Interview

Pic: Mike Turzanski

Interview 16.09.2022, 12:00

KING BUFFALO - Symmetrische Dreifaltigkeit

Das New Yorker Trio KING BUFFALO scheint die vergangenen Corona-Jahre gut überstanden zu haben. Die Psychedelic/Stoner-Combo um Frontmann Sean McVay nutzte den globalen Stillstand für die Realisierung einer dreiteiligen Mammutproduktion, die die Alben "The Burden Of Restlessness", "Acheron" und jetzt "Regenerator" hervorbrachte und den persönlichen Umgang mit der Pandemie thematisiert. Mittlerweile sind KING BUFFALO im Vergleich zu vielen anderen Bands auch schon wieder fleißig am Touren und nach einem sommerlichen Abstecher nach Europa von September bis November in den USA unterwegs. Wir klingelten bei Sean für eine Bestandsaufnahme durch.

Sean, ihr seid aktuell gut mit Touren beschäftigt. Wie läuft es so?

»Fantastisch! Wir haben gerade unsere ersten Shows seit der Veröffentlichung von "Regenerator" gespielt, das hat wirklich Spaß gemacht.«

Fühlt es sich denn schon wieder so an, als wärt ihr zur Normalität zurückgekehrt?

»Vielleicht ein bisschen. Allerdings treibt Covid zurzeit überall wieder ziemlich hemmungslos sein Unwesen. Deshalb fühlt es sich wie eine kleine Rückkehr zur Normalität an, andererseits frage ich mich aber auch, wie lange das noch so bleiben wird. Wir versuchen einfach nur, das zu genießen, was wir im Moment haben.«

Ihr habt eine ziemlich umfangreiche Europa-Tournee hinter euch. Wie war das für euch in Zeiten wie diesen? Schließlich herrscht in der Ukraine aktuell ein schrecklicher Krieg.

»Unsere Erfahrungen waren großartig, wir hatten eine wirklich gute Zeit bei euch. Wir spielten allerdings nirgendwo, wo wir dem Kriegsgeschehen zu nahe gekommen wären, ich glaube Polen war am nächsten dran. Es ist natürlich eine schlimme Situation und man fühlt sich schlecht deshalb, aber wir sind nur eine Handvoll Typen aus New York, also versuchen wir, das Beste daraus zu machen. Ich glaube, es ist drei Jahre her, seit wir das letzte Mal in Europa waren. Seitdem haben wir drei Alben veröffentlicht, "Dead Star", "The Burden Of Restlessness" und "Acheron". Es war also eine Herausforderung, eine Setlist auf die Beine zu stellen und uns zu überlegen, was wir zeitlich spielen können. Aber das Publikum war großartig!«

Aktuell sagen immer noch viele Bands und Künstler ihre geplanten Live-Aktivitäten ab oder müssen sie verschieben. Die Planungsunsicherheit ist einfach zu groß. Bei euch scheint es hingegen genau andersrum zu laufen. Standet ihr im Verlauf der letzten Wochen und Monate auch vor derartigen Entscheidungen oder wart ihr euch bei vielem von Vornherein sicher?

»Oh, wir mussten uns immer wieder damit auseinandersetzen, auch jetzt noch. Einerseits denken wir uns die ganze Zeit: "Wir ziehen das durch!" Trotzdem rechnen wir ständig damit, dass irgendjemand kommt und uns sagt: "Nein, werdet ihr nicht." Wir machen uns also auf jeden Fall Sorgen. Vor knapp einem Jahr im Oktober hätten wir ein paar Shows als Opener für eine andere Band spielen sollen. Das Ganze musste dann aber abgesagt werden, nachdem sich jemand innerhalb der Tourcrew mit Covid ansteckte. Irgendwie warten wir die ganze Zeit darauf, dass so etwas passiert, aber bislang hatten wir großes Glück. (Er klopft dreimal auf seinen Schreibtisch) Wer weiß, wie lange das noch anhält.«

"Regenerator" ist der Abschluss eurer sogenannten Pandemie-Trilogie, mit der ihr den Wahnsinn der letzten Jahre verarbeitet. Fühlt sich dieses Album denn überhaupt wie eine Auflösung an, wenn du den aktuellen Stand der Dinge mit der Situation vor eineinhalb Jahren und den Vorgängern "The Burden Of Restlessness" und "Acheron" vergleichst?

