My Hometown


Foto: Dirk Behlau

My Hometown 19.08.2020, 08:00

DARK TRANQUILLITY - My Hometown: Göteborg mit Mikael Stanne

Dass die zweitgrößte schwedische Metropole weit über die Grenzen Skandinaviens bekannt ist, hat auch ganz viel mit der großen, stilprägenden Metalszene der Universitätsstadt an den Ufern des Göta älv zu tun. Zu den Urgesteinen des sogenannten „Gothenburg-Sounds“ zählen neben den Melodic-Death-Pionieren At The Gates und In Flames natürlich auch DARK TRANQUILLITY, die Ende 1989 u.a. von Frontmann Mikael Stanne unter dem Namen Septic Broiler gegründet wurde.

Mikael, wo wurdest du geboren bzw. bist du aufgewachsen, und wo wohnst du mittlerweile?

»Ich kam im Zentralkrankenhaus von Göteborg zur Welt. Die ersten sechs Monate habe ich mit meinen Eltern in Örgryte gelebt, einem der schönsten Vororte in Citynähe. Danach sind wir etwas weiter aus der Stadt rausgezogen, wo ich dann bis zu meinem 19. Lebensjahr gewohnt habe. Mittlerweile lebe ich in Majorna, einem Stadtteil im Westen Göteborgs, in dem viele Künstler, aber auch Arbeitslose wohnen.«

Wo habt ihr euch als Kids die Zeit vertrieben?

»Da es von mir bis ins Stadtzentrum nur 20 Minuten mit der Straßenbahn waren, haben wir uns immer in der City getroffen und dort abgehangen. Da war ich 15, 16. Göteborg ist eine kleine Stadt, aber wir haben hier alles, was wir brauchen.«

Hast du eine oder mehrere Lieblingsbars in Göteborg?

»Ich habe definitiv mehrere Stammkneipen (lacht). Eine davon ist bei mir in der Nähe und heißt Haket. Auch das 2112 zählt zu meinen Favoriten. Heute Abend gehe ich ins 3 Sma Rum, eine kleine Bar, die sich auf belgische Biere spezialisiert hat, aber auch eigenes Bier braut.«

Wo gehst du gerne essen?

»Wenn ich Lust auf Burger habe, gehe ich am liebsten ins 2112 oder ins Rover, wo es auch viele verschiedenen Biersorten gibt. Außerdem gibt es in Göteborg einige coole vegane Restaurants. Eins davon heißt Blackbird und ist praktischerweise bei mir um die Ecke. Außerdem gibt es in meinem Viertel einige gute vegetarische Inder. Ich bin zwar selber kein Veganer oder Vegetarier, esse aber auch nicht sechs Mal pro Woche Fleisch.«

Wo habt ihr euren Proberaum?

»Der ist auch in Majorna und nur zehn Fußminuten von meiner Wohnung entfernt. Da die anderen auch in der Nähe wohnen, haben sie es ebenfalls nicht weit. Wir proben übrigens im Tresorraum einer ehemaligen Bank. Das ist ziemlich cool, da wir dort viel Platz haben und unser Equipment aufgrund der Stahltüren gut gegen Diebstahl gesichert ist. Früher haben wir uns den Raum mit einer anderen Band geteilt, aber die haben wir schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem ist der Raum halbwegs bezahlbar. Vor einiger Zeit haben wir uns darüber unterhalten, wie viele Übungsräume wir in unserer Karriere schon hatten, und kamen auf etwa 16. Angefangen haben wir in der Garage meiner Eltern, bevor wir unseren ersten eigenen Raum bezogen haben. Danach haben wir in einem Jugendzentrum geprobt und danach in einem Bikerclub und diversen Studios. Der Raum, den wir jetzt haben, ist klasse, auch wenn wir nicht mehr so viel proben wie früher.«

Welche Orte in Göteborg sollte man lieber meiden?

»Im Osten der Stadt gibt es ein paar Ecken, die wohl etwas gefährlicher sind. Allerdings habe ich das nur gehört bzw. den Medien entnommen, da ich mich nur in den Gegenden aufhalte, die ich kenne bzw. in denen Freunde von mir wohnen. Es gibt einige Teile von Göteborg, in denen ich selber noch nie gewesen bin, was echt verrückt ist. Manchmal macht es echt Spaß, Tourist in der eigenen Stadt zu sein bzw. einen Umweg zu fahren und dabei zu denken: „Shit, hier war ich ja noch nie!“«

Wo kann man in Göteborg am besten die Seele baumeln lassen?

