My Hometown


Foto: Napalm Visual Arts (Promo)

My Hometown 01.07.2020, 08:00

NECROS CHRISTOS, SIJJIN - My Hometown: Berlin mit Malte Gericke

Die Hauptstadt ist selbst den meisten eingeborenen Berlinern zu groß und unübersichtlich. Malte Gericke, 44, alias Mors Dalos Ra macht da keine Ausnahme. Bedauerlicher findet der studierte Instrumental-Pädagoge allerdings die Tatsache, dass die Berliner Metalszene durch das Clubsterben über die Jahre arg zusammengeschrumpft ist. Vom Spirit der Neunziger sei nicht mehr allzu viel übrig, erzählt er in unserem Heimattalk.

Malte, wo bist du aufgewachsen, und was bedeutet dir Berlin?

»Ich bin 1976 in Berlin-Schöneberg geboren und in Tempelhof aufgewachsen, das ist meine Heimat. Beim Mauerfall war ich 13, ich hab den Charakter der geteilten Stadt also noch richtig mitbekommen. Das war schon eine einzigartige Atmosphäre damals – mich hat es an den Film „Escape From New York“ mit Kurt Russell erinnert. Ich weiß noch gut, wie ich mit der U-Bahn durch die vermauerten Geisterbahnhöfe gefahren bin mit meinem Walkman. Ich hab damals den ganz frühen amerikanischen Death Metal gehört, die Anfänge der Florida-Welle. Das war schon sehr speziell alles, wenn ich mich da jetzt wieder reinversetze. Also nicht, dass ich das wiederhaben möchte (lacht), aber es war eine geniale Erfahrung.«

Wie hat der Mauerfall die Metalszene verändert?

»Nach der Wende war es total spannend, weil wir die ganzen Metalheads aus dem Osten getroffen haben. Das war sofort eine brüderhafte Szene, da hast du dich auf der Straße gegrüßt, wenn einer ein geiles Shirt anhatte – das gibt´s heute gar nicht mehr. Von der Atmosphäre her ist es lange nicht mehr so spannend jetzt, aber das mag auch an meinem Alter liegen (lacht).«

Was unterscheidet Berlin heutzutage von anderen deutschen Großstädten?

»Die Größe (lacht). Im Vergleich zu Köln oder München ist Berlin viel weitläufiger und zersplitterter. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich heutzutage kein großer Fan mehr von Berlin bin, es hat sich sehr gewandelt durch den enormen Zuzug. Die Wohnungspreise sind extrem gestiegen, und die Gentrifizierung ist noch lange nicht am Ende. Viele gute Clubs haben zumachen müssen, auch wegen Lärmschutzauflagen und so weiter. Es ist eine Schande. Und die Corona-Krise wird die Situation weiter verschlimmern.«

Was war dein Lieblings-Club?

»Puuh, wo soll ich da anfangen? Es gab so viele total geile Clubs in Berlin: das Ecstasy in der Schöneberger Hauptstraße, das Huxleys, das alte Knaack… Was hab ich da für legendäre Konzerte erleben dürfen.«

Erinnerst du dich noch an dein erstes?

»Ja klar! Sommer 1990, Carcass mit Atrocity als Vorband im Ecstasy. Da war ich 14.«

Was sind heute deine Lieblingskneipen und Lieblingsclubs?

»Ich hab zwei Söhne und meinen Job in der Musikschule – da bleibt nicht mehr so viel Zeit zum Weggehen. Empfehlen kann ich das Brutz & Brakel in der Proskauer Straße, Paule´s Metal Eck in Friedrichshain, das Bi Nuu, wo wir unsere Release-Show fürs letzte Album gespielt haben. Ich finde auch das Cassiopeia und das Urban Spree auf dem RAW-Gelände super – eine der letzten Bastionen (ballt die Faust). Meine Lieblingskneipe ist das Clash in den Mehringhöfen am Mehringdamm.«

Wo probt ihr?

»In Schöneweide. Unser Proberaum ist in einem alten Stasi-Gebäude, die Gänge sehen echt übel aus, die Elektrik ist ´ne Katastrophe (lacht). Aber wir haben uns da gut eingerichtet, der Niko (Necros-Christos-Gitarrist The Evil Reverend N. - lk) hat sein Studio im Nebenzimmer.«

Darf ich nach der Miete fragen?

»Sicher. Wir zahlen 400 Euro im Monat, das ist ein guter Preis, finde ich, und wir sind echt zufrieden damit. Aber es wird auch in der Beziehung immer schwieriger in Berlin, weil viele Proberaum-Komplexe schließen. Ich weiß das, weil ich ständig Nachrichten von Bands bekomme, ob ich weiß, wo vielleicht noch was frei ist.«

Mit welchen lokalen Bands seid ihr befreundet?

»Am engsten mit Drowned. Tilmann (Gitarrist und Bandleader - lk) hat ja mal bei Necros Christos Bass gespielt, und ich war früher bei Drowned am Bass und Gesang. Mit wem wir uns ebenfalls sehr verbunden fühlen, sind Essenz. Psychedelischer Black Metal, absolut geniale Band!«

Wohin würdest du einen Ein-Tages-Touristen in Berlin führen, wenn diese Krise mal vorüber ist?

»Auf jeden Fall nicht zum Reichstag! Für den Touri-Kram bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich würde mit meinem imaginären Ein-Tages-Gast auf alte Friedhöfe gehen und danach vielleicht nach Neukölln fahren. Jedenfalls in einen Bezirk, wo du noch das alte, räudige Berlin-Feeling spüren kannst, wo es noch Eckkneipen gibt mit Schultheiss-Schild an der Tür. Bei mir ums Eck am Heidefriedhof zum Beispiel gibt´s ne geile Kneipe, die heißt „Zum Sargnagel“ – das würde sich doch anbieten (lacht).«

Was ist das treffendste Klischee über Berlin?

»Ich würde sagen: die charmante Unhöflichkeit. (Lacht schallend.) In England waren wir mit der Band mal im Pub, da hat uns der Typ hinter der Bar zum Probieren doch glatt jede Sorte Bier eingeschenkt, die er da hatte. Stell dir so ´ne Situation mal in Berlin vor! Da würde es heißen: „´n Bier willste probieren? Probieren? Das kannste koofen, Alter!“ Unfreundlich in der Aussage, aber charmant im Ton.«

Bands:
NECROS CHRISTOS
SIJJIN
Autor:
Ludwig Krammer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos