Schwatzkasten

Schwatzkasten 15.08.2007

STATUS QUO - FRANCIS ROSSI (Status Quo)

Status-Quo-Sänger/Gitarrist FRANCIS ROSSI gehört genau wie Lemmy zur Nachkriegsgeneration Englands und wuchs in einer Zeit auf, als Rock´n´Roll noch die bürgerliche Welt schockierte. Mit wilden Gesten, rollenden Augen, Witz und Charme erzählt das 58-jährige Original aus seinem Leben.

Francis, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in einem lauten Haus voller Italiener im Süden Londons aufgewachsen. Eine Hälfte meiner Familie ist italienisch, die andere irisch. Zunächst ging ich ganz normal auf eine katholische Grundschule, aber als Jugendlicher ging es mit mir dann total bergab. Ich war ein ziemlicher Außenseiter. Es hieß, ich würde komisch reden. Durch meine Eltern hatte ich einen ziemlich seltsamen Akzent angenommen. Ich habe zwar die Klasse zum Lachen gebracht, lernte aber ansonsten gar nichts. Ich versuchte, mir Respekt zu verschaffen, indem ich mich einigen rüden Jungs anschloss. Ich dachte, wenn ich mit denen rumhänge, lassen mich alle in Ruhe. Doch eines Tages saß ich ziemlich lässig auf meinem Stuhl und wurde von meiner Französisch-Lehrerin angesprochen: „Du willst wohl Popstar werden, was?“ - „Na klar!“, erwiderte ich. Alle lachten. „Um die Welt reisen, was?“ - „Ja!“ - „Und in Frankreich auftreten?“ - „Sicher!“ - „Dann musst du Französisch lernen!“ - „Nein! Jemand wird das für mich übersetzen!“ Alle lachten sich tot, aber ich behielt Recht. Trotzdem bereue ich es, nicht mehr gelernt zu haben. Seitdem treibt mich eine Gier nach Wissen und dem Verstehen von Sprachen und Kulturen. Aber in dieser Gang hätte ich als typischer Student keine Chance gehabt.«

Wo würdest du am liebsten wohnen oder leben?

»Mein Favorit wäre Australien, gefolgt von Deutschland und Irland. Ihr Deutschen wisst manchmal gar nicht, wie schön euer Land ist!«

Hast du ein Idol?

»Ganz klar die Everly Brothers, von denen wir uns die Harmonien abgeschaut haben. Und von Little Richard und Jerry Lee Lewis haben wir die Energie, die Status Quo antreibt.«

Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt erinnern?

»Sicher. Der Vater unseres ehemaligen Bassisten Alan Lancaster hatte Zugriff auf eine dieser Hütten, die man an Sportplätzen, in diesem Falle ein Cricket-Platz, findet. Seine Mutter überredete uns, dort ein paar Songs zu spielen. Man ließ einen Hut rumgehen, und es fanden sich fünf Pfund darin. Einen Monat später machten wir das noch mal, und das Resultat waren zwei Pfund. Es ging mit uns also schon bergab, bevor wir angefangen hatten!

Am längsten kenne ich in diesem Geschäft unseren Agenten. Der wollte uns sehen und bekam vom Veranstalter auf den Weg: „Geh da bloß nicht hin! Das ist die schlechteste Band, die ich je gesehen habe!“ Der Mann blieb cool. Wir arbeiten immer noch zusammen...«

Was war die Initialzündung in deinem Leben? Was hat dich zum Rock´n´Roller gemacht?

