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ToneTalk 24.02.2016

ZZ TOP - »Alle Hipster haben jetzt Bärte!«

ZZ TOP haben soeben ein paar Termine für den Festivalsommer bekannt gegeben, und auch sonst bewegt sich Billy Gibbons gerne auf der Sonnenseite des Lebens. Auf seinem ersten Soloalbum versprüht der 66-jährige Langbart neben seinen berühmten Blues-Licks umstrittene Gute-Laune-Latino-Vibes.

»Von wo rufst du an?«

Aus Dortmund. Ich habe gesehen, dass du von der Firma Helliver aus Münster eine deiner Hauptgitarren beziehst. Das ist nicht weit von hier. Wie schafft es so eine kleine Firma für handgemachte Instrumente, den berühmten Billy Gibbons auszustatten?

»Die kamen einfach zu unseren Shows und stellten ihre Instrumente vor. Die sind sehr fein, akkurat und logisch gebaut, mit viel Liebe zum Detail.«

Wie bei deutscher Ingenieurtechnik üblich.

»Da hast du´s. Unschlagbar eben, die globale Messlatte.«

Ich bin nur überrascht, dass es überhaupt noch möglich ist, dein Interesse zu wecken. Du hast doch schon 800 (!) Gitarren, und ganz Amerika liegt dir zu Füßen.

»Es kommen immer mal Leute, die Instrumente dabeihaben. Die meisten sind gut spielbar, aber es passiert selten, dass dich der Sound förmlich umhaut. Für die Trapezoid brauchst du nicht mal Pedale, ich musste sie unbedingt haben.«

Aus dem Info deines Soloalbums weiß ich, dass du mit kubanischer Musik schon recht früh in Berührung gekommen bist.


»Ja, da war ich 13 Jahre alt und trommelte wie ein Verrückter auf allen möglichen Gegenständen im Haus herum. Ich wurde eben Teenager und entwickelte meine Interessen. Mein Vater war Leiter eines Orchesters und blieb bei dem Lärm ganz cool. Er meinte nur, ich sollte wenigstens vernünftig „kloppen" lernen, und schickte mich zu einem kubanischen Percussion-Lehrer nach New York. Die Belohnung für meine Mühen lag zu Weihnachten unter dem Christbaum: eine elektrische Gitarre. Das war der Wendepunkt für mich, die Drumsticks blieben ab sofort in der Ecke liegen.«

Das müsste in den Sechzigern gewesen sein. War es damals cool, Blues zu spielen, oder war das bereits Alte-Männer-Musik?

»Nein, Blues war noch sehr populär, die Kurve knickte erst später ab. Als ich älter wurde, kam Psychedelia wie die 13th Floor Elevators mit Roky Erickson stark in Mode und natürlich auch Jimi Hendrix. Das waren meine Haupteinflüsse, als es darum ging, die Blues-Musik ein wenig aufzumotzen.«

Du gehörst zu den beliebtesten musikalischen Gästen überhaupt, ob nun bei den Revolting Cocks, B.B. King oder Hollywood-Filmen. Nach welchen Kriterien suchst du die Engagements aus? Geld dürftest du genug haben, schätze ich.


»Ja, das spielt keine Rolle. Es ist die Aussicht, mit Leuten in einem Raum zu stehen und zu schauen, was passiert. Es geht um Neugier, Stimulanz, Herausforderung. Es ist ein Privileg, mit meinen Kumpels Dusty Hill und Frank Beard seit über vier Dekaden zusammenspielen zu können, aber ab und zu muss ich da raus, um im Kopf frisch zu bleiben.«

Was fasziniert dich daran, so gegensätzliche Welten wie Bluesrock und Synthie-Pop zusammenzubringen, wie du es bei ZZ Top getan hast? Auch dein Soloalbum bedient sich bei kubanischer Musik und Pop, die sich mit deinen Trademarks vermengen.

»Es gab zumindest keinen Plan. Mit den beiden Toningenieuren wollte ich zunächst nur Musik aufnehmen, die authentisch kubanisch klingt. Und plötzlich sind da ein paar Samples, zu denen man sagt: „Okay, cool." Solange sich Musik organisch entwickelt, ist alles in Ordnung. Die Entstehungsgeschichte war ähnlich: Ich bekam einen Anruf, eine Einladung zum Jazz-Festival in Havanna. Ich sagte: „Ich habe keine Ahnung von diesem Jazz, ich spiele nur Blues und Rock." Aber die Gelegenheit, mir Kuba anzusehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.«

Bevor es zu spät ist...

»Ganz genau, haha. Jedenfalls buchte ich mir Studiozeit, um ein bisschen kubanischer zu klingen, und plötzlich war ich mittendrin.«

Du sitzt in den USA in der Jury einer TV-Talent-Show namens „StarTomorrow", obwohl ZZ Top die harte Tour durch dreckige Clubs genommen haben. Verdammst du diese Formate nicht?

»Doch, schon. Aber man kann nie berühmt genug sein, haha! Als wir anfingen, waren wir gerade mal 18 Jahre alt. Es ging nur darum, eine gute Zeit miteinander zu haben. Wir nahmen das nie sonderlich ernst, und dabei ist es anscheinend geblieben. Wir lauern uns immer noch auf, wenn es darum geht, wer den ersten Fehler der Show macht. Und der erste Song, den wir versucht haben zu schreiben, ist immer noch nicht fertig. Das ist das Gefühl unserer Band.«

Mit deinem roten Bart bist du ganz schön auffällig, wenn du mal ausgehst. Nervt dein Bekanntheitsgrad denn nie?   

»Hier in Los Angeles gibt es Tourbusse, die für Touristen die Sehenswürdigkeiten der Stadt abklappern. Leider bin ich auf deren Liste. Ich muss also nach links und rechts schauen, wenn ich mal meinen Vorgarten bewässern will. Oder eine längere Autogrammstunde einschieben.«

Als die Bands begannen, auf der Bühne in Shorts herumzurennen, habt ihr euch Anzüge, Hüte und Sonnenbrillen besorgt. Ist das nicht fürchterlich unkomfortabel?    

»Das war eine glorreiche Idee von unserem Mann ohne Bart, Frank Beard. Er meinte: „Sollen wir nicht was mit Mode machen?" Ich habe ihn nur regungslos angeschaut. Wir sind eigentlich total unmodisch.«

Und deshalb so etwas wie Comic-Charaktere geworden.

»Ja, das war eine Verkleidung, ein Witz. Nun ist es unser Markenzeichen. Wir müssen jetzt dabei bleiben. Genauso mit den Bärten. Die wiederum sind momentan schwer in Mode, alle Hipster haben jetzt Bärte.«

Der Rasierklingen-Hersteller Gillette bot euch eine Million Dollar, um sie abzuschneiden.

»Wir lehnten ab. Das war ein guter Deal für beide. Sie konnten ihr Geld behalten, und die Leute hielten uns für Helden.«

www.facebook.com/zztop

Pic: Blain Clausen

Bands:
ZZ TOP
Autor:
Holger Stratmann

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