My Hometown

My Hometown 27.04.2022, 08:00

KRYPTOS - My Hometown: Bangalore/Indien mit Nolan Lewis

Bengaluru oder Bangalore, wie die Metropole auf Englisch heißt, ist mit mehr als acht Millionen Einwohnern nicht nur die drittgrößte Stadt Indiens, sondern auch DER Heavy-Metal-Hotspot des knapp 1,4 Milliarden Einwohner zählenden Subkontinents. Vor allem das alljährliche Bangalore Open Air, aber auch die Old-School-Thrasher von KRYPTOS um Gitarrist, Sänger und Bandgründer Nolan Lewis (42), der hauptberuflich als Content Editor in einer Softwarefirma arbeitet, haben die Kapitale des Bundesstaats Karnataka in der internationalen Hartwurstszene bekanntgemacht.

Nolan, wurdest du in Bangalore geboren, beziehungsweise bist du dort aufgewachsen?

»Ich wurde 1979 in Kuwait geboren. Während des ersten Golfkriegs 1990 und ´91 bin ich mit meinen Eltern nach Indien gezogen; nachdem wir nach Kuwait zurückgekehrt waren, machte ich dort meinen Schulabschluss. In Bangalore lebe ich jetzt ohne Unterbrechung seit 1997.«

Ist dein Vater Brite? Nolan Lewis klingt sehr englisch.

»Nein, aber Indien wurde ja bekanntlich von den Briten kolonialisiert. Deshalb tragen etliche Inder englische Namen.«

Wo lebst du derzeit?

»Ich lebe in dem sehr zentral gelegenen Stadtteil Richmond Town. Nach Indiens Unabhängigkeit 1947 wurden viele der alten englischen Orts- und Straßennamen beibehalten.«

Warum ist Bangalore die Heavy-Metal-Hochburg Indiens?

»Weil die besten Bands des Landes aus der Stadt stammen, und das sage ich nicht, weil wir das auch tun – es ist eine Tatsache. Die lokale Szene entstand Ende der Achtziger mit Bands wie Millennium, Vulcan Haze, W.A.R.D.E.N. und Crimson Storm. Millennium waren die erste große indische Metal-Band, die bis zu 1.000 Besucher pro Show gezogen hat und sogar auf MTV gelaufen ist. Danach sind landesweit viele weitere Acts wie Pilze aus dem Boden geschossen; in Bangalore fast ausnahmslos Thrash-, Death- und Doom-Combos, während sich in Städten wie Bombay und Delhi eher moderne Stilrichtungen wie Nu Metal, Metalcore und Alternative Rock etablierten.«

Was kannst du uns über das Bangalore Open Air erzählen?

»Das Festival wird seit 2010 oder ´11 von Salman U. Syed veranstaltet, der uns vor vielen Jahren auch mal gemanagt hat. Im Laufe der Zeit sind unter anderem bekannte Bands wie Kreator, Destruction, Iced Earth oder Overkill bei dem Event aufgetreten. Da leider nicht viele meiner Landsleute die Möglichkeit haben, Konzerte in Übersee zu besuchen, kommen Metalheads aus dem ganzen Land in Bangalore zusammen. Die letzten beiden Ausgaben des Festivals musste Salman, der auch die Wacken Metal Battle Indian Subcontinent organisiert, aufgrund der Pandemie absagen, aber dieses Jahr wird es hoffentlich wieder stattfinden.«

Gibt es Metal-Kneipen in der Stadt?

»In den Neunzigern gab es einige, etwa das Black Cadillac, Downtown, Pecos oder The Guzzler´s Inn. In den Zweitausendern kamen dann Pubs und Clubs wie Styx, Purple Haze, Jimis, Legends Of Rock und Fandom hinzu. Leider existieren die meisten Lokale nicht mehr oder spielen lieber Bollywood-Musik und Techno, weil sich damit mehr Geld verdienen lässt. Im Fandom geben wir übrigens im Januar unser erstes Konzert in Bangalore seit mehr als zwei Jahren. Da das der erste Metal-Gig seit geraumer Zeit sein wird, rechne ich mit 350 bis 400 Zuschauern. Ansonsten ist es ziemlich schwierig, Konzerte in Indien zu organisieren, weshalb wir viel häufiger im Ausland auftreten.«

Wer kann sich den Besuch eines KRYPTOS-Konzert in Indien leisten?

