Interview

Interview 02.09.2021, 13:35

GWENDYDD - Bambi und Affe

Der Begriff „female fronted“ wird oft als stilistische Kategorie und Synonym für Symphonic Metal missverstanden, obwohl er ja nichts weiter bedeutet, als dass eine Frau am Mikro steht. Insofern haben einige Besucher des belgischen Female Metal League Festivals mit Headliner Visions Of Atlantis nicht schlecht gestaunt, als ihnen GWENDYDD heftigen Modern-Thrash um die Ohren gehauen haben. Die Newcomer aus Sofia gehen in ihrer Heimat gerade durch die Decke und nehmen im Van tausende Kilometer auf sich, um nun ganz Europa zu erobern. Wir sprechen mit Sängerin Vicky, die mit ihrem souveränen Englisch und differenzierten Antworten schon sehr professionell wirkt.

Vicky, Wie war euer Trip nach Belgien zum Female Metal League Festial?
»Wir hatten eine mega Zeit! Als wir die riesige Autogramm-Schlange beim Female Metal League Festival gesehen haben und tags darauf erfahren haben, dass unsere folgende Club-Show ausverkauft ist und dass sogar Leute aus Deutschland und der Schweiz dafür anreisen, waren das unvergessliche Momente. Wenn ich an diese und an die vielen netten Leute denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Wir sind jetzt total angefixt und arbeiten daran, noch mehr Shows in Belgien und auch im Rest von Europa spielen zu können. Auch wenn es nicht wirklich Spaß macht, den ganzen Tag im Auto zu sitzen, entschädigen die vielen tollen Erlebnisse für die Reisestrapazen. So wurden wir an einer Tankstelle in Deutschland von zwei Typen erkannt, die uns einen riesigen Kuscheltier-Affen schenkten, der für die nächsten 5.000 Kilometer mit uns 9 Personen, unserem Gepäck und der Backline im Van reiste. Ihr könnt unsere verrückten Abenteuer auf unseren Social-Media-Kanälen nachlesen und mitverfolgen. Wir neigen dazu, unsere Tourtagebücher ziemlich ungeschönt zu schreiben… (lacht)«

Was geht in der bulgarischen Szene?
»Wir sind ehrlich gesagt immer noch total überrascht, wie viel Aufmerksamkeit und Anerkennung wir aktuell bekommen – gerade unter dem Aspekt, dass es uns als Band noch gar nicht so lange gibt und unser erstes Album „Human Nature“ erst kürzlich auf den Markt kam, weil es durch Corona verschoben werden musste. Aufgrund der Beschränkungen konnten wir auch monatelang keine Shows spielen. Stattdessen haben wir die Zeit dazu genutzt, Musikvideos und eine dreiteilige Behind-The-Scenes-Doku zu drehen sowie neue Musik zu schreiben. Plötzlich wurden wir ins bulgarische Radio und in Fernsehshows eingeladen – ziemlich aufregend! Seitdem sich wieder die Möglichkeit von Konzerten andeutet, wurden wir von fast jedem Festival in Bulgarien kontaktiert und bekamen sogar schon Angebote für das zweite Album. Läuft also!«

Wie seid ihr auf euren ungewöhnlichen Bandnamen gekommen?
»Wir wollten einen Namen, der episch ist und sich grafisch gut darstellen lässt. Die Wahl fiel auf GWENDYDD, weil er ungewöhnlich klingt und wir die Bedeutung extrem passend finden. Der Name stammt aus der keltischen Mythologie. In manchen Geschichten ist Gwendydd die Schwester, in anderen die Geliebte des großen Magiers Merlin. Bevor er starb, übertrug er all seine Fähigkeiten auf sie. Uns gefällt die Idee einer starken weiblichen Figur!«

Wie hat die Band zusammengefunden?
»Eigentlich wollte Bambi eine komplett weibliche Extrem-Metal-Band zusammenstellen und suchte dafür über seine Kontakte und in den sozialen Netzwerken nach passenden Mitgliedern. Wir Mädels kannten uns zuvor gar nicht, hatten aber sehr schnell eine gemeinsame Wellenlänge und wollten alle, dass Bambi nicht nur als Kopf im Hintergrund agiert, sondern auch unser Schlagzeuger wird. Insofern hat das mit der komplett weiblichen Besetzung nicht ganz, sondern nur zu vier Fünfteln geklappt, was uns letztendlich aber komplett egal ist.«

Apropos: Wie ist es speziell auf Tour mit vier Mädels und einem Typen? Spielt das Geschlecht irgendeine Rolle?
»Es hat sich nun mal so entwickelt und es ist völlig okay für uns. Wir sind in kürzester Zeit zu einer Familie zusammengewachsen und haben inzwischen sogar eine gemischte Crew. Natürlich gibt es auch mal Situationen, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt, aber das muss jeder selbst für sich wissen. Ich zweifele nicht an den Fähigkeiten eines Typen, ein Kind großzuziehen, nur weil er ein Mann ist. Gleichzeitig sollte niemand meine Fähigkeiten als Musikerin infrage stellen, nur weil ich eine Frau bin. Wenn wir talentierten Mädchen und Frauen als Inspiration dienen und ihnen helfen können, ihren eigenen Weg zu finden, wäre das toll.«

Welche Bands haben euch beeinflusst?
»Jedes Bandmitglied hat einen ziemlich unterschiedlichen Geschmack, aber die großen gemeinsamen Nenner sind Sepultura, Jinjer, Korn und Slipknot. Gerade die unterschiedlichen Einflüsse sehe ich als Stärke von uns, weil jeder seinen eigenen Teil einbringt und das Ganze damit spannend macht.«

Wie schreibt ihr die Songs? Als gesamte Band oder einzeln? Am Computer oder im Proberaum?
»Normalerweise startet der Kompositionsprozess mit Bambi (dr.) und Reni (g.), die sich auch um die Arrangements kümmern. Ich sorge dann für die Texte und die Gesangslinien. Falls jemand eigene Ideen einbringen möchte oder eine bestimmte Passage nicht gefällt, besprechen wir das und ändern, was nötig ist. Gerade seitdem wir als Live-Band zusammengewachsen sind, entstehen die finalen Versionen erst im Proberaum unter Beteiligung aller.«

www.facebook.com/gwendyddband

Bands:
GWENDYDD
Autor:
Marcus Schleutermann

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