ToneTalk

ToneTalk 27.05.2020, 08:00

Eine Kunst für sich

Rock-Hard-Leser haben den Namen Eroc schon auf unseren Beilagen-CDs gelesen, denn Joachim Ehrig, wie der 68-Jährige bürgerlich heißt, ist für deren Mastering verantwortlich. Ältere Semester kennen den Schlagzeuger und Produzenten als Mitbegründer von Grobschnitt, deren Song ´Solar Music´ zur Krautrock-Allgemeinbildung gehört. Wir sprachen mit Eroc über sein Verhältnis zum Rock Hard, seine Klangphilosophie und Stilfragen.

Eroc, wenn du eine Band wie Scanner oder Sodom mastern musst, wie gehst du da im Vergleich zu eher klassischem Rock vor, in dem du dich ansonsten hauptsächlich bewegst?

»Psychedelic und Kraut sind ja quasi Altlasten von mir, aber euer Holger und ich, wir haben ja auch schon viele Mitschnitte von den Rock Hard Festivals bearbeitet. Im Prinzip unterscheide ich da nicht zwischen Genres, denn es geht in erster Linie um die Analyse des Sounds. Die meisten Leute glauben, Metal müsste tierisch laut sein, doch das hatten wir vor 20 Jahren im Studio bei Listening Sessions, wo die Presse mit Lautsprechern beschallt wurde, die so groß wie Kühlschränke waren. Während ich oben in der Küche Kaffee kochte, vibrierte der Fußboden. Das geht in Ordnung, damit die Musik angemessen rüberkommt, doch meine Arbeit findet unterm Kopfhörer statt, wobei ich sehr leise drehe und auf Feinheiten achte.«

Fällt die Trennung zwischen diesen beiden Aspekten schwer?

»Es ist durchaus eine Kunst für sich. Der normale Hörer legt Wert darauf, dass die Mucke knallt, gut ins Ohr geht und man dazu mit dem Hintern wackeln kann, aber obwohl er vielleicht noch zwischen den verschiedenen Teilen eines Schlagzeugs differenzieren kann, ist ihm beispielsweise egal, was auf der Snare in welchem Zusammenhang und zu welchem Zeitpunkt gespielt wird. Die Gabe, untersuchen zu können, was musikalisch in einer Aufnahme geschieht, muss man sich als Mischer nach und nach aneignen.«

Kannst du Musik selbst überhaupt noch vorbehaltlos genießen, ohne das alles ständig im Hinterkopf zu haben?

»Definitiv. Wenn ich diese Motörhead-Sachen höre, fahre ich total darauf ab, ohne mich etwa darauf zu konzentrieren, was Mikkey Dee gerade trommelt. Täte ich das, würde mir beispielsweise dank meiner Erfahrung auffallen, dass seine Snare mit einem Shure-Mikro vom Typ SM58 abgenommen wurde. Genauso können Maler eine Staffelei betrachten und ihr Werk mit winzigen Farbtupfern aufhübschen, ehe sie tief Luft holen, zurücktreten und das Gesamtbild ins Auge fassen.«

Hinzu kommt, dass es fürs Mastering einer alten Beat-Klamotte andere Anforderungen als für Metal-Geballer gibt, korrekt?

»Klar, man muss zielgruppengerecht produzieren. Ich ziehe deshalb existierende Alben als Referenz heran, versuche aber, noch einen draufzusetzen.«

Wie bist du überhaupt zum Rock Hard gekommen?

»Ich kenne Holger von früher aus den Woodhouse Studios in Hagen, die ich 1984 mit Siggi Bemm gegründet und betrieben habe. Er machte mehr Metal, ich eher Indie-Zeug wie Phillip Boa, wobei ich auch mit Century Media und eben eurer Heftredaktion in Kontakt kam. Nachdem ich 1999 ausgestiegen war und beschlossen hatte, mich nur noch aufs Mastern zu beschränken, klopfte Holger bei mir an, um mich zu bitten, die Festivalbands aufzunehmen. Ich besaß nicht mehr das notwendige Equipment und fand zudem, dass das andere mittlerweile besser können, also einigten wir uns darauf, dass ich den Feinschliff erledigen würde. Holger hat sich mit der Zeit zusehends aufs Mixen verlagert, und wir ergänzen uns heute echt gut.«

Was holst du aus einem durchschnittlichen Mix noch heraus?

»Mastering setzt dort an, wo der Mischer an seine Grenzen stößt. Man braucht auch immer wieder Abstand von der Materie, sonst gelangt man irgendwann an einen Punkt – meistens spätabends nach einer Doppelschicht im Studio –, wo einem alles gefällt. Dabei kommt es weniger auf die technische Seite als auf den Menschen an, der diese Arbeit übernimmt. Deshalb tausche ich mich auch immer gründlich mit Mixern aus und bemühe mich um Objektivität, die in diesem Bereich unbezahlbar ist. Ich kommuniziere auch mit Kollegen wie Mack, der früher Queen und Electric Light Orchestra gemacht hat. Er schickt mir seine Sachen regelmäßig und fragt, was ich daran verbessern würde. Wir arbeiten dann Hand in Hand.«

Ist es anstrengender, das Material auf Band bzw. Festplatte zu bannen, als hinterher die Nachbearbeitung?

