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ToneTalk 01.09.2021, 08:01

WALTARI - »Rock ist für mich bis heute ein Abenteuer«

Kärtsy Hatakka wurde als Kari Arvo Ilari Hatakka geboren und zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Musikszene, ohne je ein typischer Rockstar geworden zu sein. Seine Band Waltari ist trotz zahlreicher Achtungserfolge immer ein Insiderding geblieben und feiert nun den 30. Jahrestag der Veröffentlichung ihres Debütalbums. Wir unterhielten uns mit dem 53-jährigen Finnen über Komponieren, Spielen, Produzieren und das Leben an sich.

»Ich war zuerst wie wohl jeder ein reiner Musikfan. Meine drei Brüder sind älter und in den Fünfzigern geboren, weshalb sie alle krasse Hippies wurden, also bekam ich früh mit, was sie hörten: Pink Floyd, Jethro Tull, Led Zeppelin, Deep Purple sowie natürlich die Beatles und Rolling Stones. Ich glaube, dass ich erst vier Jahre alt war, als ich mich zum ersten Mal bewusst mit Musik auseinandersetzte. Mir fielen die Rituale meiner Brüder auf, wenn sie Platten auflegten: Fensterläden und Zimmertür zu, aufdrehen und dann von Anfang bis Ende durchlaufen lassen, natürlich mit Seitenumdrehen zwischendurch. Anfangs durfte ich ihnen dabei noch keine Gesellschaft leisten, aber irgendwann ließen sie mich zu sich rein, und einige dieser Sessions habe ich nie vergessen.«

Wie wirkte diese harte, laute Musik auf dich?

»Für mich hatte sie etwas Spielerisches, darum ist Rock für mich auch bis heute ein Abenteuer, und ich nähere mich ihm noch auf ähnliche Weise wie damals, also unvoreingenommen wie ein Kind. Dementsprechend kamen mir Plattencover wie Märchenbücher vor. Nach ein paar Jahren tat ich es meinem nächstältesten Bruder gleich, indem ich anfing, Gitarre- und Klavierspielen zu lernen. Wir haben sogar noch Aufnahmen aus den Siebzigern, für die wir zu zweit improvisierten und ich auch sang; da muss ich sieben oder so gewesen sein. Dann kam Punk, und jeder gründete eine Band, ich auch; ein Klassenkamerad aus der Grundschule schloss sich mir an – Jariot (Lehtinen – as), der bis heute bei Waltari Gitarre spielt.«

War das Klavier oder die Gitarre dein Lieblingsinstrument?

»Das Klavier, auch weil man bei uns zu Hause nicht daran vorbeikam; es stand im Wohnzimmer, und eigentlich spielte ständig jemand darauf. Ich war faul und undiszipliniert, weshalb ich den Unterricht hasste und schnell hingeschmissen habe. Mein Bruder hatte mir drei Akkorde beigebracht – C, F und G –, die reichten, um die ersten Songs zu schreiben (lacht).«

Wenn du Musik mit einem Abenteuer vergleichst: Vermisst du heute die Experimentierfreude, die insbesondere in den Neunzigern allgegenwärtig war?

»Oh ja. Ich finde die meisten Bands von heute viel zu ehrfürchtig, wenn es darum geht, etwas aus der Musik ihrer Vorbilder zu machen. Niemand möchte mehr Risiken eingehen, doch genau das zeichnet in meinen Augen vor allem Rock aus. Mittlerweile hört man fast nur noch stereotypen Kram, der sich nicht voneinander unterscheiden lässt; mir sind Künstler am liebsten, die ständig aufs Neue überraschen, weil ich mich schnell langweile. Nichtsdestoweniger gab und gibt es zu allen Zeiten Bands, die mich fesseln; nach der Jahrtausendwende gehörten etwa Linkin Park dazu, von denen ich zwar nicht jedes Album mag, doch dafür klangen alle jeweils anders, obwohl man immer erkannte, wer dahintersteckte. Mit der zigsten AC/DC-Platte brauchst du mir gar nicht erst zu kommen.«

Diese unverkennbare Handschrift haben auch Waltari. Woran machst du sie fest?

»Jariot und ich wollten von Beginn an eigenständig klingen, aber einen genauen Plan dafür gab es nicht. Ich schätze mal, es hat damit zu tun, sich nicht stilistisch einzuschränken, und hängt wahrscheinlich auch mit meiner Stimme zusammen, die doch recht ungewöhnlich klingt. Sobald ich den Mund aufmache, weiß so gut wie jeder, dass wir es sind (lacht). Ich habe das Singen ja nie richtig gelernt, und da ich als Teenie nicht rauchte, veränderte sich mein Timbre im Lauf der Zeit kaum.«

Komponieren und Spielen sind eine Sache, aber du produzierst auch, was du vermutlich auch nicht von der Pike auf gelernt hast, oder?

