Interview

Interview 24.01.2023, 11:40

TYLER LEADS - Interview mit dem Tipp des Monats 02/23

Noch nicht so ganz im Feierabend angekommen, klemmt sich TYLER LEADS-Gitarrist Soyan Osman hinter den Rechner und quatscht mit uns über die Anfänge der Band, die Entstehung von Musikvideos und Promo-Strukturen im Rock- und Metal-Genre. Die Combo hat sich 2016 im nordrhein-westfälischen Recklinghausen gegründet und wartet nun mit ihrem Debütalbum namens "Planetary Movement" auf, welches in Rock Hard Vol. 428 zum Tipp des Monats unter den Eigenproduktionen gekürt wurde.

Soyan, beschreibe den Sound von TYLER LEADS bitte mit drei Worten.

»Rock, Groove und energetisch. Das sind die Dreh- und Angelpunkte, wobei wir natürlich versuchen, Variationen drin zu haben.«

Ich habe gelesen, dass „Tyler“ in eurem Bandnamen aus dem Film „Fight Club“ entlehnt ist. Wie groß ist der Einfluss von Popkultur auf eure Musik?

»Der Name an sich hat nicht direkt etwas mit unserer Musik zu tun. Er kam zustande, weil wir am Anfang einen Namen gesucht und vieles durchgespielt haben. Unser Gitarrist Freddy (Kovacs) hatte kurz vorher den Film „Fight Club“ gesehen und kam mit dem Vorschlag TYLER LEADS um die Ecke. Tyler wie Tyler Durden aus dem Film und „leads“, weil er den Fight Club anführt. Das klang für uns rund und der Name ist geblieben. Das ist die Story zum Namen (lacht). Ansonsten glaube ich, dass die Popkultur, was Texte angeht, uns wenig beeinflusst. Musikalisch und visuell kann das schon sein, passiert aber nicht bewusst.«

Wie kommt es, dass ihr euch im Genrebereich von Hardrock und Heavy Metal bewegt?

»Wir sind alle aus dem klassischen Heavy Metal gekommen. Zu Schulzeiten haben wir angefangen, mehr in dieser Richtung zu hören. Irgendwann habe ich im Bus gesessen und plötzlich ein Slayer-Album gehört. Das war für mich zuerst unhörbar, aber ich bin mit der Zeit mehr in das Genre reingekommen. Etwas, das sich zuerst angehört hat wie eine Waschmaschine, die man die Treppe runterwirft, ergibt plötzlich Sinn. Ganz lange war Saxon eine meiner Lieblingsbands und natürlich auch Iron Maiden, wovon sich besonders unser Sänger Johnny (Kovacs) hat inspirieren lassen. Wir haben zuerst Coverversionen gespielt und uns im Laufe der Zeit mit mehr Doom und Stoner breiter aufgestellt. Alle Bands, die wir vorher hatten, kamen aus dem Rock- und Metal-Bereich und haben dann die Mischung ergeben, die wir jetzt machen.«

„Planetary Movement“ ist euer Debütalbum. Ihr habt es aber nicht wie in der Branche üblich mit drei Singles inklusive Musikvideo vorab herausgebracht, sondern schon vor dem Release viele Videoclips veröffentlicht. Wie habt ihr das angestellt?

»Das Projekt war eine Herausforderung. Wir haben uns vorab überlegt, wie wir das Album als Newcomer rausbringen sollen. Aus dem Release wollten wir das Maximum herausholen. Im Schreibprozess haben wir bereits darauf geachtet, dass es kein Füller-Material gibt und jeder Song für sich stehen kann, damit wir jeden Track als Single rausgeben können. Wir haben keinen Label-Deal, sodass wir uns nicht an Vorgaben halten müssen und es wäre schade, wenn wir nur drei der Songs als Single veröffentlichen und den Rest gesammelt in die Welt rauswerfen. Daher haben wir uns für Videos entschieden. Bei acht Musikvideos sind wir schnell auf die Frage gestoßen, wie die Umsetzung und Finanzierung funktionieren sollen. Wir haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und sind an die Initiative Musik herangetreten, die uns glücklicherweise gefördert hat. Darüber haben wir die Clips finanziert. Wir haben sie Stück für Stück größtenteils im letzten Jahr produziert und nach und nach veröffentlicht. Im Laufe der Zeit hatten wir einen krassen Lerneffekt. Ich finde, wir haben eine visuelle Linie gefunden. Ein tolles Beispiel ist 'Deep Space Traveller'.«

Ist euch das visuelle Konzept allgemein wichtig?

