Kolumne


Foto: Moritz Thau

Kolumne 27.01.2021, 08:00

Nötes Of A Dirty Old Fan: Vater und Sohn

Bevor ich die heilige Scheiße aus meiner ersten Nippon-Stratocaster herausprügeln konnte, war ich bereits ein ganz passabler Gitarrenheld... auf dem Tennisschläger. Van-Halen-Tapping-Arabesken, gefühlvoll melodisches Spiel wie Schenker, klassizistische Malmsteen-Skalen – das alles ging mir locker von der Hand, und der große Ankleidespiegel war eine Art Durchgangstor zum ausverkauften Hammersmith Odeon.

So schlang ich also nach der sechsten Schulstunde meinen Linseneintopf herunter, zog mich in meine Zwölfquadratmeter-Konzertarena zurück, nahm die Kelle zur Hand und ließ meine Gesichtszüge entgleiten. Nach einer Weile riss mein Vater die Tür auf. Weil die Boxen ballerten, hatte ich sein Gebrüll aus dem unteren Flur nicht gehört, also war er wütend und mit pochender Halsader die Treppe heraufgerannt. Als er mich jedoch sah, wurde sein Blick auf einmal ganz sanft. „Telefon… und mach leiser, das hält ja kein Mensch aus!“ Am nächsten Tag nahm mich meine Mutter zur Seite. „Es ist mittlerweile überhaupt keine Schande mehr, wenn man zum Nervenarzt geht“, sagte sie. „Nur mal zum Durchchecken.“

Die beiden waren einigermaßen beruhigt, als wir den Partykeller meines Onkels mit Instrumenten und Verstärkern zustellten, woraufhin das Grimassieren plötzlich so etwas wie einen Sinn erhielt. Mein Vater avancierte nicht unbedingt zu einem Fan, besuchte uns aber eines Tages beim Babysitten mit seinem Enkel im Proberaum. Der Kleine fing sofort zu weinen an – und schüttelte den Kopf. „Kinder und Besoffene sagen die Wahrheit.“

Ein paar Monate später hatten wir einen Auftritt zu irgendeinem Jubiläum unseres Heimatdorfs. Meine Eltern stellten sich angemessene hundert Meter entfernt vor der Bühne auf und blieben immerhin drei Songs lang: ein Liebesbeweis. Am nächsten Morgen sah mich mein Vater verkatert am Frühstückstisch sitzen. „Wie wisst ihr eigentlich bei dem ganzen Durcheinander, wann ein Lied vorbei ist?“, fragte er, ging nach unten in seine Werkstube und schnüffelte Kleber. Er war Schuhmacher von Beruf.

Ich sagte nichts, weil ich halbwegs glimpflich davongekommen war. Ein paar Songs später hatte das Konzert nämlich ein unrühmliches Ende gefunden. Zwei von uns waren im Überschwang von dem als Bühne verwendeten Gummiwagen gekippt, die Hälse ihrer Gitarren bis zum Korpus im Boden verschwunden. Dieses epische Malheur sprach sich natürlich bald im Dorf herum. „Wir haben wohl doch was verpasst“, meinte mein Vater nach ein paar Tagen mit fast – aber nur fast! – respektvoller Miene.

Als die Band schon lange Geschichte war, zog er mich immer noch gern mit unserer „Musik“ auf. Er musste keine Anführungszeichen in die Luft setzen, sondern schaffte es durch bloße Betonung. Nach seinem Tod suchte ich in seinen Unterlagen nach einer Mappe, in der er heimlich alle Zeitungsausschnitte und Konzertflyer gesammelt hatte. Es gab keine. Er fand uns wirklich scheiße. Er fehlt mir.

Autor:
Frank Schäfer

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