My Hometown


Foto: Mark Uly

My Hometown 16.12.2020, 08:15

VUUR, THE GATHERING - MY HOMETOWN
: Eindhoven
 mit Anneke van Giersbergen

Zu Hause ist, wo das Herz schlägt: Statt in einer bestimmten Stadt fühlt sich die ehemalige The-Gathering-Sängerin eigentlich fast überall heimisch – ob in holländischer Dorfidylle, der Stadt oder den Metropolen der Welt. Vom niederländischen Eindhoven aus plant sie daher schon gemeinsam mit ihrem Mann, wo sie in Zukunft leben möchte, und schwelgt zugleich in Kindheitserinnerungen zwischen Wald und Wiesen.

Anneke, wo bist du aufgewachsen?

»In einem holländischen Dorf namens Sint-Michielsgestel. Dort war es sehr ruhig, und ich hatte eine tolle Kindheit. wollte aber ehrlich gesagt immer in die Stadt ziehen, vor allem während meiner Schulzeit, als ich älter wurde. Ich liebe meine Heimat, weil sie so friedlich und sauber ist, bin aber genauso gern in großen Städten, wo ich die Willkürlichkeit um mich herum schätze.«

Wo wohnt ihr jetzt?

»In Eindhoven. Da ist es toll, gerade wegen des Kultur-, Mode- und Bildungsangebots. Hier findet viel Musik – insbesondere Rock –, Kunst und Industriekultur statt. Die Stadt ist nicht groß, bietet aber alles, was man braucht, und hat eine tolle Atmosphäre. Wir mögen Eindhoven sehr gern. Wenn ich nachts nach meinen Akustik-Soloauftritten heimkomme, sehe ich in eine Stadt, in der noch viele wach sind und das Leben spielt. Das ist schön; ich mag es, Nachbarn und ein bisschen Lärm um mich herum zu haben.«

Was ist dein Lieblingsort in Eindhoven?

»Es gibt ein ganzes Viertel, das wir „Mini-Berlin“ nennen, es heißt Strijp-S. Eindhovens Motor war und bleibt die Glühlampenfabrik von Philips. Das Unternehmen ist heute weltbekannt und wurde hier gegründet. Die alten Fabrikgebäude stehen unter Denkmalschutz und dürfen nicht abgerissen werden, weshalb man sie zu Lofts, Veranstaltungshallen, Proberäumen, Restaurants oder Geschäften umbaute. Das ist echt klasse! In dieser Industriegegend passiert so viel rund um Musik und Kunst; jeder, der da lebt, hat auch etwas damit zu tun. Wir wohnen ganz in der Nähe und sind gerne dort.«

Gab es in deinem Heimatdorf auch eine Musikszene?

»Nicht wirklich – nur ein Jugendzentrum, wo ich mit Metal-Bands probte, denen ich vor The Gathering in den frühen Neunzigern angehörte. Das Gebäude wurde mittlerweile abgerissen, dort ist nur noch Wiese. Im Ort gab es auch eine kleine Bühne, wo ab und an Bands auftraten, sonst nichts. Zum Glück ist in den Niederlanden alles nah beieinander. Wir wohnten nicht weit von ´s-Hertogenbosch entfernt, wo es größere Venues und mehr zu erleben gab. Deshalb sind wir einfach mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren, was wir heute in Eindhoven auch wieder häufig tun. Meins ist allerdings zu gut dafür, es würde in der Stadt gestohlen; ich muss mir also unbedingt ein altes gebrauchtes zulegen. Das ist der Vorteil von Dörfern: Fahrräder werden nicht geklaut, man braucht nicht mal ein Schloss dafür.«

Wo besteht für dich noch der Unterschied zwischen der großen Stadt und dem kleinen Dorf?

»Mein Mann, mein Sohn und ich haben immer in der Stadt gewohnt und sind vor ein paar Jahren für einige Zeit aufs Dorf gezogen, um dort ein Studio zu bauen und Musik zu machen; außerdem ist es günstiger. Dort konnte der Junge zu Fuß zur Schule gehen, es gab kaum Verkehr, und alles war relativ sicher. Man lebt entspannter, ohne Hektik oder Trubel. Das ist ein schönes Umfeld, um groß zu werden, doch mit 14 oder 15 Jahren findet man es total langweilig und möchte woandershin. Es hängt natürlich auch davon ab, was man selbst für ein Typ ist und vom Leben möchte. Ich rede oft mit meinem Mann darüber, dass wir gern alle acht bis zehn Jahre umziehen würden; eines Tages könnten wir auch mal nach Berlin übersiedeln, obwohl es da ganz schön viel regnet (lacht). Ich mag am liebsten Südamerika, bloß liegt das so weit weg. Das Leben in einem anderen europäischen Land ist für uns realistischer. So können wir unsere Familie sehen und gleichzeitig woanders sein.«

Fühlst du dich in einer neuen Umgebung schnell zu Hause?

