Vorwort

Vorwort 27.01.2021, 08:00

GANZ EINFACH

Als Iron Maiden am 22. April 1982 in der Bochumer Ruhrlandhalle gastierten, drehte sich schon einiges um ihr kurz vorher veröffentlichtes drittes Album „The Number Of The Beast“. Die Single ´Run To The Hills´ lief sogar im Radio, und mit Bruce Dickinson feuerte ein Wahnsinniger in roten Lederhosen die Meute an. Trotzdem begann der Set mit Songs von „Killers“: ´The Ides Of March´, ´Murders In The Rue Morgue´ und ´Wrathchild´ - besser ging es nicht!

„The Number Of The Beast“ ist ohne Zweifel der Höhepunkt der Band, aber „Killers“ ist bissiger und spiegelt die Aggressivität der Frühphase wider, die mit dem Tod von Trommler Clive Burr ein jähes Ende fand. Es hieß, die Nietenarmbänder und die kurzen Haare von Paul seien vom Punk beeinflusst; genauso wie Steves legendäre Streifenhose. Kurz darauf durchsuchte ich alle alternativen Modeläden im Ruhrpott und fand ein Exemplar in Schwarz-Grau, das ich aber so gut wie nie „überstreifte“. Das Problem: Diese Hosen mussten ultramegahauteng getragen werden, aber dafür reichte es bei mir schon bald nicht mehr, denn die immer häufiger stattfindenden Bierorgien diverser Heavy-Metal- und Punk-Feten forderten ihren Tribut. Iron Maiden waren damals mehr als nur Musik, sie waren identitätsstiftend. Eddie prangte als Erkennungszeichen für Eingeweihte auf zahlreichen selbstgestalteten Lederjacken. Zusammen mit Musikfans anderer Stilrichtungen (New Waver, Mods, Punks) beugte man sich über das „Killers“-Plattencover und erfreute sich an den vielen Details, die es zu dechiffrieren gab. Ich habe die Band mit Paul Di´Anno nie gesehen, erinnere mich aber heute noch daran, wie mir mein Schulkumpel am nächsten Morgen mit glasigen Augen vom Auftritt mit Kiss in der Westfalenhalle vorschwärmte („Besser als die lahme Hauptgruppe!“). Überhaupt war man sich in subkulturellen Kreisen einig, dass Maiden „geil“ sind. Wer Maiden nicht kannte/mochte, war „Popper“ oder „Streber“ - oder beides gleichzeitig. Ganz einfach.

Wahrscheinlich ist „Killers“ deshalb für mich ein nahezu mystisches Album. In der Story von Matthias Mader kann ich mich für jedes alberne Detail begeistern. Die Schilderungen von Coverzeichner Derek Riggs zu seinem Wohnort oder dass die Band ihre billigen Shilling-Münzen in den Bierautomaten von Radio Bremen schmiss (dieser Geldspartrick hatte unter westdeutschen Jugendlichen nahezu Kultstatus). Auch das O-Ton-Fanzine-Interview vom heutigen Metal-Blade-Chef Brian Slagel ist ein schönes Zeitdokument. Die Bands hatten damals wenig zu sagen, auch die ersten Rock-Hard-Ausgaben sind voll mit vagen Tourankündigungen und kurzen Nettigkeiten. Echt süß!

Natürlich wird eine solche Story auch Kritik hervorrufen. Das ewige Kramen des Rock Hard in der Vergangenheit. Der Platz hätte ja auch für eine Newcomerband hergenommen werden können, und immer seien dieselben Bands auf dem Cover. Nun, viele Geschichten, die wir heute erzählen, stammen aus der Zeit VOR 1983, dem Gründungsjahr des Rock Hard (zuletzt „British Steel“ und „Ace Of Spades“). Dazu kommt, dass es noch Jahre dauerte, bis wir zu Szene-Stars wie Iron Maiden oder Judas Priest durchgelassen wurden und die ersten Protagonisten dieser Ära (Motörhead) bereits unter der Erde liegen. Die Zeit läuft leider.

Wir füllen hier aber nicht nur eine Lücke in unserem Archiv und unterhalten mit Fakten zu einem der großen Alben der Heavy-Metal-Geschichte. Es gehört auch zur Wahrheit, dass sich Interviews mit Newcomern oder künstlerisch wertvoll aufgemachte Storys, deren Inhalte in der breiten Öffentlichkeit nicht auf Anhieb verstanden werden, nicht immer gut verkaufen. Das ist kein Betriebsgeheimnis, das wir den Wächtern in den sozialen Medien vorenthalten müssen. Die „Titelfrage“ wird deshalb zwar jeden Monat erbittert in der Redaktion diskutiert, entscheidend ist aber trotzdem das Gesamtpaket des kompletten Heftes mit all seinen kleinen, wundersamen Bands, an denen unser Herz hängt.

Am Ende gibt es sowieso nur gute oder schlechte, unterhaltsame oder langweilige Titelstorys. Ob die Gesprächspartner etabliert oder frisch gebacken sind, sollte eigentlich keine Rolle spielen. Und was sich verkauft, wissen WIR sowieso nicht.

In diesem Sinne wünsche ich Euch (weiterhin) viel Spaß an der Musik und mit dem neuen Rock Hard!

Autor:
Holger Stratmann

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos