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Foto: Sascha Markmann

ToneTalk 17.04.2019, 08:00

HELLOWEEN - »Ich bin bass-sexuell«

Markus Peter Großkopf (oder Grosskopf, wie er sich manchmal schreibt) ist das einzige Gründungsmitglied von HELLOWEEN neben Michael Weikath, das der Band ohne Unterbrechungen angehört. Der 53-Jährige kam mit 15 zu den vier Saiten und ist ihnen genauso treu geblieben wie der Hamburger Metal-Institution, obgleich er zwischendurch auch bei Avantasia, Kickhunter und Shockmachine mitmischte.

Markus, der Bass war dein erstes Instrument, richtig?

»Ja, irgendwie lag mir das im Blut. Es gab da eine Punkband, die einen Bassisten suchte, und ich dachte mir: Das kriegst du hin. Meine frühen Vorlieben lagen immerhin bei den Sex Pistols, Stranglers und Ramones. Kennengelernt hatte ich die Mitglieder meiner ersten Kapelle auf einem Jugendbauernhof in der Nähe von Hannover – Riepholm, um genau zu sein, so ein kleines Nest. Es handelte sich um eine christliche Einrichtung, wo mich meine Eltern in den Sommerferien hinschickten. Unsere Backline bestand anfangs aus einem kleinen Schlagzeug und einem Verstärker für alle Saiteninstrumente. Ich habe mich gleich in den Bass verknallt und erst gar nicht versucht, Gitarre zu spielen. Die kam erst später, als ich auch selbst Lieder schreiben wollte. Um Demos aufzunehmen, reichen meine Fähigkeiten da aus. Die eine oder andere eigene Nummer konnte ich ja schon auf unseren Alben unterbringen.«

Du bist dann während einer Ausbildung zum Fleischer an die anderen Jungs von HELLOWEEN geraten.

»Ja, und die Ausbildung hab ich nach der Hauptschule sogar abgeschlossen, wie sich das gehört. Danach wollte ich aus meinem Lehrbetrieb weg, weil man für die Leute, die einen angelernt haben, immer irgendwie Geselle bleibt, und jobbte in einer Fabrik am Fließband, um mir eine Ampeg-Bassanlage kaufen zu können. Zivildienst musste ich ja auch noch leisten, nachdem ich bei der Bundeswehr schriftlich verweigert hatte; acht bis zehn Seiten Geschreibsel waren genug, wohingegen Weiki, die arme Sau, noch vor einem Ausschuss von Militärtypen antreten musste, um sich ausmustern zu lassen. Das lag daran, dass er etwas älter ist als ich. Nach einiger Zeit blieb auch ein bisschen Kohle bei der Band hängen, wenn wir Konzerte gaben. Es ging also stetig aufwärts.«

Ihr habt euch musikalisch rasant entwickelt. Brauchtest du dazu Unterricht?

»Nein, Stunden habe ich nie genommen. Dennoch erkannte ich bald, dass ich an meine Grenzen stieß. Zunächst spielte ich mit Kai bei Second Hell, doch als er und Michael aufeinandertrafen, der bis dahin zu Powerfool gehört hatte, beschlossen die beiden, eine neue Band zu gründen, die sich von allen anderen abgrenzte. Langsamen Metal oder Hardrock hörte man damals praktisch an jeder Ecke. Die zwei hatten die Vision, zeitlose Musik zu machen, an die man sich auch nach Jahren noch erinnert, und ich passte mich ihren Vorstellungen an. Wie Harmonien und Läufe funktionieren, schaffte ich mir nach und nach selbst drauf. Als Iron Maidens Debüt rauskam, hat es mich vom Hocker gehauen und angespornt, Steve Harris nachzueifern. Das war eine sehr spannende Phase für unser Genre.«

Schnell zu spielen, ist bei Metal-Bassisten ein großes Thema, und du tust das sowohl mit den Fingern als auch mit dem Plektrum.