»Heavy Metal ist ein Phänomen der Mittelschicht. Das heißt, die meisten Inder müssen den ganzen Tag arbeiten, um halbwegs über die Runden zu kommen. Deshalb sieht man auch keine normalen Tagelöhner bei unseren Shows.«

Wo probt ihr in Bangalore?

»Früher haben wir in dem Raum geprobt, wo unser ehemaliger Drummer Ryan Colaco Schlagzeugunterricht gab. Nachdem er nach Kanada ausgewandert war, mussten wir uns immer stundenweise einen Übungsraum mieten, was ganz schön ins Geld gegangen ist. Mittlerweile hat sich unser Gitarrist Rohit Chaturvedi ein kleines Studio in seiner Garage eingerichtet, wo wir in Zukunft proben und auch unsere nächsten Alben aufnehmen werden. Das eine oder andere Saufgelage wird dort sicherlich ebenfalls stattfinden (lacht).«

Gibt es bei euch gute Plattenläden?

»Ja, zum Beispiel Mahatobar Distribution. Der Laden gehört Vikram Bhat, der in den Neunzigern bei der lokalen Death-Doom-Combo Dying Embrace gesungen hat. Bei ihm bekommt man Vinyl und CDs von Pop bis zu extremem Metal, also für jeden Geschmack etwas. Das zweite Geschäft heißt Cyclopean Eye Productions und wird von einem weiteren Freund von mir geleitet, Sandesh Shenoy. Er ist zudem Inhaber der gleichnamigen Plattenfirma, die vor allem extreme Metal-Bands aus Indien, Sri Lanka, Nepal, Thailand, Indonesien und anderen asiatischen Ländern unter Vertrag hat. Da es ziemlich viel kostet, online Tonträger zu bestellen, und die indische Post sehr langsam ist, kaufen die meisten hiesigen Metalheads in diesen beiden Läden ein. Außerdem vermeidet man dadurch Ärger mit dem indischen Zoll; die halten Veröffentlichungen von Cannibal Corpse aufgrund der Cover gerne mal für Pornografie (lacht).«

Welche Sehenswürdigkeiten zeigst du Gästen?

»Gute Frage. Vermutlich würde ich dich in irgendeine schäbige Bar mitnehmen und betrunken machen (lacht). Im Ernst, leider gibt es nicht mehr so viele schöne Orte in Bangalore. Das war vor 20 oder 30 Jahre noch anders. In der Stadt wohnen einfach viel zu viele Menschen, weshalb es hier auch sehr laut ist. Außerhalb der Stadt gibt es einige wirklich schöne und vor allem ruhige Orte.«

Welche Ecken von Bangalore sollte man besser meiden?

»Bangalore ist im Vergleich zu anderen indischen Großstädten verhältnismäßig sicher. Trotzdem gibt es auch hier einige Orte, die man nicht nur als Tourist, sondern auch als langhaariger indischer Metal-Musiker lieber meiden sollte.«

Könntest du dir vorstellen, woanders zu leben, und falls ja, wo? An die Hitze bist du ja bestimmt gewöhnt.

»Natürlich, aber zum Auswandern ist es mittlerweile viel zu spät, zumal wir hier unsere Wurzeln haben beziehungsweise unsere Familien hier leben. Das Klima in Bangalore ist im Gegensatz zu Großstädten wie Delhi relativ moderat, weil die Stadt auf einem Plateau ungefähr 1.000 Meter oberhalb des Meeresspiegels liegt. Eigentlich ist es hier nur drei, vier Monate lang heiß und während des restlichen Jahres recht kühl, außerdem regnet es viel. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass immer mehr Inder nach Bangalore ziehen.«

www.facebook.com/kryptosIndia

www.kryptosmetal.com

Bands:
KRYPTOS
Autor:
Buffo Schnädelbach

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos