Festivals & Live Reviews

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GOTTHARD , THE NEW ROSES , STINGER , KISSIN' DYNAMITE , DORO , FREEDOM CALL - PYRASER CLASSIC ROCK NIGHT 2017

Bereits zum neunten Mal fand dieses Jahr auf dem Brauereigutshof des fränkischen Dorfs Pyras die "Classic Rock Night" statt. Ein kleines eintägiges Festival mit jeweils fünf Konzert-Acts, das als Geheimtipp mit stets auffällig starkem Line-up begonnen und sich über die Jahre zur bestens besuchten Traditionsveranstaltung gemausert hat.??

Hier waren mit Saxon, Accept, Doro, D-A-D, Rage und Axel Rudi Pell schon einige namhafte Kapellen zu Gast, die sich auf der Bühne unter der großen Scheune die Ehre gaben. Das offene Gelände des Hofes fasst rund 3000 Besucher und bietet mit zahlreichen Bierbankgarnituren Sitzgelegenheiten zwischen oder auch während der Auftritte der Bands und kann in puncto preiswerter Getränkeversorgung einige Pluspunkte einfahren. Im hinteren Bereich des Brauereigeländes spielt mit Human Touch außerdem über den kompletten Tag eine Coverband - für diejenigen, die es gerne ruhiger angehen lassen. Auch diesmal ist die Veranstaltung wieder mit brütenden sommerlichen Temperaturen gesegnet, die sich wunderbar mit den erstklassigen Bands ergänzen. Das Schild "Restlos ausverkauft" am Eingang spricht dazu eine mehr als deutliche Sprache...

Das erste Kapitel dieses bestens aufgestellten Tagesverlaufs markieren die Allersberger STINGER, die eine Nichterwähnung selbstverständlich nicht verdient haben. Im Gegenteil. Als ich das Pyraser Brauereigeländes etwas verspätet betrete, springt einem die stark an Bon Scott angelehnte kratzige Powerröhre des Sängers förmlich entgegen. Durch die fehlende Erwähnung auf dem offiziellen Festivalposter war die Teilnahme der Band heute allerdings leider vollkommen an mir vorübergegangen und ich bekomme nur noch die letzten Songs des erdigen Hardrock-Spektakels mit. Wie die Band selbst auf ihrer Website schreibt: "Stinger spielen AC/DC nicht einfach nur nach – sie zelebrieren die ursprüngliche Idee ihres Vorbilds mit Respekt!" Was da heißen mag: Den Geist des puren, handgemachten Rock'n'Rolls der Australier in seiner Ursprungsform auszukosten. Da ist es kein Wunder, dass sich Stinger bereits zu dieser verhältnismäßig frühen Zeit ihre beachtliche Anhängerschaft vor die Bühne geholt hat. Ein energiegeladener Auftakt, der Lust auf mehr macht.

Die Wiesbadener Hardrocker THE NEW ROSES starten als erste Band des Line-ups in den Tag, sind mittlerweile aber keineswegs als unbeschriebenes Blatt abzustempeln. Die Hessen können mit ihren beiden Studioalben "Without A Trace" (2013) und "Dead Man's Voice" (2016) bereits auf ein auffallend starkes Songrepertoire zurückgreifen und locken dementsprechend schon eine große Anzahl Menschen von den bequemen Bierbänken. Dass die Truppe um ihren charismatischen Frontmann Timmy Rough viel Herzblut und Leidenschaft in ihre rauen Hymnen legt, wird heute unter dem aufgeheizten Holzdach des Pyraser Brauereigutshofs mit jedem Tropfen Schweiß spürbar deutlich. Mit explosiver Hingabe starten die Rosen mit der "Dead Man's Voice"-Single 'Thirsty' und einem stimmlich beängstigend genial aufgelegten Timmy Rough in ihr Set. Der rotzt sich mit seiner Whiskey-Röhre nämlich spielerisch und ohne Umwege in die Classic-Rock-Herzen aller Anwesenden. Kracher wie 'Whiskey Nightmare' oder 'Devil's Toys' halten die hochenergetische Qualität des Auftritts durchgehend, während das leidenschaftlich aufspielende Quartett vollkommen natürlich auf der Bühne agiert. Und als besonderes Schmankerl werden dem feierwütigen Publikum mit 'Every Wild Heart' und 'One More For The Road' auch noch zwei vielversprechende neue Songs der am 25. August erscheinenden Platte "One More For The Road" präsentiert. Der Gewinner des Tages steht also grob genommen schon um 15:45 Uhr fest.

Außerdem machen FREEDOM CALL gleich im Anschluss so ziemlich alles falsch, was noch eine halbe Stunde zuvor euphorisch den Schweiß von den Holzbalken tropfen ließ. Verweht ist das Gefühl von handgemachtem Rock'n'Roll und energiegeladener Leidenschaft, als kitschiger Plastik-Metal die Brauerei erfüllt. Dabei wären manche der gefälligen Melodien und die instrumentalen Fertigkeiten der fränkischen Happy-Metaller nicht einmal übel, würden die Herren um Frontsirene Chris Bay ihre konstant im Uptempo abgeklapperten Mitsing-Schunkler nicht derart kraftlos und künstlich vom Band herunterknödeln. Und dann ist da noch das Problem mit der Stimme: Chris Bays meist in den höchsten Tonlagen angesiedeltes Sangesorgan ist ja schon auf Konserve ein eher zwiespältiges Unterfangen. Hier und heute live jedoch versucht der theatralisch herumhampelnde und etwas übereifrige Frontmann in stimmliche Höhen vorzudringen, die leider viel zu selten wirklich sitzen. Diese gruselige saft- und kraftlose Überdosis Zuckerwatte lässt schließlich nicht nur mich kopfschüttelnd und vorzeitig ins Freie flüchten.

