Festivals & Live Reviews


Foto: Thorsten Seiffert

Festivals & Live Reviews 28.08.2019, 14:53

WACKEN OPEN AIR 2019: Der Donnergott war (halbwegs) gnädig

Jubiläum! Stolze 30 Jahre ist es her, dass das WACKEN OPEN AIR aus einer Bierlaune der Kumpels Holger Hübner und Thomas Jensen entstand. Mittlerweile hat sich das Event längst zum Schwergewicht der Metal-Festivals gemausert und zieht Zuschauer aus aller Herren Länder in seinen Bann. Auf den folgenden Seiten findet ihr unseren wie immer völlig subjektiven Rückblick auf die Jubiläumsfestivitäten.

MITTWOCH

Mehr oder weniger offiziell wird das W:O:A donnerstags mit den heimischen Skyline und den Wacken Firefighters eröffnet. Dieses Jahr ist der Mittwoch allerdings schon ein voller Programmtag – die beiden Hauptbühnen bleiben allerdings geschlossen –, und ab 11 Uhr gibt es bei bestem Wetter viel Bühnen-Action, vor allem mit Veteranen-Acts im BULLHEAD CITY CIRCUS.

Beim ersten Bummel über das Gelände fallen einige Neuerungen auf: die Vergrößerung des Campinggeländes nach Norden hin, der gigantische Metal Markt von Kaufland und die neue History Stage, wo heute der Metal Battle mit elf Bands startet. Wer von der Kommerzialisierung bzw. dem Gigantismus des Festivals (z.B. Bundeswehr-Anwerbecenter) nicht erschlagen wird, darf sich im Programmheft erstmals seine persönliche Running Order zusammenstellen, findet dabei unzählige Rock-Hard-kompatible Bands und überlässt denen, die es brauchen, schwachsinnige Acts oder Aktionen wie Metal-Yoga. Ein ganz großes Kompliment geht in Sachen Anreise an Günther „Wacken-Opa“ Jacobs, der nicht nur bei bisher allen (!) W:O:As dabei war, sondern dieses Jahr die knapp 500 Kilometer lange Strecke von Fritzlar (Hessen) in den Norden per Elektrorollstuhl gemeistert hat.

Erstes Highlight auf der Beergarden Stage sind die QUIREBOYS. Für Rotwein-Connaisseur Spike (niemand kickt sein Mikro so cool wie der Brite) eigentlich der falsche Platz. Dennoch sorgt die bestgekleidete Band des Festivals, deren Basser wie eine Mischung aus Lemmy und Udo Lindenberg ausschaut, für ausgelassene Partystimmung, auch wenn auf die anstößige Nummer ´Sex Party´ verzichtet wird. Derweil machen sich die WACKEN FIREFIGHTERS („Metal Meets Brass“) als besetzungsstärkste Band des Festivals fertig, werden ihren Auftritt, wie sich später zeigt, aber nicht wie geplant abschließen können.

Bespielt werden darüber hinaus die Wackinger Stage, die Wasteland Stage, die erstmals den Wasted Wednesday mit diversen Thrash- und Speed-Metal-Acts (GAMA BOMB, TORMENT, CANCER, ANGELUS APATRIDA, CRISIX) bietet, und natürlich der gigantische Bullhead City Circus mit seinen beiden Zeltbühnen (W:E:T Stage und Headbangers Stage), wo heute weitgehend Veteranen-Acts aufschlagen. Erster Höhepunkt dort: die Briten THE ADICTS, die am längsten existierende Punkband in Originalbesetzung. Das geschminkte und in Weiß gekleidete Quintett aus Ipswich bietet cooles Entertainment aus der „Clockwork Orange“-Schule und zum Ende mit ´You´ll Never Walk Alone´ die beste Rockversion des Fußballklassikers überhaupt.

