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ToneTalk 22.02.2017

GOJIRA - »Meine erste Gitarre war ein Stück Schrott«

Mit „Magma“ haben GOJIRA im vergangenen Jahr ihr bislang erfolgreichstes Album veröffentlicht. Im Equipment-Talk erzählt uns Gitarrist und Sänger Joe Duplantier, wie er seine Traumgitarre gefunden hat, welcher Superstar ihm einst ein besonderes Geschenk machte und warum Mobiltelefone ihm den schönsten Gig seines Lebens beschert haben.

Joe, starten wir mit deiner Gitarre. Du hast ein Signature-Modell von Charvel. Wie kam es dazu?

»Das ist eine ziemlich lange Geschichte, aber ich versuche es kurz zu machen. Meine erste Gitarre war ein Stück Schrott von einer Firma namens Hondo. Sie war sehr billig, doch sie sah zumindest gut aus. Später habe ich einem Freund eine Gibson Flying V abgekauft. Ich liebte die Dynamik, das Spielgefühl und die Wärme dieser Gitarre. Das Einzige, das mir ein wenig gefehlt hat, war der Biss. Ansonsten hatte sie alles, was ich hören wollte, wenn ich eine Gitarre in die Hand nehme. Seitdem habe ich vieles ausprobiert. Vor etwa zwölf Jahren hat mir die Firma Jackson einen Endorsement-Deal angeboten. Damit war ich lange Zeit sehr glücklich, doch eines Tages fühlte ich, dass mir die Wärme und auch die schiere Masse fehlten. Die Jacksons, die ich damals spielte, waren sehr leicht und fühlten sich fast an wie Gitarren für Kinder. Ich habe also Jackson angerufen und sie gefragt, ob sie noch etwas anderes haben, das ich ausprobieren kann. Sie antworteten: Wir machen auch Charvel. Möchtest du die mal testen?«

Charvel gehört wie Jackson der Firma Fender.

»Was mir in einem Punkt sehr entgegenkam: Ich wollte eine Telecaster-Form für mein Signature-Modell haben, doch als geschütztes Brand darfst du so etwas normalerweise nicht anrühren. Aber die Leute bei Charvel haben die Erlaubnis von Fender bekommen. Somit war ich in der Lage, mein Dreamteam zusammenzustellen: eine Gitarre im Telecaster-Design mit Tonabnehmern, die der Dynamik meiner alten Gibson Flying V sehr nahe kommen. Dazu sorgt das Holz für einen großartigen Biss. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mit einer Gitarre vollständig zufrieden. Ich denke, ich werde sie noch sehr lange spielen.«

Wie lange gibt es dieses Modell schon?

»Seit ungefähr drei Jahren.«

Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

»Mit 14. Vorher habe ich Klavier gespielt, seit meinem siebten Lebensjahr. Es gab für mich damals nichts anderes – bis ich eines Tages Rock und Heavy Metal entdeckt habe. Ab da war die Gitarre das Ding für mich.«

Hattest du Unterricht?

»Nein, keine einzige Stunde.«

Gab es Freunde, mit denen du gespielt hast?

»Ich hatte einen Cousin, der mir Iron Maiden und Metallica vorstellte. Ich verdanke ihm meine gesamte Karriere (lacht). Er zeigte mir, wie man einfache Akkorde spielt, e-Moll, D-Dur und solche Sachen.«
Damit hast du zwei große Namen genannt. Was waren damals deine Idole?

»Die beiden auf jeden Fall. Ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit auch viel Beastie Boys gehört habe. Kurz davor war ich ein großer Beatles-Fan, auch Prince habe ich sehr gemocht. Also ein breites Feld von Musik.«

Wie oft und viel übst du heute?

»Nicht so viel, wie ich möchte. Ich habe zwei Kinder.«

Und die lassen dir keine Zeit dafür?

»(Lacht.) Dein Leben ist vorbei. Du kannst nichts mehr planen. Du bist nicht frei, sondern ein Sklave. Meine Gitarre steht in der Ecke. Ab und zu nehme ich sie in die Hand, aber irgendwas ist immer zu tun. Wenn ich nicht aufpasse, schmeißen meine Kinder sie auf den Boden und springen darauf herum. So viel übe ich also, wenn ich zu Hause bin… Wenn ich ein Album aufnehmen muss, gehe ich ins Studio und spiele so viel wie möglich. Ich jamme mit der Band und komme so zurück auf das nötige Level.«

Hast du früher viel geübt?

»Aber klar. Ich habe nichts anderes gemacht als zu üben – hauptsächlich Rhythmusgitarre. Es hat mich vor allem interessiert, die Akkorde zu verstehen. Und dazu die Dynamik eines Songs, seine Struktur. Ich war noch nie der Solo-Typ.«

Gibt es ein Fitnessprogramm, das du vor Touren absolvierst?

