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ToneTalk 25.05.2022, 08:01

SPIDERGAWD, GOAT THE HEAD, THORNS - »Mir wurde noch nie vorgeworfen, zu einfach zu spielen«

Ein Mann, zahlreiche Projekte, unendlich viel Energie: Wer Kenneth Kapstad schon mal live am Schlagzeug erlebt hat – zum Beispiel bei seiner Hauptband SPIDERGAWD – weiß, warum der Norweger musikalisch eigentlich keine ruhige Kugel schieben kann. Und so tobt er im Black- und Death Metal, treibt Hardrock-Bands vor sich her und zügelt sich für Folk- oder Songwriter-Auftritte. Wir haben den sympathischen, wenn auch nordisch zurückhaltenden Schlagzeuger am Telefon zum Tonetalk gebeten.

Kenneth, du hast ziemlich viele Projekte und Bands gleichzeitig. Wie konntest du sie während Corona am Leben halten? Vermutlich von zu Hause aus, nicht wahr?

»Ich muss zugeben, dass ich sehr faul geworden bin (lacht). Nachdem ich ein Jahr lang versucht hatte, Sachen mit den verschiedenen Projekten im Voraus zu planen, und nichts davon passierte, war die Luft einfach raus. So langsam geht es aber wieder los. Ich habe zum Beispiel heute etwas für die Metal-Band Goat The Head gemacht. Unter der Woche arbeite ich viel im Studio. Wir haben letztes Jahr sogar ein Album veröffentlicht. Oder vor zwei Jahren? Auf jeden Fall während Corona. Jetzt produzieren wir ein weiteres, und auch bei anderen Projekten läuft es gut. Falls alles klappt, nehme ich in den nächsten Monaten drei neue Alben auf.«

Wie hast du während der Lockdowns die ganze Energie kanalisiert, die du sonst eindrucksvoll bei Live-Shows freisetzt?

»Ehrlich gesagt konnte ich die Energie gut bei meinen zwei Kindern verwenden, denn die kleinen Menschen rennen ganz schön viel herum. Das war tatsächlich das einzig Positive an der Corona-Situation für mich: Ich konnte zu Hause viel Zeit mit meinen Kindern verbringen.«

Machen sie schon selbst Musik?

»Nein, sie sind erst fünf und zwei Jahre alt. Aber der Zweijährige mochte schon vor seinem ersten Geburtstag AC/DC! Und ohne meinen Einfluss hat er erst kürzlich Whitesnake gehört. Außerdem habe ich ihn mit zu den wenigen Gigs genommen, die ich während Corona hatte. Während der Soundchecks hat er sich total fürs Schlagzeug begeistert. Das ist auch klasse.«

Ein guter Start für eine neue Generation Schlagzeuger – und eine passende Überleitung: Warum hast du dich ans Drumkit gesetzt?

»Ich begeisterte mich schon früh für Musik. Mit fünf oder sechs Jahren habe ich die Schallplatten aus der Sammlung meines Vaters gefischt, die mir gefielen: Black Sabbath, Deep Purple, Nazareth, Uriah Heep. Besonders das Schlagzeug darauf hatte es mir angetan. Ich glaube, ich war neun Jahre alt, als meine Mutter mir vorschlug, in die Schulkapelle einzutreten. Ich stimmte unter der Bedingung zu, dass ich entweder E-Gitarre oder Schlagzeug spielen durfte. Es gibt in einer Kapelle nun mal keine E-Gitarre, also war die Wahl eindeutig: Schlagzeug (lacht).«

Haben sich deine Drum-Idole im Vergleich zu damals mit der Zeit verändert?

»Ehrlich gesagt: nein (lacht wieder). Das ist wirklich langweilig, denn es sind halt die Standard-Jungs. Aus Jazzsicht kommen noch Elvin Jones und Tony Williams sowie ein paar norwegische Drummer dazu. Aus dem Hardrock sind es Vinnie Appice (Dio, Black Sabbath – ib), Nicko McBrain (Iron Maiden – ib), Clive Burr (ex-Iron-Maiden, 2013 verstorben – ib) und Phil „Animal“ Taylor (Motörhead, 2015 verstorben – ib). Ich mag Schlagzeuger, die eher leicht und nicht absolut metrisch spielen, beispielsweise eben Philthy Taylor. Er war überall gleichzeitig und mal schneller, mal langsamer. Aber das macht nichts, denn es swingt gut. Dass er ein eher schwerfälliger Drummer war, ist mir egal, denn es klingt gut.«

Du hast sogar Jazzschlagzeug studiert...

»Genau, ich besuchte das Musikkonservatorium in Trondheim. Im dortigen Fachbereich Jazz war ich sechs Jahre, da ich meinen Master gemacht habe. Sechs Jahre Jazz-Ausbildung – und ich habe nie Jazz gespielt (lacht). Das ist etwas komisch. Ich mache viele verschiedene Dinge, bin aber hauptsächlich Hardrock-Drummer. Trotzdem mag ich Jazz, also hat es schon Sinn ergeben, dort zu studieren.«

Was ist das Wichtigste, was du dort für dein Spiel gelernt hast?

»Ich glaube, meine Ohren zu benutzen und so durch den Song zu navigieren, dass er klingt, wie ich es möchte. Es gibt so viele verschiedene Arten, einen einfachen Song zu spielen. Da muss man seinen eigenen Weg finden und auf seinen Instinkt vertrauen. Und natürlich habe ich gelernt, mehr von dem zu tun, was man gut kann.«

Ist es für dich einfacher, einen simplen oder einen komplexen Song zu spielen?

