Krach von der Basis

Krach von der Basis 24.02.2021, 08:15

Grave Thoughts: Die Krachkolumne 03/21

Auch in unserer Krach-Ecke kommen wir nicht umhin, über Jon Schaffer zu sprechen. Die Lehre, die wir daraus ziehen sollten, hat die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Maya Angelou einst prägnant auf den Punkt gebracht: „Wenn Ihnen jemand zeigt, wer er ist, glauben Sie ihm beim ersten Mal.“

Dass Schaffer nicht nur als Nerd am Amerikanischen Bürgerkrieg interessiert und ansonsten halt etwas schräg drauf ist wie aus europäischer Sicht viele Amerikaner, konnte uns allerspätestens nach seinem letzten Interview mit dem Rock Hard klar sein. Wer sich nur ein klein wenig mit den gängigen Verschwörungstheorien auskennt, sah hier jemanden, der längst in jene Fantasiewelt abgedriftet ist, wo verbrecherische Eliten die Menschen mithilfe der Zentralbanken knechten und so weiter. Ergo muss niemand überrascht sein, wenn eine solche Person ihren Ansichten auch in Anbetracht vieler ähnlich tickender Zeitgenossen Folge leistet und das in ihren Augen Notwendige tut. Dennoch ist die Bestürzung nun groß; werden problematische Ansichten also erst dann zu ebensolchen, wenn sie in Straftaten enden? Letztlich stellt sich die Frage, was und wie viel davon man tolerieren will. Im Black-Metal-Kontext etwa stören sich viele kein bisschen daran, dass etwa Mgła, um ein besonders prominentes Beispiel zu wählen, ihre Platten von einem Nazi veröffentlichen lassen und sich ihm als Begleitband andienen. Damit entlarven sich die Musiker als Menschen, denen es keine Schwierigkeiten bereitet, mit einem Faschisten zusammenzuarbeiten, und die sich in diesem Milieu zumindest nicht unwohl fühlen. Man kann das natürlich lächelnd abtun und sich einreden, dass es schon nicht so heiß gegessen wie gekocht wird; dann sollte man aber auch nicht überrascht sein, falls doch jemand seinen Worten Taten folgen lässt oder plötzlich Leute in der Szene auftauchen, die man da eigentlich gar nicht haben will – oder man ist konsequent, kauft die nächste Platte mal nicht, geht nicht zum Konzert und beweist damit, dass man eben nicht einfach alles durchwinkt. Hätte das Jon Schaffer letztlich vom Capitol-Sturm abgehalten? Vermutlich nicht. Allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass ihn abnehmender Zuspruch seitens der Hörer infolge seiner immer abstruser gewordenen Weltsicht wenigstens einen Moment lang nachdenklich gemacht hätte. Man ist weder als Fan noch Plattenfirma, Veranstalter noch Magazin unmündig und sollte es auch nicht sein. Ansonsten bleibt am Ende wieder nur das große und teilweise scheinheilige Wundern darüber, wie dieses oder jenes passieren konnte.

Autor:
Sebastian Schilling

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