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ToneTalk 27.10.2021, 08:01

KING'S X - Tiefe Töne aus dem Jungbrunnen

Sänger und Bassist Douglas Theodore „dUg“ Pinnick und seine Kultband King´s X waren immer sogenannte „musician´s musicians“ und Kritikerlieblinge, für die sich der Mainstream ungeachtet einiger Achtungserfolge nur bedingt interessiert hat. Dafür ist der heute 71-Jährige Amerikaner frei von Skandalen und so gesund geblieben, wie es sich viele deutlich jüngere Semester wünschen würden. In unserem Gespräch über seinen Werdegang schweift er bisweilen ab und fällt dem Fragesteller ins Wort, weil er sich immer noch gerne mitteilt – nicht zuletzt in einer fast unüberschaubaren Zahl von Projekten.

Doug, wie bist du Musikfan und schließlich selbst Musiker geworden?

»Ich bin besessen von Musik, seit ich denken kann. Meine Mutter sagte einmal, ich hätte als Kleinkind schon Melodien gesungen, bevor ich sprechen konnte, und zu weinen angefangen, wenn jemand den Schallplattenspieler bei uns zu Hause ausschaltete. Ich vermute also, dass mir die Leidenschaft für Musik in die Wiege gelegt wurde. Auf den Bass aufmerksam geworden bin ich ungefähr mit sieben Jahren beim Hören irgendeiner Rockabilly-Nummer, wo er besonders deutlich hervorstach; ich mochte sowohl den tiefen Klang als auch das Gefühl, das diese Frequenzen erzeugten. Trotzdem vertrieb ich mir die Zeit in erster Linie mit Singen und spielte lange Zeit kein Instrument, weil mich meine Eltern nicht direkt förderten, was das anging. Wir hatten daheim zwar ein Klavier, doch daran durfte ich mich aus welchem Grund auch immer nie versuchen. Meinen ersten Bass habe ich mir tatsächlich erst mit 23 zugelegt.«

Inwiefern hat sich dein Fokus aufs Singen im Spielen niedergeschlagen?

»Ich würde Kirchenchor und Gospel nicht übergewichten, denn diese Sachen machten nur einen kleinen Teil der Musik aus, mit der ich mich als Kind und Jugendlicher beschäftigte. Mehrere Verwandte von mir, die in derselben Straße wie wir wohnten, ließen ständig Blues- und Jazzalben laufen, wovon ich eine Menge aufgeschnappt habe, während meine Cousins verschiedenen Rockabilly-Combos angehörten und der Lieblingsmusiker meiner Mutter Johnny Cash war. Ich hatte dann das Glück, von Lehrern gefördert zu werden, die mein Talent erkannten, mich in den Schulchor aufnahmen und an Gesangswettbewerben teilnehmen ließen. All diese Dinge zusammengenommen ergeben meinen eigenen Stil, wobei ich mir darüber aber keine großen Gedanken mache. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, dass ich einmal professionell Musik machen und meinen Lebensunterhalt damit bestreiten würde. Sie war einfach etwas, das zu mir gehörte, wie wenn man morgens aufsteht und sich das Gesicht wäscht.«

Hast du dich deshalb auch stets zwanglos zwischen unterschiedlichen Stilen bewegen können?

»Ganz bestimmt. Ich meine, in meinen Songs steckt von allem etwas – Bebop, Funk, Metal und viel Rock´n´Roll, aber auch progressiver Kram, denn Chris Squire von Yes war neben dem legendären Motown-Bassisten James Jamerson eines meiner größten Idole, sowohl wegen seines Sounds als auch der Art, wie er mit dem Plektrum spielte. Allein das sind schon zwei krasse Gegensätze, aber so habe ich es nie empfunden.«

Was macht für dich einen guten Schlagzeuger aus?

»Genau das Gleiche wie bei anderen Musikern auch: Kreativität. Davon abgesehen sollte ein Drummer, der mit mir spielt, Taktgefühl haben und auf den Punkt genau trommeln, damit ich mir keinen Kopf wegen des Tempos machen muss, denn sich beim Singen auch auf den Bass konzentrieren zu müssen, ist meistens schwierig genug, weshalb man schnell mal entweder nachhinkt oder vorauseilt, weil man sich von den eigenen Emotionen mitreißen lässt. Ich brauche also dominante Mitmusiker, da ich garantiert jeden aus dem Konzept bringe, der sich an mir orientiert (lacht).«

Apropos Drummer: Wie geht es Jerry Gaskill von King´s X, hat er noch ernste Herzprobleme?

»Ihm geht´s prima, wir können kaum erwarten, wieder gemeinsam Musik zu machen.«

Steht demnach ein weiteres Album der Band in Aussicht?

