Kolumne

Kolumne 22.11.2017

HELLHAMMER , CELTIC FROST - MARTIN ERIC AIN (1967-2017)

Es ist natürlich extrem uncharmant, Todesfälle in eine hierarchische Struktur zu pressen. Aber wer kann bestreiten, dass einem das Ableben eines Künstlers, dessen Musik man sehr gemocht hat, näher geht als das eines Kollegen, dessen Output einen nie wirklich berührt hat – zumal mittlerweile Musiker gleich in Legionsstärke die Segel streichen.

Zusätzlich lässt es einen besonders nachdenklich werden, wenn ein gleichaltriger 50-Jähriger mal eben tot umfällt. Nicht jeder Dahingeschiedene muss reflexhaft als persönlicher Superheld, unschlagbare Legende, absolutes Ausnahmetalent gefeiert werden. Und auch Martin Stricker alias Martin Eric Ain war bei Celtic Frost und Hellhammer hinter dem streitbaren Kreativkopf Tom Gabriel Fischer die ewige Nummer zwei. Doch genau das machte ihn so wertvoll. Was wäre „Apocalyptic Raids" ohne die räudigen Bassspuren des damaligen Slayed Necros? Wie hätte sich das göttliche „Morbid Tales" ohne Martins Input als Co-Komponist einiger der geilsten Songs aller Zeiten angehört? Wie klänge „Into The Pandemonium" ohne Martins Beiträge ´Mesmerized´ und ´Tristesses De La Lune´, die brillante Kontrapunkte zu den Riffmonstern von Fischer setzten und den Frost-Kosmos beeindruckend erweiterten? Hellhammers „Apocalyptic Raids" war 1984 ein ungeheures Statement, ein ungehobelter Bastard aus Venom und Discharge, ergänzt um die eigenwilligen Visionen einiger Schweizer Teenager, die nie gedacht hätten, dass sich jemals außerhalb des eigenen Proberaums irgendwer für sie interessieren würde. Ich habe das Ding damals lediglich zur Hälfte (die kürzeren, schnelleren Tracks) verstanden und bei der monströs-zähen Abwärtsspirale ´Triumph Of Death´ nur noch Fragezeichen auf der pickeligen Stirn gehabt, aber immerhin gemerkt, dass diese Truppe ein ganz anderes Biest war als bis dato bekannte „brutale" Metal-Bands. Der Celtic-Frost-Start „Morbid Tales" war kurz darauf ein völlig autarker Befreiungsschlag und der Beginn einer Reise in musikalische Regionen, die inmitten der aufkeimenden Speed/Thrash/Death/Black-Metal-Bewegung ihresgleichen suchten, immer eigenwillig blieben, nicht durchgehend perfekt waren, sich aber nie beim gleichgeschalteten Genre-Mainstream anbiederten. Diese Dickköpfigkeit bewahrten sich Celtic Frost mit einem kommenden und gehenden Martin Eric Ain bis zu ihrem Ende 2008. Man könnte sogar sagen, dass die Band letztendlich dieser Starrsinnigkeit zum Opfer fiel. Die Form ihres Abgangs hinterlässt bis heute einen unbefriedigenden Beigeschmack.
Ich habe Martin mehrfach getroffen und mochte seine souveräne, unaufgeregte Art. Er war ein intelligenter, belesener, vielseitig interessierter Mensch, dessen fundiertes Wissen meilenweit über dem austauschbaren Hilfsschulen-Satanismus stand, den Heerscharen von Bands absondern, die sich bis heute auf die frühen Celtic Frost und Hellhammer berufen. Er war wichtig für den ideologischen Überbau und die optische Präsentation beider Acts, mochte tiefschürfende Diskurse, war aber kein verbissener Theoretiker, der zum Lachen in den Keller ging. Die dunkle, extreme Seite des Metal hat Martin viel zu verdanken. Und auch wenn Tom Fischers Triptykon das Celtic-Frost-Erbe weitertragen, gab es doch bis zuletzt ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass sich Fischer und Ain eines Tages ein weiteres Mal unter dem Frost-Banner zusammenraufen würden. Diese Aussicht wird mit Martins Tod zu Grabe getragen. Wir wünschen, dass er seinen Frieden findet, wo und wie auch immer er es sich gewünscht hat.

Bands:
CELTIC FROST
HELLHAMMER
Autor:
Jan Jaedike

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