»Als Veganer achte ich sehr auf meine Ernährung. Das hält mich schon mal generell in Form. Aber natürlich habe ich eine Routine, bevor ich auf Tour gehe. Ich gehe joggen und renne ins Fitnessstudio, dazu wärme ich meine Stimme im Studio auf. Was die Gitarre angeht: Wenn ich mich nicht mindestens eine Woche vor den Shows einspiele, hakt es am ersten Abend. Aber unter uns: Nichts davon habe ich bis vor der aktuellen Tour gemacht. Ich war einfach zu sehr mit meinen Kindern beschäftigt.«

Wie läuft die Zeit direkt vor einem Konzert ab?

»Eine Stunde vor der Show versammeln wir uns im Dressing-Room und wärmen uns auf. Wir sind da gerne unter uns und schmeißen auch die Jungs von der Crew raus. Direkt vor dem Gig haben wir eine Routine, fast so etwas wie ein Aberglaube: Wir machen eine Bandumarmung. Das ist zwar sehr verbreitet, aber es gibt uns viel Kraft. So lange wir diese Umarmung machen, berühren sich unsere Köpfe, wir legen die Arme umeinander, dabei klickt etwas. Dann können wir auf die Bühne gehen.«

Hast du ein spezielles Warm-up für deine Stimme?

»Ich folge dem Programm von Melissa Cross. Es heißt „The Zen Of Screaming“. Es ist eine sehr einfache Schritt-für-Schritt-Routine, die ungefähr 20 Minuten dauert. Im Anschluss mache ich noch ein paar eigene Übungen. Nach ein paar Shows auf Tour weiche ich manchmal davon ab und absolviere mein eigenes Warm-up.«

Wie viele Gitarren hast du?

»Ich würde sagen 20.«

Eine davon ist ein ganz besonderes Exemplar.

»Du meinst sicher die Telecaster, die mir James Hetfield geschenkt hat. Das ist wohl die kostbarste Gitarre in meiner Sammlung. Er hat sie mir nach einer Tour geschickt, als wunderbares Überraschungsgeschenk für unsere Auftritte als Opener bei ihren Konzerten in Europa. Ich konnte es nicht glauben. Meine Knie haben gezittert, als ich sie bekommen habe.«

Wie wichtig ist der Look einer Gitarre für dich?

»Sehr wichtig, mein Freund. Es ist eigentlich fast das Wichtigste überhaupt. Nein, das war ein Scherz. So wichtig ist es auch wieder nicht. Aber mit all der Superkommunikation heutzutage – sobald du auf die Bühne kommst, sind schon 100 Fotos von dir im Netz. Noch bevor du ein einziges Wort gesagt hast. Es ist nicht unsere Art, wie Rockstars auszusehen, aber wir sind auch nicht mehr die Jüngsten. Da reicht es nicht, ein schlabbriges Shirt anzuziehen und sich irgendeine x-beliebige Gitarre umzuhängen, um blendend auszusehen. Wir müssen da schon drauf achten.«

Gibt es Parts in eurem Repertoire, die eine besondere Herausforderung darstellen?

»Ja, aber sie sind nicht unbedingt extrem beeindruckend im technischen Sinn. Es geht mehr darum, dass wir uns darauf fokussieren müssen, zusammen zu spielen. Wenn wir das nicht machen, gibt es ein Chaos. Wir müssen also exakt beim Tempo bleiben, dazu brauchen wir ein sehr gutes Monitoring auf der Bühne. Ich spiele im ganzen Set ein einziges Solo. Es ist eigentlich nicht mal ein richtiges Solo, aber auch das ist ein bisschen tricky. Ich muss mich ziemlich stark darauf konzentrieren. Die Herausforderung für uns ist, so tight wie möglich zu sein.«

Hattest du je ein Problem, zu singen und dabei Gitarre zu spielen?

»Oh ja, natürlich. Manches Mal überlege ich schon, wie ich das hinkriegen soll. Doch an irgendeinem Punkt macht es klick, und es geht. Es wird dann eine Einheit.«

Gehst du noch in Musikläden?

»Nicht wirklich. Leider. Ich denke aber, ich werde das wieder tun. Wie ich schon sagte, zu Hause mit den Kindern habe ich Zeit für nichts. Da muss ich schauen, dass ich hinterherkomme, und fühle mich meistens ziemlich überwältigt. Außerdem gebe ich mein ganzes Geld für sie aus. Manchmal schreibe ich einen Scheck für die Miete oder sonst etwas Superlangweiliges und denke mir dabei: Stell dir vor, welche Gitarren du dir dafür hättest kaufen können. In ein paar Jahren werde ich hoffentlich wieder öfter in Vintage-Läden gehen können, um dort Gitarren anzuschauen und zu kaufen. Ich bin generell in Instrumente verliebt.«

Interessierst du dich auch für technologische Neuerungen wie Plug-ins oder Modeling-Amps?