»Als Band sind wir nicht losgezogen mit einem Konzept, wie es beispielsweise Ghost haben. Wir sind fünf Freunde, die Rockmusik machen und aus dem Ruhrpott kommen. Diese space-retro-futuristische Schiene hat sich mittlerweile ein bisschen durchgesetzt. Durch die Kampagne ist das Visuelle für uns viel relevanter geworden. Das ist eine Sache, die gewachsen ist und die man als Band lernen muss. Aber ich finde, das Retro-Futuristische passt auch gut zu unserem Sound. Weil zum einen klingt es wie Rockmusik, die man kennt, hat aber auch Anleihen von moderneren Einflüssen.«

Hast du auf der Platte einen Lieblingssong?

»Das ändert sich wöchentlich (lacht). 'Deep Space Traveller' und 'Stone Crusher' sind unter meinen Top 3. Der Erste vor allem durch das Video, weil ich ihn dadurch nochmal anders wahrnehme. 'Planetary Movement' ist ein sehr schöner Song, der anders ist als alles, was wir sonst gemacht haben. 'Supercharged' ist ein richtig guter Sommer-Track und 'The Rapture' ein geiler Opener für Konzerte. Du siehst, es ist schwierig (lacht.) Lass uns sagen, 'Deep Space Traveller' ist mein Lieblingssong.«

Inwieweit spielt dein Dayjob bei einem Plattenlabel in die Veröffentlichungsstrategie als Waterfall-Release mit rein?

»Der spielt da schon mit rein (lacht). Dadurch, dass ich aus der Online-Marketing-Schiene komme, weiß ich, dass regelmäßige Inhalte definitiv wichtig sind. Gerade für eine Band ist das wahnsinnig schwierig. Das ist eine der größten Schwierigkeiten, die das Genre und die Szene hat. Die gesamten Prozesse, die die Branche mit sich bringt, drehen sich um den Album-Release mit den Standard-Kampagnen: drei Monate Vorlauf mit drei Singles, Pre-Orders, dann kommt das Album raus mit etwa sieben noch unbekannten Songs. Das habe ich beobachtet und überlegt, ob uns das gut tut und wir das auch für unser Album so wollen. Die Entscheidung ist relativ schnell gefallen, dass es schade wäre, wenn wir so viel Geld in die Platte gesteckt haben und dann drei Songs das gesamte Album ziehen müssen und die anderen sind nur Beiwerk. Da ist es dann auch schwierig, die Kosten zu rechtfertigen. Wir haben so viel Zeit, Energie, Mühe und Liebe in diese Tracks gesteckt und sollten dann vor der Kampagne entscheiden, dass sie nicht wichtig genug sind. Das hat sich für uns nicht richtig angefühlt. Uns ging es nicht um Pre-Orders oder Verkäufe, sondern darum, dass wir Material rausbringen und auffindbar sind. Daher haben wir uns für diesen Weg entschieden und haben so viel Video-Material, über das Leute stolpern können. Es gibt dadurch mehr Einfallstore für unsere Musik und zu unserer Band als mit dem Standard-Prozedere.«

Wahnsinn, dass ihr das geschafft habt. Das ist doch viel Arbeit und ein Prozess, der dauert.

