Schwatzkasten


Foto: Silvy Maatman

Schwatzkasten 27.05.2020, 08:00

EXUMER - Schwatzkasten: Mem von Stein

EXUMER gehörten in den Achtzigern zum Teutonen-Thrash-Kult und hätten es mit etwas mehr Durchhaltevermögen in die erste Liga schaffen können. Doch Frontmann Mehmet Zendut alias Mem von Stein brauchte erst mal ein paar Dekaden Pause, bevor er die Truppe vor gut zehn Jahren reformierte. Seitdem hat er drei hervorragende Alben veröffentlicht und tourt auch wieder regelmäßig. Mem lebt seit über 20 Jahren in den USA, spricht inzwischen Deutsch mit leichtem Akzent und zeigt gelegentlich sympathische Wortfindungsstörungen, als er mit dem Rock Hard über Unfälle auf dem Dreirad, Flüssigbrot als Gage und die spirituelle Ebene von Mixed-Martial-Arts-Prügeleien plauscht.

Mem, wo wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

»Ich wurde 1968 in Istanbul in der Türkei geboren. 1970 sind meine Eltern nach Deutschland ausgewandert. Ich bin in Wiesbaden aufgewachsen und lebte dort, bis ich 30 war. Dann bin ich in die USA gezogen.«

Hast du noch Erinnerungen an die zwei Jahre in der Türkei? Das Gedächtnis mancher Menschen reicht ja extrem weit zurück.

»Mir fällt tatsächlich eine Sache ein: Ich bin mal als Kleinkind hingefallen, und mein Vater hat mich ins Krankenhaus gebracht. Ich saß wohl in der Wohnung auf einem Dreirad und bin damit irgendwie gestürzt. Alles andere ist aber ziemlich schleierhaft. Ich habe jedoch nach wie vor Bindungen an meine türkische Verwandtschaft. Meine Cousine und mein Cousin sind noch stark in mein Leben involviert, auch mit meiner Tante und meinem Onkel rede ich häufig. Speziell seit der Geburt meines Sohnes bin ich sehr daran interessiert, dass sie an unserem Leben teilhaben. Wir schicken uns auch oft Fotos. Zur Türkei als Land habe ich hingegen kaum Bezug. Als meine Eltern 1970 nach Deutschland kamen, gab es dort relativ wenig Ausländer. Ich hatte daher fast keinen Kontakt zu anderen Türken. Türkisch habe ich nur mit meinen Eltern gesprochen. Mein Vater hat zu jener Zeit auf einer amerikanischen Luftwaffenbasis gearbeitet. Er konnte Englisch, aber noch kein Deutsch. Ich bin deshalb vor allem mit amerikanischen Kindern aufgewachsen. Das waren zunächst meine einzigen Freunde. Ich beherrschte als Sechsjähriger bereits drei Sprachen (lacht). Wobei ich sagen muss, dass mir inzwischen doch im Türkischen etwas Vokalubar, äh, Vokalu…, verdammt, Vocabulary fehlt. Ans Deutsche gewöhne ich mich schnell wieder, wenn ich zum Beispiel dort toure. Doch da ich komplett auf Englisch schreibe und denke, rede ich manchmal auch auf deutschen Bühnen Englisch. Das kommt automatisch.«

Ich kann mich noch an ein Live-Review aus einem alten Rock Hard erinnern, in dem genau das bemängelt wurde.

»Englisch ist für mich nun mal weitaus natürlicher. Es ist zuweilen schwierig, diese Dreisprachensuppe auseinanderzuhalten (lacht).«

Was warst du in der Schule? Streber, Klassenclown, Rüpel oder alles gleichzeitig?