Um 17:30 Uhr sitzt Andy Parker schon hinter seinem Drumset, und UFO sollen starten. Stattdessen gibt es aber die Ansage, dass wegen einer Unwetterwarnung (Starkregen und Gewitter) erstmals in der W:O:A-Historie das gesamte Gelände zu räumen ist. Absolut diszipliniert geschieht das auch zeitnah, und über eine Stunde später wundert man sich, weshalb eigentlich, denn von ein paar Regentropfen abgesehen zieht der Sturm woanders lang (Flensburg kriegt es ab). Egal – safety first, auch wenn die Kommunikation rund um die Aktion besser hätte laufen können und nicht alle Notausgänge geöffnet wurden. Glücklicherweise geht das Programm anschließend mit einer Zeitverzögerung weiter, nur der Auftritt von Mambo Kurt wird gestrichen. Unter dem Motto „Last Order“ feiern die Hardrock-Urgesteine UFO ihr 50-jähriges Jubiläum und gleichzeitig ihren Abschied. Mit dem Schlussdoppel ´Rock Bottom´ und ´Doctor Doctor´ setzt man einen würdigen Schlusspunkt unter den erstklassigen Auftritt. Die Rückkehr von Neil Carter als Ersatz für den verstorbenen Paul Raymond erweist sich als Glücksgriff. Nicht nur, dass Neil vor unbändiger Spielfreude nur so sprüht, auch optisch könnte er der Bruder von Frontmann Phil Mogg (niemand ist mit über 70 Jahren schlanker!) sein. Schade nur, dass Pete Way bei der Abschiedstour fehlt.

Eigentlich ist dann ein Besuch bei ULI JON ROTH angesagt. Der Haken ist allerdings die ewig weite Wegstrecke zur örtlichen Kirche in der Ortsmitte – und die Menschenmassen, die sich dann zur Umkehr ins Festivalzelt entschließen. Dort beweisen THE DAMNED, dass sie die etwas andere, vor allem wandlungsfähige Punkband sind. Überraschenderweise verzichten sie auf ihren größten Hit ´Eloise´. Noch dabei sind die Gründungsmitglieder Captain Sensible (remember ´Wot!´?) und Frontmann Dave Vanian, wobei Letzterer optisch wie eine Mischung aus Elvis, Michael Poulsen und Ian Astbury ausschaut und souverän durch den Set führt.

THE SWEET in Wacken? Passt natürlich! Nicht ohne Grund gibt Dee Snider die Briten als seinen Haupteinfluss an, auch Heathen haben ´Set Me Free´ gecovert, und vielleicht sind die Briten sogar die Urväter des Speed Metal. Andy Scott und seine drei Begleitmusiker (u.a. mit Onslaught-, Arena- und Praying-Mantis-Background) wissen, dass sie auf dem W:O:A einen besonderen Gig spielen müssen, und verzichten bei der Setlist auf ihre poppigen Titel (´Little Willy´, ´Wig-Wam Bam´, ´Poppa Joe´). Sie beschränken sich auf ihre harten und schnellen Sachen und punkten vor den Augen von Festivalmacher Thomas Jensen mit Hits, Hits und noch mehr Hits (u.a. ´Action´, ´AC/DC´, ´Hell Raiser´, ´Blockbuster´, ´Burn On The Flame´, ´Teenage Rampage´, ´Set Me Free´, ´Ballroom Blitz´, ´Fox On The Run´). Gesprächsthema bleibt nach dem umjubelten Auftritt allerdings, ob Andy Scott eine Perücke trägt, was er auf der Bühne vehement bestreitet.

Für ROSE TATTOO ist der Auftritt heute der Höhepunkt ihrer Sommertour durch Europa. Im Bühnenhintergrund hängt die „Blood Brothers“-Fahne, im Mittelpunkt des Programms steht aber das Debüt der Australier. Klar, dass die „brothers and sisters“ Angry Anderson als wohl letzten aktiven Vollblut-Alt-Rock´n´Roller samt seiner Begleitband (inklusive Ex-AC/DC-Mitglied Mark Evans) abfeiern.

Danach eröffnen THE SISTERS OF MERCY („We are a rock´n´roll band. And a pop band. And an industrial groove machine. We are intellectual love gods“) ihren Set mit ´More´, einem ihrer größten Hits. Eine gute Idee von Mastermind Andrew Eldritch und seinen MitmusikerInnen, die sich im dichten Bühnennebel verstecken und im starken, hektischen Gegenlicht erst mal kaum zu erkennen sind. Was folgt, ist die angekündigte Zeitreise zu den Wurzeln des Goth-Rock/Metal, die mit ´This Corrosion´ und ´Temple Of Love´ ihr emotionales Ende findet.

