Kolumne


Foto: Terry O'Neil

Kolumne 27.10.2021, 08:00

Nachruf: ALAN LANCASTER

7.2.1949 - 26.9.2021

STATUS QUO-Sänger/Gitarrist Francis Rossi beschrieb seinen langjährigen Bandkollegen Alan Lancaster in seiner Biografie als heißblütigen Pitbull, der keinem Kampf aus dem Weg ging und den er selbst als schlaksiger Heranwachsender deshalb gern an seiner Seite hatte. Die beiden Langhaarigen lernten sich 1962 im Schulchor kennen. Der Bassist war zwar einen halben Kopf kleiner als Rossi (was er in den Siebzigern mit modischen Plateauschuhen auszugleichen versuchte), aber kräftig und furchtlos. Als Mitbegründer der Band reklamierte Lancaster zudem eine Führungsrolle, sein pumpender Basssound war ein wichtiger Bestandteil der Siebziger-Phase von STATUS QUO, als diese zu den knackigsten Livebands des Planeten gehörten. Obwohl er aber während der Zugaben stets den ´Roadhouse Blues´ der Doors singen durfte – immerhin das Stück, das den Übergang der Band vom Hippie-Rock zum harten Blues markierte –, stand der Tieftöner als Songwriter und Sänger im Schatten des Erfolgsduos Rossi/Parfitt, auf dessen Kontro zahlreiche Hits gingen. Lancaster zeichnete für eher unauffällige Albumtracks verantwortlich, die jedoch oft leidenschaftlichen Arbeiterklassen-Charme versprühten. Dieses Missverhältnis und die Gier nach immer größeren Charterfolgen der mittlerweile schwer Drogen konsumierenden Band sorgten Mitte der Achtziger zum Bruch mit Alan, der bereits nach Australien gezogen war. Erst 2013 stand er wieder im Rahmen der „Frantic Four“-Reunion-Shows mit STATUS QUO auf der Bühne, als er bereits schwer von Multipler Sklerose gezeichnet war. Für die Fans (und Musiker) der Originalbesetzung waren diese Konzerte wichtiges Seelenbalsam. Im Rahmen der Wiederveröffentlichung der Siebziger-Alben bekam ich Lancaster anschließend sogar als Interviewpartner zugeteilt. Er mochte auf der Bühne wegen seiner Krankheit inzwischen recht zerbrechlich ausgesehen haben, doch seine Statements hatten Feuer. Über die Legende, er hätte mal drei (!) Polizisten am Flughafen ausgeknockt, sodass die Band 24 Stunden hinter Gittern verbringen musste, sagte er: »Natürlich stimmt die Geschichte, die ist ja überall dokumentiert. Die Typen sind mir eben krumm gekommen, diese arroganten Bullen haben Witze über unsere langen Haare gemacht. Da habe ich zugeschlagen.« Und zu seiner Krankheit: »Ich habe keine Multiple Sklerose. Das ist nur dummes Gequatsche. Klinge ich etwa „krank“? Mir geht´s bestens. Ich habe auf der Bühne nur das Bein nachgezogen, weil ich zuvor einen Unfall hatte.«

Das war vermutlich glatt gelogen, aber dann erwähnte er ohne Not ganz bodenständig, dass ich ihn jederzeit in Australien anrufen solle, falls ich noch Fragen hätte. Im Anschluss fragte ich mich ernsthaft, was ich jetzt mit der Telefonnummer eines meiner Jugendidole machen sollte. Ich hätte im Leben nicht gewagt, wieder bei ihm anzuklingeln. Wahrscheinlich spürte er das. Typen wie Alan Lancaster sterben leider aus, das ist einfach nur tragisch… Rest in peace, Mr. Bassman!

Autor:
Holger Stratmann

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