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Foto: Jason Quigley

ToneTalk 28.07.2021, 08:01

RACER X MR. BIG - »Musik physisch zu erleben, ist schwierig, wenn man nur vorm Computer hockt«

Eigentlich sollte man Interviews mit PAUL GILBERT nicht transkribieren und abdrucken, sondern so veröffentlichen, wie sie mitgeschnitten wurden – am besten gleich audiovisuell, falls es wie in unserem Fall so geschehen ist, denn dann könnte jeder den 54-Jährigen beim Singen und Dudeln auf dem runden Dutzend Gitarren bewundern, mit denen er sich zu diesem Anlass umgeben hat. Wir dokumentieren das ton- und wortreiche Treiben notgedrungen mit „Regieanweisungen“.

Paul, für dein neues Soloalbum „Werewolves Of Portland“ hast du neben der Gitarre erstmals sämtliche Instrumente selbst im Studio eingespielt, und wir reden hier nicht von Punkrock. Musstest du dir dafür zunächst bestimmte Fähigkeiten aneignen?

»Also, Schlagzeug spiele ich schon sehr lange, falls du in erster Linie dieses Instrument meinst, denn mit Bässen weiß man sich ja als Gitarrist meistens sowieso zu helfen. Ich trommelte schon als kleiner Junge auf allen möglichen Gegenständen herum, bis ich endlich ein Drumkit bekam. Auch später blieb ich daran interessiert und bat beispielsweise Pat (Torpey – as) von Mr. Big, mir Doppelschlagwirbel beizubringen, und Jeff Martin (Racer-X-Sänger, auch Drummer – as) zeigte mir Tricks von Leuten wie Led Zeppelins John Bonham oder Hendrix-Drummer Mitch Mitchell. Mit Tasteninstrumenten setzte ich mich zum ersten Mal während der Produktion von Mr. Bigs Debütalbum auseinander, als ich im Studio gerade nichts aufnehmen musste. Dort stand ein Flügel herum, und ich hatte schon Klavierstücke auf der Gitarre gespielt, also versuchte ich, sie quasi zurück zu übertragen. Obwohl ich kein berauschender Techniker bin, finde ich mich auf dem Manual zurecht, und um Akkorde zu greifen, mit denen man Songs flächig untermalen kann, reicht das.«

Basslinien werden aber gerade dann richtig gut, wenn sie nicht der Gitarre folgen.

»Das stimmt fast uneingeschränkt, hängt aber teilweise auch von der Stilistik ab, denn im Funk oder Pop allgemein wird eigentlich nie unisono gespielt, das ist so ein Metal-Ding (spielt das Hauptriff von Black Sabbaths ´Iron Man´ an). Die Gitarre nimmt bei eher softer Musik häufig nur eine untergeordnete Rolle ein, wenn statt fetter Zerr-Akkorde Single Notes oder zweistimmige Harmonien gespielt werden; nicht selten ist dann der Bassist der Star. Manchmal tue ich mich tatsächlich schwer damit, geeignete Bass-Licks auszuarbeiten, wenn ich wie für dieses Album songorientiert komponiere.«

Hast du im Zuge dessen ein neues Bewusstsein für Rhythmik entwickelt? Der Bass schlägt ja praktisch eine Brücke vom Drummer zu den Melodieinstrumenten.

»Schlagzeugspielen ist für mich einfach eine Spaßsache, aber ich habe es auf dem neuen Album ungewollt verkompliziert, da die Stücke etliche Tempowechsel enthalten. Verschiedene Grooves kann ich für sich genommen problemlos spielen, aber einige Übergänge waren während der Aufnahmen wacklig, etwa wenn ich von einem Shuffle über mehrere Fills zu einem Sechsachteltakt wechseln musste (klopft und schrammelt sich knapp drei Minuten lang durch den Opener ´Hello North Dakota!´). Das hat eine Menge Zeit gekostet, ich musste mir einen Klick programmieren. Iron Maiden und Black Sabbath waren in dieser Hinsicht für ihre Zeit bemerkenswert (brummt das langsame Intro und den flotten Schlusspart von ´Sweet Leaf´).«

In richtigen Bands passiert so etwas ja gern beim Jammen, aber wie hast du es als Einzelmusiker geschafft, ein organisches Feeling zu erzeugen?

»Ich habe mich auf meine Anfangszeit berufen, denn früher waren die Lieder meiner Lieblingsbands Vorlagen für meine eigenen Songs, und wenn man versucht, andere Musiker nachzuahmen, schreibt man fast automatisch so wie sie. Außerdem versetze ich mich in einen Sänger, der seinen Platz zwischen den Instrumenten finden muss; ich habe mir also Texte ausgedacht, obwohl „Werewolves Of Portland“ ohne Gesang auskommt, zum Beispiel für ´Argument About Pie´. Nachdem mir der Titel eingefallen war, überlegte ich, welche Melodie zu einem Streit über Kuchen passen könnte (spielt das Lead der Nummer und singt): „You can never get into an argument about pie…“ Sobald ich die richtigen Töne gefunden habe, brauche ich keine weiteren Worte mehr. Wenn man denkt wie ein Sänger und darauf achtet, dass die Musik sozusagen atmet, bewahrt man sich auch davor, zu schematisch zu arrangieren; gerade Gitarristen neigen schnell dazu, nur Power Chords hin und her zu schieben oder reine Fingerübungen für einfallsreich zu halten.«

Da diese Texte nie veröffentlicht werden, müssen sie auch nichts bedeuten, oder?