»Klar, wir haben neulich das Master bekommen, und jetzt ist unser Label am Zug, einen Veröffentlichungstermin zu bestimmen. Ich schätze mal, es wird Anfang 2022.«

Viele verbinden dich heute mit zwölfsaitigen Bässen. Wer stand dafür abgesehen von Cheap Tricks Tom Petersson Pate?

»Im Grunde nur er, aber strenggenommen ist es so, dass ich diese Dinger gar nicht so häufig verwendet habe – lass es mal höchstens ein Dutzend Songs gewesen sein. Zur Zeit von „Gretchen Goes To Nebraska“ besaß ich nur einen Achtsaiter, aufgestockt wurde erst mit „Faith Hope Love“, und der Eindruck, ich würde vorwiegend zwölfsaitige Bässe spielen, rührt wohl daher, dass sie in praktisch jedem Videoclip von uns zu sehen sind. Das wollte unser Manager Sam Taylor so, um uns ein Alleinstellungsmerkmal zu geben, das über die Musik hinausging.«

Was hat dich dazu bewogen, das Trio Grinder Blues zu reanimieren, mit dem du 2014 ein Album aufgenommen hast?

»Das zweite, das jetzt erschienen ist, ist schon seit zwei Jahren im Kasten, aber niemand wollte uns unter Vertrag nehmen, also lag es auf Halde, während ich mit King´s X, KXM und anderen Projekten zugange war. Gut möglich, dass die Plattenfirmen genau deswegen so zurückhaltend waren, denn den meisten fehlt heute das Geld, um vielbeschäftigten Musikern ihren Zeitvertreib zu finanzieren (lacht). Wir meinen es aber ernst und sind sehr stolz auf „El Dos“.«

Weil du es gerade selbst ansprichst: Wie entscheidest du beim Ausarbeiten von Ideen, für welche deiner vielen Bands du die fertigen Songs verwendest?

»Darüber denke ich gar nicht bewusst nach, doch zumindest bei Grinder Blues ist es so, dass ich mich in einer ähnlichen Rolle sehe wie Dusty Hill, der bei ZZ Top bis zu seinem Tod simpel und bluesig spielte. Wir verstehen uns vor allem als Liveband und haben keine Lust auf musikalische Experimente.«

Bei Internet-Recherchen bezüglich deines Equipments stößt man auf etliche Markennamen. Hast du dir in jüngerer Zeit etwas bemerkenswertes Neues zugelegt?

»Nein, ich schwöre nach wie vor auf mein Signature-Pedal DP-3X von Tech 21, das ja seit einigen Jahren auch im Handel erhältlich ist und sich überraschend gut verkauft. Besonders bei Grinder Blues mag ich einen eher schmutzigen Klang, nicht diesen glockigen von King´s X, und darüber hinaus stört es mich sowieso, auf einen Sound festgelegt zu sein; ich will nicht, dass die Leute sagen, ich würde immer nur soundso klingen (lacht).«

Hattest du beim gleichzeitigen Singen und Spielen je Schwierigkeiten mit der Koordination?

»Tatsächlich nicht. Ich glaube, das ist einfach eine Gewohnheitssache, denn wenn du dich lange genug mit einem Instrument befasst, kann du quasi auch mit jemandem quatschen, während du deinen einstudierten Part spielst. Andererseits geht es natürlich nicht völlig ohne Mühe, wenn ich etwa an das Video denke, das wir mit KXM für den Song ´Scatterbrain´ drehten. Wir hatten ihn bis dahin nicht zusammen gespielt, also musste ich durchaus ein bisschen üben, um überzeugend zum Playback zu zocken. Ich kannte sowohl den Text als auch die Basslinien auswendig, aber wenn eine Nummer so wie diese etwas komplizierter ist, vergeht eine gewisse Zeit, bis ich beide Teile gleichzeitig beherrsche. Ab einem gewissen Punkt sollte man das Gehirn allerdings ausschalten, sonst läuft man Gefahr, das Ganze zu verkopft anzugehen.«

Von George Lynch bei KXM abgesehen hast du mit einigen anderen herausragenden Gitarristen gespielt. Worauf achtest du dabei?

»Da darf ich mich echt glücklich schätzen, doch weißt du was? Das Einzige, worauf es mir ankommt, egal wie gut die Leute technisch sind, ist ihre Fähigkeit, mich zum Grinsen zu bringen, wenn sie in die Saiten greifen. Freude am Musikmachen und miteinander harmonierende Charaktere sind ganz allgemein ausschlaggebend dafür, dass man langfristig zusammenarbeiten kann.«

Und jetzt den Sänger Doug Pinnick gefragt: Was macht einen guten Songtext aus?