Glücklicherweise steigt die Qualität bei KISSIN' DYNAMITE im Anschluss wieder rapide, als das blutjunge Powerquintett seinen hitlastigen Hair-Metal auf die Bretter schmettert. Schon zum dritten Mal geben sich die Schwaben hier im beschaulichen Pyras die Ehre und scheinen mit jedem Auftritt und ihrem aktuellen Scheibchen "Generation Goodbye" (2016) erwachsen geworden zu sein. Das Publikum drückt aus allen Altersklassen vor die Bühne und feiert ausgelassen zu ordentlich krachenden Titeln wie 'Money, Sex And Power', 'Flying Colours', 'I Will Be King' oder 'DNA'. Man fragt sich wirklich, wo der Weg dieser Band in Zukunft noch hinführen soll, die sich aktuell auf dem absoluten Siegeszug ihrer Karriere befindet.

Die Vorfreude auf DORO ist nach dem starken Auftritt von Hannes Braun und Co. sogar noch größer, viele der Anwesenden verlassen die Scheune gar nicht erst wieder. Und auch hier ist das Phänomen zu beobachten: Sobald unser aller Metal-Mutti mit einer dramatischen Ansage auf die begeisterte Menge losgelassen wird, gibt es kein Halten mehr. Die Setlist setzt sich aus zahlreichen alten Warlock-Klassikern (mehr) und einigen neuen Stücken (weniger) zusammen und zündet ein mächtiges schwermetallisches Feuerwerk. Doro selbst ist wie immer bei bester Stimme und vor allem bester Laune und sorgt schon mit dem eröffnenden 'Raise Your Fist In The Air' dafür, dass ihr die Leute aus der Hand fressen. Die Balance zwischen laut und leise, schnell und langsam gelingt nahezu perfekt. Da dürfen natürlich auch die üblichen Verdächtigen 'All We Are', 'We Are (The Metalheads'), 'Für Immer' (dessen Text einfach nicht besser wird) und das Judas-Priest-Cover 'Breaking The Law' nicht fehlen, die auch nach dem x-ten Mal hören zum gepflegten Ausrasten bei den Fans führen. Dazwischen bringen Warlock-Banger wie 'Hellbound' oder 'Burning The Witches' Bewegung in die Nackenmuskulatur und lassen die Augen aller Achtziger-Fanatiker aufleuchten. Ein unbändig starke Show, die bis dahin definitiv eines Headliners würdig ist.

Dagegen haben GOTTHARD als Headliner des Abends anfangs einen eher schweren Stand, auch wenn die Schweizer mit 'Silver River' vom aktuellen Album knackig in ihr Set einsteigen. Schon hier wird allerdings schnell klar, wieso die Rocker um Gitarrist Leo Leoni und den mittlerweile auch nicht mehr so neuen Fronter Nic Maeder heute über Doro gesetzt sind. Sie sprechen schlicht und einfach ein breiteres Publikum an, ein Gotthard-Fan muss nicht zwingend auch ein Metalfan sein. Somit liegt die Menge den Schweizern von Anfang an zu Füßen, eine junge Frau vor mir scheint den charismatischen und grundsympathischen Maeder mit gefalteten Händen und verklärtem Blick regelrecht anzubeten. Glücklicherweise greift der Fünfer heute auch gerne tiefer in die Schatzkiste der Diskografie und bringt mit 'Mountain Mama', 'Firedance', 'Sister Moon' und 'Lift U Up' einige der stärksten Tracks der Steve-Lee-Ära (R.I.P.) ins Spiel. Auf die charakteristischen (und hochqualitativen) Schmachtfetzen darf natürlich auch nicht verzichtet werden, bei denen jedoch gut die Brücke zwischen alt ('One Life, One Soul') und neu ('Remember It's Me') geschlagen wird. Ein grundsolider Auftritt mit herausragenden Momenten und einem sympathischen Frontmann, auch wenn Fräulein Pesch heute wahrscheinlich der bessere Headliner gewesen wäre.

Vom abschließenden Auftritt der als Mitternachts-Special angekündigten LUCIFER'S FRIEND kann ich mir im Anschluss leider kein Bild mehr machen. Gebunden an eine Fahrgemeinschaft steht nach dem Auftritt von Gotthard für mich die Abreise an. Nichtsdestotrotz haben die bereits 1970 (!) gegründeten Lucifer's Friend jetzt die Aufgabe, dem Headliner eine würdige Show nachfolgen zu lassen. Viele Fans zeigten sich im Vornherein euphorisch, die Urgesteine wieder live erleben zu können und sprechen von einem würdigen und gelungenen Auftritt. Schade, ich habe es leider verpasst, mir selbst einen Eindruck davon zu machen.

Man darf gespannt sein, wie sich die Pyraser Classic Rock Night in den kommenden Jahren weiter präsentieren wird, nachdem die Nachfrage mit jedem Mal größer zu werden scheint. Wenn es auf diesem Booking- und Organisationsniveau weitergeht, dürfte der Ansturm auf eines der gemütlichsten Mini-Festivals Deutschlands in Zukunft auf jeden Fall nicht nachlassen, ganz im Gegenteil.

Pic: Simon Bauer

Bands:
DORO
KISSIN' DYNAMITE
GOTTHARD
FREEDOM CALL
STINGER
THE NEW ROSES
Autor:
Simon Bauer

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