»Nein, mir geht es um die Musik als solche, und obwohl schlaue Texte etwas für sich haben, finde ich sie letzten Endes nebensächlich, solange mich ein Song anspricht. Sie müssen zu einer Gitarren-Hook passen, und mitunter ist lediglich die Kombination der Laute ausschlaggebend, nicht ihre inhaltliche Bedeutung. Die menschliche Stimme darf wie ein zusätzliches Instrument funktionieren, und mal ehrlich: Wie viele Radiohörer achten konzentriert auf Lyrics?«

Erinnerst du dich an einen Moment in deiner Karriere, der dich vom Griffbrett-Hochleistungssport auf liedhaftes Komponieren gebracht hat?

»Das war vielmehr ein fließender Übergang, kein plötzlicher Sinneswandel. So etwas wie eine Erleuchtung hatte ich aber trotzdem, als ich ein Konzert von Todd Rundgren besuchte und das Stück ´Hawking´ (von „Nearly Human“, 1989) hörte (spielt und singt die ersten paar Takte). Es ist sehr langsam, fast Gospel, und mir sind die Tränen gekommen; ich habe acht Minuten lang geheult, denn die Band ließ sich genüsslich Zeit, wie um mich zu quälen (lacht). Ich war fassungslos, so tief hatte mich Musik bis dahin nie berührt. Von dem Abend an hörte ich mir Sachen der Beatles oder von Elton John, die ich immer gemocht hatte, noch aufmerksamer an, um von ihnen zu lernen, wie man andere Menschen mit Songs ergreift. Dabei entdeckte ich insbesondere „Pet Sounds“ von den Beach Boys (1966 – as) neu für mich, denn wenngleich ich natürlich Tracks wie ´Wouldn´t It Be Nice´ aus dem Radio kannte, waren mir die Höhepunkte bislang entgangen; Mollseptakkorde mit verminderter Quinte wie in ´God Only Knows´ hatten mir nie gefallen, weil sie mir zu jazzig klangen, doch hier ergaben sie sehr viel Sinn (zockt mal eben fast das ganze Lied). Für ´Green-Tinted Sixties Mind´ von Mr. Big habe ich mich daran orientiert (die Nummer kommt auch beinahe zur Komplettaufführung).«

Hast du weitere Songwriting-Helden?

»Mein absoluter ist Burt Bacharach, auch was seine Arrangements angeht. Die sind fast schon progressiv, denn er hat diese Eigenheit, manche Takte in Stücken, die auf einem durchgängigen Vierviertel-Groove beruhen, um eine zusätzliche Viertelnote zu erweitern, ohne dass man beim Zuhören ins Stolpern kommt.«

Wenn du das alles so erklärst, vermutet man, dass du dich vielleicht gar nicht mehr mit dem Image des Gitarrenvirtuosen oder „Musikers für Musiker“ wohlfühlst.

»Ach was, man kann die Meinung der Leute nicht ändern, und eigentlich ist mir das egal. Ich bin dankbar dafür, auf eine erfolgreiche Musikerkarriere zurückblicken zu dürfen, bei der ich auch nach Jahrzehnten noch kein Ende kommen sehe. Als Teenager wollte ich noch Rockstar werden und Erwartungen anderer erfüllen, aber so etwas gewöhnt sich wahrscheinlich jeder Mensch ab, wenn er älter wird. Mein Ruf hat mir ja auch ermöglicht, andere zu unterrichten, was mir von Anfang an Freude bereitet hat und weiterhin viel bedeutet.«

Als Lehrer kannst du sicherlich erklären, inwiefern sich die Bedürfnisse und Schwächen angehender Instrumentalisten abhängig von YouTube-Tutorials und dergleichen mit der Zeit verändert haben.

»Viele müssen an ihrem Timing-Gefühl arbeiten, das kann dir nämlich kein Internetclip beibringen. Ich rate meinen Schülern deshalb, beim Mitzählen einen Fuß zur Hilfe zu nehmen, statt zu einem Metronom zu üben, denn dabei entwickelt sich eine engere Verbindung zwischen Körper und Instrument. Das sind solche Grundlagen, die den Leuten bei all der Effekthascherei abgehen, sie verlieren das Wesentliche aus den Augen und tun sich selbst mit simplen Scorpions-Riffs schwer (schrubbt flugs ´Rock You Like A Hurricane´). Die Basics werden also sträflich unterschätzt, und bisweilen meint man, die Kids könnten nicht bis vier zählen (lacht). Manche kennen nicht einmal das Gefühl, im Proberaum von den Boxen angeblasen zu werden, denn Musik physisch zu erleben, ist halt schwierig, wenn man nur vorm Computer hockt.«

Im stillen Kämmerlein stößt man irgendwann an Grenzen, die organisch miteinander kommunizierende Musiker gar nicht kennen, selbst wenn man alles „richtig“ macht.