»Es war okay. Ich bin immerhin bis zur Realschule gekommen. Dann ging es mit der Musik los. Eigentlich habe ich schon als Kleinkind Platten gesammelt. Anfangs habe ich mich noch für Sport interessiert, aber spätestens als 13-Jähriger gab es nur noch Musik. 1980 bis 1981 stand ich total auf Motörhead und NWOBHM-Bands wie Angel Witch. Da bin ich völlig durchgedreht und habe mich um nichts anderes mehr gekümmert. Mit 14, 15 wollte ich selbst Musik machen. Da war mir klar, dass es mit der Schule nicht lange gutgehen würde. Mit 16 war sie ohnehin vorbei. Später habe ich auf einem amerikanischen College Sozialarbeit und Sozialwissenschaften studiert und mit einem Master abgeschlossen.«

Hattest du als Kind einen Berufswunsch, bevor du nur noch Musiker werden wolltest?

»Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Meine Eltern wollten, dass ich auf die Uni gehe und einen vernünftigen Beruf lerne. Das waren typische Auswandererfantasien. Unser Sohn wird Anwalt oder Arzt (lacht). Das hat mich tierisch aufgeregt. Seid ihr alle irre? (Lacht wieder.) Ich habe mich gegen die soliden Vorstellungen meiner Eltern immer gewehrt. Die letzten paar Jahre in der Schule waren echt anstrengend. Ich wurde von einer Privatschule zur anderen geschickt, weil ich nur noch Scheiße gebaut habe.«

War da auch Alkohol im Spiel?

»Na klar, aber eigentlich erst später, so mit 14, 15. (Er überlegt und lacht.) So spät war das dann wohl doch nicht. Aber Bier trinken und Metal gehörten halt irgendwie zusammen. Ich habe mich damit allerdings nicht total zerstört. Es war kein Riesending für mich und auch nicht der Grund, weshalb ich nicht mehr in die Schule wollte. Mein Desinteresse an der Schule lag eher an einer Art Rebellion während der Puper…, äh, Puberty. Also der übliche Quatsch.«

Wie bist du dennoch später auf einem amerikanischen College gelandet?

»Der Bruder meines Vaters ist in die USA gezogen, hat geheiratet und ein Kind bekommen. Seine Frau war sehr jung, sie ist gerade mal zehn Jahre älter als ich. Sie hat uns in Deutschland besucht, und wir haben uns super verstanden. Als ich ungefähr Mitte 20 war, bin ich mal rübergeflogen. Ich war damals von der Musik etwas gelangweilt. Meine Tante ist Lehrerin, und ihr Vater ist Arzt. Es sind eine Menge Akademiker in der Familie. Das sind gebildete Leute. Sie fragten mich, ob ich dort nicht mal ein College besuchen wolle. Ich fand das echt interessant. Ich habe in den USA die Highschool abgeschlossen und mich dann bei einer Uni beworben. Meine Familie hat mich dabei sehr unterstützt. Ich machte meinen Bachelor, später einen Master, begann zu arbeiten, bekam eine Greencard und bin letztendlich ganz dort geblieben. Später wurde ich amerikanischer Staatsbürger. Wenn man fünf Jahre eine Greencard besitzt, kann man die US-Staatsbürgerschaft beantragen. Ich wollte sie unbedingt, da ich zum Beispiel wählen gehen möchte. Als Staatsbürger erhält man ganz andere Rechte, als wenn man nur die Greencard hat. Ich fühle mich absolut als Amerikaner. Es ist egal, dass ich in der Türkei geboren wurde und in Deutschland aufgewachsen bin. Meine Frau, mein Kind, mein Haus, mein Job, all das ist in den USA. Es wäre Quatsch, wenn ich mich als Türke bezeichnen würde. Mein Sohn ist Turkish-American und durch meine Frau Italian-American, aber wenn er älter ist, wird er sich einfach als Amerikaner aus New York bezeichnen. Man gewöhnt sich hier schnell ein und sieht sich nur noch als Amerikaner.«

Hast du die deutsche Staatsbürgerschaft abgegeben?

»Ich habe sie nie besessen (lacht). Ich hatte in Deutschland eine unbefristete Aufenthalts…, Aufenthaltsdingens. Das hat vollkommen ausgereicht. Ich habe allerdings nach wie vor meinen türkischen Pass.«

Dennoch hast du den überwiegenden Teil deines bisherigen Lebens in Deutschland verbracht. Vermisst du etwas aus Deutschland, oder hast du mit dieser Phase komplett abgeschlossen?