»Ich denke schon, ja. Als wir die Entscheidung trafen, diese drei Alben aufzunehmen, kam uns die Idee deutlich einfacher vor, als sie schlussendlich war. (lacht) Das war so ein langes Projekt, etwas Vergleichbares haben wir vorher noch nie gemacht. Mit diesen drei zusammenhängenden Alben mussten wir größer denken. Das ganze jetzt endlich abzuschließen, fühlt sich für mich nach einer großen Leistung an, auf die ich sehr stolz bin. Gleichzeitig bin ich aber auch ein bisschen erleichtert, dass es vorbei ist. (lacht) Es ist schön, einen Schritt zurück zu machen und sich nur auf das Touren zu konzentrieren. Das war die lange Antwort auf deine Frage, die kurze ist: Ja, es fühlt sich auf jeden Fall wie ein Abschluss an.«

Alle drei Alben eurer Trilogie entspringen gewissermaßen demselben Schmelztiegel. Bist du trotzdem jede Scheibe mit einem anderen Gemütszustand angegangen?

»Diese Alben entstanden nicht im Zuge einer einzigen Songwriting-Session, der Großteil der Arrangements und instrumentalen Parts kam im Verlauf von mehreren Wochen bis zu einem Monat des Jammens zustande. Die tatsächliche Formgebung mit den Texten und der Konzeptfindung kam erst danach. Wir schufen also die grundlegenden Rahmenbedingungen und teilten sie auf drei unterschiedlich klingende Alben auf, die alle ein anderes Kapitel erzählen und eine andere Dynamik versprühen. Erst als wir uns in der Produktionsphase um jede einzelne Platte kümmerten, nahm die Gesamthandlung schließlich Gestalt an. Dabei war es auf jeden Fall so, dass wir für jedes Projekt einen anderen Hut aufsetzten und uns in die passende Gedankenwelt hineinversetzten.«

"Regenerator" klingt deutlich hoffnungsvoller und wärmer als die beiden Vorgänger. Konntet ihr euch mit diesem Album also von den vergangenen Jahren erholen und zu neuer Stärke finden? "The Burden Of Restless" klang im Vergleich dazu viel schwerer und finsterer.

»Ich wusste, dass ich die ganze Sache nicht auf einer extrem trostlosen und düsteren Note abschließen wollte. "The Burden Of Restlessness" wurde in Teilen zweifellos von der dystopischen Natur des damaligen Zustands der Welt geformt. Da waren aber auch einige persönliche Dinge in meinem Leben, die ich aufarbeiten wollte und die die drei Alben beeinflussten. Deshalb war es eine interessante Herausforderung für mich, zu versuchen, auf einer optimistischeren Note zu enden. Das ist oft sehr schwierig für mich, denn ich tendiere dazu, mich auf die schlechten und negativen Aspekte zu konzentrieren. Deshalb war das eine in vielerlei Hinsicht kathartische Erfahrung für mich.«

Du hattest in der Vergangenheit mit psychischen Problemen zu kämpfen. Wie geht es dir momentan damit?

»Ich würde sagen, ziemlich gut! Aber diese Probleme kommen und gehen, das liegt in ihrer Natur. Es ist nicht so, wie wenn du dir einen Arm brichst. Du trägst nicht einfach einen Gips und danach ist alles wieder gut. Es ist schwierig, darüber zu sprechen, aber ich glaube, es ist wichtig, dass du Menschen in deinem Leben hast, mit denen du über diese Probleme reden kannst. Egal ob es ein Profi ist, dein Partner, ein guter Freund oder ein Familienmitglied. Du musst lernen, dich selbst zu beobachten, damit du weißt, wann deine schlechten Zeiten kommen. Außerdem musst du lernen, dich daran zu erinnern, dass die schlechten Phasen auch wieder vergehen werden.«

Wie bist du vor zweieinhalb Jahren mit der globalen Krisensituation in deiner Heimatstadt umgegangen?