»Kann man so sagen. Heutzutage krebsen wirklich viele allein vor sich hin und können auch gar nicht musikalisch auf andere eingehen. Wenn ich dann im Unterricht lautmalerisch begreiflich machen will, wie etwas betont werden soll, handle ich mir komische Blicke ein (wird kurz zur menschlichen Beatbox). Wer nicht in einer Band spielt, braucht sich niemandem mitzuteilen und beherrscht diese Art von Austausch nicht.«

Dennoch heißt es, den berühmten Swing könne man niemandem beibringen, er müsse gefühlt werden.

»Das ist so nicht richtig. Wenn man ins Detail geht, findet man eine mathematische Erklärung dafür, und dann lässt sich dieses triolische Feeling auch vermitteln. Man sollte es aber vielleicht nicht unbedingt mit Van Halens ´Hot For Teacher´ machen (schüttelt sich das rasante Leitmotiv aus dem Ärmel), sondern lieber anhand eines langsamen Songs wie ´The Zoo´ von den Scorpions demonstrieren (zitiert aus der Nummer). Schnell bedeutet ohnehin nie automatisch auch gut.«

Angesichts der leichten Verfügbarkeit von Lernmaterial: Hat heute überhaupt noch jemand schwerwiegende technische Probleme?

»Oh ja, und die gehen meistens vom Gelenk der Greifhand aus. Die traditionelle Haltung einer Konzertgitarre eignet sich für simple Akkorde, aber speziell beim Ziehen der Saiten oder für Aufschlagbindungen muss man den Unterarm einsetzen. Eine steife Haltung hindert viele junge Spieler daran, in ihrer Entwicklung weiterzukommen. Wegen der erschlagenden Fülle an Informationen gilt es umso mehr, Prioritäten zu setzen, und das ist eine in meinem Lehrplan.«

Mal ganz dumm gefragt: Warum der Titel „Werewolves Of Portland“?

»Das ist eine Anspielung auf ´Werewolves Of London´ von Warren Zevon (2003 verstorbener Singer-Songwriter – as). Ich hatte dieses aufsteigende Lick (zeigt das Slide-Motiv aus dem Titelstück), das mich an den Refrain des Lieds erinnert (imitiert Zevons Wolfsgeheul). Dann fiel mir die Situation hier in meiner Heimatstadt ein, denn Portland ist ja schon seit einiger Zeit ein heißes politisches Pflaster, wo ständig Leute auf die Barrikaden gehen, randalieren und zündeln.«

Dann erklär uns abschließend noch mit Bezug auf ´(You Would Not Be Able To Handle) What I Handle Everyday´, womit du derzeit täglich fertig werden musst.

»Bei dem Titel habe ich an die Pandemie gedacht; im Grunde dürfte jeder den Satz aussprechen, denn unberührt ist ja niemand davon geblieben. Richtig ernst meine ich das aber nicht, auch wenn ich Respekt vor Menschen habe, die den Kopf nicht in den Sand stecken, egal wie hart sie getroffen wurden. Ich halte es da so wie der Schwarze Ritter aus Monty Pythons „Ritter der Kokosnuß“; er lässt sich nicht unterkriegen, selbst nachdem er die Arme und Beine abgesäbelt bekommen hat. „Ist doch nur ´ne Fleischwunde...“ (lacht)«

www.paulgilbert.com

www.facebook.com/paulgilbertmusic

DISKOGRAFIE

solo:

King Of Clubs (1998)

Flying Dog (1998)

Alligator Farm (2000)

Raw Blues Power (2002)

Burning Organ (2002)

Gilbert Hotel (2003)

Space Ship One (2005)

Get Out Of My Yard (2006)

Silence Followed By A Deafening Roar (2008)

United States (2009)

Fuzz Universe (2010)

Vibrato (2012)

Stone Pushing Uphill Man (2014)

I Can Destroy (2016)

Behold Electric Guitar (2019)

Werewolves Of Portland (2021)

mit Racer X:

Street Lethal (1986)

Second Heat (1987)

Technical Difficulties (1999)

Superheroes (2000)

Getting Heavier (2002)

mit Mr. Big:

Mr. Big (1989)

Lean Into It (1991)

Bump Ahead (1993)

Hey Man (1996)

What If… (2011)

…The Stories We Could Tell (2014)

Defying Gravity (2017)

Bands:
RACER X
MR. BIG
Autor:
Andreas Schiffmann

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