Interview

Interview 18.10.2021, 15:13

MONOLORD - Die Zeit ist gekommen

Auf „Your Time To Shine" demonstrieren MONOLORD die nächste eindrucksvolle Entwicklungsstufe ihrer melodischen Stoner-/Doom-Meisterklasse. Hatte man beim Vorgänger „No Comfort" noch das Gefühl, sich durch eine düster-depressive Sumpflandschaft aus verzerrten Gitarren zu schleppen, blickt der neue Langspieler des schwedischen Trios aus einer erhabenen, atmosphärisch tiefgreifenderen und nachdenklicheren Perspektive auf große Themen wie die Zerstörung unseres Planeten. Zeit für ein ausführliches und zutiefst ehrliches Gespräch mit Sänger, Gitarrist und Sympathieträger Thomas V. Jäger.

Thomas, wie hast du den heutigen Tag bisher verbracht?
»Es war ein ziemlich ruhiger Tag. Ich habe bis etwa 14 Uhr gearbeitet und danach meinen Hund abgeholt. Jetzt bin ich zu Hause und habe gerade ein Feuer in meinem Kamin angezündet. Dazu eine Tasse Kaffee und alles ist perfekt.«

Na das klingt doch wunderbar. Warst du musikalisch beschäftigt oder hast du immer noch einen normalen Job?
»Ich arbeite für einige Stunden an einer Schule. Das mache ich schon seit 20 Jahren. Einerseits als Lehrer, manchmal helfe ich aber auch aus, wenn ein Schüler zusätzliche Betreuung benötigt.«

Als Lehrer hast du mit Sicherheit zwei sehr schwierige Jahre hinter dir.
»Ja, aber bis jetzt gab es an den Schulen keine allzu hohen Prozentzahlen von Covid-19-Fällen. Ich weiß nicht genau, wie es bei den Infektionen aussieht. Sie sagen, dass kleinere Kinder davon nicht so sehr betroffen sind wie Erwachsene, vielleicht liegt es daran.«

Auf der anderen Seite veröffentlichst du mit MONOLORD am 29. Oktober eure neue Scheibe „Your Time To Shine". Was bedeutet dir dieses Album?
»Es bedeutet mir mehr als jede Scheibe zuvor. Zum Teil deshalb, weil ich das Gefühl hatte, dass wir bei unserem letzten Album etwas in Stress geraten sind. Das fällt sonst vielleicht niemandem auf, aber mir schon. Es gibt einige Dinge auf der letzten Scheibe, bei denen ich gerne die Zeit hätte, sie anders zu machen. Bei „Your Time To Shine" habe ich das Gefühl, dass wir genug Zeit hatten und es sich auch in einigen Jahren besser anfühlen wird. Ich will nicht sagen, dass sich der Vorgänger schlecht anfühlt, aber ich freue mich wirklich sehr über das neue Werk!«

Habt ihr irgendetwas verändert hinsichtlich des Entstehungsprozesses von „Your Time To Shine", angesichts der schwierigen pandemischen Umstände?
»Wir haben so gearbeitet wie immer. Ich schreibe den Großteil des Materials, der Musik und der Lyrics. Das bringe ich alles mit in den Proberaum, wir arrangieren es und bringen unsere Band-Vibes ein. Außerdem hatten wir dieses Mal den Luxus der Zeit auf unserer Seite. Wir nahmen uns von Januar bis März 2020 drei Monate frei, in denen wir überhaupt nichts mit der Band machten. Den Großteil des Albums schrieb ich während der Pandemie-Pause. Wir haben seit Januar einen neuen Proberaum, das Berserk Studio in Göteborg, in dem Esben (Willems, dr. - sb) arbeitet. Dort gibt es ein altes analoges Mischpult und andere Sachen, von denen manches nicht einmal richtig funktioniert hat. Wir waren die Versuchskaninchen und mussten hier und da Notlösungen finden.«

Für mich klingt „Your Time To Shine" deutlich offener, nachdenklicher und in gewisser Weise auch hoffnungsvoller als das sehr geerdete, düstere „No Comfort".
»Ja, vielleicht. In meinen Augen hätten wir etwas länger an „No Comfort" arbeiten sollen, das sich für mich mehr wie ein Stoner-Rock-Album anfühlt. Bei „Your Time To Shine" spürt man, dass wir mehr Zeit hineingesteckt haben und ich hoffe, dass mein Songwriting und meine Texte noch besser geworden ist. Ich versuche, eine Stimmung zu finden und im Moment fühlt sich die Situation um uns herum in vielerlei Hinsicht sehr traurig an. Zum Beispiel in 'The Weary', bei dem ich mir wohl versehentlich ein paar Einflüsse von Black Sabbath ausgeborgt habe. Alles, was ich sehe, ist eine Zukunft, die zurückgelassen wurde. Gleichzeitig gibt es aber auch ein wenig Hoffnung, denn die jüngere Generation wird sich vielleicht etwas besser um diese Welt kümmern als wir.«

