Kolumne


Foto: Moritz Thau

Kolumne 28.04.2020, 08:00

Nötes Of A Dirty Old Fan: Krosse Kerle

Till ruft an und fragt, ob ich am Wochenende was vorhätte. Wenn mir meine Leute so kommen, wollen sie meistens irgendwohin chauffiert werden. „Nee du, tut mir leid, mein Sohn hat ein Handballspiel, ich muss die Hecke schneiden, und außerdem bin ich bei einer Grappa-Verkostung.“

„Schade, du hast doch so ein Mörder-Organ, das hätten wir gut gebrauchen können. Wir sind im Studio, und am Wochenende ist das Backing-Gegröl dran.“ Till ist, wie man wissen muss, das Tier hinterm Schlagzeug der Death-Thrasher Headshot, die längst einen Major-Deal in der Tasche hätten, wenn es auf der Welt Gerechtigkeit gäbe.

„Lässt sich alles verlegen. Bin dabei!“

„Sehr gut, das ist die richtige Einstellung“, lobt er. „Könntest du fahren?“

Ich spediere also einen Teil der Band nach Langelsheim im Vorharz, wo sich Jost Schlüters Tonstudio pure sonic befindet. Headshot und er kennen sich seit Jahrzehnten, also werden erst mal ein paar Bier geöffnet und eine Tüte „Krosse Kerle“ herumgereicht. Ein paar Minuten später kommt auch schon Till mit einer weiteren Wagenladung Backing-Röhren im Gepäck. Die etatmäßige Sängerin Daniela ist auch dabei und mit Abstand der Krosseste Kerl von allen – was ich jetzt wirklich nur auf ihre Stimme bezogen meine.

Jost, der alte Studio-Fuchs, bildet zwei Gruppen, damit ein wenig kompetitive Energie fließt. „Ihr seid das Geschwader Gold“, bestimmt er und zeigt auf Daniela, den Bassisten Ben und mich. „Und Marc, Till und Fränky, ihr seid Geschwader…“ – „Braun“, fällt mir ganz spontan ein.

Jost nickt zufrieden. Die drei Carusos knurren obszöne Beleidigungen.

Schließlich geht es los. Wir blöken wie Yetis nach dem ersten Schnee. „BURNING… FASTER… SCREAMING… DYING!“ Reine Poesie. Daniela schreit Ben von der Seite an, sein Pony flattert im Wind. Im Verbund mit ihr klingen wir wie die gut besetzte Südkurve von Eintracht Braunschweig.

Till, Marc und Fränky rauchen wie Fabrikschornsteine, tanken Angstbiere nach, und die Tüte mit den Krossen Kerlen wandert hektisch von Hand zu Hand. Sie haben nicht den Hauch einer Chance. „Geschwader Goldkehlchen zieht spielend vorbei“, feixt Daniela. Da erfährt auch schon der nächste Song seine Veredelung, wir dürfen fast schon ganze Sätze möllern. „DOWN FOR LIFE… SACRIFICE… TILL YOU DIE!“ Shakespeare! Oder mindestens Venom.

Daniela geht schnell zwei rauchen, um bei Stimme zu bleiben. Weitere Runden folgen. „Es heißt DENIED“, lässt sie Fränky auflaufen, „und nicht DIE NAHT!“ Nach drei Stunden sind die Backing Vocals im Kasten. Viel zu früh.

„Dann kann ich ja doch noch ein Gitarrensolo spielen“, versuche ich mein Glück. Till gibt mir Zeichen. Ein Schnitt durch die Gurgel? Wieso? Jetzt sehe ich es. Headshot-Leadgitarrist und Hauptkomponist Olaf steht kurz davor, wie ein Polen-Böller hochzugehen.

Jost behält einen klaren Kopf. „Alter, das Album ist richtig gut geworden, mach es nicht kaputt!“ Ich gebe mich geschlagen, öffne eine neue Tüte Krosse Kerle und konzentriere mich auf das, was ich am besten kann: die Band nach Hause fahren.

Autor:
Frank Schäfer

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