»Nein, doch das ist genauso wie mit Instrumenten: Ich habe herumprobiert und bin über die Jahre hin immer besser geworden. Im Grunde kann ich dir dazu auch gar nicht viel sagen, denn lehrbuchmäßig läuft bei mir nichts, und ich habe keine Ahnung von den Spezifikationen der Geräte, die ich so benutze. Hauptsache, es funktioniert. Bei Waltari hängte ich mir den Bass auch nur deshalb um, weil sonst niemand zur Stelle war, der Lust und das Zeug dazu hatte. Wir bildeten zu dritt mit unserem ersten Drummer Sale (Sauli Suomalainen – as) eine tighte Einheit, also wechselte ich von der Gitarre zum Bass; da das zuerst nur vorübergehend sein sollte, bis wir einen richtigen Bassisten gefunden hätten, spielte ich das normale Rechtshänder-Instrument als Linkshänder wie Jimi Hendrix umgedreht, ohne die Saiten andersherum aufzuziehen, und halte es bis heute so.«

Wie kann jemand, der ungern übt und demnach wohl auch keine Noten liest, Musik für Band und Orchester schreiben, wie du es unter anderem für eure Death-Metal-Sinfonie „Yeah! Yeah! Die! Die!“ getan hast?

»Ach ja, das war meine Hardcore-Metal-Phase (lacht). Die hatte wohl jeder, der aus der Punkszene kam und derbe, schnelle Musik mochte. Für mich war das Projekt nur die logische Verschmelzung solcher Vorlieben mit meinem Hang zum Progressive Rock, wobei ich denke, dass das bis dahin niemand derart konsequent durchgezogen hatte wie wir; ich meine, bei Celtic Frost waren es nur ein paar orchestrale Versatzstücke hier und dort. Jedenfalls bekamen wir die Gelegenheit, eine aufwändige Show in der Oper von Helsinki aufzuziehen, und zu der Zeit gab es schon technisch relativ weit ausgereifte Digitalpianos auf dem Markt. Wir hatten jemanden, der die Partituren für die Orchesterleute anhand meiner MIDI-Spuren anfertigte, und meine Demos davon, für die ich alle Parts per Keyboard einspielte, werden bald im Rahmen unseres kürzlich gegründeten Fanclubs veröffentlicht. Da hört man, dass die Arrangements eigentlich mehr oder weniger unverändert blieben, als wir sie mit den Klassikern aufnahmen. Heutzutage würde das noch leichter fallen, weil es Programme gibt, die automatisch Noten von deinem Geklimper ausspucken.«

Findest du die praktisch unbegrenzten Möglichkeiten, die man heute schon in einem kleinen Heimstudio hat, eher bereichernd oder hinderlich?

»Ich möchte die Uhr bestimmt nicht zurückdrehen, aber bei alledem besteht natürlich schon die Gefahr, dass man das Wesentliche aus den Augen verliert und sich verzettelt. Außerdem leidet die Fantasie darunter, weil man nicht mehr überlegen muss, wie man mit beschränkten Mitteln das Beste aus seinen Ideen macht. Darum besitze ich nach wie vor meinen uralten Sequenzer und nutze ihn weiterhin regelmäßig, auch wenn ich ungefähr 2005 kurz nach „Rare Species“ auf Software umgestiegen bin. Er war mit mehreren Synthesizern und einem Drumcomputer verbunden, so entstand ein Großteil von Waltaris Musik. Das ist wegen des winzigen Monitors am Gerät umständliche Arbeit gewesen, und die Bedienung ging alles andere als intuitiv vonstatten, weshalb man unbedingt die Gebrauchsanweisung lesen musste, um nicht versehentlich etwas zu löschen; das ist mir nicht nur einmal passiert, und zu lernen, wie man richtig damit umging, dauerte gut drei Jahre. Insofern ist technischer Fortschritt schon ein Segen.«

Wie kam es dazu, dass du den Soundtrack für das letzten Endes sehr erfolgreiche Game „Max Payne“ komponieren durftest?

»Das geschah dank eines Verwandten von mir, der zum Entwicklerteam zählte, als Waltari ihre erste längere Pause nach zig Jahren Dauerstress einlegten. Diese Typen mochten das, was wir auf „Yeah! Yeah! Die! Die!“ gemacht hatten, und ich sehnte mich schon länger nach einem reinen Studioprojekt, weil ich die Bandkonstellation ein bisschen leid war. Kimmo Kajasto, der bereits Erfahrung im Filmbereich hatte und eine Zeitlang der hierzulande bekannten Electro-Jazz-Combo RinneRadio angehörte, arbeitete das Material gemeinsam mit mir aus, nachdem ich in unserem Proberaum Demos angefertigt hatte. Ich sah nämlich ein, dass ich mit meinen überschaubaren Kenntnissen schnell an meine Grenzen stieß. Es handelte sich um das allererste Spiel, das die Firma Remedy Entertainment selbst herausbrachte, und Finnland gehörte sicherlich nicht zu den Marktführern in dieser Branche, doch es wurde bekanntlich ein Riesenhit, der sich millionenfach verkaufte. Da hatte ich echt mal Glück (lacht).«

Mit Soloprojekten fliegst du weitgehend unterm Radar der Allgemeinheit, doch 2016 erschien in Form von „Kärtsy Plays Flatus – Maunula“ ein Album, das einen besonderen Hintergrund hat. Erzähl mal.

»Flatus waren die Band meines Bruders Tote und unsere Inspiration für Waltari. Sie standen in Finnland irgendwann kurz vor dem Durchbruch, doch der Sänger und Hauptsongwriter hatte ein schweres Alkoholproblem, sodass sie sich schließlich auflösten. Ich habe auf dieser Platte zum ersten Mal in meiner Muttersprache gesungen, was ich eigentlich nicht gerne tue. Das Label Stupido, mit dem Waltari seit vielen Jahren zusammenarbeiten, verlangte ständig ein Soloalbum auf Finnisch von mir und bekam diesen Wunsch nun quasi erfüllt, obwohl ich unsere Sprache gesungen nicht leiden kann. Der Flatus-Frontmann war kürzlich an Krebs gestorben, und ich nahm an einem Gedächtniskonzert für ihn teil, wobei die Idee aufkam, bis dato unveröffentlichte Stücke mit mir am Mikro einzuspielen, was wir dann getan haben. Die alten Sachen kannte ich aus meiner Jugend sowieso auswendig, so wurde das Ganze richtig schön nostalgisch.«

Was treibt dich dieser Tage an? Waltari gehen bald wieder auf die Bühne, falls das Coronavirus mitspielt.

»Ja, man muss abwarten, aber ich glaube, das wird schon laufen, da sich die Lage in den meisten europäischen Ländern doch entspannt. Kurz nach dem Release von „Global Rock“ scharrten wir mit den Hufen, um auf Tournee zu gehen, doch dann zerschlug sich alles wegen der Pandemie, und seitdem kommt es mir so vor, als ob wir noch unerledigte Arbeit herumliegen hätten. Dabei waren die Kritiken durchweg positiv, sogar in Japan, und umso mehr haben wir nachzuholen, wenn es endlich weitergehen kann. Ansonsten habe ich gleich zwei neue Solosachen in der Hinterhand, die während des Lockdowns entstanden, als ich versuchte, mich von der ungewissen Situation abzulenken, indem ich Musik schrieb wie verrückt. Hier liegen auch Ideen für mindestens zwei Waltari-Alben herum, und im Frühjahr ist meine Unplugged-Platte „Kärtsy 4 Sale“ erschienen, auf der neben neu eingespielten eigenen Songs auch Coverversionen von beispielsweise den Red Hot Chili Peppers stehen.«

Zum Schluss noch etwas, das nichts zur Sache tut: Der zweite Vorname deines Sohnes lautet Amadeus?

»Ja, Waltaris zweiter Drummer Janne Parviainen, der heute bei Ensiferum spielt, schlug ihn vor, und Akseli Amadeus Hatakka klingt doch prima, oder?«

www.waltariband.com

www.facebook.com/waltarimusic

DISKOGRAFIE (Waltari)

Monk-Punk (1991)

Torcha! (1992)

So Fine! (1994)

Big Bang (1995)

Yeah! Yeah! Die! Die! – Death Metal Symphony In Deep C (Live, 1996)

Space Avenue (1997)

Radium Round (1999)

Rare Species (2004)

Blood Sample (2005)

Release Date (2007)

Below Zero (2009)

Covers All! – 25th Anniversary Album (Compilation, 2011)

You Are Waltari (2015)

Global Rock (2020)

3rd Decade – The Anniversary Edition (Compilation, 2021)

Bands:
WALTARI
Autor:
Andreas Schiffmann

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