Interview

Interview 26.05.2021, 12:17

DIVIDE - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 06/21

Das Kieler Death-Metal-Duo DIVIDE hat eine neue EP mit dem Namen „Oblitherion" am Start. Im Gespräch mit Schlagzeuger Moritz fühlen wir der Schreibe Track für Track auf den Zahn und reden über die Art und Weise, wie sich Musik zu zweit nicht nur schreiben, sondern auch live spielen lässt. Außerdem sprechen wir über die Wahl des Mediums und die Rolle, die Genitalien für das Cover-Artwork spielen.

Hi Moritz, wie geht's dir?
»Mir geht es ganz hervorragend, weil wir gestern eine Anfrage bekommen haben, ob wir einen Gig spielen wollen. Das ist so unglaublich belebend, dass ich das Gefühl habe, jetzt wird alles besser. Alle Leute werden geimpft und wir dürfen endlich wieder raus. Vermutlich spielen wir im August eine Show und darauf freue ich mich riesig!«

Wie cool! Du hast noch einen Grund zur Freude, denn ihr habt vor nicht allzu langer Zeit eine neue EP rausgebracht. Wer von euch schreibt die Musik und hat euch der aktuelle Mist beeinflusst?
»Wir sind tatsächlich schon seit einigen Jahren nur zwei Leute in der Band und spielen auch live als Duo. Daher hat uns das überhaupt nicht beeinträchtigt, denn zu zweit durfte man sich während dieser Pandemie eigentlich immer treffen. Deswegen haben wir ganz normal weitergemacht, und da keine Konzerte anstanden – weder zum Besuchen noch zum Selbstspielen – hatten wir unsere Ruhe und haben tatsächlich viel häufiger als sonst geprobt. Daniel, unser Sänger und Gitarrist, bringt die Songideen und Riffs mit und dann setzen wir die Songs gemeinsam zusammen. Das ist aber so geblieben, wie es vorher auch schon war.«

Euer Line-up bestand mal aus vier Musikern, nun seid ihr zu zweit. Wie kam es dazu? Und wie funktioniert das für euch live?
»Für die Duo-Besetzung gibt es einen ganz einfachen Grund. Wir hatten 2015 das Angebot bekommen, mit Freunden von mir aus Brasilien auf Tour nach Russland zu gehen. Zwei von uns, Daniel und ich, fanden das geil und wollten das machen. Die anderen beiden sahen das zwar ähnlich, hatten aber keine Zeit. Der Eine war damals zum Beispiel gerade Vater geworden, hatte ein Haus gekauft und eine Selbstständigkeit begonnen. Wir sind also im Guten auseinandergegangen. Dann haben wir zwei Touren gespielt, auf denen wir jeweils noch einen Basser dabei hatten. An irgendeinem Punkt kam Daniel an und meinte, er habe sich noch einen Splitter und einen Octaver gekauft, sodass der Bass jetzt einfach mit der Gitarre mitrumpeln kann. Wir haben kurz darauf zwei Gigs an einem Wochenende gespielt und unglaublich gutes Feedback dafür bekommen – seitdem machen wir das so. Ich kann dir noch das Geheimnis dabei verraten: Das ganze Gitarren- und Bass-Geschrubbe ist bei uns super tight, weil wir nur ein Saiteninstrument haben. Außerdem machen Daniel und ich seit über zehn Jahren zusammen Musik, weshalb wir auch sehr gut aufeinander eingespielt sind. Ich glaube, dadurch überzeugen wir und machen live Spaß.«

Neben Russland und Europa habt ihr auch schon in Lateinamerika gespielt. Wo hat es am meisten Spaß gemacht und warum? Wo würdet ihr gern noch live spielen?
»Wir hatten eigentlich geplant, nach Indien zu gehen, weil wir dort Freunde haben, mit denen wir 2019 in Europa getourt sind. Da hätte ich richtig Bock drauf gehabt, weil sie dort zwar eine sehr kleine Szene haben, die aber umso belebter ist. Wenn dort ein Konzert stattfindet, ist es wohl immer voll. Da sind dann 150 bis 200 Leute, nicht wie in Europa, wo es auch mal nur zehn oder 15 Leute sind. Da habe ich nach wie vor Lust drauf und ich möchte gerne wieder nach Südamerika – das war stark.«

Habt ihr gerade eigentlich ein Label und eine Konzertagentur, oder macht ihr das alles in Eigenregie?
»Wir sind von Beginn an independent gewesen – ohne Label, ohne alles. Wir hatten natürlich das ein oder andere Angebot, aber irgendwie bringt uns das nichts. Es ist nicht unser Ziel, eine kommerziell erfolgreiche Band zu werden. Daher brauchen wir das nicht so sehr. Wenn etwas Cooles kommt, dann vielleicht ja.«