»Das weiß ich nicht, das können andere besser beurteilen (lacht). Ich mag beides. Mir wurde allerdings noch nie vorgeworfen, zu einfach zu spielen. Ich wäre gern besser im minimalistischen Spiel – aber das verkörpere ich nicht, und so ist es nun mal. Dabei spiele ich ausgesprochen gern einfache Musik. Aus diesem Grund bin ich auch ein riesiger AC/DC-Fan: Allerdings ist es aufgrund der Simplizität verdammt schwer, einen AC/DC-Song nachzuspielen. Es geht dabei vor allem darum, die Musik ordentlich swingen zu lassen. Das näher zu erforschen, macht Spaß.«

Welches Drumkit spielst du?

»Ich habe viele verschiedene... Vor kurzem habe ich ein riesiges Schlagzeug bei der British Drum Company bestellt, eine relativ neue Firma aus England. Die sind richtig gut, aber ich habe mein Set noch nicht. Das wird mein neues Baby! Derzeit nehme ich mit einem alten Slingerland-Kit auf, das ich seit etwa 20 Jahren hauptsächlich verwende.«

Ändert sich dein Drum-Setup je nach Projekt, mit dem du gerade arbeitest?

»Der Hauptteil, das Herzstück, bleibt fast immer gleich. Wenn ich aber zum Beispiel mit SPIDERGAWD spiele, nehme ich mehr Toms dazu. Ab und an verwende ich auch mal zwei Bassdrums.«

Was macht dein Schlagzeug zu deinem eigenen?

»Ich bin ein Fan von großen Toms. Das neue Kit aus England wird je eine 15- und 16-Zoll-Hängetom umfassen, das ist nicht sehr üblich. Aber ansonsten habe ich das normale Classic-Rock-Setup.«

Ist dir das Aussehen deines Schlagzeugs wichtig?

»Oh ja (lacht). Das muss ich zugeben. Mir ist aber egal, was andere denken. Hauptsache, ich finde es schön.«

Spielst du lieber mit Handschuhen oder ohne?

»Ich finde es ehrlich gesagt nicht schlimm, mit Handschuhen zu spielen. Ich habe ein paar Gigs im Winter draußen gespielt, da musste ich Lederhandschuhe nehmen. Das war okay und machbar, auch wenn ich es ohne besser finde. Das Gute ist, dass man nicht so schnell müde wird und die Sticks griffiger sind. Eine Tour mit Handschuhen habe ich aber noch nicht probiert – vielleicht sollte ich mal?«

Welche Rolle sollte ein Schlagzeuger in einer Band deiner Meinung nach einnehmen?

»Das hängt natürlich vom Genre ab. Ich bin hauptsächlich ein Hardrock-Drummer, daher denke ich, dass die Aufgabe darin besteht, den Song nach vorn zu bringen. Und natürlich sollte man sein Spiel beherrschen und gut klingen.«

SPIDERGAWD ist aktuell dein Hauptprojekt, oder?

»Ich würde sie aus verschiedenen Gründen als mein Hauptprojekt bezeichnen: Erstens nehmen SPIDERGAWD viel Zeit in Anspruch, zweitens sind sie die Essenz meiner Musikhelden. Wenn ich an die besten Fills meiner Lieblingsdrummer denke, finden sie sich auch in der Musik von SPIDERGAWD wieder. Natürlich benötigen auch andere meiner Projekte viel Zeit. Ich spiele zum Beispiel mit einem norwegischen Singer-Songwriter auf sehr norwegische Art mit verrückten Texten. Da ist das Schlagzeugspiel etwas simpler, aber mir gefällt es sehr, mit dieser Band zu arbeiten.«

Deine vielen Projekte sind unter anderem auch im Black- und Death Metal zu Hause, live hast du etwa mit 1349, Ihsahn, Thorns und Trelldom gespielt. Du bist also in allen Ecken des musikalischen Spektrums unterwegs.

»Zumindest in denen, die ich mag (lacht). Ich habe auch noch diese langsamere norwegische Folk-Band. Das ist ein Trio mit Geige, Bass und Trommeln. Der Name ist selbst auf Norwegisch komisch: Resjemheia.«

Welche SPIDERGAWD-Songs stellen dich live vor die größte Herausforderung?

»Schwierige Frage. Ich glaube, es gibt keine. Das hängt höchstens davon ab, wo sie in der Setlist stehen. Wir haben einige Songs, die live schwer zu spielen sind. Wenn sie aufeinanderfolgen ohne Atempause, ist das eine Herausforderung. „Habe ich genug Energie, um auch noch den nächsten Songs zu spielen? Bitte helft mir (lacht)!“«

Wie wärmst du dich vor einer Show auf?

»Ich nehme backstage die Sticks, mit denen ich den ersten Song spiele, und trommle manchmal auf einem MoonGel-Pad herum. Es federt nicht, sondern saugt die Drumsticks förmlich ein. Das macht es schwer zu spielen und ist gut zum Aufwärmen. Ansonsten rede ich mit den anderen Jungs aus der Band, oder wir jammen ein bisschen zusammen.«

Übst du zu Hause viel?

»Während Covid? Nein. Anfangs habe ich mir noch Mühe gegeben und versucht, mich vier oder fünf Stunden täglich mit etwas zu beschäftigen. Das wurde aber langweilig. Ich muss einfach an einem richtigen Drumkit sitzen und mit einer Band spielen. Das ist der spaßige Teil an der Sache.«

Letzte Frage: Bei welcher Band würdest du gern mal aushelfen?

»Hm, ich würde nicht nein sagen, wenn Nicko McBrain oder Phil Rudd (AC/DC – ib) anrufen würden…«

Okay. Wenn ich jemals mit ihnen spreche, lasse ich sie das wissen.

»Das wäre klasse (lacht).«

www.kennethkapstad.no

Bands:
SPIDERGAWD
GOAT THE HEAD
THORNS
Autor:
Isabell Bittner

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