»Ich habe versucht, immer auch die guten und schönen Dinge zu sehen. Ich bin beispielsweise mit meinem Hund spazieren gegangen und habe dabei festgestellt: Der Sonnenuntergang ist perfekt! Die Welt steht in Flammen und es fühlt sich furchtbar an, aber diese eine kleine Sache ist gut. Es ist gar nicht mal so schwierig, nach so etwas Ausschau zu halten. Eine schöne, herzerwärmende Geschichte wirst du nicht in den Nachrichten finden. Aber dieser wunderschöne Weidenbaum, der sich im Wind wiegt und der Sonnenuntergang, das sind gute Sachen! (lacht)«

Wie würdest du "The Burden Of Restlessness", "Acheron" und "Regenerator" jeweils mit einem Wort oder einem Bild beschreiben?

»Ich denke, ich würde sie aus verschiedenen Perspektiven beschreiben. "The Burden Of Restlessness" ist thematisch und klanglich extrem dicht und intim und kommt deinem Gesicht, deinen Ohren und deinem Gehirn so nah wie nur irgendwie möglich. "Acheron" klingt deutlich verwaschener, die Musik umgibt dich viel weitläufiger und du versinkst darin. "Regenerator" nimmt hingegen die Perspektive einer dritten Person ein. Du bist ein Teil des Ganzen, siehst alles vor dir und kannst Bilanz ziehen. So stelle ich mir die drei Alben gerne vor, aus welcher Perspektive höre ich die jeweilige Scheibe und welches Gefühl bekomme ich dadurch vermittelt?«

Auf "Regenerator" sind diesmal wieder mehr Songs zu finden als auf "Acheron", außerdem sind die Spielzeiten kürzer ausgefallen. War das eine bewusste Entscheidung?

»"Burden..." hat sieben Songs, "Acheron" vier und "Regenerator" wieder sieben. Uns gefiel diese Symmetrie. Ursprünglich sollten es nur sechs Songs werden, aber ich hatte das Gefühl, dass wir für die Platte noch etwas anderes brauchen. Deshalb bauten wir das 'Interlude' mit ein, um dem Album etwas mehr Fluss zu geben und es auf sieben Tracks zu bringen. Ich mochte die Symmetrie, du kannst in gewisser Weise einen Spiegel in die Mitte dieser drei Alben stellen. Außerdem passte es zu jedem einzelnen Album, dadurch dass "Burden..." konzentrierter und intimer klingt, "Acheron" sich mehr um eine Reise mit längeren, fließenderen Songs dreht und "Regenerator" verschiedene Aspekte der beiden Vorgänger aufgreift.«

Ihr habt mit KING BUFFALO in den letzten Jahren eine Menge Musik veröffentlicht, drei Alben in den letzten eineinhalb Jahren sind ein beachtliches Pensum. Wollt ihr in Zukunft eine ähnliche Schlagzahl beibehalten oder euch eher etwas bremsen?

»Nein, der Hauptgrund dafür, dass wir das durchziehen konnten, war ehrlicherweise der, dass wir zwei Jahre lang nicht touren konnten. Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder so viel Zeit haben werden. Wir werden hoffentlich keine Pandemie mehr erleben, die die Welt für eine derart lange Zeit herunterfährt. Es war natürlich trotzdem schwierig, diese Alben rauszubringen, wir hatten Produktions- und Druckverzögerungen. Ich glaube also realistischerweise nicht, dass wir dieses Tempo beibehalten können, auch wenn es definitiv Spaß gemacht hat. Im Moment kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass wir alles etwas langsamer angehen werden.«

www.kingbuffalo.com

www.facebook.com/kingbuffaloband/

Bands:
KING BUFFALO
Autor:
Simon Bauer

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