Interview

Interview 24.03.2021, 15:08

KÄRBHOLZ - Mehr als nur dagegen sein

Seit 2003 sind die Deutsch-Rocker KÄRBHOLZ am Start und bringen dieses Jahr ihren neuen Langspieler namens „Kontra." auf den Markt. Die perfekte Gelegenheit, um bei Gitarrist Adrian Kühn virtuell anzuklopfen und neben dem neuen Longplayer auch über besondere Ideen für Album-Cover und umweltfreundliche Fan-Editions zu quatschen.

Hi Adrian! Gerade muss man schon mal vorweg fragen: Wie geht's dir und euch allen in der Band?
»Also persönlich geht es uns allen gut. Bis auf den kleinen Schnupfen, der immer im Januar da ist, sind wir alle gesund. Vor allem sind wir froh, dass wir auf dem Land leben und im Garten rumhängen können. Also privat ist alles schön, bandtechnisch ist das gerade ein bisschen schwierig. Wir mussten unsere Scheibe um einen Monat verschieben, weil wir nicht wussten, ob wir die Platten rechtzeitig in den Handel bekommen. Da mussten wir einfach die Konsequenz ziehen – mit der Hoffnung, dass es Ende März besser wird. Ansonsten sind wir gut gestimmt und hoffnungsvoll.«

Das ist natürlich schade, dass ihr den Release verschieben musstet. In diesen unsicheren Zeiten macht es so wahrscheinlich am meisten Sinn.
»Es ist eigentlich schon ein kleines Grauen, dass wir keine Tour zum Album fahren können. Das ist ja das, worauf wir uns immer am meisten freuen. Die Tour war gebucht. Die Daten haben wir nie veröffentlicht, weil ziemlich schnell klar war, dass sie nicht stattfinden wird. Das wäre die größte Headliner-Tour gewesen, die wir jemals gefahren wären. Wenn dann die Gefahr besteht, dass zum Release noch nicht mal die Platten bei den Leuten ankommen, weil im Presswerk jemand ausfällt und eine Schicht in Quarantäne muss, dann macht das noch weniger Spaß. Deswegen wollten wir uns wenigstens die Chance geben, dass das funktioniert.«

Weil du gerade die Press-Version ansprichst: Habt ihr das Album schon mal in den Händen gehalten? Ich habe mir nämlich online das Cover angeschaut und es sieht so aus, als sei dort eine Blindenschrift vorne drauf. Bin ich da auf dem Holzweg?
»Nein, da bist du absolut auf dem richtigen Weg. Die Blindenschrift war zuerst ein rein optisches Gimmick, was ich mir überlegt hatte. Man kann ja mal ein bisschen zum Nachdenken anregen. Wir wollten das Cover dann prägen lassen, das ging aber nicht, weil es schon in Produktion war. Hätten wir gewusst, dass wir doch so viel Zeit gehabt hätten, wäre es vielleicht doch gegangen. Jetzt ist es leider Gottes ein bisschen blöd, weil es eine Blindenschrift ist, die kein Blinder lesen kann.«

Der Wille war da und vielleicht setzt sich das auch in Zukunft mal durch. Ich kann mir schon vorstellen, dass gerade auch für blinde Menschen Musik wichtig ist.
»Ja, gerade auch wenn Hören dein stärker ausgeprägter Sinn ist, kann ich mir vorstellen, dass Musik für blinde Menschen noch viel intensiver ist und man kann überlegen, das beim nächsten Mal erneut anzugehen.«

Wenn man sich euren bisherigen Verlauf anschaut, habt ihr relativ regelmäßig und häufig neue Alben rausgehauen. Das wievielte Album ist das jetzt und woher nehmt ihr eure ganzen Ideen?
»Da müsste ich gerade mal nachrechnen, es ist aber das achte oder neunte Werk. Das erste Album haben wir 2007 rausgebracht und irgendwann sind wir in einen Zwei-Jahres-Turnus übergegangen, was sich für uns als richtig herausgestellt hat. Das ist kein Plan und wenn in zwei Jahren nichts da ist, ist nichts da, dann lassen wir uns Zeit. Es schreibt uns keiner vor und wir uns selbst auch nicht. Es hat sich schon beim dritten Album herauskristallisiert, dass ich die Texte schreibe und die musikalische Grundstruktur lege, und ich kann nur sagen, dass ich jetzt schon wieder dran bin, Memos aufs Handy zu quatschen für etwas Neues. Ich sehe die Welt so, dass ich bei allen möglichen Gelegenheiten etwas aufschnappe, was ich in Musik übertragen muss. Ich meine, es passiert genug, um neuen Stoff zu haben.«

Wie war das denn für euch, zu Corona-Zeiten eine Platte zu schreiben und aufzunehmen?
»Da hatten wir Glück, denn die Platte ist fast komplett vor Corona entstanden. Nur ein Song ist im Frühjahr 2020 entstanden, als sich das mit Corona aber noch nicht so wild angefühlt hat. Das finde ich auch ganz gut, weil so Corona nicht eine Sekunde lang Thema auf dieser Platte ist.«