Richtet sich der Titel „Your Time To Shine" also an die jüngeren Generationen, die die bestehenden Möglichkeiten und das Wissen besser nutzen können, um unseren Planeten in Zukunft zu schützen?
»Das ist nichts, was wir zwischen uns dreien in der Band besprochen hätten, es war mehr eine Art Atmosphäre, die wir erreichen wollten. Jeder von uns hat eine andere Erklärung für den Titel, das Cover und die Verbindung dazwischen. Für mich ist „Your Time To Shine" zum Teil an die jüngere Generation gerichtet, aber auch an die gierigsten und reichsten Menschen auf der Welt. Wenn sie wollen, könnten sie wirklich für Veränderungen sorgen. Die Zeit dafür ist jetzt gekommen. Gleichzeitig sehen wir aber auch einen toten Hasen auf dem Cover. Das ist der Punkt, an dem wir uns jetzt befinden und darauf wird es wahrscheinlich hinauslaufen. Mehr Spezies werden aussterben und am Ende geht es immer noch nur um Geld.«

Du scheinst aber trotzdem Hoffnung zu haben, wenn du in die Zukunft blickst. Was würdest du dir für eine bessere Welt wünschen?
»Ich denke nicht, dass ich noch Hoffnung sehe. Alle reden über eine bessere Welt, und dass wir mehr dafür tun sollten. Manche Länder versuchen es auch wirklich, aber die ganze Welt muss es versuchen. Solange wir nicht alle bei der Sache sind, glaube ich nicht, dass es irgendwie besser werden wird. Es wird mehr Überflutungen und Feuer geben, in gewaltigem Ausmaß. Wenn der Wasserstand hier, wo wir leben, nur einen Meter steigt, dann ist unser Haus in Gefahr. Viele Menschen interessiert das nicht, bis sie selbst davon betroffen sind. Trotzdem scheint ein Teil der jüngeren Generation mehr Einfühlungsvermögen dafür zu haben, was dort draußen geschieht.«

Das ist ein schwieriges Thema, bei dem man sich immer die Frage stellen kann, wie man als Einzelner damit umgeht. Hilft dir die Musik, damit besser umzugehen?
»Yeah, darum drehen sich die Lyrics aller MONOLORD-Alben der letzten Jahre. Auf den früheren Alben stand das Thema Religion mehr im Mittelpunkt, aber irgendwann ging es mehr und mehr darum, was jetzt gerade passiert. Das fühlt sich besser an, als dich nur darüber auszulassen, wie sehr du Religion hasst. Manchmal schreibe ich darüber noch immer, ein paar Zeilen hier und da handeln auch auf „Your Time To Shine" davon.«

Ist dir Spiritualität denn in irgendeiner Form in deinem Leben wichtig?
»Nein, nicht wirklich. Ich hoffe, dass ich nach meinem Tod nichts mehr wahrnehmen werde. Ich habe ein paar Menschen getroffen, die für eine Minute tot waren und sie sagen, es sei einfach nur schwarz geworden. Es fällt mir schwer, mit vorzustellen, dass etwas anderes passieren könnte. Ich glaube nicht an Astrologie oder so etwas, ich versuche der Wissenschaft zu vertrauen. Ich würde nicht sagen, dass ich gebildet bin, ich hatte ziemlich schlechte Noten in der Schule. Wenn ich ein Thema interessant finde, dann lese ich darüber aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich bin aber nicht der Typ, der sich mit anderen Leuten auf eine Diskussion einlässt. Es fällt mir manchmal sehr schwer, damit umzugehen, was die Menschen glauben. An der Schule, an der ich arbeite, haben jüngere Kinder die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Von vielen höre ich, dass sie es nicht annehmen, weil sie denken, dass sie krank werden. Sie sagen all diese falschen Namen von Krankheiten, sie wissen also nicht einmal, was sie da reden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht ihre Gedanken sind.«

