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Foto: Franz Schepers

ToneTalk 30.06.2021, 08:01

HELLOWEEN - »Mein Motto lautet: Das Schlagzeug muss geil aussehen!«

Als Profimusiker könnte Daniel Löble kaum weiter von den Brennpunkten der deutschen Metal-Szene entfernt leben. Auf einer Halbinsel an der Schweizer Grenze sind stattdessen Schlagerstars wie Matthias Reim seine Nachbarn; davon abgesehen, dass man ihn auf dessen neuem Album hören kann, steht der 48-jährige Schlagzeuger bekanntermaßen im Dienst von Helloween und ist ein ausgemachter Rock´n´Roller, der allerdings Wert auf Details legt und bereitwillig über den Tellerrand blickt, wenn es sein muss.

Dani, wie bist du Musikfan und schließlich selbst Musiker geworden?

»Meine Eltern machen beide Musik, ich kam also schon sehr früh damit in Berührung; meine Mutter stand auf der Bühne, als sie mit mir schwanger war. Bei uns zu Hause war überwiegend Volksmusik angesagt, ansonsten standen die Beatles und Elvis Presley hoch im Kurs. Jedenfalls gab es für mich schließlich gar keine andere Wahl, und das Schlagzeug wurde zu meinem ersten Instrument. Die Snare, auf der ich meine frühesten Gehversuche machte, habe ich heute noch. Da mein Vater nebenher als Instrumentenbauer Trompeten und dergleichen reparierte, versuchte ich mich auch daran, aber so mit neun, zehn Jahren stand im Grunde genommen fest, dass ich in erster Linie trommeln wollte. Ilja Richters „disco“ war so die Mucke-Fernsehsendung für die Teenies damals, und dort habe ich zum ersten Mal Krokus gesehen. Daraufhin sagte ich ungefähr zu meiner Mutter: „Boah, so was will ich auch mal machen.“ Sie meinte nur: „Alles klar, mach einfach mal, dafür brauchst du aber lange Haare.“ Wann immer ich ab dem Moment verzerrte Gitarren hörte, war das etwas ganz Besonderes, Unbeschreibliches für mich. Selbst heute finde ich es geil, wenn unsere Gitarristen in die Saiten hauen – bamm! – und den Akkord schlicht ausklingen lassen.«

Und mit der Zeit musste es immer härter werden, richtig?

»Ja, über Mitschüler kam ich zu Iron Maiden, Van Halen und AC/DC, deren „Fly On The Wall“ mit die erste Platte war, die ich mir von meinem eigenen Geld gekauft habe. Eines Tages ist dann ein UFO gelandet, als der Sohn meines Cousins Slayers „Reign In Blood“ mitbrachte. Ich dachte: „What the fuck geht denn jetzt ab?“ Das war schon 1986 oder ´87 und das erste Mal, dass ich mich mit richtig extremem Metal auseinandersetzte. Zuvor hatte ich natürlich Metallicas „Kill ´Em All“ und „Ride The Lightning“ gehört, sonst aber nichts, und das war im Vergleich fast Popmusik. Zur selben Zeit machte ich mit Freunden aus der Nachbarschaft Musik, die quasi ihre Verstärker über die Straße zu uns schleppten, denn ich hatte einen eigenen Proberaum über der Küche und durfte tagein, tagaus lärmen. Mein Kit war zunächst recht klein, doch weitere Teile habe ich mir nach und nach dazuverdient, wobei logischerweise schnell eine zweite Bassdrum her musste (lacht).«

Wann kam die erste Band?

»Die hieß Napalm Terror, das war eigentlich bereits echt richtig krasser Death Metal. Ich habe mir die Sachen erst kürzlich noch einmal angehört – nur Kassettenmitschnitte, keine Studioaufnahmen oder so, die mir einer der Jungs auf CD brannte. Abgefahrenes Zeug für 14-, 15-Jährige, vor allem die Growl-Stimme unseres Sängers. Ich würde schon sagen, dass meine Karriere hier ihren Anfang nahm, denn man lernte halt andere Musiker und Bands kennen, mit denen man auch etwas versuchte, oder sie haben einen weiterempfohlen und so. Dadurch begegnete ich Thilo Hermann, der damals bei Risk Gitarre spielte. Daraus gingen Höllenhunde hervor, wir haben so was wie Rammstein auf Rock´n´Roll gemacht. Leider hat unser Zeug niemanden interessiert, aber ich fand es wirklich stark. Bei Running Wild, wo Thilo schließlich einstieg, spielten auf einer Tour Glenmore im Vorprogramm, und er erzählte mir, die würden einen Drummer suchen, also heuerte ich bei ihnen an. Nun ging es richtig professionell zu, wir tourten und traten teilweise auf großen Festivals auf. Mit dem Sänger gründete ich anschließend Rawhead Rexx, die von Horst Odermatt gemanagt wurden, dem Herausgeber des Magazins „Heavy, oder was!?“ und Veranstalter des Bang Your Head Open Air. Unsere Platten haben sich gar nicht schlecht verkauft, und wir sind mit Gruppen wie Annihilator, Saxon oder Nevermore unterwegs gewesen.«