Ach, schön!
»Ja, total. Da finde ich es ganz gut, dass die Platte ein echt positives Teil geworden ist, was das Thema so ein bisschen ausklammert und wo ich mich auch selber drauf freue, dass das Ganze irgendwann vorbei ist und wir uns wieder vor der Bühne treffen. Deswegen war das echt gut, dass wir nicht in die Verlegenheit gekommen sind. Und was die Produktion angeht: Wir waren in Hamburg bei Eike Freese und Alex Dietz von Heaven Shall Burn. Die beiden haben das produziert, wie auch schon unsere vorletzte Platte „Überdosis Leben". Damals haben sie das auch zu zweit gemacht und sie sind einfach ein geiles Gespann. Wir sind alle dicke Kumpels geworden und können richtig gut miteinander arbeiten. Wir waren insgesamt sechs Wochen im Studio und da bist du zwischen neun und 16 Stunden am Tag im Keller und machst Musik. Da wegen Corona viel geschlossen hatte, waren wir fast ein bisschen froh, dass wir nicht so viel vom Nightlife verpassen (lacht).«

Du sagst es selbst schon: Die Platte fällt recht positiv aus – was die Leute jetzt bestimmt auch gut gebrauchen können. Wie ordnest du das Album denn musikalisch ein, gerade auch im Vergleich zu euren anderen Platten?
»Wir haben zusammen gebrainstormt, wie die Platte klingen soll, bevor ich mich an die Texte und Musik gesetzt habe. Uns war klar, dass sie wieder etwas zackiger sein soll als die letzte. Das Album davor ist wohl das melancholischste, was wir jemals gemacht haben. Das lag auch ein bisschen an meiner persönlichen Situation zu der Zeit. Und ich finde auch, dass man dem, was gerade passiert, in den Platten seinen Platz lassen sollte. Als wir mit der neuen Scheibe angefangen haben, ging es mir dann auch wieder besser. Es gibt zwar ein, zwei ruhigere Inseln, aber es geht insgesamt sehr nach vorne und ist live-tauglich. Man ist bei den technischen Möglichkeiten dazu verleitet, den Song zu voll zu bomben. Wir wollten das wieder reduzieren, damit wir die Nummern eins zu eins live umsetzen können. Herausgekommen ist für mich die flotteste und musikalisch zusammenhängendste Platte, die wir je gemacht haben.«

Wo du gerade das Live-Spielen ansprichst: Hast du einen Song, auf den du dich besonders freust, ihn mal live spielen zu können?
»Ich glaube, 'Ewig leben', unsere erste Single, die wir im Dezember rausgehauen haben, ist ein Song für live. Das ist textlich nicht besonders deep, denn es geht eigentlich nur darum, völlig die Sau rauszulassen. Aber wir haben uns gedacht, das ist zu der jetzigen Zeit genau das Richtige, um sich drauf zu freuen. Das könnte der Opener zur Tour werden und ich denke, da geht es dann drunter und drüber – da freue ich mich drauf! Es gibt aber noch ein paar solcher Songs, zum Beispiel auch 'Leben und Tod', wo uns der gute Matthi von Nasty unterstützt hat und ich hoffe auch, dass es auch live mal zu einer Zusammenkunft kommt. Da hätte ich ganz großen Spaß dran!«

Ich glaube, das fänden auch einige Fans ziemlich nice, wenn das live klappt. Wie kam es denn überhaupt zu der Zusammenarbeit?
»Nasty ist so eine Band, die wir ganz oft gehört haben, wenn wir auf Tour waren und nach dem Konzert noch mit Adrenalin voll waren, ein paar Flaschen Bier drin hatten und uns auf den Weg in die nächste Stadt gemacht haben. Als wir dann im Studio waren, haben wir uns bei der dritten Strophe gedacht: Das wäre geil, wenn da einer schreien würde – am besten der Matthi von Nasty. Der Alex meinte, er sei ein Kumpel von ihm und hat ihn einfach mal gefragt. Matthi fand die Idee super und hat das gemacht! Alle waren happy. Corona-bedingt ist das alles über Telefon gelaufen und ich hoffe, dass wir das nachholen können, mal darauf anzustoßen.«

Geile Sache! Witzig, wie manchmal die Verbindungen sind.
»Ja, und das ist auch was Schönes, wenn sich die einzelnen musikalischen Genres nicht so einkapseln und Zusammenarbeit möglich ist. Die Amis haben das mit Metal und Hip-Hop oft ganz geil vorgemacht. Das ist hier in Deutschland ja noch nicht so Gang und Gebe. Ich finde das aber spannend.«