Lass uns gern noch tiefer in die neue EP einsteigen. Auf der Scheibe befinden sich vier Songs. Hast du Lust, die kurz und knackig Stück für Stück durchgehen?
»Klar, das können wir machen. Der Erste ist 'Rats Of Gomorrah'. Er ist abwechslungsreich, schiebt, relativ technisch, aber trotzdem sehr eingängig. Ich denke, das ist einer unserer besten Songs. Was mich dabei am meisten überrascht hat, ist, dass Daniel wieder mehr angefangen hat, mit seiner Stimme zu experimentieren. In der ersten Strophe sind gutturale Vocals dabei und in der zweiten geht er zurück zu seinem Growling. Das ist cool.«

Dann kommt 'Blaspheme The Extreme'.
»Der Song ist insgesamt interessant, weil es inhaltlich den Extreme Metal auf die Schippe nimmt, mit dem Ganzen man muss böse gucken, immer Satan sagen, dabei die Pommesgabel hochhalten etc. In Wirklichkeit juckt das aber keine Sau. In Südamerika oder Polen ist das vielleicht was anderes, wo die Gesellschaft noch sehr christlich geprägt ist. Aber in Deutschland ist das doch egal, ob ich ein umgedrehtes Kreuz trage. Wir nehmen das ein bisschen auf die Schippe, was da aus dem Death Metal der Achtziger kommt und nicht mehr richtig zeitgemäß ist. Ich finde Death Metal von den Motiven her natürlich immer noch ansprechend und ich finde es auch schön, dass die Strömung noch lebt, aber eigentlich könnte auch mal was Neues passieren.«

Ok, dann haben wir 'The Rise Of Baphomoth'. Was sagst du dazu?
»Das ist unser Doom-Song. Wir haben auf unserem letzten Album von 2019 damit angefangen, so richtig langsame Doom-Nummern zu machen, bei denen ich nur einzelne Schläge spiele. Daniel und ich verstehen uns musikalisch definitiv gut, gerade was Death Metal angeht. Wir kommen oft auch an einen Punkt, wo wir beide ganz langsame Sachen mögen. Das ist jetzt in Form dieses Tracks und er ist auch super heavy. In einer Strophe singt Daniel sogar clean. Das fand ich ein bisschen putzig, weil er die Vocals selbst aufgenommen und in unsere Dropbox geladen hat, mit dem Kommentar: „Ich singe clean, aber ich habe als Backup auch Growling aufgenommen, für den Fall, dass du das kacke findest“, und ich habe mir das angehört und finde es total geil. Wir haben bisher auch nur positives Feedback dazu gehört.«

Dann kommen wir auch schon zum letzten Track.
»'Oblitherion' ist der Titeltrack der EP. Der Song hat alles: anständigen Death Metal, Chorals, einen langsamen und bisschen schleppenden Black-Metal-Mittelteil und ich finde, man kann ihn gut hören. Die ganze EP ist im Vergleich zu dem Material, was wir vorher veröffentlicht haben, überhaupt nicht sperrig, sondern eingängig und das ohne cheesy zu sein. 2016 war ja unser Bruch und ich glaube, jetzt haben wir uns mit dieser EP gefunden.«

Da seid ihr also an einem spannenden Punkt angekommen. Weil du gerade die anderen Veröffentlichungen ansprichst: Wenn ich das richtig mitbekommen habe, habt ihr alle Releases auch auf Kassette rausgebracht. Wie kam es dazu? Macht ihr das, weil es „old school" ist?
»Zur Kassette muss ich sagen, dass sie keinen Wert hat, was die Musik angeht, weil Kassetten einfach kacke klingen und man keinen Track auswählen kann. Die meisten haben auch keinen Kassettenspieler oder der leiert dann und die Qualität ist total schlecht. Ich sehe das mit den Kassetten eher anders. In Zeiten von Streaming ist es so, dass man Musik anders konsumiert. Deshalb ist es vielen Leuten, die eine Band unterstützen wollen egal, was sie kaufen. Und die Kassette ist als Träger so old school. Es gibt ja die ganzen „mit dem Bleistift aufwickeln"-Cartoons im Internet, nach dem Motto „das verstehen unsere Kinder nicht mehr". Das ist einfach so ein Achtzigerjahre-Metal-Überbleibsel, was jetzt gerade wieder in ist. CDs braucht eh keiner mehr, Vinyl ist gerade ganz groß – Vinyl bieten wir auch an, die ist nur noch nicht da – und Kassette ist genau dafür da, dass man sie sich in seine Tape-Sammlung stellt. Wenn man die Musik hören will, wechselt man eben doch zu Spotify. Dass wir alles auf Kassette veröffentlicht haben, liegt auch noch daran, dass ich einen Kumpel habe, der für ein Kassetten-Label arbeitet und in seiner Freizeit gerne Kassetten macht.«

Es ist also ein bisschen Underground – das hat auch seinen Charme. Wie entstand denn das Cover-Artwork? Für mich sieht es etwas anders aus als die vorherigen Cover, aber es steckt doch der gleiche Künstler dahinter, oder?
»Ja, wir arbeiten seit unserem ersten Album, also seit 2012, mit Roberto Toderico aus Neapel zusammen. Er ist recht bekannt, hat auch schon was für Asphyx gemacht und zeichnet regelmäßig für das Party.San. Wir können eigentlich auch gar keinen anderen mehr nehmen, da er unsere Veröffentlichungen mitprägt. Diesmal wollte er gern mit Wasserfarben arbeiten. Deshalb ist es der gleiche Künstler, aber eine andere Maltechnik.«

