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ToneTalk 28.04.2021, 08:01

Liquid Tension Experiment - »Mehr als tiefe, dumpfe Töne«

Anthony Frederick Levin hat zwar viele Bewunderer in der Metal-Szene, doch diese nennt ihn sicherlich nicht zuerst, wenn es um stilprägende Bassisten geht. Der heute 74-jährige gebürtige Bostoner Multi-Instrumentalist ist nichtsdestoweniger ein legendärer Studiomusiker und aufgeschlossenen Hartfreaks zumindest seit seinem Eintritt in den Dream-Theater-Nimbus über Liquid Tension Experiment ein Begriff.

Tony, du hattest bisher eine ereignisreiche Karriere. Fass mal das Allermindeste zusammen, was Unbedarfte über dich wissen müssen.

»Oh je, das ist schwierig, aber mal sehen: Ich versuchte mich schon als kleiner Junge an verschiedenen Instrumenten, blieb dann am Kontrabass hängen und besuchte die Eastman-Musikschule, nachdem ich mit meinem High-School-Abschluss in den Staat New York gezogen war. Währenddessen spielte ich in Rochester bei den Philharmonikern, das muss in der zweiten Hälfte der Sechziger gewesen sein. Schließlich erkannte ich, dass ich mich außerhalb des Orchesterumfeldes stilistisch wohler fühlte, obwohl ich klassische Musik bis heute liebe, und fing an, mich mit Jazz zu beschäftigen. 1969 siedelte ich dann nach New York City über und verdiente meinen Lebensunterhalt mit Studio-Jobs, ging aber auch vereinzelt mit unterschiedlichen Bands auf Tournee. Dabei knüpfte ich Kontakte in der Rockszene, was dazu führte, dass ich dank Produzent Bob Ezrin mit mehreren bekannten Leuten aus dieser Ecke arbeiten durfte: 1973 war ich in einem Track von Lou Reeds „Berlin“ zu hören, 1975 in zwei auf „Welcome To My Nightmare“ von Alice Cooper, und 1977 dann auf Peter Gabriels erstem Soloalbum. Glaub´s oder nicht, ich hatte bis dahin nicht gewusst, wer er oder Genesis waren, und lernte während der Aufnahmen auch den Gitarristen Robert Fripp kennen – eine schicksalhafte Begegnung, wenn man bedenkt, wie wichtig er für mich werden sollte. Peter engagierte mich als festen Bassisten und hat sich seitdem keinen anderen gesucht, doch 1981 stieg ich auch dauerhaft bei King Crimson ein, als Robert sie reformierte. Heute bin ich darüber hinaus mehr oder weniger regelmäßig mit Levin Brothers beschäftigt, einem Jazzprojekt mit meinem älteren Bruder Pete, der Keyboard spielt. 2010 gründete ich zudem Stick Men, wo der deutsche Touch-Gitarrist Markus Reuter und Pat Mastelotto mitmachen, der einer der drei Crimson-Schlagzeuger ist. Das dürfte das Wesentliche sein, oder hab ich was vergessen?«

Du hast auch mit den Popikonen John Lennon und David Bowie gearbeitet. Wie war das?

»Das waren zwei relativ unterschiedliche Erfahrungen. Das mit John dauerte nur zwei, drei Wochen, doch die Stücke, in denen ich zu hören bin, landeten auf zwei seiner Alben mit Yoko Ono, deren Titel mir gerade nicht einfallen („Double Fantasy“ und „Milk And Honey“ jeweils 1980 und 1984 – as). Ursprünglich sollte ich ihn auch bei Konzerten begleiten, doch wie wir alle wissen, wurde er im Dezember 1980 umgebracht. Als ich zu unserer ersten Session kam, begrüßte er mich lächelnd mit genau diesen Worten: „Es heißt, du seist verdammt gut, also spiel nicht zu viele Noten.“ Das war eigentlich typisch ruppig für einen New Yorker, woran ich mich zu dem Zeitpunkt gewöhnt hatte, obwohl ich es nicht von einem Briten im Exil erwartete. Jedenfalls überzeugte ich alle Beteiligten mit den Bassparts, die ich mir zu den Songs ausdachte, wobei mir natürlich erst im Nachhinein bewusst wurde, wie besonders dieses Treffen war und wie bedeutend die dabei entstandene Musik sein würde. Auch bei Bowie bin ich zweimal in Erscheinung getreten, als er in New York aufnahm („Heathen“ und „The Next Day“, 2002 und 2013 – as) und einen Fretless-Bassisten brauchte. Bei der letzten Gelegenheit übernahm allerdings die großartige Gail Ann Dorsey den Löwenanteil der Parts, und mit ihr auf demselben Album zu spielen, war mir eine Ehre. Tony Visconti, der es produzierte, konnte mir nicht versprechen, dass meine Takes auch genommen würden, doch das ist man als angeheuerter Musiker gewohnt; du weißt nie, ob du der letzte Bassist bist, der für die Session eingespannt wird, sondern gibst einfach dein Bestes und hoffst, dass du das Rennen macht.«

Wenn man etwa an deine Tätigkeit bei Pink Floyd denkt, darf man wohl nicht davon ausgehen, dass du noch maßgeblich auf vorhandenes Material einwirken kannst, oder doch?

