Interview


Pic: Acqualeni Manuel

Interview 08.06.2022, 13:08

HEART ATTACK - Zwischen Licht und Dunkelheit

Die Thrash-Combo HEART ATTACK aus Cannes ist schon seit 2006 in der französischen Metalszene unterwegs, konnte mit ihren bisherigen Langspielern „Stop Pretending“ (2013) und „The Resilience“ (2017) aber noch keine internationalen Erfolge verzeichnen. Die dritte Scheibe „Negative Sun“ und ein taufrischer Plattenvertrag mit Atomic Fire Records sollen das nun ändern. Wir baten Frontmann und Gitarrist Kevin Geyer zum Interview.

Kevin, „Stop Pretending“ und „The Resilience“ kamen über ein relativ kleines Label auf den Markt und konnten dadurch kein allzu großes Publikum erreichen. Für „Negative Sun“ habt ihr jetzt einen Deal mit Atomic Fire Records in der Tasche. Wie fühlt es sich an, an diesem Punkt eurer Karriere ins internationale Rampenlicht zu treten?

»Unsere ersten beiden Alben wurden über Apathia Records veröffentlicht, ein kleines französisches Label, das von leidenschaftlichen Menschen betrieben wird. Zu dieser Zeit machte es uns glücklich, mit diesen Leuten zu arbeiten. Wir sind auch heute noch mit ihnen befreundet. Aber ja, sie hatten natürlich nicht denselben Einfluss wie unser aktuelles Label Atomic Fire Records auf internationaler Ebene. Trotzdem bereuen wir nichts, denn diese Veröffentlichungen – ganz besonders „The Resilience“ – erlaubten uns, ein neues Level zu erreichen und auf den größten europäischen Festivals zu spielen, etwa dem Hellfest in Frankreich, den Metaldays in Slowenien oder dem Resurrection Fest in Spanien. Außerdem tourten wir viel mit Bands wie Megadeth, Sepultura oder Exodus, wir konnten uns als Metalfans also unsere Träume aus Teenager-Tagen erfüllen. Wir nahmen uns die Zeit, um zu wachsen und zu lernen. Deshalb macht es uns umso glücklicher, heute mit einem unglaublichen Label wie Atomic Fire zu arbeiten! Wir verstehen uns super und arbeiten und lachen jeden Tag mit ihnen, als wären sie ein Teil der Band. Es ist wundervoll, zu sehen, dass Menschen wie sie an HEART ATTACK glauben.«

Der dritte Langspieler einer Band wurde früher oft als „Make It Or Break It“-Album bezeichnet. Das scheint sich auch gut auf HEART ATTACK übertragen zu lassen. Habt ihr beim Schreiben von „Negative Sun“ deshalb einen gewissen Druck gespürt?

»Es hat eine Weile gedauert, bis wir für uns herausgefunden haben, welche Richtung wir auf diesem Album einschlagen wollen. Anfangs spürten wir einen gewissen Druck, weil wir ziemlich stolz auf „The Resilience“ waren und dachten, dass wir es nicht übertreffen können. Wir entschieden uns schlussendlich dafür, uns auf den Spaß des gemeinsamen Komponierens zu konzentrieren und setzten uns keine Grenzen. Wir spielten ausschließlich das, was uns gefällt, ohne Rücksicht auf die Erwartungen anderer zu nehmen. Deshalb klingt dieses Album kräftiger und voller Erleichterung, es ist nicht einfach nur eine Thrash-Metal-Platte.«

Vor allem tönt die Scheibe ziemlich wütend und düster. War das für euch angesichts der frustrierenden und unübersichtlichen Zeiten, in denen wir aktuell leben, unvermeidlich?

»Unser letztes Album „The Resilience“ klang eher positiv. Darauf sprachen wir darüber, was ein Mensch im Stande ist zu leisten, wenn er sich von einem körperlichen oder psychischen Trauma erholt. Ein Teil des Teams, das mit uns arbeitete, war vor Ort im Bataclan und in Nizza während der dortigen terroristischen Anschläge. (Am 13. November 2015 nahmen islamistisch motivierte Attentäter der Dschihadistenorganisation „Islamischer Staat“ hunderte Besucher eines Konzerts der Band Eagles Of Death Metal im Bataclan Konzertsaal in Paris als Geiseln und töteten insgesamt 89 Menschen. 39 weitere kamen bei Angriffen rund um die Veranstaltungsstätte ums Leben. Beim Anschlag in Nizza am 14. Juli 2016 raste ein Attentäter mit einem LKW durch die Menschenmenge an der Promenade des Anglais, tötete 86 Menschen und verwundete mehr als 200 – sb) Für das neue Album teilten wir einen anderen Gemütszustand. Wir schrieben dieses Werk im ersten Lockdown während der Pandemie. Um uns herum brach die Welt zusammen, Sorgen lagen in der Luft und wir mussten unserer Frustration und unserer Wut freien Lauf lassen. Deshalb klingt das Album so düster, aggressiv und negativ.«

Für was steht die Metapher der „Negative Sun“ in diesem Kontext? In euren Texten sprecht ihr oft über die innere Dunkelheit in jedem Menschen.