Das hat dich wiederum zu Helloween-Produzent Charlie Bauerfeind geführt.

»Genau, Glenmore waren eine der ersten reinen Metal-Bands, die er produzierte, und er arbeitete auch mit Rawhead Rexx. Deren zweites Album entstand auf Teneriffa bei Andi Deris (Helloween, v. – as), wo wir gleich einen guten Eindruck hinterlassen haben, indem wir seine Bude auf den Kopf stellten (lacht). Kurze Zeit später, als die Band „Keeper Of The Seven Keys - The Legacy“ aufnahm, sprang ihr Schlagzeuger Stefan Schwarzmann ab, woraufhin Charlie und Andi meinen Namen ins Spiel brachten. Meine Anhörung belief sich auf drei Stücke; als Erstes trommelte ich ´Get It Up´ ein, das weiß ich noch genau. Danach kam Sascha (Gerstner, g. – as) eines Morgens aufgeregt ins Studio und fragte, was denn nun sei. „Keine Ahnung, bei mir ist alles super“, antwortete ich. „Worum geht´s?“ Na, ob ich jetzt bei Helloween mitmachen würde oder nicht. Das hatte mir bis dahin noch keiner angeboten. „Ach, die anderen kriegen den Finger net aus´m Arsch“, erklärte er, „also mach ich das jetzt: Hascht Bock?“ Ich sagte zu, und er rief sofort beim Management an, um Bescheid zu geben. In dem Moment kam Charlie rein, seufzte und ging wieder, um die Spuren zu löschen, die Stefan aufgenommen hatte (lacht).«

Du hast Musikschulen besucht. War dir eine „ordentliche“ Ausbildung demnach wichtig?

»Mitte der 1990er fing das an. Mich hat Musikmachen allgemein immer sehr interessiert, und einige meiner Kumpels wählten diesen Weg auch. Ich hatte es nicht weit bis Zürich, wo es einen Ableger des renommierten Berklee College of Music in Boston gab, da wollte ich unbedingt auch hin. Knapp zwei Jahre lang habe ich dort intensiv studiert, also mit Klavierspielen, Gehörbildung und so weiter, doch dann wurde meine Zeit knapp, weil ich immer mehr mit verschiedenen Bands zu tun bekam.«

Konntest du deinen stilistischen Horizont dadurch in andere Genres erweitern? Du hattest oder hast auch ein Akustikprojekt, Element 58.

»Vor Helloween habe ich tatsächlich zig Sachen ausprobiert, das war schon sehr spannend; im Nachhinein muss ich jedoch sagen, dass mein Herz nicht richtig dranhing. Auf der Schule war es durchaus cool mit all den Kellerräumen, wo dich hinter jeder Tür eine andere musikalische Situation erwartete. Davon wurde ich zweifellos geprägt, und obwohl ich das, was ich da teilweise spielte, heute nicht mehr als Jazz bezeichnen würde, habe ich viel mit einem Jazzlehrer gemacht, der zu meinen stärksten Einflüssen zählt, Peter Preibisch. Er schnallte sofort, wie ich tickte, und hakte zuerst nach, ob ich denn wirklich Unterricht von ihm wollte. Nachdem ich ihm das versichert hatte, legte er sich gehörig für mich ins Zeug, obwohl er nie versuchte, einen Jazzer aus mir zu machen, sondern mir nur den Background und die Techniken nahebrachte. Dieses Wissen hilft mir bis heute, ich habe dadurch Ohren wie Rhabarberblätter bekommen und gelernt, Musik anders wahrzunehmen.«

Erklär mal genauer.

