Kolumne


Foto: Moritz Thau

Kolumne 27.10.2021, 08:00

Nötes Of A Dirty Old Fan: Dann kam die Nacht

Nach gut anderthalb Jahren mal wieder ein richtiges Open Air mit meinen Braunschweiger Lieblings-Dräschern Headshot. Ich war spät dran, aber die Krokoszinski Sicherheitsdienst GmbH & Co. KG ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, kontrollierte skrupulös den Perso, meinen Sklavenpass mit Chipnachweis und fragte schließlich auch noch, ob mir Mami genügend Geld mitgegeben habe. „Woher weiß er das?“, überlegte ich, drohte aber spielerisch mit dem Zeigefinger. „Mein lieber Krokoszinski.“

„Schnutenpulli!“, befahl er. „Bei einem Open Air?“ Er hob messianisch die Hände. „Es sei denn, du hast gleich ein Wolters vorm Hals und hörst am besten gar nicht wieder auf.“ Als ich das Gelände betrat, sah ich, dass er das allen anderen vor mir auch schon geraten hatte. Die gut 200 Festivalgäste zeigten sich sehr gelehrig: Zwei lagen schon lang, mit dem Kopf nach unten, und der Rest arbeitete daran. Endlich wieder zu Hause.

Die Veranstalter hatten freundlicherweise Klappstühle aufgestellt. Man ist das Rumstehen auf Festivals nicht mehr gewohnt. Ich ging direkt zur Bühne und rief meinen Headshot-Buddies Till und Olaf ein paar aufmunternde Worte zu. „Kann losgehen, bin da!“ – „Das gibt Sicherheit“, erwiderte Till nickend und rödelte gleich mit der perfiden Grazie eines Abbruchhammers drauflos. „Es ist mir ein inneres Blumenpflücken“, ließ Shouterin Dani zur Begrüßung vernehmen, sang aber den Rest des Abends so, als ob sie uns fressen wollte.
„Dani, ich will ein Rind von dir“, schrie ein Irrer aus der vierten Sitzreihe. Die gekrümmte Haltung verriet seine Angst: Startposition. Falls sie von der Bühne runterkam, um ihn zu holen, wäre er längst auf der Flucht. In ihrer Langmut aber brüllte sie ihn bloß nieder: „DU SCHWEIN!“ Er war gewarnt.

Headshot brachten die Sitzreihen ausgelassen zum Schunkeln. Wer noch Haare hatte, ließ sie kreisen. Zwei besonders frenetische Fans falteten Papierflieger mit Songvorschlägen und ließen sie gen Bühne segeln. Die Krokoszinskis steckten die Köpfe zusammen und beratschlagten, ob sie eingreifen mussten. Einem Metalhead standen dicke Kullertränen in den Augen, weil er endlich mal wieder eine richtige Packung bekam. Und er nutzte eine Pause zwischen den Songs, um sein Lebensglück hinauszuschreien. „UNTENRUM.“

Dann kam die Nacht. Die Lightshow sorgte für ein bisschen Muckeligkeit, Headshot legten ein paar Klafter Holz nach, und das Festivalvolk strömte zur Bühne, um sich die Beine und Hälse zu vertreten. In meinem Überschwang riss ein Gummi, die Maske schlabberte wild im Schallwind. Die aufmerksamen Herren vom lokalen Metal-Club Hotel 666 sind aber bekannt für ihr ausgeprägtes Helfersyndrom. Sie kamen gleich angelaufen und hatten mir, ehe ich mich versah, mit extrabreitem Panzerband die Maske am Ohr festgetapt. „So!“, riefen sie begleitet von Olafs trügerisch einschmeichelnder Leadgitarre. „Die hält erst mal ´ne Weile!“ Sie freuten sich außerordentlich. Der Segen, der im Helfen liegt – ich glaubte, ihn in ihren Augen lesen zu können. Bis ich die Maske später wieder abnehmen wollte…

Autor:
Frank Schäfer

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