»Im Hafen ist es echt schön. Vor allem die Gegend um die Brücke herum, die die Stadt mit der Insel Hisingen im Norden verbindet. Da gehe ich auch regelmäßig joggen. Außerdem gibt es dort einige coole Restaurants und Bars. Der Schärengarten (über 20 vor Göteborg gelegene Inseln - buf) ist vor allem im Sommer wunderschön. Wenn ich Besuch aus anderen Ländern habe, miete ich oft ein kleines Motorboot im Hafen und fahre mit meinen Gästen die 15 Minuten aufs Meer raus. Auf den Inseln gibt es zahlreiche schöne Strände, die zum Schwimmen einladen.«

Wie bewegst du dich in Göteborg fort – mit dem Auto, Fahrrad, dem öffentlichen Nahverkehr, zu Fuß?

»Normalerweise laufe ich, aber da ich in den letzten Jahren fauler geworden bin, nehme ich oft den Wagen, obwohl man in Göteborg eigentlich kein Auto braucht. Einige meiner Bandkollegen besitzen deshalb noch nicht einmal einen Führerschein. Außerdem ist der öffentliche Nahverkehr in Göteborg gut. Vor allem die Straßenbahnen sind schnell und bequem. Ich laufe aber wie gesagt lieber oder nehme den Wagen. Heute Abend fahre ich allerdings mit der Tram, weil es regnen soll.«

Mit welchen Bands aus Göteborg seid ihr befreundet?

»Mit vielen. Es ist echt verrückt, wie viele großartige Musiker aus Göteborg kommen und wie viele davon in Lieblingsgruppen von mir spielen. Zum Beispiel meine Doom-Faves Monolord oder meine Power-Metal-Lieblinge Evergrey. Und At The Gates und In Flames kommen ja auch von hier. Außerdem gibt es ständig neue coole Bands. Deshalb versuche ich auch, so viele Shows wie möglich zu besuchen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Göteborg ist eine relativ kleine Stadt, weshalb hier praktisch jeder jeden kennt. Da es nicht so viele Liveclubs gibt, trifft man auf jedem Konzert mindestens 50 Bekannte und Freunde.«

Stichwort Konzerte: Hast du einen Lieblingsclub?

»Sogar mehrere. Der erste heißt Pustervik. Eigentlich ist das ein Club für Rock- und Indiemusik, aber manchmal veranstalten sie auch Metalkonzerte. Der Laden verfügt über eine gute Bühne, der Sound ist großartig, und außerdem ist der Laden ganz bei mir in der Nähe. Dann wäre da noch das Sticky Fingers. Den Club gibt es schon seit einer halben Ewigkeit, und er verfügt über zwei unterschiedlich große Bühnen. Dort habe ich schon zahllose großartige Shows gesehen. Außerdem wäre da noch das Trädgar´n. Das ist die Venue, in der wir auftreten, wenn wir in Göteborg spielen. Da passen 1.200 Leute rein, und der Sound ist fantastisch. Ansonsten muss ich noch den Off-Licence-Underground-Club Truckstop Alaska nennen. Da muss man aber Mitglied sein, um reinzukommen. Im TA spielen die coolsten und obskursten Underground-Bands, die man finden kann. Im Grunde genommen ist das sogar mein Lieblingsclub. Leider wollen die Behörden den Laden, in dem alle ehrenamtlich arbeiten, demnächst schließen, was wirklich sehr, sehr schade wäre. Lokale Retrokapellen wie Graveyard und die Blues Pills sind dort quasi groß geworden, und auch ansonsten treten dort viele coole Space- und Psychedelic-Rock-Bands auf, die von anderen Clubs nicht gebucht werden.«

Wie groß ist die Rivalität zwischen Göteborg und der Hauptstadt Stockholm?

»Natürlich machen wir unsere Späße über Stockholm bzw. Stockholmer, aber zwischen den Bands herrscht keine große Rivalität, auch wenn das laut diversen Journalisten in den Neunzigern mal anders gewesen sein soll.«

Schlägt dir das Wetter – Stichwort: Kälte, Schnee, Dunkelheit – nicht manchmal aufs Gemüt?

»Ein wenig schon, andererseits bin ich ja daran gewöhnt. Außerdem halte ich mich gerne drinnen auf. Manchmal mache ich im Winter einfach die Rollläden runter und verlasse meine Wohnung für ein paar Tage nicht. Glücklicherweise sind wir im schwedischen Winter häufig in Ländern auf Tournee, wo das Wetter deutlich besser ist.«

Könntest du dir vorstellen, woanders zu leben? Wenn ja, wo?

»Eigentlich nicht, auch wenn wir uns darüber erst kürzlich aus Spaß unterhalten haben. Da ich mich in Kanada und Holland am ehesten wie zu Hause fühle, wären die beiden Länder meine erste Wahl. Andererseits freue ich mich immer wie Bolle, wenn ich nach einer Tour oder einer längeren Reise nach Göteborg zurückkehre. Aber wer weiß – vielleicht wandere ich ja in ein wärmeres Land aus, wenn ich eines Tages in Rente gehe…«

www.darktranquillity.com

Bands:
DARK TRANQUILLITY
Autor:
Buffo Schnädelbach

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