Interview


Pic: Jim Arbogast

Interview 10.09.2020, 11:16

NEAL MORSE - Der Moment der Erleuchtung

Von den globalen Herausforderung des Jahres 2020 bleibt auch ein NEAL MORSE nicht verschont. Zum ersten Mal überhaupt sah sich der ehemalige Spock's-Beard-Mastermind dazu gezwungen, ein gemeinsames Album mit seinen langjährigen Wegbegleitern Mike Portnoy (dr.) und Randy George (b.) ohne persönlichen Kontakt aufzunehmen. Doch nicht einmal die erschwerten Umstände einer Pandemie können den unermüdlichen Meisterkomponisten daran hindern, der Welt ein weiteres großartiges Prog-Epos zu schenken. "Sola Gratia" ist ein religiöses Konzeptwerk über den Apostel Paulus, das zweite "Sola-Album" nach "Sola Scriptura" aus dem Jahr 2007, das alle Qualitäten von Neals Schaffen in sich vereint. Wir verabredeten uns mit dem tiefgläubigen Musiker und werdenden Großvater zu einem entspannten Gespräch über sein neues Album, Gott und die Welt.


Neal, ich habe gehört, dass du bald Opa wirst. Ganz herzlichen Glückwunsch!
»Ja, danke dir! Mein Sohn und seine Frau kamen zu uns und Wil sagte: 'Hey Dad, du musst dir diesen Song anhören!' Das sagt er oft zu mir, wenn er wegen eines neuen Musikstücks aufgeregt ist und es mir vorspielen will. Also nahm er sich eine Gitarre und sie fingen an zu singen. Und der Song handelte davon, dass sie ein Baby bekommen. Meine Frau hat es sofort verstanden, ich nicht (lacht). Aber es war wirklich schön von ihnen, es uns auf diese Weise zu sagen.«

Wie geht es dir denn als Mensch und Musiker angesichts der globalen Situation, die uns jetzt schon einige Monate begleitet?
»Nun, jeden Tag hieß es aufs Neue: Wo sind wir und was können wir tun? Im März und April mussten wir in Quarantäne, weil wir Kontakt zu jemandem hatten, der positiv getestet wurde. Im März dachte ich, ich hätte es, denn ich wurde wirklich krank. Ich war einer der ersten, den sie hier in Nashville testeten, aber das Ergebnis war negativ. Trotzdem fühlten wir, dass wir uns von anderen Menschen fernhalten sollten, deshalb trafen wir uns für eine ziemlich lange Zeit mit niemandem. Ich war wirklich dankbar, dass der Herr mir dieses Album ans Herz legte. So konnte ich, als ich genug Energie hatte und mich nicht mehr schlecht fühlte, an etwas wirklich Spannendem arbeiten. Ich gab alles für dieses Album, es ist also gewissermaßen mein Covid-19-Album.«

Hat dir die Musik also durch die Zeit in Quarantäne geholfen?
»Ja und ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, damit gesegnet zu sein, dass ich auch tatsächlich von Zuhause aus an etwas Bedeutsamen arbeiten konnte. Ich bin mir aber sicher, dass das Album ohne Covid nicht in dieser Form erschienen wäre. Normalerweise treffe ich mich mit Mike und Randy und es kommt zu Veränderungen, wenn wir zusammen in einem Raum arbeiten. Außerdem wollte ich es auf dem Morsefest im September zum ersten Mal live spielen, deshalb beeilte ich mich, um es bis zum 1. Mai zu schreiben, aufzunehmen und abzuliefern. Das alles machte “Sola Gratia" zu dem, was es ist. Tatsächlich ist das das erste Album, das exakt so geblieben ist, wie ich es ursprünglich geschrieben habe.«