Absolut. Du hast dich bei eurem aktuellen Album jetzt auch mal hinters Mikrofon gestellt, bei der ruhigeren Nummer 'Voran'. Wie kam es dazu?
»Der Song war ganz klar als Ballade gedacht. Wir wussten, dass wir ein Album haben, dass stramm nach vorne geht – gerade für unsere Verhältnisse. Deswegen haben wir schon geschaut, dass wir uns ruhigere Inseln bauen. Als ich bei Alex im Studio war, habe ich viel Rotwein getrunken und hatte den Kater meines Lebens. Wir wollten eigentlich das Akustik-Set aufbauen und Gitarren einspielen für diesen Song. Auf der Fahrt dorthin meinte ich zu Alex: „Ich muss echt an mich halten, damit ich mich nicht gleich übergebe – ich spiele heute keinen Ton.“ Dann hat er an der Tanke angehalten, mir zwei Büchsen Bier geholt und zu mir gesagt, ich wäre unerträglich und schwach und solle die bitte trinken (lacht). Dann sind wir ins Studio und ich sollte zum Einpegeln einfach mal spielen und mitsingen. Und wir hatten einen „Magic Moment"! Das war das erste Lied, was ich jemals selbst gesungen habe. Ich musste mit meinem Katerkopf eine Träne vor Rührung verdrücken und habe mit Torben telefoniert, ob das für ihn in Ordnung sei, wenn er einen Song nicht singt. Ihm war das recht, denn so kann er live mal eine Bierpause machen (lacht). Der Song war also live eingespielt und das ist das, was man jetzt hören kann.«

Mega! Um nochmal auf das große Ganze zu kommen: Das neue Album heißt „Kontra.". Mal ganz provokativ gefragt: Wogegen seid ihr denn?
»Das Album heißt „Kontra-Punkt", da ist ein Satzzeichen doch mal sehr wichtig, weil Kontra alleine hätten wir es tatsächlich nicht genannt. Diese Mentalität, einfach nur dagegen zu sein, ist etwas, das uns nie gelegen hat. Und ich finde das auch zum Kotzen, dass Leute einfach nur dagegen sind, ohne sich mit einem Thema genauer beschäftigt zu haben. Das geht wider allem, wofür wir persönlich und auch als Band stehen. Der Kontrapunkt ist im Musikalischen eine Melodie, die zu einer bestehenden Melodie hinzuaddiert wird und dann gleichberechtigt nebenherläuft. Im sozialen Kontext bedeutet das für mich: Wenn ich einen Kontrapunkt zu einer Meinung setzen möchte, muss ich mich mit der Meinung erst mal auseinandersetzen und sie verstehen. Und dann kann ich auch gegen etwas sein, aber ich muss argumentieren können und alternative Lösungsvorschläge geben. Das heißt eigentlich, dass man in den Dialog treten muss, auch mit Menschen, die anderer Meinung sind. Und das geht genau gegen die Mentalität, erst mal dagegen zu sein und Gräben zu eröffnen, was meiner Meinung nach gerade einfach sehr stark zu spüren ist. Es ist sowohl auf politischer Ebene als auch im persönlichen Umfeld nötig, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren.«

Ich glaube, damit hast du etwas Wichtiges angesprochen. Um noch zu einem weiteren Thema zu kommen, das euch am Herzen zu liegen scheint: Ihr habt eine Fanbox zum Album geplant. Was hat es denn damit auf sich?
»Das ist dieses Mal sogar eine sehr besondere. Wir wollten keinen Tinnef da reintun, sondern es sollte schon was Gutes sein, etwas Wertiges. Wir haben uns dann mal bei uns umgeschaut und hier liegen die Fichtenwälder brach, weil der Borkenkäfer gewütet hat und alles gerodet werden musste. Zum Teil hat das auch unseren Bassisten Stefan betroffen und so war das Thema bei uns. Daraufhin haben wir mit Baumschulen gesprochen, wie aufgeforstet werden kann und wir wollten dafür sorgen, dass zumindest ein Wald wieder grün gemacht werden kann. Wir haben uns informiert, was einheimische Bäume sind, die auch Sinn machen, hier angepflanzt zu werden. Deshalb haben wir ein Pflanz-Set in die Box gepackt. Jeder soll seinen Baum anziehen und sich für ein Jahr darum kümmern. Im Frühjahr 2022 treffen wir uns dann und bis dahin haben wir eine Fläche, die wir wiederaufforsten und dann machen wir das gemeinsam mit den Leuten, die einen Baum mitbringen. Und am Ende des Tages gibt es dann auch noch etwas Schönes für alle – ob ein Konzert oder eine Fete, das müssen wir mal schauen. Das wird eine schöne und nachhaltige Idee. Es ist endlich mal was Sinnvolles!«

Das hört sich gut an! Dann drücke ich die Daumen, dass ganz viele Leute eure Fanbox kaufen und natürlich auch, dass das Album generell gut ankommt und vor allem bald wieder Konzerte möglich sind. Vielen Dank für deine Zeit und mach dir noch einen schönen Abend!
»Danke für das gute Gespräch. Ich werde mir jetzt noch ein Kölsch aufmachen.«

https://www.kaerbholz.de/

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KÄRBHOLZ:

Gesang: Torben Höffgen
Gitarre: Adrian Kühn
Bass: Stefan Wirths
Schlagzeug: Henning Münch

Bands:
KÄRBHOLZ
Autor:
Lisa Scholz

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