»Keine Ahnung, für mich ist die innere Haltung, mit der man einen Text vorträgt, das A und O. Wenn ich mich bemüht habe, etwas zu schreiben, wovon sich eine breite Masse angesprochen fühlen sollte, ging das meistens daneben, und am Ende wurden ganz andere Lieder zu Publikumslieblingen. Ich kenne Stücke mit sowohl grottenschlechten als auch anspruchsvollen Lyrics, die sich zu Hits entwickelten, also gibt es dafür wohl kein Rezept. In jedem Fall interessiert sich nur eine Minderheit für Inhalte, und ob ein Song durch die Decke geht oder nicht, hängt von einer Kombination von Faktoren ab, die man kaum beeinflussen kann. Schließlich lassen sich subjektive Gefühle, die man beim Hören dieser oder jener Band hat, auch nicht wissenschaftlich erklären. Da muss einfach das gewisse Etwas vorhanden sein.«

Was fixt dich denn momentan so privat an, wenn du nicht gerade selbst Musik machst?

»Spontan fallen mir vier Acts ein: Vola und Sleep Token auf der harten Seite, Fractured und der Singer-Songwriter Yoste auf der ruhigen, melancholischen.«

Das sind alles junge Leute, wohingegen du noch die Zeit vor dem digitalen Wandel erlebt hast. Wie gehst du damit um, dass man nun so gut wie nichts mehr mit Tonträgern verdient und konstant touren muss, um sich über Wasser zu halten?

»Dankenswerterweise haben King´s X eine treue Anhängerschaft, die wir im Lauf der Jahre behalten und sogar ausbauen konnten, während neue Bands heute ganz schön kämpfen müssen. Ich beneide sie nicht und bezweifle, dass ich diesen Weg noch einmal einschlagen würde, wenn ich jetzt von vorne anfangen müsste. Da draußen gehen zig Musiker unter, die etwas zu sagen haben und sich kein Gehör verschaffen können; das ist eine traurige Vorstellung, wenn man die Zukunft der Musikbranche in Betracht zieht.«

Du selbst darfst wenigstens insoweit beruhigt sein, als du dich für dein Alter extrem gut gehalten hast. Wie hältst du dich fit für die Bühne?

»Nicht gezielt, das liegt in meinen Genen. Meine Mutter und mein Vater hatten lange Zeit gespenstisch wenige Falten, aber ich dürfte wohl mit der doppelten Dosis dieser Jugendlichkeit zur Welt gekommen sein, denn ich wirke jünger als alle meine 14 Geschwister und bin der Zweitälteste! Selbstverständlich habe ich es aber auch nie mit irgendetwas übertrieben: Harte Drogen waren tabu für mich, und außer einem Gläschen Wein hier und dort ist Kiffen mein einziges Laster, falls man es als solches auffasst. Außerdem fahre ich oft mit dem Rad, und bei meiner letzten Blutuntersuchung meinte der Arzt, ich hätte bessere Werte als die meisten Leute, die halb so alt sind. Das soll so bleiben, denn sterben müssen wir zwar alle, doch ich will nicht langsam an irgendeiner Krankheit zugrunde gehen.«

www.dugnation.net

www.instagram.com/dugpinnick

www.kingsxonline.com

www.grinderblues.com

DISKOGRAFIE

mit Grinder Blues:

Grinder Blues (2014)

El Dos (2021)

mit Poundhound bzw. solo:

Massive Grooves From The Electric Church Of Psychofunkadelic Grungelism Rock Music (1998)

Pineappleskunk (2001)

Emotional Animal (2005)

Songs From The Closet (Compilation, 2006)

Strum Sum Up (2007)

Naked (2013)

mit Pinnick, Gales & Pridgen:

Pinnick, Gales & Pridgen (2013)

PGP 2 (2014)

mit KXM:

KXM (2014)

Scatterbrain (2017)

Circle Of Dolls (2019)

außerdem:

Supershine (mit Supershine, 2000)

The Mob (mit The Mob, 2005)

Reflections (mit Razr 13, 2009)

Three Mountains (mit Tres Mts., 2011)

mit King´s X (nur Studioalben):

Sneak Preview (als Sneak Preview, 1983)

Out Of The Silent Planet (1988)

Gretchen Goes To Nebraska (1989)

Faith Hope Love (1990)

King´s X (1992)

Dogman (1994)

Ear Candy (1996)

Tape Head (1998)

Please Come Home… Mr. Bulbous (2000)

Manic Moonlight (2001)

Black Like Sunday (2003)

Ogre Tones (2005)

XV (2008)

Bands:
KING'S X
GRINDER BLUES
POUNDHOUND
KXM
Autor:
Andreas Schiffmann

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