»Der Titel stammt von William Ribeiro (Bass, Gesang – sb) und symbolisiert die Ambivalenz eines jeden Menschen zwischen Dunkelheit (Negative) und Licht (Sun). „Negative Sun“ bezieht sich außerdem auf die Götter, die von den Menschen seit jeher als Vorwand genommen werden, um Krieg und Chaos über die Welt zu bringen. Dieses Album handelt von der Dunkelheit, die tief verborgen in jedem Menschen steckt und in unglücklichen Momenten ans Licht kommt, um Chaos zu verursachen.«

Ihr reichert euren Thrash Metal mit vielen melodischen und epischen Elementen an. Dazu kommen einige Hardcore- und Black-Metal-Einflüsse, außerdem habt ihr euch an ein Cover des Genesis-Klassikers ‘Jesus He Knows Me‘ gewagt. Ein repräsentativer Querschnitt eurer musikalischen Einflüsse?

»Absolut! Du hast unsere Einflüsse gut verstanden. Auf diesem Album gibt es Death Metal, Neunzigerjahre-Pop, Rock aus den Siebzigern und jede Menge Thrash. Es gibt keinerlei Grenzen mehr für uns (lacht)! Die ersten beiden Scheiben sollten gute Thrash-Metal-Alben werden, auf diesem scheren wir uns einen Dreck um Stilrichtungen!«

Gerade mit Blick auf den Titeltrack sind aber auch einige progressive und klassische Elemente zu erkennen. Seid ihr mit klassischer Musik aufgewachsen?

»Wir alle wuchsen mit klassischer und progressiver Musik auf. Meine Eltern hörten viel Klassik von Bach und Vivaldi und auf der Pop/Rock-Seite vieles etwa von Supertramp oder Phil Collins. Chris (Cesari, Gitarre und Keyboard - sb) hört von uns am meisten Progressive Rock, er ist großer Fan von Genesis und anderen Gruppierungen dieser Ära.«

Wenn die Metalszene in Frankreich zur Sprache kommt, konzentriert sich die Aufmerksamkeit einiger Metalfans oftmals nur auf Gojira. Vielen Menschen dürften natürlich auch Bands wie Alcest, Sortilège oder Deathspell Omega ein Begriff sein, aber die Szene ist zweifelsohne längst nicht so populär wie beispielsweise im skandinavischen Raum. Wie nehmt ihr den Metal in Frankreich wahr?

»Wir haben eine unglaubliche Szene hier in Frankreich, mit großartigen Bands wie Gojira, Loudblast, Dagoba, Carpenter Brut, Hypno5e, Agressor, Klone, Deluge, Regarde Les Hommes Tomber, Landmarks, Deficiency, Arcania, Malkavian oder Headcharger. Es fällt uns allerdings schwer, uns international zu exportieren und zu verkaufen, denn es ist eine große Herausforderung, in Frankreich von der Musik zu leben, ganz besonders im Metal-Bereich. Das Land hat dafür nicht gerade viel Unterstützung zu bieten. Nichtsdestotrotz sind wir stolz darauf, Franzosen zu sein, und auf das, was in Frankreich auf Festivals wie beispielsweise dem Hellfest, Motocultor oder dem Sylak Open Air passiert.«

Ihr habt HEART ATTACK 2006 im schönen Cannes gegründet. Die Stadt ist eng mit den gleichnamigen Internationalen Filmfestspielen verknüpft und dadurch weltberühmt. Lebt ihr immer noch in Cannes und würdet ihr euch selbst als Filmfans bezeichnen?

»Eine Hälfte der Band lebt heute in Cannes, die andere Hälfte in Marseille. Übrigens lustig, dass du das fragst, weil wir hier in Cannes gerade Festivalsaison haben und ich erst letzte Woche Tom Cruise getroffen habe (lacht). Wir sind selbstverständlich alle große Kino- und Filmfans. Vor ein paar Jahren verbrachten wir einen Abend mit der kompletten Crew von „Pulp Fiction“ am Strand, um das 20-jährige Jubiläum des Films zu feiern. Wir aßen Pizza mit John Travolta, Uma Thurman und Quentin Tarantino! Die Filmmusik und ihre großartigen Komponisten wie Ennio Morricone oder Hans Zimmer haben unsere Musik auch stark beeinflusst.«

Geht ihr neben eurer Band eigentlich alle einem Hauptberuf nach? Wenn ja: Habt ihr geplant, eines Tages mit der Musik und HEART ATTACK euren Lebensunterhalt zu verdienen?

»Wir alle haben unsere Jobs, auch wenn es immer schwieriger wird, alles unter einen Hut zu bringen. Wir werden sehen, welche Möglichkeiten sich uns eröffnen werden. Sollten wir eines Tages von der Musik leben können, würde uns das sehr glücklich machen, aber es ist nicht unser vorrangiges Ziel.«

www.facebook.com/heartattackmetal

Bands:
HEART ATTACK
Autor:
Simon Bauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos