Vorwort

Vorwort 28.08.2019, 08:00
„Na, da brauchen Sie ja wenigstens nicht zu arbeiten!“ Der freundliche Helfer, der mich im Rollstuhl durchs Krankenhaus schob, wollte mich wohl ein bisschen aufmuntern.

TODESLINIEN

Nichts gegen die Aussicht auf einen Kurzurlaub im Hospital bei freier Verköstigung, „doch meine Storys“, erwiderte ich trotzig, „müssen trotzdem fertig werden. Die redaktionelle Deadline ruft. Ich bin Journalist und kann von zu Hause arbeiten. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Ohnehin war das Ganze ein Arbeitsunfall“, schob ich eilig hinterher. Es sollte wohl so klingen wie ein Kriegsreportereinsatz in einem gefährlichen, fremden Land. Und so etwas Ähnliches war es ja auch. Denn ich war im Brexit-England „gefallen“. Mit der Kamera in der Hand.

Okay, okay, der Hintergrund war ETWAS harmloser. Jeff Waters von Annihilator hatte mich in sein neues Heim in Nordengland eingeladen. Die Neugier hatte mal wieder gesiegt. Der Kanadier hatte mit seinen ersten beiden Alben eine steile Karriere hingelegt, stand sich danach aber jahrzehntelang selbst im Weg. Nun sollte alles anders sein. Tatsächlich entdeckte ich im Städtchen Durham so etwas wie ein modernes Metal-Märchen, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden (den Rest könnt ihr in der kommenden Ausgabe lesen). Um das Ganze optisch abzurunden, sollte noch ein Foto mit Jeff vor der berühmten örtlichen Kathedrale entstehen, dann Abflug. Doch dazu kam es (erst mal) nicht, weil ich im britischen Nieselregen übelst ausgeglitten bin. Sofort strömten Passanten herbei, die Erste Hilfe leisteten und das fast ohnmächtige Häufchen Elend zu trösten versuchten. Die Ambulanz wurde gerufen, und es ist schön zu wissen, dass man auch aus unwegsamem Gelände herauskommen kann, selbst mit gebrochenen Knochen. Die Fotosession habe ich trotzdem beendet, weil ich pitschnass war und mir zwischendurch langweilig wurde. Anschließend lernte ich das britische Gesundheitssystem von innen kennen, das angeblich so marode ist, dass Boris Johnson damit seinen beschissenen Brexit-Wahlkampf gewann. Ich kann nur sagen: Die Leute waren schwer auf Zack und extrem freundlich, auch wenn das Büro des Oberarztes nur zwei Quadratmeter maß. Weder der Brexit noch der Zweite Weltkrieg waren ein Thema, obwohl ich ja jedem zuflöten musste, dass ich Deutscher bin und den heftigen nordenglischen Akzent kein Stück beherrsche. In rekordverdächtiger Zeit hatte ich meine Krankenhaus-Runde gedreht und hätte am liebsten allen zugerufen: Bleibt doch bitte, ihr Briten! Danach betrieb ich auf dem Sofa der Familie Waters noch weiteren investigativen Journalismus und hörte ein paar neue Annihilator-Tracks (die mir Jeff nun nicht mehr abschlagen konnte), ehe ich erstmals am Flughafen ein VIP-Rollstuhl-Treatment genoss. Auf dem Rückflug kam ich mit einer spanischen Stewardess ins Gespräch, die mich ohne meinen sexy Roboterfuß wahrscheinlich gar nicht beachtet hätte. Uiuiui. Als Rock-Hard-Reporter kann man was erleben...

Ich wünsche Euch ein unfallfreies Lesevergnügen mit Rock Hard Nr. 388

PS: Noch mehr gute Nachrichten: Zompf hat für diese Ausgabe zwei Neueinspielungen von Tracks des MACHINE HEAD-Debüts klargemacht, die unserem Heft (in dieser Form) weltexklusiv beiliegen.

PPS: Unser Festival-Booking-Team hat sechs lukrative Namen für unsere Pfingstsause 2020 festgenagelt. Mehr darüber in den News!

Autor:
Holger Stratmann

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