Wie war es für dich und auch für Mike und Randy, "Sola Gratia" virtuell aufzunehmen?
»Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich denke, wie vielen Leuten, gefiel es Mike, zu Hause zu sein. Es ist schön, nicht mit dem Flugzeug vorbeifliegen und in einem Hotelzimmer übernachten zu müssen. Ich glaube, es hat ihm wirklich gefallen, von Zuhause aus aufzunehmen. Es ist aber natürlich auch schön, zusammen zu sein. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es niemals wieder so machen.«

Warum hast du dich dafür entschieden, ein Konzeptalbum über den Apostel Paulus zu schreiben?
»Ich spüre es, wenn ein neues Album auf dem Weg ist und dann mache ich mich auf die Suche danach, wie es aussehen soll. Oft denke ich dabei zurück an Ideen, die mir andere Leute gaben. Viele sagten mir, dass ich ein Album über Paulus schreiben sollte. Vergangenen Februar war ich im Urlaub, als ich dieses Gefühl wieder bekam. Also überlegte ich mir, was Paulus wohl singen würde, wie würde das klingen? Im Urlaub kamen mir einige ziemlich gute Ideen, aber ich war noch immer nicht vollständig überzeugt, bis ich nach Hause kam und damit anfing, alles zusammenzufügen. Wenn ich erst einmal eine bestimmte Anzahl an Puzzlestücken beisammen habe, ein Achtel vielleicht, dann ist das für mich genug, um einen Weg einzuschlagen.«

Deine Frau war an der Entstehung von "Sola Gratia" in seiner jetzigen Form auch nicht ganz unschuldig.
»Auf dieser Reise im Februar sprachen wir darüber, was wir auf dem Morsefest machen wollen. Alles, über das wir sprachen, kam uns gut und interessant für viele Leute vor, aber es muss mich auch musikalisch und spirituell fordern. Also dachte ich mir, was, wenn ich einfach etwas Neues schreibe? Obwohl mir das ziemlich verrückt erschien im Februar, denn das Morsefest ist ja schon im September. Schließlich schlug mir meine Frau vor, ein Soloalbum aufzunehmen, wie ich es früher gemacht habe. Sie rief es mir allerdings aus einem anderen Raum zu und ich dachte, sie hätte "Sola"-Album gesagt. Ich fand die Idee ziemlich cool, ein weiteres "Sola"-Album zu machen. Und vielleicht könnte es ja von Paulus und seiner religiösen Verfolgung handeln.«

Wird es in Zukunft also vielleicht zum weiteren Ausbau einer "Sola-Serie" kommen?
»Das könnte sein! Es ist eine interessante Idee. Wenn es sich in den kommenden Jahren wie Gottes Wille anfühlt, werde ich das vielleicht machen.«

Wie hast du dich dem Menschen Paulus für dieses Album angenähert? Wer ist dieser Mann für dich?
»Paulus ist eine wichtige Figur in der Bibel und dem Christentum. Ich wusste vorher schon viel über ihn und hatte einiges gelesen. Ich denke aber, es sind besonders zwei Dinge an Paul, die interessant sind: Sein Antrieb, er ist ein getriebener Mensch. Was auch immer er für richtig erachtet, wird er zu einhundert Prozent in die Tat umsetzen. Wenn er die Christen verfolgt, dann macht er das zu einhundert Prozent. Dazu kommt die Vorstellung, dass er durch einen Moment des Lichts, einer Berührung des Herrn, komplett verändert wird. Das ist total faszinierend und ziemlich unüblich. Mein Weg mit dem Herrn und mein Sinneswandel gingen deutlich gemächlicher vonstatten. Es ist dramatisch und ich liebe es, über dramatische Dinge zu schreiben.«