»Ich wollte nie Lead-Gitarrist werden, aber Alan und unser damaliger Manager überredeten mich dazu. Ich wurde erst in den Neunzigern richtig gut; davor konnte ich nicht richtig spielen (ziemliches Understatement, denn die coolsten Status-Quo-Platten kamen zwischen 1974 und 1980 heraus - hs). Meine erste Gitarrenstunde im Alter von zehn Jahren war ein Desaster: „Setz dich mal richtig hin, Junge! So hält man die Gitarre - und nur so! Was willst du lernen: Foxtrott oder Walzer?“ Ich erwiderte: „Everly Brothers!“ Er antwortete: „So einen Scheiß lehre ich hier nicht - raus!“ Das hat mich geprägt. Die Lehrer konnten mir den Buckel runterrutschen. Selbst mit meinem heutigen Produzenten kann ich mich darüber streiten. Dabei ist mir völlig klar, dass man auch als Gitarrist in meinem Alter noch dazulernen sollte.«

Hat dich deine Frau schon mal vor die Wahl gestellt: die Musik oder ich?

»Ich traf das Mädchen, als ich 16 war. Das war kurz bevor ich die Bekanntschaft mit Rick Parfitt (v./g.) machte. Sie brachte den berühmten Spruch, und ich wollte sie deshalb verlassen. „Ach Francis, du kannst so kühl sein!“ Zwei Jahre später waren wir trotzdem verheiratet, aber die Ehe hat nicht lange gehalten. Das ist keine wahre Liebe!«

Wann hast du zum letzten Mal eine Kirche von innen gesehen?

»Vor zehn Jahren etwa. Ich bin zwar katholisch aufgewachsen und musste jeden Sonntag zur Messe, konnte aber nie was mit Religion anfangen. Eine Frau, die ich ansonsten sehr schätze, hat mir mal ein Buch in die Hand gedrückt: „Konversation mit Gott“. Das hat mir echt den Rest gegeben! Religion vergiftet die Welt und ist schlimmer als Rassismus oder Nationalismus. Meine Mutter sagte immer: „Wir sind Katholiken, wir sind von Gott auserwählt.“ Ich erwiderte: „Das behaupten die anderen aber auch von sich, die Juden oder Muslime.“ - „Ja, aber die liegen falsch und wir richtig!“ Sie hat die Ironie nicht verstanden, denn genau das ist doch das Problem.«

Hast du neben der Musik andere Interessen?

»Ich habe mal Koi-Karpfen gesammelt, aber jetzt nicht mehr. Ich mache nicht viel Aufregendes. Ich fahr nicht mal in Urlaub. Ich bin froh, wenn ich zu Hause bin. Ich habe einen großen Garten und genieße es, den Rasen zu mähen, Hecken zu schneiden und Blumen zu pflanzen. Typisch englisch, oder? Ich spiele jeden Tag zwei Stunden Gitarre. Zu Hause in meinem Musikzimmer, wo mir meine Kinder dabei zuschauen. Ohne die Gitarre wüsste ich nicht viel mit meiner Zeit anzufangen.«

Hast du einen Lieblingswitz?

»A guy goes to a doctor: „Doctor, I have my arm broken in two places.“ - „Don´t go to these two places.“«

Wie sah die ungewöhnlichste Fanpost aus, die du je bekommen hast?

»Eine Frau hat mich mal verfolgt. Sie behauptete, Babys von mir zu haben und mit meinem Privatflugzeug geflogen zu sein. Das Problem ist: Ich habe gar kein Privatflugzeug! Trotzdem wäre ich in meinem Haus beinahe verhaftet worden.«

Was war der schlimmste Job, den du je gemacht hast?

»Noch bevor ich 15 war, habe ich die Schule verlassen und bei einem Optiker gearbeitet. Die Leute dort waren sehr nett, aber ich hatte nichts anderes zu tun, als Gläser zu putzen. Auf der anderen Straßenseite war eine Uhr, die sich einfach nicht bewegen wollte. Ich träumte vom Musikgeschäft und dachte: „Ich muss hier raus - egal, wie!“«

Was ist deine schlechteste Angewohnheit?

»Rauchen. Außerdem rede ich zu viel.«

Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang unsichtbar wärst?

»Ich wüsste gerne, wie es ist, tot zu sein.«

Keine Obsession bezüglich der königlichen Familie?