Fazit des ersten Tages: Wohl noch nie ist das W:O:A so furios gestartet. Und wer heute nicht dabei war, wird The Sweet sowie UFO wahrscheinlich nie wieder auf der Bühne erleben können, was den Auftritten der beiden Bands einen melancholischen Beigeschmack verleiht. Dass der erweiterte Tag gut angenommen wird, zeigt sich auch darin, dass das Gelände am Abend hoffnungslos übervölkert ist und die Zeltbühnen wegen Überfüllung geschlossen werden müssen. (wk)

DONNERSTAG

Die Harder Stage startet am Donnerstag mit BEYOND THE BLACK. Wirklich hart ist an der Band allerdings nichts, sodass man sich fragt, was genau an ihrer Genre-Bezeichnung „Symphonic Metal“ wirklich Metal sein soll. Als dann auch noch die Cellistin Tina Guo hinzukommt und dazu am Klavier performt wird, ist die Kitschschublade ziemlich weit geöffnet. Das anschließende Motörhead-Cover ´Love Me Forever´ lässt Lemmy im Jenseits wahrscheinlich aus Frust eine ganze Flasche Jack Daniel´s auf ex trinken. Schlimmer ist schwer.

Ernster, metallischer und dennoch verdammt gut gelaunt geht es bei den Bay-Area-Thrashern TESTAMENT zu. Um den Auftritt in der prallen Sonne sind die Burschen zwar nicht zu beneiden, aber der Wucht von Klassikern wie ´Over The Wall´, ´Practise What You Preach´ und dem grandiosen ´Eyes Of Wrath´ tut dies keinen Abbruch. Mit Abstand eine der besten Darbietungen an diesem Tag, doch ist dies überraschend, wenn man sich das aktuelle Line-up der Veteranen anschaut? Geile Show!

Eine geile Show bieten parallel zu Testament auch die Eidgenossen von KROKUS. Schon der Einstieg mit dem Old-School-Triple ´Headhunter´, ´Long Stick Goes Boom´ und ´American Woman´ lässt die Stimmung hochkochen, und die Band beweist, dass sie immer noch in der Lage ist, die ganz großen Bühnen dieser Welt zu bespielen.

HAMMERFALL sind so etwas wie eine Wacken-Hausband und liefern auch in diesem Jahr wieder ab. Fronter Joacim Cans dirigiert souverän die Massen, und zum Schluss des Sets, als ´(We Make) Sweden Rock´ und vor allem ´Hearts On Fire´ zum Einsatz kommen, geht das gesamte Infield komplett steil. (tk)

Die wahnsinnigen Schweden von NECROPHOBIC reißen derweil auf der W:E:T Stage im Namen des Teufels die Bühne ab. Mit Hits der letzten Spitzenplatte „Mark Of The Necrogram“ kann man beim Schwarzwurzel-Publikum ordentlich punkten, denn Songs wie ´Tsar Bomba´ sind einfach schlimme, aber grandiose Ohrwürmer. Somit wird das am Anfang des Tages von Keyboard und Elfengesang geplagte Gehör wieder in die richtige Richtung geschoben. Wenn es um fiesen Black/Death-Metal geht, haben zwar andere Bands die Nase weiter vorn, doch Spaß macht die Truppe allemal. (sh)

Nach Rose Tattoo am Vortag ist es nun an AIRBOURNE, die Aussie-Rock-Flagge hochzuhalten, aber die Band um die O´Keeffe-Brüder wirkt heute erstaunlich zurückhaltend. Die Ruppigkeit und Aggressivität der Anfangstage scheint einer deutlich routinierteren Herangehensweise gewichen zu sein, denn das Quartett betont den Blues- und Jam-Charakter diverser Songs und verbeugt sich so vor seinen Landsleuten Rose Tattoo und AC/DC. Das Problem dabei ist allerdings die Tatsache, dass diese beiden Bands im direkten Vergleich dann doch die besseren Songs im Gepäck haben... (tk)

Zur Abwechslung machen wir anschließend einen Ausflug ins Wackinger Village, wo es turbulent zugeht. LADY KITTY´S HELL´S BELLES bieten Pole-Dance, und die BERLINER PYROPHONIKER katapultieren die Zuschauer mit einer Mischung aus „Mad Max“-Bühnen-Outfit, EBM-Klängen und Pyrotechnik in eine völlig andere Dimension. Dass anschließend eine Prozession mit Fackeln das Gelände erobert, wirkt zunächst etwas befremdlich, aber ein Blick auf das Programm verrät, dass es die „Medieval Parade“ mit anschließender Feuershow zu sein scheint und zum Glück nichts mit US-Südstaaten-Idioten zu tun hat.