»Ja, denn wenn sich Musiker auf dich einlassen, musst du im Studio Händchen halten, weil du nicht selten quasi einen Haufen Kinder um dich hast. Natürlich wollen dann alle Mitglieder einer Gruppe beim Mix zugegen sein, doch ich bin dazu übergegangen, alle rauszuwerfen. Ich lasse mir jedoch gern Impulse geben, die dem Ganzen dann im Idealfall das i-Tüpfelchen aufsetzen. Wenn man hingegen jeden an die Regler lässt, kann man alles vergessen. Davon abgesehen halte ich mich immer an die zwölf goldenen Producer-Regeln, vor allem eine: Man sollte nie den ersten Take löschen, da Gitarristen nach 48 Versuchen glauben, das geilste Solo eingespielt zu haben, und nicht bemerken, dass der Mann am Pult das erste laufen lässt, das er selbst für das beste hält.«

Würdest du sagen, dir liegt dieser Beruf von Natur aus als Schlagzeuger, denen man nachsagt, ein gutes Gespür für Strukturen zu haben?

»Klar, besonders weil ich sofort erkenne, ob jemand groovt oder hinkt. Hätte ich Zahnmedizin studiert, könnte ich so etwas nicht (lacht). Die moderne Technik ermöglicht ja jetzt rückwirkende Eingriffe, weshalb ich nicht sagen muss: Hört mal, in dem Takt kommen die Eins und die Drei der Drums nicht genau auf den Punkt. Stattdessen begradige ich das stillschweigend am Computer. Auf digitale Hilfsmittel hätte ich in jüngerer Vergangenheit zu manchen Anlässen nicht verzichten wollen. Wer sich mit analogen Geräten auskennt und dieses Wissen mit den neuen Möglichkeiten verbindet, ist in meinen Augen perfekt aufgestellt. Solange das mit dem Ausbessern nicht überhandnimmt, geht es völlig in Ordnung.«

Du kommst eigentlich aus der Chemie.

»Das war meine Lehrzeit, ja. Meine Chefin, eine alte Jungfer, nahm mich ordentlich in die Mangel. Sie hasste mich langhaarigen Jungspund wie die Pest und ermahnte mich ständig: „Sie müssen Ihre Arbeit gründlich erledigen.“ Dieses Verständnis dafür, etwas konsequent und präzise bis zum Schluss durchzuziehen, hat mir später sehr geholfen.«

Wie trägst du dem Unterschied zwischen festgelegten Arrangements wie im Rock und eher improvisatorischer Musik wie Jazz Rechnung? Setzt man da andere Schwerpunkte?

»Ich hab die ganzen großen Big Bands aus den 1930ern und 1940ern remastert, Benny Goodman und wie sie alle hießen. Das war für eine Reihe des Labels Line, wunderbares Zeug und größtenteils in Mono. Freie Musikformen sind mir nicht fremd. In letzter Zeit kommen wieder kleine Combos mit Klavier zu mir. Speziell Jazz ist sehr analytischer Stoff, bei dem es um kleinste Details geht, also wäre ein brachialer Mix wie fürs Gros zeitgenössischer Metal-Platten unsinnig. Alles muss offener klingen, weil sozusagen die schwingende Luft selbst das Ergebnis stark prägt. Damit kenne ich mich gut aus; immerhin hat schon die halbe Jazzszene in meiner Junggesellenbude gewohnt, angefangen beim Saxofonisten Bob Berg über Marilyn Mazur, die bei Miles Davis Percussion spielte, bis zum Gitarristen Larry Coryell, mit dem ich fast jeden Abend Chili con Carne kochte. Im Allgemeinen handelt es sich bei Jazz um Live-Einspielungen, wobei man den Raumklang mitberücksichtigt, indem man die Mikrofone weiter vom Schlagzeug und den Lautsprechern entfernt aufstellt.«

Bevorzugst du das gegenüber harten Riffs und Doublebass?

»Nein, ich war 2018 auf eurem Festival und liebe so etwas. Zum letzten konnte ich nicht, weil ich in Dänemark war, schaute mir aber die Streams von Possessed und Anthrax an, ganz laut bei offenen Fenstern.«

Inwieweit erklärst du dich auch zu bloßen Brotjobs bereit, bei denen du die Musik nicht zwangsläufig magst?

»Das bleibt nicht aus, aber ich interessiere mich zunächst einmal grundsätzlich für alles und denke, man kann immer noch dazulernen. Vor ein paar Jahren stand Matthias Röhr hier auf der Matte, der Gitarrist der Böhsen Onkelz. Ich hatte die Band nie zuvor gehört und erinnerte mich nur daran, dass sie mal als böse Nazikapelle verschrien gewesen war. Jedenfalls bekam ich einen Mastering-Auftrag von ihnen und habe jetzt eine Platinauszeichnung bei mir hängen. Der Mann ist übrigens ein hervorragender Musiker, wie ich feststellen durfte, als wir dieses Projekt mit Sinfonieorchester zusammen machten, wofür er Partituren schrieb. Bei solchen Gelegenheiten baut man Vorurteile ab, und mich haben auch schon HipHopper beeindruckt. Ansonsten rufe ich mir ins Gedächtnis, dass man am Ende des Tages sachlich bleiben muss, egal ob es sich um Slipknot oder ein Flötensolo handelt. Andernfalls würde ich keine acht Stunden täglich schaffen.«

Haben deine Ohren im Lauf der Jahre gelitten?

»Anfang der Sechziger trommelte ich noch mit Löffeln auf Töpfen, ehe ich zu Weihnachten mein erstes Kit aus einem Kaufhaus bekam. Darauf lärmte ich so laut, dass mich mein Alter damit in den Keller schickte. Das war mir eine Lehre, und ich spielte schon bei Grobschnitt von Beginn an mit Gehörschutz. Vergaß ich ihn mal, hatte ich die ganze Nacht ein Pfeifen im Kopf, und das kann man sich in dieser Branche einfach nicht leisten. Jetzt schlafe ich sogar mit Stöpseln, damit sich die Ohren vollständig ausruhen. Sie sind also top in Schuss.«

www.eroc.de

Autor:
Andreas Schiffmann

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