»Um Gottes willen, hör mir mit denen auf! Die Königshäuser sind an dem ganzen Grenzgerangel schuld, das letztlich Weltkriege verursacht hat. Das sind alles Ausbeuter gewesen. Gut, heute ist die Royal Family gut für den Tourismus, auch wenn sie eine Menge Steuergeld verschlingt. Aber eigentlich können sie einem nur leid tun. Sieh dir Prince Charles an: Sein gesamtes Leben ist ein fucking Gag!«

Mit welcher Figur der Zeitgeschichte möchtest du dich gerne mal unterhalten?

»Martin Luther King. Kennedy. Bill Clinton. Pavarotti. Da gibt es viele interessante Leute, aber ein brennendes Interesse habe ich nicht. Ich bin ja nicht Bono. Der sollte mal begreifen, dass wir Arbeiterklasse sind, die es in der Musik zu was gebracht hat. Das heißt nicht, dass wir wie Staatsmänner auftreten sollen oder die Welt verändern können. Im Übrigen: In Irland musste man bis vor kurzem als Musiker oder Schriftsteller keine Steuern zahlen. So viel zu Bono.«

Was ist das Extravaganteste, das du dir je gekauft hast?

»Designerklamotten oder Schmuck interessieren mich nicht. Ich habe immer meine BMWs geliebt. Zählt das auch?«

Wenn mich nicht alles täuscht, spielst du sogar noch die gleiche Gitarre wie vor 30 Jahren...

»Ich habe mir mit 25 ein Haus gekauft, in dem ich immer noch wohne. Damals haben mich alle für bescheuert erklärt, und heute behaupten die Journalisten, es sei für jemanden wie mich viel zu bescheiden. Ich sollte lieber ein großes Anwesen und eine Yacht haben. Die verwechseln mich wohl mit Rick!«

Wovor hast du Angst?

»Vor dem Versagen. Das ist eine Ego-Sache. Normalerweise gehen wir von der Bühne und haben gewonnen.«

Du müsstest doch die größte Routine überhaupt haben! Wie viele Konzerte habt ihr gespielt? Ich las etwas von 5.000!

»Trotzdem KÖNNTE was schieflaufen...«

Auf was bist du besonders stolz?

»Wenn du auf unsere Albumverkäufe anspielst: Das ist mir nicht so wichtig. Wenn du finanziell erfolgreich bist, musst du automatisch besser sein als andere. Dieser Wettbewerbscharakter in „unserem System“ gefällt mir nicht. Ich finde es wichtig, dass die Leute von meinen Kindern eine gute Meinung haben. Ist mir egal, ob sie bei McDonald´s arbeiten oder eine schlechte Bildung haben. Hauptsache, sie sind gute Menschen. Das ist wichtiger als gesellschaftlicher Status. In dieser Hinsicht kann ich mich glücklich schätzen. In England gibt es aber einen riesigen Wirbel um Bildungskonzepte. Alle Kinder müssen Akademiker werden. Ob sie dann Arschlöcher werden oder nicht, scheint zweitrangig zu sein. Alles dreht sich nur ums Geld - und dass Großbritannien wieder die Nummer eins in der Welt ist. Bullshit!«

Wie würdest du den letzten Tag deines Lebens verbringen?

»Ich würde nach Hause fahren. Die Chance, dass ich on the road bin, ist ja recht groß. Ich finde nichts Romantisches daran, auf der Bühne zu sterben. Grauenvoller Gedanke!«

Wie würdest du reagieren, wenn Lemmy Kilmister neben dir am Tresen lautstark „ein großes Glas Milch“ bestellt?

»Na ja, ich würde ihm die Milch gönnen! Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er eine Flasche mit Orangensaft, Wodka und irgendwelchen Amphetaminen im Arm und raunzte mir zu: „Willst du was, Francis? Gutes Zeug!“ Ich sagte nur: „Danke, Lem - ist mir noch zu früh!“«

HOLGER STRATMANN

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www.statusquo.com

www.myspace.com/statusquo40

Bands:
STATUS QUO
Autor:
Holger Stratmann

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