Diesen Moment der Erleuchtung hast du vermutlich mit dem Song 'The Light On The Road To Damaskus' vertont.
»Ja genau. Das ist ein sehr berühmtes Ereignis. Das Interessante ist, dass ich beim Schreiben keine Ahnung hatte, dass zu dem Zeitpunkt, als Paulus sich auf den Weg nach Damaskus begibt, schon 40 bis 50 Minuten vergangen sein würden. Denn das ist ja gewissermaßen der Beginn seiner Geschichte. Aber als ich das Album schrieb, entwickelte ich die Hintergrundgeschichte mit den Pharisäern und der Steinigung des Stephanus. Manchmal erwachen Musikstücke von selbst zum Leben und du folgst ihnen nur noch. Als wir schließlich zum großen Moment der Erleuchtung auf dem Weg nach Damaskus kamen, fiel mir einfach kein passender Song ein. Das kam mir alles viel zu kitschig vor. (Mit dramatischer Stimme:) Und so sprach der Herr im Himmel (lacht)! Also hielt ich den wahrscheinlich wichtigsten Teil des Albums komplett instrumental.«

"Sola Gratia" ist ein religiöses Album, trotzdem könnte man in der vorab ausgekoppelten Single 'Building A Wall' auch einen politischen Kommentar erkennen. Gefällt dir diese Idee?
»Ich weiß nicht, ob es mir gefällt. Einer der Gründe, warum ich mich von Politik fernhalte, ist, dass sie dazu tendiert, die Menschen zu spalten. Ich möchte aber alle Menschen erreichen, egal ob du konservativ oder liberal bist. Ich habe meine eigenen politischen Meinungen, aber sie haben keinen Einfluss auf meine Arbeit. In 'Building A Wall' schrieb ich über die religiöse Führerschaft zur Zeit von Jesus und Paulus. Die Pharisäer wollten, dass die Dinge so bleiben, wie sie waren und sich selbst von den anderen abgrenzen. Jesus aber reißt all das nieder und sagt, dass von jeder Herkunft, jedem Stamm und jeder Sprache alle willkommen sind.«

Für 'Building A Wall' hast du sogar die Schlagzeug-Parts selbst eingespielt. War Mike Portnoy nicht gut genug für den Song?
»(Lacht.) Manchmal spürt man etwas namens "Demo-Liebe". Darüber sprechen wir in der Neal Morse Band sehr oft. Mike hatte seine Drum-Aufnahmen erledigt und als ich sie in die Session einfügte, waren etwa fünf Tage vergangen und Mike mit etwas anderem beschäftigt. Ich rief ihn an und sagte ihm, dass ich das Schlagzeug bei 'Building A Wall' gerne etwas simpler hätte. Manchmal gefällt es mir, wenn etwas ein bisschen so klingt, als hätte es ein Anfänger eingespielt (lacht). Also fragte ich Mike, ob er den Song noch einmal aufnehmen würde, er wollte aber nicht. Mir gefielen die ursprünglichen Demo-Drums eigentlich ziemlich gut und damit war er einverstanden.«

Du wirst in Zukunft aber nicht den Schlagzeugposten an dich reißen?
»(Lacht.) Oh nein! Er ist der Mann, wie wir alle wissen. Er und kein anderer.«

Am 18. und 19. September wirst du "Sola Gratia" auf dem Morsefest zum ersten Mal live vorstellen. Die Veranstaltung wird allerdings nur mit einer stark begrenzten Teilnehmerzahl und ansonsten als Live-Stream stattfinden. Wie fühlst du dich dabei, wenn du jetzt daran denkst?
»Es ist ziemlich einschüchternd, dass es einen Live-Stream geben wird. Wenn wir irgendetwas komplett vermasseln, werden wir daran nichts mehr ändern können. Das ist eine Herausforderung. Aber ich probe viel und vertraue auf Gott, dass es gut werden wird.«

Könntest du dir diese Art, das Morsefest zu veranstalten, als Zukunft der Live-Musik vorstellen oder sollte es besser eine einmalige Erfahrung bleiben?
»Es ist eine einmalige Erfahrung. Ich meine, wir alle, die ganze Welt wartet darauf, dass alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Es ist viel besser, zusammen zu sein.«

www.nealmorse.com

www.facebook.com/nealmorse

Bands:
NEAL MORSE
Autor:
Simon Bauer

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