»Ich habe kein Problem damit, mich auch bei höherem Tempo auf Achtel zu beschränken, weil das ein wenig Ruhe in die Chose bringt. Als großer Priest- und AC/DC-Fan bewundere ich Ian Hill und Cliff Williams, die ein solides Fundament legen, auf dem sich der Rest der Mannschaft entfalten kann. Weglassen ist auch eine Kunst, und manchmal geht nichts über einen treibenden Groove. Unser Song ´Why?´ ist der beste Beweis dafür. Ian Hill trat eine Weile übrigens mit einem Fender Precision Sunburst mit Block-Inlays im Griffbrett auf, so einen habe ich mir dann auch geholt.«

Was erwartest du von einem Schlagzeuger?

»An ihm orientiere ich mich am stärksten. Er ist nicht nur bei HELLOWEEN der Kapitän, der das Schiff auf Kurs hält und für den Flow sorgt. Wenn das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe stimmt, können sich die Gitarristen austoben. Man muss als Bassist außerdem genau darauf achten, wo man Fills und Schnörkel einbaut. Ruckzuck machst du nämlich zu viel, und dann ist eine Strophe oder ein Refrain im Arsch. Der Song selbst sagt dir, was er braucht.«

Dennoch warst du nie jemand, der nur Grundtöne gezupft hat.

»Weiki hat von mir verlangt, dass ich mir was Interessantes einfallen lasse, woraus dann verspielte Sachen wie ´Eagle Fly Free´ entstanden sind. Er wollte früher jeden mit seinen Stücken übertreffen, so auf die Tour: Wir sind HELLOWEEN und eine besondere Band, also mach dich mal grade, Dicker! Bei Andi Deris´ Kompositionen liegt der Fall anders, das sind oft Balladen oder Popsongs. Da ist es besser, wenn der Bass geradlinig durchläuft, obwohl ich zuerst einmal alles Mögliche probiere. Am Ende sehe ich nicht selten ein, dass ein einfaches Motiv das Ganze besser trägt. Unser anderer Gitarrist Sascha Gerstner ist wiederum für das komplexere Zeug zuständig, woran ich mich immer erst gewöhnen muss, weil ich aus dem Rock´n´Roll und Blues komme.«

Das hörte man speziell deinem Projekt Bassinvaders an, zu dem du bekannte Basskollegen eingeladen hast. Wie kam es dazu?

»Das war eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes, es geschah aus einer Bierlaune heraus. Seinerzeit traten wir häufiger mit Motörhead auf, und wenn du Lemmy spielen hörst, fragst du dich: Alter, wer braucht denn da noch Gitarren? Nur für Bass zu schreiben, fiel mir nicht schwer, auch weil ich ihn teilweise derbe verzerrt habe. Dass ich Lemmy letzten Endes nicht als Gast für „Hellbassbeaters“ gewinnen konnte, bedaure ich heute noch. Ich schrieb seinen Manager mehrmals an und bekam nie eine Antwort. Ich bin ja schon „Old School“, aber er war im Vergleich zu mir „very Old School“ und besaß wohl auch kein Handy, auf dem ich ihn hätte anrufen können. Die Scheibe hat sich trotzdem ganz gut verkauft und war reine Liebhaberei, obwohl ich mich bemüht habe, starke Songs wie für eine normale Band zu schreiben.«

Welchen Bezug hast du zu Rockabilly? Lee Rocker von den Stray Cats ist ebenfalls auf dem Album zu hören.

»Ich bin genauso wie Michael Kiske großer Elvis- und Chuck-Berry-Fan. Eingehender mit dem Kontrabass habe ich mich allerdings nie beschäftigt. Vor Jahren hatte ich einen, den ich nur zu Hause spielte, und verlor irgendwann die Lust daran. Ich muss musikalische Ideen immer gleich im Proberaum umsetzen oder auf die Bühne bringen. Vielleicht schnappe ich mir das Ding wieder, wenn ich in Rente gehe.«

Hast du auch modernere Einflüsse?

»Was das angeht, bin ich ignorant. Dream Theater mag ich: „Images And Words“, aber die Platte ist ja auch schon vor Ewigkeiten herausgekommen. Muse fallen mir noch ein, aber ansonsten greife ich zu alten Sachen.«

Du produzierst vereinzelt auch selbst.