Von dem Ausflug erholt, stürzen wir uns wieder in den Musik-Wahnsinn: GRAVE überzeugen wie gewohnt mit ihrem Death-Metal-Gerumpel, doch hatten die Jungs schon immer ein Problem: Wenn man einmal das fantastische ´Soulless´ gehört hat, kommt leider kein anderer Song der Schweden mehr daran vorbei, und zusätzlich ähneln sich die Stücke einfach zu sehr, sodass Abwechslung nicht gerade die Stärke der Band ist.

Auch wenn man dies UNLEASHED ebenfalls vorwerfen könnte, haben die Jungs einfach mehr Hits parat, die das Wacken-Publikum frenetisch abfeiert. ´The Long Ships Are Coming´, ´Into Glory Ride´ und ´Death Metal Victory´ sind einfach zu genial, um nicht durchzudrehen.

Die oftmals belächelten DARK FUNERAL versuchen derweil im Bullhead Circus, mit Flammen und Rotlicht das Publikum zu begeistern. Es ist ja nicht so, dass die Band keine Daseinsberechtigung hätte, da ihr vor allem in den Anfangstagen die eine oder andere Großtat aus den Fingern gerutscht ist. Leider ist das Ganze aber schon 23 Jahre her, und man ruht sich auch 2019 noch auf den Hits der Debütscheibe aus. Die Ork-Outfits und persiflierten Corpsepaints reißen da auch nicht mehr viel raus. (sh)

Hacky hat bei seinem Abstecher zu den Schwarzwurzel-Bands viel, wenn nicht sogar alles richtig gemacht, denn was SABATON auf der Hauptbühne veranstalten, ist nichts anderes als Mummenschanz in Camouflage-Optik. Sandsäcke auf der Bühne, Stacheldraht davor, ein Panzer als Drumriser – die Schweden lassen kein Gimmick aus, um sich martialisch in Szene zu setzen. Dazu kracht und raucht es an allen Ecken und Enden, ein Soldatenchor steht Spalier, und als man denkt, nein hofft, es wird nicht schlimmer, setzt Basser Pär Sundström tatsächlich auf die zweite Bühne über und spielt dort den Set mit ehemaligen Bandmitgliedern weiter. Jetzt ist es also sogar doppelt so schlimm wie vorher, aber das Publikum dreht kollektiv durch. Jeder, wie er meint, aber für mich persönlich sind Sabaton eine der schlechtesten Bands, die ich je gesehen habe.

Gut, dass zum Abschluss des Tages TRIUMPH OF DEATH Hellhammer ein akustisches Denkmal setzen und sich unsere Reisegruppe in seltener Eintracht geschlossen vor der Bühne einfindet. (tk)

FREITAG

Wie könnte sich der Festivalfreitag besser eröffnen lassen als mit einer ordentlichen Portion Helene Fischer auf die Ohren? Das denkt sich zumindest unsere Shuttle-Bus-Fahrerin, die ihr Gefährt auf dem Weg zum Gelände kurzerhand zum Schlagerschlachtschiff umfunktioniert. Böse Zungen könnten hier natürlich das ideale Bindeglied zwischen den gestrigen Headlinern Sabaton und EQUILIBRIUM erkennen, die auf der Faster Stage mit ihrer brachialen und streckenweise arg kruden Mixtur aus Pagan Metal und Ballermann-Bombast nicht jedermanns Geschmack bedienen. Mit ´Born To Be Epic´ erwischen die Bayern aber einen guten Start und ziehen das Infield schnell auf ihre Seite.

Deutlich mehr Feingefühl beweisen QUEENSRYCHE auf der benachbarten Harder Stage. Die Partystimmung weicht einer deutlich komplexeren Kost für Herz und Hirn, die für ordentlich Gedränge vor der Bühne sorgt. Die Progger präsentieren sich in glänzender Verfassung und füllen ihre Kompositionen dank eines stimmlich sensationellen Todd La Torre mit Leben.

Wer eine geradlinigere Herangehensweise an Musik bevorzugt, wird mit der schnörkellosen Rockshow von THE NEW ROSES gut bedient. Die Wiesbadener feiern ihr Wacken-Debüt, wirken unter dem weiträumigen Zeltdach des Bullhead Circus aber ein wenig verloren und heute etwas unspektakulärer als gewohnt.