»Ich vermisse meine ältesten Freunde. Freundschaften, die in den Achtzigern entstanden sind, halten ewig. Wir waren Teenager und Metaller. Das verbindet. Wenn ich auf einer Deutschlandtour Menschen wiedersehe, die ich seit 30 oder 35 Jahren kenne, ist das ein ganz besonderes Gefühl. Man hatte damals die gleichen Eindrücke, die man wie ein Kollektiv wahrgenommen hat und die einen als Mensch prägten.«

Und wie sieht es mit Sachen des täglichen Bedarfs aus, die bei den Amis nicht so leicht zu bekommen sind? Mir fällt da immer Vollkornbrot ein.

(Er lacht:) »Genau! Vollkornbrot! Und gutes Bier! Bier habe ich mir hier in den USA ziemlich abgewöhnt. Es gibt kaum trinkbare Sorten. Da muss man schon zu Importen greifen. Bier trinke ich fast nur noch in Deutschland. Es ist manchmal komisch, wieder nach Deutschland zu kommen. Einerseits kennt man alles, andererseits ist es inzwischen fremd. Man hat sehr verschiedene Gefühle. Nach einigen Tagen legt sich das aber.«

Du bist in New York als Sozialarbeiter tätig und leitest ein Team, das sich um Kids kümmert, deren Eltern Drogenprobleme haben oder psychisch krank sind. Hattest du auch mal andere Jobs?

»Einen Sommer lang war ich Poolboy. Ich habe Swimmingpools von reichen Leuten gesäubert. Die Details kann man auf irgendwelchen Porno-Seiten sehen. (Er lacht.) Nein, Quatsch… Aber das war ganz witzig und lukrativ. Dann war ich anderthalb Jahre in dem bekannten New Yorker Plattenladen Bleecker Bob´s. Der war in den Siebzigern und Achtzigern totaler Kult. Ich bin dort 1999 mal reingelatscht, und es stand jemand in einem Mercyful-Fate-Shirt hinterm Tresen, der sogar EXUMER kannte. Es hat Spaß gemacht, dort zu arbeiten. Der Eigentümer ist inzwischen leider tot, und in dem Geschäft ist jetzt irgendein Sushi-Bullshit.«

Du hast EXUMER zwar gegründet, die Band aber recht schnell verlassen.

»Ich habe EXUMER 1985 mit Raymond Mensh (g. - jj) gegründet. Wir haben ein Demo eingespielt, dann das „Possessed By Fire“-Album veröffentlicht, und kurz darauf war ich auch schon wieder weg. Ungefähr 2007 haben wir wieder angefangen. Da war ich längst in den USA.«

Kannst du dich noch an den ersten EXUMER-Auftritt erinnern?

»Ja, er war hervorragend (lacht). Das war in einem Jazzkeller in Hochheim. Die wollten dort auch mal ein Metallkonzert veranstalten. Wir haben damals bei meinem Vater auf dem Schrottplatz geprobt, und es kamen immer die ganzen Kumpels, um zuzugucken. Das waren Minikonzerte, auf denen es ziemlich abging. Mein Vater hat Bier gekauft, und wir haben losmetalliert. Die Freunde kamen allerdings auch alle zu dem ersten offiziellen Gig, und das war dann nicht mehr so zivilisiert, wie sie es dort gewöhnt waren. Unsere Kumpels waren die typischen bunten Gestalten aus Frankfurt und Rüsselsheim. An der Decke des Clubs waren Rohre. Einige Typen haben sich daran hochgehangelt und diveten von dort ins Publikum. Irgendwann musste die Feuerwehr kommen, vielleicht sogar die Polizei, ich weiß es nicht mehr genau. Unsere Gage war ein Kasten Bier. Den sollten wir nehmen und verschwinden. Das war das letzte Metallkonzert in dem Club (lacht).«

Gibt es interessante Gerüchte über dich?

»Ich bin angeblich eingebildet. Wenn sich dann aber doch mal jemand traut, mit mir zu sprechen, wundert er sich, dass ich anscheinend ganz nett bin (lacht). Warum auch nicht? Die Leute, die mich kennen, wissen sowieso, dass das nicht stimmt.«

Möchtest du mal eine Person der Zeitgeschichte kennenlernen, um zu sehen, ob die vielleicht auch ganz nett ist?