»Ja, da habe ich mir einiges von Charlie Bauerfeind abgeschaut, mit dem HELLOWEEN seit Langem im Studio arbeiten. Man kommt eigentlich auch gar nicht daran vorbei, sich mit aktueller Technik zu beschäftigen, wenn man sich wie wir übers Internet austauscht und Files herumschickt. Ich finde zudem gut, was man mit Re-Amping machen kann. Du spielst deine Spuren direkt über ein Interface ein und jagst sie später durch einen richtigen Verstärker, damit sie fetter klingen.«

Du bist also kein Dogmatiker, der alles möglichst analog halten will.

»Nein, auch wenn ich die alten Geräte sehr schätze. Ich habe jahrelang Ampeg gespielt und besitze noch Modelle aus den Siebzigern und Achtzigern. Die sind aber arg empfindlich, die Röhren gehen regelmäßig kaputt, und sie zu ersetzen, ist verhältnismäßig teuer. Sascha, der sich mit Elektrotechnik auskennt, hat mich darauf hingewiesen, dass diese vorzeitlichen Dinger eine andere Impedanz (Wechselstromwiderstand - Red.) als neue haben. Darum bin ich 14 Tage auf Tour, und bums – rauchen mir zwei Stück ab. Ständig Röhren auszutauschen, nervt mich. Phasenweise konnte man mich auch mit Behringer- oder Marshall-Amps sehen, doch mittlerweile bin ich bei der Marke Kemper angelangt. Deren Verstärkersimulationen sind hervorragend, den klassischen Ampeg-Sound ahmen sie recht überzeugend nach. Die Entwicklung ist so weit fortgeschritten, dass die meisten Leute, auch ich, kaum mehr Unterschiede hören. Wenn etwas gut klingt, bin ich zufrieden damit, fertig. Ich möchte auch mal jemanden finden, der im Live-Getümmel erkennt, ob ich Röhre oder Transistor verwende.«

Und welche Rolle nimmt das Instrument an sich ein?

»Klar, eine wichtige. Ich kann bei Bedarf verschiedene Bässe anbieten. Der eine klingt basslastiger, der andere hat mehr Höhen, manche verfügen über aktive Elektronik, andere sind rein passiv gehalten. Aktiv ist insofern praktisch, als sich der Grundklang ohne viel Aufwand erheblich verändern lässt, was bei Konzerten notwendig wird. In puncto Lautstärke lässt sich auch mehr herausholen, dafür sind die Instrumente von Sandberg aus Braunschweig ein gutes Beispiel, die zu meinen Lieblingen gehören. Meine Fender-Bässe würde ich jedoch nicht hergeben; darunter befinden sich auch edle Vintage-Exemplare.«

Sammelst du Equipment?

»Ja, und ich würde das durchaus als milde Form von Sucht bezeichnen. Neulich habe ich einen hübschen Fender Jazz von 1964 geschossen, der ist also sogar ein Jahr älter als ich. Da die Firma 1960 mit der Fertigung begann, handelt es sich um eines der frühesten Modelle. Auf jeden Fall ist es das wertvollste Stück in meinem Stall. Der Precision kam zehn Jahre früher auf den Markt, und wer eines dieser Teile hat, bewahrt es in einem Safe auf.«

Peter Baltes (ex-Accept) vermutlich auch, denn was er mit auf die Bretter nimmt, dürfte ein künstlich „gealtertes“ Replikat sein.

»Weiß nicht. Ich habe ihn immer um diese alte Gurke beneidet, sie ist wunderschön. So etwas setzt man selbstverständlich nicht andauernd bei Gigs ein, weil es ein Vermögen kostet, doch meine Bühnentechniker behalten den Kram aufmerksam im Auge, und ich finde einfach, dass solche Instrumente gespielt werden müssen. Wenn du noch jung bist, kommen die Groupies von selbst, aber ich bin im Lauf der Zeit eher „bass-sexuell“ geworden (lacht). Jetzt gebe ich mich mit dem Kaufrausch zufrieden.«

Zum Schluss das Offensichtliche: Wie geht es nun mit drei Sängern bei HELLOWEEN weiter?

»Wir schreiben alle zusammen neue Songs, die man voraussichtlich Ende 2019 auf einem Album hören wird. Ich bin schon ganz aufgeregt, weil das mit so vielen Gitarristen nur geil werden kann. Da tun sich ganz neue harmonische Möglichkeiten auf.«

www.helloween.org

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Bands:
HELLOWEEN
Autor:
Andreas Schiffmann

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