Während sich am Himmel langsam, aber stetig dunkle Wolkenberge verdichten, beweisen ELUVEITIE geradezu meisterhaft, wie das Verschmelzen von unterschiedlichen Stilistiken funktionieren kann. Die Gratwanderung zwischen Brutalität und folkloristischer Anmut gelingt perfekt mithilfe eines glasklar ausgependelten Soundbetts, das jede einzelne Facette und jedes Instrument gleichwertig hervorhebt. Leider können die Schweizer ihren atmosphärischen Auftritt nicht komplett durchziehen, weil eine weitere Unwetterwarnung das W:O:A zum zweiten Mal vorübergehend auf Eis legt.

Es folgt eine knapp zweistündige Unterbrechung, in der sich Regen und vereinzelte Blitze die Klinke in die Hand geben, ohne dass der Sturm endgültig über den Holy Ground hereinbricht. Leider fällt durch den wetterbedingten Einschnitt das von mir lange herbeigesehnte Evergrey-Konzert im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser, die Auftritte von unter anderem Cradle Of Filth und Nailed To Obscurity werden verschoben.

Das Gewitter-Intermezzo zieht schließlich auch noch BLACK STONE CHERRY in Mitleidenschaft, die die Bretter um 16 Uhr verspätet entern und nur eine verkürzte Spielzeit zur Verfügung haben. Hinzu kommt, dass sich das Infield erst nach und nach wieder mit Menschen füllt und viele den Auftritt der Southern-Rocker aus Kentucky wohl komplett verpassen. Dennoch machen Frontmann Chris Robertson und sein bemerkenswert präzise aufeinander abgestimmtes Team das Beste aus ihrer Situation und geben absolut alles. Zusätzlich unterstützt wird das hart rockende Quartett von einem Congaspieler und einer Gebärdendolmetscherin, die das zweite Jahr in Folge in Wacken und auch bei einigen späteren Konzerten am Bühnenrand im Einsatz ist.

Auch BODY COUNT verschieben die ursprüngliche Running Order noch um gut 30 Minuten nach hinten und setzen mit einem ungestümen ´Ace Of Spades´-Cover gleich zu Beginn ein hochexplosives Ausrufezeichen. Mit ihrem aggressiven Hardcore-Crossover-Metal machen die US-Amerikaner keine Gefangenen und untermauern ihre Relevanz durch eine klare Einstellung gegen Rassismus und Waffengewalt in den USA. Lediglich Rapper Ice-Ts permanente Dicke-Hose-Attitüde sorgt für einigen verbalen Leerlauf und wirkt auf Dauer ermüdend.

Leerlauf gibt es bei ANTHRAX, die auf der Faster Stage die ´Madhouse´-Pforten sperrangelweit aufstoßen, dagegen zu keiner Sekunde. Das New Yorker Rasiermesserriff-Kommando zündet sein altbekannt rasantes Adrenalinfeuerwerk, das sich auch nach dem x-ten Mal nicht abnutzt, irgendwann aber auch nichts wirklich Neues mehr zu bieten hat. Spaß machen die Mosh-Kings trotzdem jedes Mal aufs Neue. (sb)

WITHIN TEMPTATION erklimmen mit einer riesigen Flagge die Bühne und starten passend dazu mit ´Raise Your Banner´ ihren Auftritt. Man mag von dieser Art der Unterhaltung begeistert oder empört sein, aber im Gegensatz zu anderen Frontgestalten dieses Genres kann Sharon den Adel singen. Die Zuschauer würdigen dies entsprechend und spenden der Kapelle lauthals Applaus.

Die dunkle Seite der Musik bespielen derweil VENOM INC. auf der Headbangers Stage. Wie viel Sinn diese ganzen Splittergruppen haben, kann jeder für sich selbst entscheiden, aber wenn Mantas & Co. ´Black Metal´ und ´Countess Bathory´ auspacken, grölt jeder Fan der Schwarzmetall-Vorreiter inbrünstig mit. Die Musiker haben ihren Spaß an der Vorstellung, und das überträgt sich auf das Publikum. Wenn fast jeder Besucher im Zelt die Texte auswendig kennt, ist das allerdings auch ein Garant für einen guten Gig.