»Ich bin ein großer Film-Fan. Seit jeher fasziniert mich die Dynamik zwischen Klaus Kinski und Werner Herzog. Kinski war ein sehr komplizierter Mensch. Man hat eigentlich immer nur gesehen, wie er durchdreht. Aber ich hätte gern mal erlebt, wie er sich privat und unbeobachtet verhält. Er muss ja auch eine andere Seite gehabt haben. Genau dann wäre ich gern eine Fliege an der Wand gewesen: Wenn Kinski Zeitung liest, Kaffee trinkt oder ein ganz normales Gespräch führt.«

Du hast vorhin gesagt, dass du als Schüler das Interesse an Sport verloren hast. Später kam es aber zurück, und du bist nach wie vor topfit.

»In den Neunzigern hatte ich die Band Humungous Fungus. Als das nach fünf Jahren zu Ende ging, war ich auf der Suche nach etwas Neuem. Musik war nicht mehr so wahnsinnig wichtig für mich. Ich brauchte eine weitere Ebene in meinem Leben. Da war ich ungefähr 28. Das führte mich dann zur Spiriti…, äh, Spirituality. Und zum Fitnesstraining. Ich habe gemerkt, dass zwischen diesen beiden Dingen ein Zusammenhang besteht. Ich machte Kung Fu, wozu auch Meditation gehört. Ich trainiere nach wie vor jeden Tag. Sämtliche Kampfsportarten, die ich mag, haben eine, wie nennt man das…, spiritual side. Damit meine ich jetzt keine Straßenkampfvollidioten, sondern sportliche Auseinandersetzungen. Selbst bei MMA-Kämpfern findest du so was. Besonders bei den extrem guten Fightern, die aus dem traditionellen Kampfsport kommen und von dort die entsprechende Attitüde mitbringen. Es ist schließlich wichtig, sich nicht ausschließlich physisch mit dem Gegner auseinanderzusetzen. Man muss nicht nur stark, sondern auch schlau sein. Das Ganze ist weitaus mehr, äh..., intricate, als die meisten Leute denken. Das fasziniert mich jetzt seit 23 Jahren.«

Bist du im klassischen Sinne religiös?

»Nein, kein bisschen. Meine Schwiegermutter ist sehr katholisch, sie ist halt italienische Einwanderin (lacht). Aber unserem Sohn lassen wir auf jeden Fall die Wahl. Er soll sich später aussuchen, womit er glücklich wird.«

Hast du neben Familie, Job, Musik und Kampfsport überhaupt noch Zeit für andere Interessen?

»Seit der Kleine da ist, sind die Tage deutlich kürzer. Er ist jetzt ein Jahr alt. Er ist dreimal pro Woche in der Daycare, was uns eigentlich mehr Zeit verschaffen sollte, aber das klappt irgendwie nicht. Ich bin oft auf Autopilot und absolviere zum Beispiel mein Sportprogramm, ohne viel darüber nachzudenken. Meine Frau und ich versuchen nach wie vor, uns gelegentlich einen guten Film anzusehen. Aber ehrlich gesagt kann ich abends um neun kaum noch die Augen offen halten.«

Welcher Song soll mal auf deiner Beerdigung gespielt werden?

»Ich höre zurzeit total gern Nancy Sinatra. Sie hat eine richtig tolle Version von dem Beatles-Stück ´Day Tripper´ aufgenommen. Die soll auf meinem Begräbnis laufen. Das wäre richtig geil (lacht).«

www.exumer.de

www.facebook.com/exumerofficial

DISKOGRAFIE

A Mortal In Black (Demo, 1985)
Possessed By Fire (1986)
Rising From The Sea (1987)
Whips And Chains (Demo, 1990)
Waking The Fire (Demo, 2009)
Fire & Damnation (2012)
The Raging Tides (2016)
Hostile Defiance (2019)

Bands:
EXUMER
Autor:
Jan Jaedike

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