»Nicht allzu sehr. Ich muss es ein Stück weit, denn wir sind eine professionelle Band, die das ganze Jahr auf Tour ist. Ich bin also gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen. Mein Gitarrentechniker ist an so etwas ziemlich interessiert. Dieser Typ hilft uns sehr, immer die besten Optionen zu finden. Ich achte also schon darauf.«

Kabel oder Wireless?

»Kabel im Studio, Wireless auf der Bühne. Wegen der Soundqualität würde ich auch auf der Bühne gerne ein Kabel verwenden, aber dann können wir nicht mehr überall hinrennen. Ich fühle mich viel freier, wenn ich kein Kabel habe.«

Equipment: Vintage oder neu? Du hast beides.

»Auch hier kann ich die Frage geteilt beantworten: Im Studio mag ich Vintage, auf Tour sollte es neu sein. Denn das alte Zeug geht dauernd kaputt. Ich kann es mir nicht leisten, einen alten Amp oder eine alte Gitarre mitzunehmen, denn wir nehmen sie hart ran. Sie fliegen über den Ozean, fahren in Trucks durch Russland, sie werden von links nach rechts geschickt, werden geklaut… Das Equipment on the road muss ständig ersetzt werden. Meistens ist es neu oder komplett abgeferkelt, obwohl es nicht mal alt ist. In meinem Studio in New York (Silver Cord Studio,
Pickups: aktiv oder passiv?

»Passiv. Ich habe immer passive benutzt. Ich besitze eine oder zwei Jackson-Gitarren mit aktiven Tonabnehmern, weil ich das mal ausprobieren wollte. Aber das hat es für mich nie gebracht.«

Warum?

»Ich mag den Sound eines aktiven Pickups nicht. Es sei denn, ich würde in einer Hardcore-Band spielen. Für den Sound, nach dem ich suche, brauche ich die Wärme eines passiven Pickups. Er klingt für mich lebendiger.«

Mit welchem Gitarristen, tot oder lebendig, würdest du gerne mal spielen oder reden?

»Einen von ihnen habe ich bereits getroffen: James Hetfield. Ich habe sogar mit ihm gejammt. Er saß am Schlagzeug, ich habe auf seiner Gitarre gespielt. Das war ein großer Moment für mich. Und sonst? Auf jeden Fall Jimi Hendrix. Gar nicht mal, um mit ihm zu jammen, ich würde ihm einfach nur aus der Nähe zusehen wollen. Ein weiterer Gitarrist, den ich sehr liebe, ist Brent Hinds von Mastodon. Ich habe schon oft mit ihm im Dressing-Room gesessen – wenn er da eine Gitarre in die Hand genommen hat, das war irre.«

Was war dein größter Moment auf der Bühne – und welcher der schlimmste?

»Interessant, dass du das fragst, denn vor ein paar Tagen in Frankfurt ist etwas ganz Besonderes passiert: Mitten im Set gingen plötzlich alle Lichter aus, und wir standen im Dunkeln. Ich wollte gerade einen Song beginnen, der etwas herausfordernd ist, denn ich muss dabei weit oben am Hals spielen, am 14. Bund. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es war stockdunkel. Und wir hatten als Vorband von Alter Bridge nur eine begrenzte Zeit auf der Bühne, wir sollten uns also beeilen und nicht rumstehen und warten. Ich fing also an, ein Intro zu spielen, das mir gerade einfiel, mitten im Dunkeln. Das war der schlimmste Moment, aber dann wurde er zum besten Moment aller Zeiten. Ein Zuschauer direkt vor mir nahm sein Mobiltelefon, machte die Lampe an und leuchtete auf mich. Dann kam der nächste hinzu, dann drei, vier, fünf, sechs, sieben, 100, 200, 1.000… Das war unglaublich. All die Leute haben ihre Telefone rausgeholt und uns angeleuchtet. Und weißt du was? Wir konnten sehen. Nur mit Telefonen in einer Arena. Das war so wunderbar, wir haben Fotos davon gemacht. Eins davon haben wir auf unserem Instagram-Account gepostet. So wurde es zum beeindruckendsten Moment. Als die Lichter wieder angingen, sagte ich nur: „Oh nein!“ Das war irre.«

Endlich eine gute Art, ein Mobiltelefon bei einem Konzert zu benutzen.

»Genau das habe ich auch gedacht. Ich würde das gerne in Zukunft zu einem Teil der Show machen. Das Licht ausmachen und die Leute dazu bewegen, uns zu beleuchten. Das wäre großartig.«

www.gojira-music.com

www.instagram.com/gojiraofficial

Bands:
GOJIRA
Autor:
Jens-Ole Bergner

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