»Das war 1987, „A Momentary Lapse Of Reason“. Ich spielte im Großen und Ganzen wirklich Sachen, die ich selbst entwickelt hatte – abgesehen von den Stellen, wo David Gilmour (g. – as) konkrete Bassfiguren vorschwebten. So läuft es meistens: Falls nicht die Mitglieder der jeweiligen Band etwas vorgeben, kann´s auch der Produzent sein. So oder so galt es, mich dem Stil der Band beziehungsweise Roger Waters´ Spielweise zu fügen. Trotzdem bedauere ich, dass ich für das Album nicht mit auf Tour gehen konnte, weil ich wieder mal mit Peter auf Achse gehen musste. Was rede ich hier eigentlich? Das sind Luxusprobleme; ich meine, sich zwischen zwei Acts solchen Kalibers entscheiden zu dürfen (lacht).«

Und wie ist es bei King Crimson?

»Strenger, wenn wir live Stücke von alten Platten aufführen. Dann orientiere ich mich an John Wettons (1973/1974 Bassist der Band – as) Originalspuren, die recht eigen sind. Nichtsdestoweniger will Robert nicht, dass wir wie eine Cover-Kapelle daherkommen, also berücksichtige ich, was an den alten Aufnahmen so besonders ist, und kombiniere es irgendwie mit meinem eigenen Stil. Der Sound des Instruments spielt dabei eine große Rolle, ich feile eigentlich andauernd daran und bin nie zufrieden, weil ich mich ja immer wieder in neue musikalische Situation hineinversetzen muss und sowieso der Meinung bin, dass Qualität nicht nur vom Gespielten, sondern auch vom Klang abhängt. Bass, das sind nicht einfach nur tiefe, dumpfe Töne; ich fing mit dem Klavierspielen an, weil meine Eltern das so wollten, und habe den Bass aus dem Bauch heraus gewählt, wobei man zu Zeiten, als der E-Bass erst noch erfunden werden musste, im akademischen Kontext meistens auch die Tuba übernahm, weil deren Einsatzweise in einem Ensemble ähnlich war. Bis man schöne Töne aus dem Ding bekam, dauerte es eine Weile.«

Bist du vielleicht deshalb ein eher melodischer Spieler geworden?

»Kann sein. Andererseits mag ich selbst beim Chapman Stick, der ja sowohl Saiten für Melodien als auch zur rhythmischen Begleitung hat, die tiefen Register lieber. Man schlägt sie so ähnlich wie beim Tapping mit den Fingern aufs Griffbrett, doch ich zupfe sie gern zusätzlich. Am meisten reizt mich an diesem Instrument die Stimmung – meistens in Quinten statt Quarten wie beim Bass –, weil ich dadurch beim Greifen komplett umdenken muss.«

Wie ein Cello. Spielst du das auch?

»Gelegentlich, aber ich bin nicht sonderlich gut und muss gestehen, dass ich es in Quarten gestimmt habe. Ich komme einfach nicht aus meiner Bass-Haut heraus (lacht), obwohl ich wohl wegen meines klassischen Backgrounds oft mehrstimmig denke, wobei mir der Stick entgegenkommt. Ich würde dafür gerne mal Orchestermusik umarrangieren und so ein ganzes Album einspielen, das ist noch ein Traum von mir. Die generelle Arbeitsweise in der Sinfonie war letzten Endes das, was mich daran abgestoßen hat, denn man schaffte sich ein festes Repertoire drauf, das man tagein, tagaus abspulte. Auf Dauer wurde das so ermüdend wie ein gewöhnlicher Brotjob. Die Dynamik von Jazz und Rock – vor allem beim Touren – fand ich wesentlich aufregender. Und im Prog verschmelzen die Grenzen zwischen beiden Stilen.«

Würdest du dich auch einen visuell denkenden Musiker nennen? Du veröffentlichst seit 1984 Fotobücher.