»Na ja, Jazztrommler schlagen bestimmt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie mich hören, ich bin halt Rocker durch und durch (lacht). Ich habe auch rund drei Jahre bei Gotthard ausgeholfen und unsere Shows aufgenommen, um sie hinterher zu analysieren. Die Band ist sehr Blues-orientiert, da braucht man eine ganz andere Herangehensweise, und trotzdem haben die anderen diesen Schwermetall-Einschlag bemerkt. Ich hätte mir in der Tat auch vorstellen können, für immer und ewig bei ihnen zu bleiben, doch irgendwas fehlte halt. Bei Krokus war ich übrigens auch ganz kurz mal. Wir haben ein paar Mal zusammen geprobt, doch ich spielte definitiv zu heavy für sie und würde sogar behaupten, dass selbst jemand wie Phil Rudd (AC/DC – as) ein zu harter Trommler für sie wäre. Im Zuge dessen ist mir bewusst geworden, welche Bedeutung die rechte Hand hat. Es gibt Songs, in denen du auf die Snare achten, Hi-Hat und Bassdrum ein wenig zurückhalten musst, um das Ganze zum Grooven zu bringen, wohingegen andere Nummern durch Fußarbeit angeschoben werden oder die Becken das treibende Element sind. Diese Balance zwischen den einzelnen Teilen des Schlagzeugs habe ich erst durch Gotthard und Krokus begriffen.«

Während des Studiums hast du sicherlich auch gelernt, effizient zu spielen, statt dich zu verausgaben.

»Ein minimalistischer Approach führt dazu, dass du nur mit Hi-Hat, Bassdrum und Snare richtiggehend zaubern kannst. Ich sage nur: Jeff Porcaro (Toto-Drummer, 1992 gestorben – as). Von dieser Erkenntnis habe ich bei der Produktion der neuen Helloween-Scheibe profitiert.«

Konntest du vor deinem Einstieg eigentlich schon von der Musik alleine leben?

»Nein, ich musste parallel zu meinen Band-Engagements wie die meisten anderen Drummer auch Unterricht geben und habe außerdem eine Lehre gemacht, ebenfalls zum Instrumentenbauer wie mein Vater. Das lief in einem Musikhaus hier in der Nähe und hat mir auch enorm viel gebracht. Mein Arbeitgeber war sehr cool und hielt mir stets den Rücken frei, wenn ich mal für sechs Wochen mit jemandem auf Tournee ging. Seit Helloween habe ich für überhaupt nichts anderes mehr Zeit, aber darüber beklage ich mich nicht. Durch die Pandemie bin ich wenigstens dazu gekommen, mal wieder mehr gezielt zu üben.«

Stehst du eher auf Show-Drummer wie Mötley Crües Tommy Lee oder konzentriertes Spiel ohne Firlefanz?

»Ich hab gewisse Moves drauf, die mir in Fleisch und Blut übergegangen sind. Den Kram schaute ich mir von Gerry Brown ab, der in den Achtzigern viel im Funk-Bereich machte. Ein bisschen Entertainment gehört dazu, und ich hole in meinen Bewegungen gewohnheitsmäßig seit je weit aus, auch weil mein Kit alles andere als ökonomisch aufgebaut ist. Mein Motto lautet: Das Schlagzeug muss geil aussehen, den Rest erledige ich dann (lacht). Tommy Aldridge (Ozzy Osbourne – as) ist diesbezüglich einer meiner Helden. Dass ich wild um mich schlage, musste schon so mancher schmerzhaft erkennen – Kai Hansen zum Beispiel (Helloween, g./v. – as), der meine Sticks schon mehrmals zu spüren bekommen hat, weil er mir auf der Bühne zu nahe auf den Pelz rückte. Ich tue das aber wie gesagt nicht absichtlich, es steckt einfach in mir drin.«

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DISKOGRAFIE

mit Helloween:

Keeper Of The Seven Keys - The Legacy (2005)

Keeper Of The Seven Keys - The Legacy World Tour 2005/2006 (live, 2007)

Gambling With The Devil (2007)

Unarmed - Best Of 25th Anniversary (Best-of, 2009)

7 Sinners (2010)

Straight Out Of Hell (2013)

My God-Given Right (2015)

United Alive In Madrid (live, 2019)

Helloween (2021)

mit Höllenhunde:

Alptraum (1997)

mit Rawhead Rexx:

Rawhead Rexx (2001)

Diary In Black (2003)

Bands:
HELLOWEEN
Autor:
Andreas Schiffmann

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