Dass anschließend KÄRBHOLZ anstelle der Nosferatu-Rocker Tribulation auftreten, die aufgrund der Wetterverhältnisse komplett gecancelt haben, lässt viele traurig-fahle Gesichter zurück. Im vorher prall gefüllten Bullhead Circus herrscht nach Bekanntwerden dieser Information gähnende Leere. Jonathan Hulten & Co., wir hatten uns auf euch gefreut! (Dass in der Wacken-App zu einem späteren Zeitpunkt noch angekündigt wird, dass die Jungs um 23 Uhr auf der Beergarden Stage auftreten, dann aber eine ganz andere Truppe die Bühne betritt, reißt die Enttäuschung ins Bodenlose.) (sh)

Eisenfavst ist richtig sauer, und auch der Gig der Hightech-Frickler MESHUGGAH kann ihn nicht wirklich besänftigen. Also schleppen wir ihn zu DEMONS & WIZARDS, damit er sich eine Dosis epischen Power Metal abholen und mit Zehntausenden inbrünstig den Blind-Guardian-Klassiker ´Valhalla´ intonieren kann. Das Joint Venture von Jon Schaffer und Hansi Kürsch funktioniert in der norddeutschen Tiefebene prächtig und zählt von den Publikumsreaktionen her zu den Gewinnern des Festivals.

Danach wird es traurig, denn SLAYER, diese Institution des Thrash Metal, ist auf Abschiedsreise und macht heute Abend ein letztes Mal in Wacken Station. Und obwohl vor der Show mancher Nörgler zu Protokoll gab, sich „die Slayer-Coverband nicht geben“ zu wollen, stehen sie dann natürlich doch alle staunend und auch ein bisschen berührt vor der riesigen Hauptbühne, auf der Tom Araya & Co. aus ihrem riesigen Hitfundus schöpfen und umgedrehte Kreuze und Pentagramme auf die Videoleinwände projizieren. ´Angel Of Death´ beendet die Show standesgemäß, und als Araya danach ans Mikro geht und sich bei den Fans mit „Auf Wiedersehen“ verabschiedet, fließt im Publikum mehr als eine Träne. Schön war´s mit euch, ihr Totschläger!

Auch Eisenfavst ist jetzt wieder besser gelaunt, zumal ja auch noch ein Konzert seiner Lieblinge OPETH auf dem Programm steht. Die haben es nach dem emotionalen Slayer-Abschied alles andere als leicht, bringen ihren Progrock aber souverän wie immer auf die Bühne. Mikael Åkerfeldt und seine Band sind Profis genug, um den würdigen Schlusspunkt unter einen emotionalen Freitag zu setzen. (tk)

SAMSTAG

BLEED FROM WITHIN reißen die letzten Schlafmützen aus den süßen Träumen und entpuppen sich als gute Wahl, um den letzten Festivaltag zu starten. Schon um kurz nach elf Uhr kreist der erste Circle-Pit durch das große Bullhead-City-Zirkuszelt.

Im Infield bringen anschließend DIE KASSIERER ein ganz besonderes Kapitel Wattenscheider Gegenwartskunst auf die Bühne, was bei vielen Metallern (und auch bei den zahlreichen Dorfbewohnern, die beim Festival kostenlos reinschnuppern dürfen) für reichlich Verwirrung sorgt. Chefkassierer Wolfgang Wendland, heute offenbar völlig nüchtern und außerdem mehr oder weniger bekleidet, versteht das Erstaunen: „Sie werden sich wundern, dass wir es als Ruhrgebietler schaffen, so überdurchschnittlich intelligent zu sein.“ Dies sei durch hohen Alkoholkonsum herbeigeführt worden.

Nachdem so die Allgemeinbildung aufgefrischt wurde, legen SUBWAY TO SALLY auf der Harder Stage los, und die Fans freuen sich über eine ausgewogene Mischung aus frischem Material und älteren Genreklassikern der Potsdamer. Gleichzeitig findet im neuen „Welcome To The Jungle“-Bereich das Finale des Wacken Slam Battle statt. Statt Slam Metal gibt es allerdings gesprochenes Wort aufs Ohr, mal eher schlau, mal eher lustig. Das mag nicht sehr true sein, ist aber immerhin eine interessante Abwechslung. Wer es kredibiler haben möchte, kann an gleicher Stelle später HENRY ROLLINS lauschen. Auch hier ist eine Gebärdensprache-Dolmetscherin dabei. Festival-Veranstalter Thomas Jensen stellt das Team um Laura M. Schwengber später auf großer Bühne vor, lobt die Übersetzerinnen, „die mit den Händen tanzen“, und fordert: „Inklusion muss laut sein!“

Vom Wacken-Dschungel ist es nicht weit zum riesigen Kaufland-Festivalmarkt. Drinnen ist es angenehm klimatisiert, und das Sortiment ist ganz auf die Zielgruppe zugeschnitten: Dosenfutter, Grillfleisch, Campingzubehör und ganz viel Bier. Und eine Leergutannahme gibt es auch, sehr praktisch.

Genug Zivilisation, rüber geht´s zur Louder Stage. KVELERTAKs Nicht-mehr-ganz-so-Neuzugang Ivar ist kaum zu bändigen, er röhrt und schreit, schleudert das Mikro am Kabel durch die Gegend, würgt sich selbst damit, wälzt sich auf dem Boden oder springt in die Menge, dass es eine wahre Wonne ist.

In der ersten Reihe hat auch eine junge Dame im BATTLE BEAST-Shirt sichtlich Spaß, und das, obwohl doch ebenjene Band gerade nebenan auf der Faster Stage aufspielt. Die Finnen, die 2010 den internationalen Wacken Metal Battle gewannen, füllen trotz oder vielleicht auch genau wegen ihrer sehr, sehr eingängigen Mucke das Infield. Später bei OF MICE & MEN scheint es – zumindest gefühlt – etwas leerer zu sein. Überhaupt zeigt sich das Festival in diesem Jahr angenehm entzerrt, trotz der vielen Besucher ist es ab Donnerstag vor keiner der zahlreichen Bühnen zu voll, und man kann auch halbwegs zügig zwischen den verschiedenen Locations hin und her wechseln.

Zum Beispiel zum vergleichsweise kühlen Zirkuszelt, wo THE VINTAGE CARAVAN ihre dritte Wacken-Show abliefern, oder zu den Wackinger- und Wasteland-Stages, die inzwischen größer sind als die Hauptbühnen anderer Festivals. Das gilt auch für die Biergartenbühne. Neben allerlei Trinkbegleitmusik singt hier heute DEINE COUSINE, die, als „weiblicher Campino“ angekündigt, dann auch eher nach den jüngeren Werken der Düsseldorfer und aktuellem Radiorock klingt als nach Wacken-relevanter Klangkunst.

Auch die PROPHETS OF RAGE, die nun auf der Faster Stage an der Reihe sind, fallen aus dem Rahmen, vielleicht sogar noch mehr als Ice-T und Body Count am Vortag. Die Band um Ausnahmegitarrist Tom Morello hat das Metal-Volk aber schnell im Griff, springt zwischen Rage-Against-The-Machine-Songs und neuem Material hin und her, schiebt sogar (welch Frevel!) einen reinen HipHop-Part ein und beendet die fette Show mit dem inzwischen vermutlich in allen Metal-Discos weltweit verbotenen, aber hier großartig angenommenen ´Killing In The Name´. (tos)

Der Letzte macht bekanntlich das Licht aus, und während die Kollegen schon längst wieder in den Rock-Hard-Jet gestiegen sind, um am heimatlichen Pool Seele und diverse andere Körperteile baumeln zu lassen, führt es mich an den Wutpropheten vorbei zu den ganz alten Kamellen. URIAH HEEP haben es in sage und schreibe 50 Jahren Bandgeschichte bisher nicht einmal auf die Wacken-Bühne geschafft. Debüt-Nervosität merkt man den alten Hasen natürlich nicht an. Ganz im Gegenteil: Bernie Shaw & Co. legen eine Spielfreude auf die Bretter, die am finalen Wacken-Tag ihresgleichen sucht. Spätestens bei ´Lady In Black´ fällt dann auch den ganz jungen Kopfschüttlern vor der Louder Stage ein, dass sie die Band schon mal auf irgendeinem „Kuschelrock“-Sampler von Mama weitergeskippt haben. Das ist dieses Mal nicht möglich, denn die Heeps machen keine Gefangenen und beenden mit (natürlich) ´Easy Livin´´ einen ganz starken Auftritt.

Von den rüstigen Rentnern angespornt, scheinen die Waliser BULLET FOR MY VALENTINE – immerhin auch schon seit 20 Jahren am Start – hier und heute nichts anbrennen lassen zu wollen, krachen mit ´Don´t Need You´ von der 2018er Rille „Gravity“ so richtig los und spielen einen dieser Gigs, die vor vielen Jahren den Ruf von BFMV als immer liefernde geile Liveband geformt haben. ´4 Words´, ´Scream Aim Fire´ und natürlich ´Waking The Demon´, in der knalligen Abendsonne brennt die Band geradezu und sorgt mit dem für mich besten Cover einer Achtziger-Jahre-Schmonzette (Robert Teppers ´No Easy Way Out´ vom „Rocky IV“-Soundtrack) für Freudestrahlen auf dem knochentrockenen Gelände.

