das aber abhanden gekommen und ihr habt euren Einfluss verloren. Meine Kinder sehen die USA heute ganz anders als ich früher. Aber natürlich machten viele Leute Pro-Trump- und Anti-Trump-Botschaften aus dem Song, was nie unsere Absicht war. Das beschreibt wohl einfach die Stimmung in Amerika im Moment, sie suchen Streit. Wenn das so weitergeht, kann es wirklich böse enden. Ich fände es gut, wenn sich die Jugend mehr auf Rockmusik anstatt von destruktiven Gedanken konzentrieren würde.«

Machst du dir denn Sorgen um die Zukunft der Rockmusik?
»Weißt du, sie hatte einen sehr guten Lauf. Grundsätzlich war sie seit den Fünfzigern etwa 50 Jahre lang immer ein Teil der Mainstream-Musik. Es gab natürlich Zeiten, in denen zum Beispiel Disco, Techno und Hip Hop in Mode war, aber Rock war im Hintergrund immer als die Musik präsent, die die meisten CDs verkauft und Tourneen hevorgebracht hat. In den 2010er-Jahren war das definitiv nicht mehr der Fall. Ich hoffe, dass das vorübergeht, denn andererseits sehe ich viele andere Dinge aus meiner Kindheit, die zurückkehren. Ich stelle mir vor, dass wir, wenn eine Generation ohne Rockmusik aufwächst, an einen Punkt kommen, an dem die nächste rebelliert und den Rock hoffentlich wieder aufnimmt. Wie die Musik dann allerdings aussehen wird, ist schwer zu sagen.«

Naja, wenn sogar ABBA ein neues Album veröffentlichen, dann ist doch eigentlich alles möglich.
»Wir haben unser Album tatsächlich am selben Tag wie ABBA veröffentlicht. Wenn mir jemand mit 20 gesagt hätte, dass ich eines Tages gleichzeitig mit ABBA ein Album veröffentlichen werde, hätte ich ihm das nie geglaubt.«

www.crazylixx.com

www.facebook.com/crazylixx

Bands:
CRAZY LIXX
Autor:
Simon Bauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos