Schwatzkasten


Foto: Holger Stratmann

Schwatzkasten 30.06.2021, 08:01

GRIP INC. DESPAIR ENEMY OF THE SUN MANDRAH - Schwatzkasten: Waldemar Sorychta

Waldemar Sorychta ist ein musikalischer Tausendsassa, sowohl Multi-Instrumentalist als auch Produzent namhafter Bands wie Lacuna Coil, Samael, Sentenced, Moonspell, The Gathering oder Tiamat. Darüber hinaus spielt(e) der Borussia-Dortmund-Fan als Gitarrist und kreativer Kopf bereits bei Grip Inc., den Dortmunder Kult-Thrashern Despair, Enemy Of The Sun, Eyes Of Eden, Phillip Boas Voodoocult sowie seiner neuen Formation Mandrah. Als Teenager kam er nach Deutschland und erlebte die Flegeljahre der Metal-Szene im Ruhrgebiet. Jenseits von Proberaum, Studio und Bühne kann man ihn bei Spielen des BVB, in seinem Stammladen Zeche Bochum oder auf der Jagd nach Godzilla-Figuren auf Flohmärkten treffen.

Waldemar, wo bist du aufgewachsen?

»In der polnischen Stadt Hindenburg in Schlesien. Meine heutige Heimat ist Bochum, wo ich seit 1986 wohne. Vorher war ich noch ein Jahr in Bonn, wo ich einen Sprachkurs belegte. Damals war mir nicht bewusst, dass ich in Ludwig van Beethovens Geburtsstadt lebte; wenn ich ein Vorbild habe, dann ist es Beethoven.«

Wie kam es zu deinem Umzug von Polen nach Deutschland?

»Meine halbe Familie war bereits vor dem Krieg nach Deutschland gezogen – ausgerechnet in die verbotene Stadt: Gelsenkirchen. Mit meiner Mutter und meiner Oma kam ich schließlich auch her, als ich 14 Jahre alt war. Ich erinnere mich noch daran, wie mich mein Onkel zum Schalker machen wollte; allerdings war ich klug – ich wurde Borusse (lacht).«

Wie war deine Familie so?

»Sie bestand aus Bergarbeitern, mein Vater war auch einer. Seine Aufgabe bestand darin, Menschen zu retten, darauf bin ich noch heute stolz. Meine Mutter hatte einen Angestelltenjob und gehörte zur Oberschicht. Sie war angesehen. Der Bezug zum Bergbau hat mir das Einleben im Ruhrgebiet erleichtert, als es meine neue Heimat wurde.«

Was sind deine schönsten und unschönsten Kindheitserinnerungen?

»Schön war, dass ich meinen Vater noch kennenlernen durfte; ich habe ihn mit fünf Jahren verloren. Unschön war, wenn mich Leute mit Steinen beworfen und „Scheiß Nazi!“ gerufen haben. In Polen war ich der „scheiß Nazi“, in Deutschland der „scheiß Pole“.«

Spielte Musik in deiner Familie schon damals eine Rolle?

»Das tat sie bereits, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Ich hatte sehr musikalische Verwandte, bei Feiern wurden regelmäßig Lieder angestimmt. Wir hörten keine Platten, sondern spielten selbst. Irgendjemand, der Gitarre, Akkordeon oder Klavier beherrschte, war immer dabei.

Ich selbst begann im Alter von sechs Jahren mit Akkordeon und Klavier. Als ich mit zehn Metal-Fan wurde, hatte ich allerdings keine Lust mehr auf das familiäre Zusammensitzen und Musizieren. Da ich Black Sabbath und Deep Purple liebte, fragte ich mich, was ich mit einem Akkordeon machen sollte, und schmiss es in die Ecke. Allerdings dauerte es noch einige Jahre, bis ich mit der Gitarre anfing. Ich traute mich lange nicht, weil ein Saiteninstrument eine ganz andere Herangehensweise erfordert als ein Tasteninstrument. Erst mit zwölf Jahren kaufte ich mir meine erste E-Gitarre, nachdem mir meine Tante zum Geburtstag Geld geschenkt hatte. Das Ding zerbrach allerdings in zwei Teile, als ein Kumpel es versehentlich fallenließ, während wir durch den Hausflur rannten, wie AC/DC bangten und dabei zu spielen versuchten. So richtig mit der Gitarre begonnen habe ich erst mit 14.«

Warst du Autodidakt, oder hattest du Unterricht?

»Ich habe einen Monat lang zweimal pro Woche Stunden genommen, um sicherzugehen, dass ich das Instrument richtig halte. Danach brachte ich mir alles selbst bei.«

Wodurch wurdest du zum Heavy-Metal-Fan?

»Durch Deep Purple, die für mich eine Verbindung zwischen Metal und Klassik sind. Ich mochte neben Beethoven auch schon immer Schubert. Kennengelernt habe ich die Band übers Radio und meine Nachbarn. Mit zehn Jahren waren wir alle kleine Heavy-Metal-Blagen, die durch die Gegend rannten und AC/DC hörten. Eine Kutte habe ich allerdings nicht getragen, das war noch nie mein Ding.«

Was hat dich vom Metal zur Klassik gebracht?

»Zum Klassik-Begeisterten wurde ich quasi schon mit drei Jahren. Ich liebte die Musik von Beethoven und Schubert einfach. Auch in der Musikschule, die ich ab meinem sechsten Lebensjahr besuchte, waren die Stücke, die mir gefielen, meistens klassische. Daneben stehe ich übrigens noch auf Abba und Boney M., meine Vorlieben sind vielfältig und reichen bis zu Slayer oder Neurosis. Abba waren eine Zeitlang allgegenwärtig; man konnte nicht in den Siebzigern oder Achtzigern leben, ohne sie zu hören.«

Wie war deine Zeit als Teenager und Metal-Fan im Pott?

»Es war eine geile Zeit. In Gelsenkirchen gab es einen Laden, der Mephisto hieß. Dort habe ich alle kennengelernt: Mille von Kreator, Tom von Sodom. An diesem Ort sind wir durchgedreht, haben Pogo und Stagediving gemacht. Ich erinnere mich noch daran, wie wir zu Punk-Songs von der Theke gesprungen sind. Dort ist die gesamte Ruhrpott-Szene zusammengekommen.«

Und wie lief es in der Schule? Warst du ein guter Schüler oder eher der Troublemaker?

»Ich war ein sehr guter Schüler, obwohl ich das nie sein wollte, denn die Leute, die ich mochte, waren auch nicht gut. Sie mochten mich aber zum Glück trotzdem.«

Hattest du noch einen „normalen“ Job, bevor du von der Musik leben konntest?

»Ich absolvierte vorher eine dreijährige Ausbildung zum Blechschlosser. Innerlich bin ich dabei kaputtgegangen, weil ich einfach nur Dinge nach vorliegenden Zeichnungen zusammenbauen musste. Dabei blieb kein Spielraum für eigene Ideen. Kurz vor der Abschlussprüfung wurden die drei anderen Gesellen zum Chef gerufen, der ihnen einen Job für die Zeit danach anbot – mir nicht. Der Witz war aber: Alle drei sind bei der Prüfung durchgefallen, wohingegen ich sie bestand. Der Chef rastete aus und rief wütend beim Prüfungsamt an, um nachzuhaken, wie es denn sein könne, dass ausgerechnet ich es geschafft hatte und die anderen Jungs nicht. Entlassen wurde ich dennoch. Kurze Zeit später landete ich allerdings wieder bei der Firma, da mich das Arbeitsamt dorthin verwies. Diesmal wurde ich angestellt, um die drei durchgefallenen Gesellen auszubilden (lacht).«

Wie entstand deine erste Band Despair?

»Vor Despair sang ich mit 15 eine Weile bei einer anderen Band und spielte Bass. Das war aber nichts Ernstes, denn witzigerweise konnte ich damals weder das eine noch das andere, geschweige denn, dass ich die englische Sprache beherrschte (lacht). Nach einem Jahr war mir das zu wenig, und ich konzentrierte mich auf die Gitarre.

Mit Despair ging´s los, als ich 16 war. Der Schlagzeuger, mit dem ich zuvor Luftgitarre gespielt hatte, fragte mich, ob ich Lust hätte, eine Band zu gründen. Er kannte mit Klaus einen Bassisten und mit Robert einen Sänger, dazu hatten wir beide einen weiteren Gitarristen im Kopf. Unser erster Gig ging allerdings total daneben, weil ich am Abend vor der geplanten ersten Probe auf der Kamener Stadtkirmes voll auf die Fresse bekam und ins Krankenhaus musste. Robert und Klaus wollten mich besuchen, also erkundigten sie sich bei meiner Mutter nach der Klinik. Blöderweise kannten sie meinen Nachnamen nicht, dachten sich einfach einen aus und fragten vor Ort nach „Waldemar Schimetzko“. Eine Krankenschwester rief brav nach dieser Person, aber ich fühlte mich logischerweise nicht angesprochen. Bei ihrer dritten Suchrunde kam sie schließlich zu mir und sagte: „Entschuldigen Sie, ich glaube, die Jungen da unten meinen doch Sie!“

Als ich zu ihnen runterging, schämte ich mich zu Tode, denn ich kannte sie ja kaum. Ich hatte überall Pflaster und Verband im Gesicht, noch dazu trug ich einen blutverschmierten Krankenkittel.«

Und Despairs Debüt war dann auch deine erste Platte als Produzent.

»Unser Sänger Robert wollte unbedingt, dass ich das übernahm. Ich habe mich anfangs gesträubt, weil ich nie Producer werden wollte, aber er trieb mich an, und ich habe es dann auch gut hinbekommen. So gesehen war ich in die Entstehung von Century Media involviert; wir wollten lieber eigenständig bleiben, statt bei einem Label zu unterschreiben, also beschloss Robert einfach, selbst eine Plattenfirma zu gründen.«

Wie ging es weiter?

»Meine ersten Produktionen nach Despair waren Unleashed und Tiamat. Bei Unleashed stellte ich zur Begrüßung einen teuren Rum auf den Tisch. Sie öffneten die Flasche und tranken sie einfach innerhalb von zehn Minuten leer. Das tat echt weh (lacht). Danach kamen Lacuna Coil, die in Sachen Gesprächigkeit das Gegenteil der wortkargen Skandinavier waren. Sie haben während der Produktion bei mir gewohnt; wir kochten zusammen und tanzten zu Abba.

Auch Samael haben bei mir übernachtet und tun das heute noch, wenn sie im Land sind. Mittlerweile bezeichne ich sie als Teil meiner Familie, das sind wirklich tolle Menschen. Dabei wollte ich sie anfangs gar nicht produzieren, weil sie mir zu satanistisch waren. Robert, der sie zu der Zeit bei Century Media unter Vertrag hatte, musste mich erst überreden. Ich bin zwar kein Christ, aber das war in jenen Tagen zu viel für mich.«

Was war das Lustigste, das du je mit einer Band erlebt hast?

»Natürlich gab es viele lustige Situationen. Mit Sentenced haben wir mal eine lustige Produktions-Abschlussparty bei mir gefeiert. Am nächsten Morgen war meine Hausbar komplett leergetrunken, der Boden klebte wie Hölle, und es sah aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. Ville (Laihiala, v. – cs) lag in einem Sessel und schaffte es selbst im Schlaf souverän, ein halbvolles Bierglas festzuhalten. Einige Tage später fuhren wir zusammen vom Dynamo Open Air zurück und hörten ihr frisch produziertes Album. Bei jedem Lied stimmten die Jungs in meiner Karre ein lautstarkes „We are the world, we are the children!“ an (lacht).«

Welche Konzerte, die du bisher besucht hast, waren die besten?

»Slayer 1985 auf der „Hell Awaits“-Tour in der Zeche Bochum. Ich war sofort begeistert von Dave Lombardo; wie ein Mensch so Schlagzeug spielen konnte, fand ich wahnsinnig. Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, Jahre später mit ihm zu arbeiten. Auch Neurosis, die ich in der Nähe von Los Angeles gesehen habe, fand ich großartig. Schon der fließende Übergang vom Support- zum Hauptact war genial: Eine Geigerin und ein Cellist spielten am Ende des Vorprogramms einfach weiter und stimmten so gleichzeitig das Intro des Neurosis-Gigs an.«

Und bei welchen außergewöhnlichen Shows hast du selbst auf der Bühne gestanden?

»Mit Grip Inc. beim Dynamo Open Air 1995 vor 120.000 Leuten aufzutreten, war ein unvergessliches Erlebnis. Wir haben mit der Band auch mal an meinem Geburtstag in Frankreich gespielt; unser Sänger Gus begann mit einem Ständchen, woraufhin alle 700 Zuschauer mitsangen. Das war rührend. Ich habe außerdem schon zwei Shows an einem Tag gespielt, nachmittags mit Voodooclub in Süddeutschland und abends mit Voodoocult in Wien. Um rechtzeitig in Österreich zu sein, sind wir mit einem Privatjet von einem Gig zum nächsten geflogen, was natürlich toll war.

Ebenfalls geil: die komplette Tour mit Motörhead 1995. Wir hatten immer ein cooles Publikum, wenn wir mit Grip Inc. unterwegs waren; nur bei Morbid Angel, die wir mal als Vorgruppe begleitet haben, sind gelegentlich ein paar Skinheads oder Nazis aufgetaucht. Ich erinnere mich an eine Show in Toronto, bei der einige Deppen „Sieg Heil!“ brüllten; Gus rastete daraufhin aus, packte seinen Mikroständer, sprang ins Publikum und drohte, die Idioten niederzumachen. Sie sind dann abgehauen.«

Sicherlich gab es live auch mal Pannen, oder?

»Lustig war ein Auftritt in Bremen, bei dem ich über mein Funksystem plötzlich Radio empfing. Während ich spielte, hörte ich eine Verkehrsmeldung von der A5 durch die Boxen. Eine Zeitlang hatten Grip Inc. außerdem einen Lichtmann, der so verpeilt war, dass wir einen halben Song im Dunkeln spielen mussten.«

Welche Orte, an denen du auf Tour gewesen bist, haben dich besonders beeindruckt?

»Der Rote Platz in Moskau ist unglaublich geschichtsträchtig. Dazu kommt, dass ich russische Folklore sehr mag. Darüber hinaus ist Lissabon eine meiner Lieblingsstädte, und Venedig finde ich ebenfalls sehr schön. Wohlgefühlt habe ich mich auch in Tokio, weil die Menschen dort sehr höflich und noch dazu unglaublich pünktlich sind. Wenn im Ablaufplan steht, dass man um 9:27 Uhr abgeholt wird, wartet der Wagen auch wirklich zu dieser Zeit und nicht schon um 9:25 Uhr oder erst um 9:30 Uhr vor der Tür. Wir sind dort oft mit dem Zug gereist, weil es einfach am praktischsten war. Wenn uns Fans am Bahnsteig abfingen, verhielten sie sich überhaupt nicht so wie in anderen Ländern: Sie fragten zunächst freundlich, ob sie sich überhaupt für ein Foto oder Autogramm nähern durften, und gingen danach sofort wieder auf Distanz.«

Was war das coolste Fan-Geschenk, das du auf Tour bekommen hast?

»In Mexiko brachten uns die Fans zum Tag der Toten, der um Halloween herum gefeiert wird, mit viel Liebe selbst angefertigte Masken, und in Japan bekam man oft Katzen-Figuren geschenkt, weil die Tiere dort Glücksbringer sind.«

Welche Hobbys hast du neben der Musik?

»Ich male sehr gern mit Wasser- und Acrylfarben auf Leinwand oder Papier. Außerdem schreibe ich Songtexte; bei Grip Inc. wurden sie stets von Gus verfasst, aber bei Mandrah, Despair und Enemy Of The Sun bin dafür mitverantwortlich.«

Wo würdest du gerne mal hinreisen?

»Nach Neuseeland, weil ich ein großer Fan der dortigen Rugby-Nationalmannschaft bin und das Land generell wunderschön sein soll.«

www.facebook.com/waldemarsorychtamusician

www.facebook.com/mandrahofficial

DISKOGRAFIE

MIT DESPAIR:

History Of Hate (1988)

Decay Of Humanity (1990)

Beyond Reason (1992)

MIT GRIP INC.:

Power Of Inner Strength (1995)

Nemesis (1997)

Solidify (1999)

Incorporated (2004)

MIT ENEMY OF THE SUN:

Shadows (2007)

Caedium (2010)

MIT EYES OF EDEN:

Faith (2007)

MIT MANDRAH:

The Other Side (EP, 2019)

Bands:
GRIP INC.
DESPAIR
ENEMY OF THE SUN
MANDRAH
Autor:
Conny Schiffbauer

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