Ah, dann lag ich ja gar nicht mal so falsch.
»Hast du denn die ganzen Genitalien auf unserem Cover gefunden?«

Ich habe sie nicht einzeln gezählt, dazu müsste ich mir wahrscheinlich die Vinyl-Version anschauen, wenn sie vorrätig ist. Wie kam es denn dazu?
»Wir hatten auf unseren letzten Covern immer ein sexuelles Motiv als Zentrum des Artworks. Eigentlich kann einen nichts mehr schocken, aber Sex ist für alle immer noch total unangenehmes Thema. Das ist so ein Tabu, weshalb wir es auf die Cover gepackt haben. Das war bei den letzten drei Motiven schon so und diesmal wollten wir keinen Sex in die Mitte packen, aber die Welt außen herum mit Genitalien gestalten, sodass es aussieht wie eine Monsterwelt. Es springt einen nicht an, dass es Genitalien sind, sondern sie fließen ineinander über. Es ist nicht explizit oder obszön.«

Das ist auch mal eine Idee. Ihr habt zu eurem EP-Release ein Livestream-Konzert gespielt. Was glaubst du: Werden sich solche Formate in Zukunft durchsetzen?
»Ich habe relativ viele Livestreams im letzten Jahr gesehen, allerdings weder von großen noch von europäischen Bands, sondern vielmehr aus Brasilien. Bestimmte Formate finde ich wirklich sehr gut. Ich bin auch noch in einer Horror-Punk-Band (Mutant Reavers, - ls), mit der wir Anfang des Jahres einen Stream gemacht haben, bei dem zwar keine Band live gespielt hat, aber die Bands extra dafür etwas aufgenommen haben. Dadurch war das wie eine TV-Sendung mit Live-Moderation und kurzen Clips. Ich glaube, so etwas kann sich eher halten als ein Auftritt einer Band, der live übertragen wird. Zumindest finde ich das langweilig. Das Spannende bei Streams ist meiner Meinung nach, dass man Informationen und ein Rahmenprogramm bieten kann. Wir haben bei unserem DIVIDE-Livestream auch ein 15-minütiges Interview und verschiedene Specials drin gehabt. Wir hatten internationale Freunde gefragt, ob sie einzelne Lieder von uns ankündigen und spielten das als Clip ein, bevor wir dann den Song gespielt haben. Das finde ich cool und ich glaube auch, dass davon etwas übrigbleiben wird.«

Du hast zu Beginn unseres Gesprächs angeteasert, dass ihr erste richtige Konzerte in Aussicht habt und ich habe gelesen, dass ihr eine „2-headed Deathpit Special Show" plant. Kannst du uns verraten, was es damit auf sich hat?
»Ja, es gibt in Kiel nicht so viel Metal, was aber immer ganz cool ist, ist das „Mosh im Mai", ein Indoor-Underground-Festival. Die haben sich überlegt, dass es cool ist, schon am Anfang eine Band spielen zu lassen, die etwas bekannter ist, damit die Leute schon nachmittags dorthin kommen. Diese Band spielt dann eine Special Show und die Idee hinter unserer ist, dass wir nicht auf der Bühne spielen, sondern wir ein oder zwei Bühnenelemente bekommen und im Publikum spielen. So würden wir getrennt voneinander mitten im Pit stehen. Da bin ich super gespannt drauf und möchte das am liebsten auch filmen lassen. Als wir angefangen haben, zu zweit zu spielen, habe ich es als Schlagzeuger schon richtig gefeiert, dass wir die umbautechnische Option hatten, das Schlagzeug von hinten, wo man mich nie sieht, nach vorne zu stellen. Auf einmal sind die Leute so nah da, das hat mir Spaß gemacht.«

Auf welchen Song freust du dich am meisten, ihn mal live vor Publikum spielen zu können?
»Ich denke, das ist 'Rats Of Gomorrah', weil ich meine, dass er einen abholen kann. Der geht auch steil nach vorne und das, ohne ein Brett zu sein.«

Eine letzte Frage: Was ist deine Vision für DIVIDE in den nächsten Jahren?
»Meine Vision ist im Grunde, dass wir genauso weiter machen wie die letzten Jahre auch, bloß ohne Corona. Ich möchte – was zu zweit natürlich auch viel einfacher ist – an Orten der Welt spielen, wo man ansonsten nicht so hinkommt, zum Beispiel Indien oder Asien. Meine Vision ist, dass wir uns weiterhin nicht verbiegen lassen und unseren Scheiß machen, wie wir wollen und dabei viel Spaß haben.«

www.facebook.com/dividemetal

https://divide-deathmetal.bandcamp.com/

www.instagram.com/divide_deathmetal

Bands:
DIVIDE
Autor:
Lisa Scholz

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