»Weiß nicht, aber das ist definitiv eine große Leidenschaft von mir. Ich nahm von Anfang an Apparate mit, wenn meine Bands durch die Welt tingelten, und stellte irgendwann fest, dass ich das Leben unterwegs gern mit Bildern dokumentierte, als hinterher viele Worte darüber zu verlieren. Natürlich machte ich zunächst Schnappschüsse von hinter den Kulissen, später aber auch auf der Bühne, was noch sehr schwierig war, solange es keine Digitalkameras gab. Ich benutzte eine Zeitlang Stative und bediente das Gerät per Fußpedal während des Spielens. Davon, dass ich mir die Arbeit mit traditionellem Film selbst beibrachte, profitiere ich heute, wo jeder mit einem Smartphone meint, Fotograf zu sein. Mühevoll erarbeitete Kenntnisse über die Belichtungszeit oder Blendenöffnung und Bildaufbau lassen sich durch keine Technik der Welt ersetzen. Der Nachfolger meines Bandes „The Crimson Chronicles Volume 1“ von 2004 steht zwar immer noch aus, aber ich werde nachher in mein Lager gehen und Exemplare meines neuesten Titels signieren, „Images From A Life On The Road“; das ist ein richtig edler Luxuswälzer, von dem wir die erste Auflage schon ausverkauft haben. Ich stellte ihn während des Corona-Lockdowns zusammen und freue mich schon darauf, bald wieder in aller Herren Länder zu knipsen (lacht).«

Du hast auch schon den Sternenhimmel fotografiert und das CERN bei Genf besucht. Bist du wissenschaftlich interessiert?

»Sehr. In der Schweiz schaute ich mir den Large Hadron Collider an, das hat mich wahnsinnig inspiriert. Ein paar Jahre später war ich dann an der Europäischen Südsternwarte in der Atacama-Wüste in Chile, wo man sich zuerst an die hohe Lage akklimatisieren muss, um frei atmen zu können – ein aufregender Trip, und als ich dort oben stand, fühlte ich mich ein bisschen berauscht wie auf einem Drogentrip, was am Sauerstoffmangel gelegen haben dürfte. Ich hörte Musik zu den Fotos in meinem Kopf, obwohl ich sie ja erst gemacht und noch nicht entwickelt hatte. Da ich dieses Erlebnis teilen wollte, hab ich gleich nach meiner Rückkehr ein Instrumentalstück aufgenommen und eine Bilderschau für ein YouTube-Video zusammengeschnitten.«

2006 ist mit „Resonator“ ein erstes Album von dir mit Texten und Gesang erschienen. Wie kam es dazu?

»Meine Soloplatten sind im Grunde reine Liebhaberei für einen kleinen Hörerkreis, doch nach den ersten paar hatten sich ein paar Gedichte angesammelt, die ich irgendwie veröffentlichen wollte. Ich bin zwar kein toller Sänger, doch das Projekt, mit dem ich auch getourt bin, hat großen Spaß gemacht, und hätte ich Stick Men nicht gegründet, wäre die Tony Levin Band immer noch am Start. Da ich Tagebuch führe und mir auch nebenbei alles Mögliche notiere, wird es früher oder später aber wohl trotzdem noch was in dieser Richtung geben. Im Titelstück von „Prog Noir“, das vor fünf Jahren erschien, singe ich ja ebenfalls – und zwar darüber, wie es ist, in einer Prog-Band zu spielen (lacht).«

Was steht als Nächstes bei dir an?

»Ich habe eine To-do-Liste erstellt und hoffe, dass ich meine für Ende 2021 festgelegten Konzerttermine wahrnehmen kann. Ansonsten wird weiter komponiert und fotografiert, ich kann mich nicht über Ideenmangel beklagen. Vor allem aber bin ich dankbar dafür, momentan auch von zu Hause aus arbeiten zu dürfen, weil ich Aufnahmen für andere in meinem Heimstudio machen kann, und froh darüber, dass mich meine Ehefrau nun schon seit über einem Jahr hier erträgt.«

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www.facebook.com/tonylevinofficial

Mehr Tony Levin, Rock-Hard-kompatibel:

mit ALICE COOPER:

Goes To Hell (1976)

Lace & Whiskey (1977)

mit STEVEN WILSON:

Insurgentes (2008)

Grace For Drowning (2011)

mit KING CRIMSON:

Discipline (1981)

Three Of A Perfect Pair (1984)

Vrooom (EP, 1994)

Thrak (1995)

Außerdem:

PETER FRAMPTON – Premonition (1986)

YES – Union (1991)

Bands:
LIQUID TENSION EXPERIMENT
Autor:
Andreas Schiffmann

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