»Ich fühle mich zu Hause, wenn ich unter Menschen bin, die ich liebe. Manchmal begleitet mich meine Familie auch auf Tour. Zudem sind die Jungs aus der Band wunderbar, bei ihnen komme ich mir geborgen vor, also ist es egal, wo wir sind – Hauptsache, wir können zusammen sein und Musik machen. Es gibt natürlich Städte, in denen man sich eher unwohl fühlt, aber trotzdem freut, wenn man dort ist, etwa Moskau. Diese Stadt ist im Vergleich zu den kleinen Niederlanden riesig, noch dazu grau und sowohl in politischer Hinsicht als auch von der Umgebung her sehr rau. Trifft man die Menschen dort allerdings bei den Shows, sind sie total warmherzig, offen und entgegenkommend. Die Leute auf der Straße verhalten sich hingegen sehr argwöhnisch, harsch und unpersönlich. Niederländer beschweren sich zwar viel, aber das Leben hier ist gut. Ich finde diesen Gegensatz sehr inspirierend. Interessant ist außerdem, wie die Moskowiter ihren Alltag organisieren und überleben. Darum geht es auch auf dem VUUR-Album „In This Moment We Are Free – Cities“: Auf Tournee macht man quasi heute in Moskau Station und ist zwei Tage später schon in Rio de Janeiro – ein gewaltiger Unterschied, aber immer noch derselbe Planet. Ich denke viel darüber nach, dass all das menschengemacht ist.«

Welche Stadt hat dein Herz im Sturm erobert?

»Rio! In Holland ist alles so klar und sauber, die meisten haben ein gutes Einkommen. In Rio herrscht totales Chaos, und die Luft ist sehr feucht, sodass ich dort meistens krank werde. Die Stadt gehört nicht zu denjenigen, wo man sich sofort wohlfühlt, aber ich liebe das Essen, die Menschen und die Natur. Die Atmosphäre ist einmalig. Auch wenn man als blonde Frau nachts nicht unbedingt alleine in den Straßen herumlaufen sollte, ist es im Allgemeinen gar nicht so gefährlich. Eigentlich klingt das nicht sehr attraktiv, doch ich fühle mich dort wirklich sehr gut aufgehoben. Berlin gehört auch zu meinen Lieblingsstädten und hat eine tolle Musikszene. Außerdem sind die Deutschen nett, ich mag das Land generell sehr gern.«

Falls du als Weltenbummlerin noch ab und zu in dein Heimatdorf zurückkehrst, wohin zieht es dich dann besonders?

»Ja, das tut es, meine Eltern wohnen noch dort. In ihrer Nähe gibt es einen Ort mit vier oder fünf Fußballfeldern an einem kleinen Wald mit einem Fluss und einem alten Kloster. Da habe ich früher ständig am Wasser gespielt oder bin auf die Bäume geklettert. Heute steht dort ein Gewerbekomplex, aber die Natur ist unberührt geblieben, bloß kommt man leider nicht mehr so einfach dorthin. Jedenfalls war das mein absolut liebster Fleck auf der Welt – und ist es immer noch. Als ich vor einiger Zeit für die Webseite der Region ebenfalls nach meinem Lieblingsort in Sint-Michielsgestel gefragt wurde, konnte ich nach etwa 30 Jahren dorthin zurückkehren. Das war so cool! Ich habe zum Beispiel den alten Baum wiedergefunden, auf den ich immer gestiegen bin, und wusste noch genau, wo ich als Jugendliche heimlich meine Zigaretten verbuddelt hatte (lacht). Auf diesen Feldern war meine ganze Kindheit noch immer erhalten.«

www.annekevangiersbergen.com

www.facebook.com/annekevangiersbergenofficial

Bands:
VUUR
THE GATHERING
Autor:
Isabell Bittner

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