Kolumne


Foto: Sylvia Witt

Kolumne 26.10.2022, 08:00

FIRST CONTACT

KNOCKED LOOSE als K.o.-Schlag in der zweiten Runde

Kürzlich hatte ich ersten Kontakt mit einer Band, von der ich bereits ein Album in diesem Magazin besprach. Ja, das geht. Und zwar dann, wenn man erst später abseits des Berufs wirklich mit dem in Kontakt kommt, was eine Band tut. Wenn sie nach all den Jahrzehnten in diesem Job und noch mehr Jahrzehnten auf dieser Welt doch so sehr Teil des eigenen Lebens und vor allem des emotionalen Haushalts wird, wie das sonst nur beim Heranwachsen in Zeiten der Verwirrung und Wut geschieht.

„Sie haben Moshcore und Slam aufgesaugt“, schrieb ich im Spätsommer 2019 über das damals aktuelle Album von KNOCKED LOOSE, „ebenso Death Metal und alles, wozu manche Männer die Arme und Beine fliegen lassen. Aber sie verbinden diese Wurzeln mit einem Anspruch.“ Mir gefiel das, doch in echten Kontakt trat ich damals nicht, vergab bloß siebeneinhalb Punkte, wo ich heute zu einer Neun oder gar einer glatten Zehn tendieren würde. Sänger Bryan Garris „brüllt nicht“, schrieb ich, „er schreit“, mit Wut aus der Kehle und dem Kopf statt aus dem Bauch, „mehr existentialistischer Student mit cholerischem Anfall als Hooligan aus der Stahlproduktion“. Ich fand das anstrengend im Spätsommer 2019. Heute kann ich nicht genug davon kriegen. Und füge hinzu: Bryan Garris schreit nicht aus dem Kopf, sondern aus tiefster Seele. Wie diese Band, deren Stern seither steigt und steigt, Hardcore und Beatdown neu aufstellt… das ist atemberaubend in seiner Mischung aus purer Aggression und Verletzlichkeit. Denn was da blutet, sind echte Wunden oder zumindest verdammt gut nachempfundene, falls die Texte alle bloß Rollenreden sind. Das bellt und beißt, das ist ein Hund, der in die Enge getrieben wurde, der nichts mehr zu verlieren hat. Das Video zu ´Billy No Mates´ und ´Counting Worms´ schaue ich derzeit mehrfach die Woche, denn es hat auf mich heute zum ersten Mal wieder den Effekt, den Nirvanas Turnhallen-Pogo-Exzess ´Smells Like Teen Spirit´ damals beim ersten Anschauen hatte. Wie die Menschen in diesem Clip in liebevollem Einverständnis aufeinander einschlagen, völlig ausrasten, den Deckel komplett vom Kessel lassen… das ist Gänsehaut, Adrenalin, unerschöpflich bei jedem Durchgang.

Die Zeiten haben sich geändert. Im Spätsommer 2019, als ich KNOCKED LOOSE solide vom Schreibtisch rezensierte, schien die Welt bei allen Problemen noch ein paar zivilisatorische Grundsätze zu teilen. Heute hat sie sich abseits der privaten Blase in eine Mischung aus „1984“, „Wag The Dog“ und „Idiocracy“ verwandelt. Verwirrung und Wut sind wieder da und haben ein Ventil gefunden. „Man wird zehn Jahre abwarten“, schrieb ich, „oder 15. Vielleicht geht diese Platte in die Geschichte ein.“ Bei mir dauerte es drei.

Autor:
Oliver Uschmann

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