Dann kommt die Zeit der Entscheidungen: Angemalte Pseudo-Rumänen oder angemalte Melodic-Deather aus Schweden? Sprich: Powerwolf oder AVATAR? Ich entscheide mich nicht, sehe einen halben sehr guten Gig der Schweden auf der Louder Stage, der Lust auf mehr macht, und hetze dann gerade rechtzeitig zum Finale der großen Attila-Dorn-Show.

Man kann über POWERWOLF denken, was man will, der Spaßfaktor bei ihren Shows ist immer groß. Diesmal sorgt die Truppe dafür, dass der Holy Ground of Wacken nun wirklich heiliggesprochen wird – mit Hilfe zehntausender „Kra-Kehlen“, einer ganzen Menge Feuer und dem Blut der Powerwolf-Jünger. ´We Drink Your Blood´ beendet eine fette Powerwolf-Show, die dem Frontmann sichtbar Spaß bereitet. Das äußert sich darin, dass er noch mehr redet als ohnehin üblich. Über den musikalischen Gehalt der Powerwolf´schen Schunkelnummern kann und soll man weiterhin streiten, am Entertainment-Faktor hingegen gibt es rein gar nichts zu meckern.

DELAIN schaffen es zur gleichen Zeit, dass das Zelt nahezu aus allen Nähten platzt. Im schummrigen Rotlicht zelebrieren die Holländer ihren symphonischen Metal. Muss man mögen, ich jogge lieber zurück ins Infield, wo kurz vor Parkway Drive die ersten Bands für 2020 bekannt gegeben werden sollen. Eine große Maya-Tanzshow (nicht die Biene!) mit reichlich Feuerspektakel stimmt die Wackinger aufs kommende Jahr ein, und plötzlich steht zwischen beiden Bühnen Trivium-Frontmann Matt Heafy mit seiner weißen Les Paul und spielt ein heißes Gitarrensolo, in dessen Verlauf er einen auf Ace Frehley macht. Seine Gitarre versprüht Funken, und der Name Judas Priest erscheint auf der Leinwand. Das Volk tobt, 2020 kann kommen.

Eine starke Inszenierung – und das geht jetzt so weiter. Denn PARKWAY DRIVE bahnen sich mithilfe einiger Fackelträger durch das Publikum den Weg zur Bühne und rasten direkt dezent mit ´Wishing Well´ aus. Die Energie der Australier ist ansteckend, und so wird das Infield zu einem Hüpf- und Pogo-Wettbewerb. Nicht teilnehmen kann leider Parkway-Drive-Bassist Pie O´Connor. Der sitzt wegen einer Knieverletzung im Rollstuhl und wird witzigerweise von seiner Mutter zum zweiten Song auf die Bühne gerollt. Abwechslungsreich ist die Show allemal – zu ´Writings On The Wall´ und ´Shadow Boxing´ gibt es Hilfe von einem Streichquartett, und am Ende brennen die Australier dann nahezu die gesamte Bühne ab.

Da könnten es SAXON schwer haben, denkt man sich. Aber weit gefehlt. Wer Songs wie ´Motorcycle Man´, ´Wheels Of Steel´, ´Heavy Metal Thunder´ und dann noch einen gewaltigen stählernen Adler im Gepäck hat, kann mit den Jungspunden immer noch locker mithalten. Diese Show hätte ich lieber auf dem Headliner-Slot gesehen.

Wer nach einem harten, langen Wacken 2019 dann noch die Äuglein aufhalten kann, zieht sich um 1:30 Uhr bei frischen 16 Grad RAGE rein. Ich träume indessen bereits vom Pool und mache das Licht aus. Gute Nacht, Wacken! (ts)

In Wacken trotzten den Naturgewalten: Thomas Kupfer (tk), Stefan „Hacky“ Hackländer (sh), Tobias Schmidt (tos), Simon Bauer (sb), Wolfram Küper (wk) und Thorsten Seiffert (ts). Die Fotos schossen Thorsten Seiffert und Kathrin Popanda.

Autor:
Onlineredaktion

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