Dein im vergangenen Jahr veröffentlichtes Soloalbum „A Solitary Plan" ist ein außergewöhnlich persönliches und emotionales Werk. Warum war es dir wichtig, diese Songs in dieser Phase deines Lebens zu veröffentlichen?
»Ich lebe jetzt seit ungefähr zehn Jahren in diesem Haus, in dem ich einen Raum habe, der nur für musikalische Zwecke gedacht ist. Ich habe einen alten Computer mit Windows XP dort oben, aber er arbeitet immer noch wie ein alter Traktor. Dort steht immer alles bereit, ich muss nur auf Aufnahme drücken. Zuerst hatte ich nur ein paar dieser langsameren, sanfteren Songs. Als ich vier davon beisammen hatte, die mir wirklich gefielen, dachte ich mir, dass daraus vielleicht ein Album werden könnte. Textlich behandelt es schwierige Zeiten, die ich zusammen mit meiner Partnerin durchgemacht habe. Wir haben versucht, Kinder zu bekommen, aber konnten es nicht. Eigentlich wollte ich mein ganzes Leben lang keine Kinder. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt dafür, denn wir leben in einem Haus und auch finanziell wäre es in Ordnung. Du wirst in dem Wissen aufgezogen, dass jeder ein Kind bekommen kann. Sich darauf einzustellen, dass wir keine Kinder haben werden, obwohl wir uns dazu entschieden haben, ist eine sehr seltsame Situation. Es fühlte sich allerdings etwas zu persönlich an, diese Songs für MONOLORD zu schreiben.«

Es sollte nur dein Name darüberstehen.
»Ja, ich wollte alles davon selbst machen. Die Aufnahmen, die Arrangements, die Produktion. Das war eine großartige Möglichkeit, um diese Sachen rauszulassen, die ich anderswo nicht machen könnte. Manchmal fehlt mir das Vertrauen in andere Menschen, um mit ihnen über wirklich ernste Dinge zu reden. Ich habe bei sehr wenigen Personen das Gefühl, dass ich mit ihnen darüber sprechen kann. Gleichzeitig musste ich das aber mit jemand anderem als mit meiner Partnerin besprechen, nachdem wir beide mittendrin stecken. Ich fand niemanden, also drückte ich mich durch die Musik aus. Danach gelang es mir, auch mit anderen Menschen zu reden.«

Gerade weil die Songs so persönlich geworden sind: Denkst Du, dass es auch für andere Musiker oftmals wichtig wäre, sich auf diese Art durch ihre Musik zu öffnen?
»Für jeden von uns wäre es wichtig, offener darüber zu sprechen, wie man sich fühlt. Du kannst zehn Jahre mit jemandem zusammenarbeiten und keine Ahnung haben, dass diese Person depressiv ist. Viele Menschen würden sich deutlich besser fühlen, wenn sie sich in einem Umfeld öffnen könnten, in dem man immer das Gefühl hat, sicher zu sein. Aber du weißt schon, wenn du ein Mann bist, solltest du nicht über Gefühle sprechen oder weinen. Einige glauben das noch immer. Auf der anderen Seite will man aber doch kein The-Hellacopters-Album hören, auf dem es nur darum geht, wie schlecht man sich fühlt. Es muss zur Musik passen. Ich bin überzeugt, dass sich viele Musiker durch ihre Musik entlasten.«

Euer Line-up hat sich seit der Gründung von MONOLORD im Jahr 2013 nicht verändert. Was ist euer Geheimnis? Ist es Kaffee?
»Kaffee hat auf jeden Fall schon eine Menge Probleme gelöst. Als wir anfingen, auf Tour zu gehen, erkannten wir, dass wir drei offen über alles reden müssen. Es heißt, Touren wäre wie eine zweite Beziehung und an einer solchen Beziehung musst du arbeiten. Diese Band braucht so viel Zeit, keiner von uns kann noch einem Hauptberuf nachgehen. Natürlich könnten wir viele Dinge noch besser machen, aber ich denke, Bands lösen sich deshalb auf, weil sie nicht miteinander reden. Wir sind alle über 40, ich bin mit 42 der Jüngste. Wir touren so viel, da müssen wir auf uns achten. Wenn du im Tourbus eine Stunde lang falsch sitzt, hast du eine Woche lang Rückenschmerzen. Mika (Häkki, b.) und Esben (Willems, dr.) sind meine Freunde und natürlich haben wir auch schlechte Tage, aber es ist ein Muss, dass wir offen miteinander reden.«

www.monolord.bandcamp.com

www.facebook.com/monolordsweden

Bands:
MONOLORD
Autor:
Simon Bauer

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