»Ja, es ist wirklich nicht ohne, das in der Form aufzuziehen. Wir haben uns definitiv den schwierigeren Weg ausgesucht. Als Musiker hast du schon das Bedürfnis, das fertige Material rauszubringen. Gleichzeitig tust du dir damit keinen Gefallen, wenn du dir keine Gedanken darum machst, wie du es rausbringst und wie es bei den Menschen ankommt. Unser Resümee: Der Lerneffekt bei der Erstellung von Inhalten war fantastisch, allerdings sind die organischen Reichweiten schwierig in der Szene zu erreichen. Es entwickelt sich kaum eine eigenständige Bewegung, da greift einfach noch die klassische Promo-Struktur. Wir würden es immer wieder so machen, aber es ist doch interessant zu sehen, wie einflussreich und relevant die Prozesse und Strukturen, die die Szene und das Genre mitbringen, für eine Veröffentlichung noch sind.«

Das kann ich mir gut vorstellen, dass die Strukturen nicht ganz so easy sind. Selbst die großen Player buhlen um jede Aufmerksamkeit.

»Ja, die großen Player sind Presse-technisch relevant und finden dort auch statt, aber sie haben manchmal Schwierigkeiten, sich organisch online zu präsentieren. Gerade wenn es um Social Media geht, ist das ein Buch mit sieben Siegeln für sie. Ich verstehe die Thematik und finde es spannend zu sehen, wie in anderen Genres damit umgegangen wird. Im Rock und Metal geht es weniger um Entertainment und mehr Information, es ist also News-lastig.«

Stimmt, wenn du gerade nichts rausbringst oder keinen Skandal an der Backe hast, findest du kaum statt. Ihr habt euer Album auch schon live promotet. Habt ihr als Band ein Festival, eine Stadt oder ein Land, wo ihr gerne auftreten würdet?

»Die Klassiker: Wacken, Summer Breeze – also die großen Szene-Festivals. Wir wurden 2016 zum Hellfest eingeladen, das war schon ganz interessant. Uns gab es damals seit drei Monaten und ich bin echt froh, dass es diese Aufnahmen nicht mehr gibt (lacht). Würde ich nochmal machen, nur anders.«

Na klar, jede Band muss sich erstmal selbst finden und einen eigenen Sound entwickeln.

»Am Anfang hast du noch nicht so die Fähigkeiten, etwas Rundes draus zu machen und es klingt mehr nach Gehacke. Für uns galt: auf die Fresse. Das haben wir aber zügig abgelegt. Auf dem Debütalbum gibt es außerdem noch etwas, was uns von anderen Bands unterscheidet, und zwar gibt es kaum Gitarren-Solos. Wir sind irgendwann auf den Trichter gekommen, dass sie nerven, wenn sie den Song nicht voranbringen. Gefrickel ist zwar cool anzusehen, gerade wenn du selbst Gitarrist bist, aber für den gediegenen Hörer ist das nur eine Sequenz, die an einem vorbeiläuft.«

Noch ist Jahresanfang: Welche Vorsätze habt ihr als Band für 2023?

»Wir wollen mehr Konzerte spielen, aber das ist echt schwierig. Da greift auch wieder die Problematik mit den Strukturen, die wir eben schon hatten. Wir kommen an Shows dran, die wir selbst buchen, aber ab einer bestimmten Größe wird es schwierig, wenn du keinen kennst. Daran müssen wir arbeiten. Und genauso TikTok, so absurd es klingt. Wir wollen mehr Inhalte abseits der Musik produzieren. Uns ist bewusst, wie wichtig diese Plattform ist, auch wenn sie niemand in der Szene mag und am liebsten verteufeln würde. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Ich habe beruflich damit zu tun und habe noch keine Plattform mitbekommen, die so einen Einfluss auf die Musiklandschaft hat, weil du dort Reichweiten mit exponentiellem Wachstum erreichen kannst, die es sonst nirgendwo gibt. So erreichst du noch neue Leute.«

Möchtest du zum Abschluss noch etwas loswerden?

»Ich hoffe, dass durch das Interview und den Tipp im Magazin ein paar Leute bei TYLER LEADS reinhören, das cool finden und vielleicht ein paar Kommentare dalassen. Und wir freuen uns, bei hoffentlich viel mehr kommenden Konzerte einige Gesichter zu sehen, die uns hierüber entdeckt haben.«

www.tylerleads.de

www.facebook.com/tylerleadsofficial

Bands:
TYLER LEADS
Autor:
Lisa Scholz

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