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REVIEW 8.5 28.09.2022

(Album des Monats, RH 424, 2022)

LAMB OF GOD - Omens

Wenn man das 1999 unter dem Banner Burn The Priest veröffentlichte Debüt mitzählt, stellt „Omens“ bereits das zehnte Studioalbum von LAMB OF GOD dar. Eine solch reichhaltige Diskografie birgt natürlich die Gefahr, sich musikalisch zu wiederholen, weshalb die Musiker gut daran getan haben, das Pferd diesmal von hinten aufzuzäumen. „Omens“ wurde weitgehend live im Studio aufgenommen, wodurch das Material die pulsierende Energie eines LAMB OF GOD-Live-Auftritts so gut wie kein vorheriges Werk des Richmond-Quintetts einzufangen vermag. Stilistisch findet die Band eine ansprechende Mischung aus Passagen, die an ihre umjubelten Klassiker-Alben erinnern, sowie frischen Akzenten. Diese werden oft vom 2019 eingestiegenen Schlagzeuger Art Cruz gesetzt, der auf diesem Album noch mehr in seine Rolle gefunden hat als auf seinem 2020er Einstand „Lamb Of God“. Trotz der neuen Impulse lässt die Truppe große stilistische Experimente und Gastsänger, die sich auf den beiden Vorgängeralben die Klinke in die Hand gaben, diesmal außen vor. „Omens“ bietet somit nicht nur LAMB OF GOD in Reinkultur, sondern auch reichlich hitverdächtiges Material: ´Nevermore´, ´Ditch´, ´Omens´ und ´Denial Mechanisms´ schreien förmlich danach, in den heimischen vier Wänden einen Circle-Pit zu starten. Wer sein Mobiliar nicht komplett zerlegen will, sollte sich die Winter-Tourdaten mit Kreator rot im Kalender anstreichen.

REVIEW 8.5 28.09.2022

(Dynamit, RH 424, 2022)

SLIME - Zwei

Zu den Hochzeiten des Deutschpunk waren SLIME parolenspeiendes Sprachrohr, Anti-Impi-Ini-Institution und Leitmedium mit einem Crossover weit in die linkspolitische BRD-Gesellschaft hinein. Auch als gereifte elder statesmen des Polit-Punkrock machten sie nach einer zwischenzeitlichen Auflösung eine gute Figur, ersetzten Schlachtrufe wie „Polizei SA SS“ zuweilen durch echten Tiefgang und alterten mit ihrer Klientel durchaus in Würde. In den letzten Jahren war hingegen ziemlich der Wurm drin. 14-jährige Revoluzzer:innen lassen sich von Leuten, die älter als die eigenen Eltern sind, halt nix erzählen, und wer´s politisch nicht ganz so pedantisch sieht, geht lieber zu Hosen, Onkelz, Broilers oder Frei.Wild. Selbst der Abgang von Sänger Dirk Jora, zwar ganz klugscheißerisch betrachtet nicht der erste Frontmann der Band, aber immerhin seit 1979 (!) der markanteste Vokuhila der Szene, schlug kaum noch Wellen. Jetzt also der Relaunch mit „Zwei“. Der Neue ist der deutsch-amerikanische („Yankees raus!“, lol) Straßenmusiker Tex Brasket. Hat sich die Band zuletzt immer nur knapp in den grünen Bereich gehievt, ist Tex eine Frischzellenkur: mehr Energie, mehr Wut, rauer und dennoch gefühlvoller, eine wirkliche Persönlichkeit mit (und das ist neu bei SLIME) eigenen, zudem smarten, nachvollziehbaren, plattitüdenfreien Texten, einer authentischen Agenda, eindringlich, mit Ecken und Kanten und doch poetisch, zuweilen mit einem kratzigen Rio-Reiser-Flair. Das strahlt auch auf die Genoss:innen ab. Tex´ Stimme thront auf Songs, die mehr erwachsene Power besitzen als alles, was die Truppe bislang zustande gebracht hat. Dem Genöle aus der Szene (wer auch immer das 2022 ist...), man dürfe ohne Dirk nicht weitermachen, die Gruppe sei eh nicht mehr relevant, „Zwei“ hätte nix mit der Bandhistory zu tun, das Album würde zu sehr nach Deutschrock klingen blablablubb, kontert Tex kurz und schmerzvoll mit „Halt die Fresse, erzähl du mir nix von Punkrock, ich scheiß auf deine Meinung!“. SLIME schießen sich mit „Zwei“ vom wackeligen Relegationsplatz direkt in die Champions League!

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REVIEW 9.0 28.09.2022

(Dynamit, RH 424, 2022)

SLIPKNOT - The End, So Far

SLIPKNOT gebührt größter Respekt dafür, dass sie sich nicht als reine Fan-Dienstleister sehen, die versuchen, „immer das nächste ´Psychosocial´ und ´Surfacing´ zu schreiben“, wie Percussionist Clown es jüngst formulierte. Auch das siebte Album „The End, So Far“ lebt vom Streben nach Weiterentwicklung und der Erforschung neuer Klangwelten. Dabei gelingt der Iowa-Rasselbande wieder das Kunststück, sich nicht zu sehr von den Aggro-Wurzeln zu lösen. So entpuppt sich „The End, So Far“ erneut als Ideen-Feuerwerk, das zwischen Melodie und Härte pendelt. Daraus resultiert ein hochdynamisches und vielseitiges Songwriting, das es im Genre der wilden Neun nur ganz selten zu hören gibt. Schon die beiden ersten Singles stehen repräsentativ für das kreative Spannungsfeld: Während ´The Chapeltown Rag´ mit seinem chaotisch anmutenden Arrangement an die ersten beiden Alben der Band erinnert, setzt sich ´The Dying Song (Time To Sing)´ mit einem unwiderstehlich melodischen Refrain im Gehörgang fest. Das Hitpotenzial dieser Tracks erreicht nicht jede Komposition, dennoch gibt es auf „The End, So Far“ jede Menge zu entdecken: Bei ´Adderall´ und ´Yen´ zeigen SLIPKNOT sich mit gefühlvollen Gesängen und ruhigerer Instrumentierung von ihrer zugänglicheren Seite, wohingegen ´Hivemind´ mit Killer-Riffs und Blastbeats aufrüttelt. In der Mitte des Longplayers finden sich mit dem psychedelisch-progressiv angehauchten ´Medicine For The Dead´ und ´Acidic´ zwei weitere Highlights, bevor mit dem thrashigen ´H377´ das letzte Albumdrittel eingeläutet wird, das in ´Finale´ sein episches Ende findet. Erwähnenswert ist erneut die Vocalperformance von Corey Taylor, der wie ein junger Gott singt beziehungsweise wie vom Deibel besessen brüllt und mit seiner Vorstellung erneut seinen Ruf als einer der besten Frontmänner der modernen Metalszene eindrucksvoll verteidigt.

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REVIEW 8.5 28.09.2022

(Dynamit, RH 424, 2022)

AVANTASIA - A Paranormal Evening With The Moonflower Society

Die Nacht bricht herein, und die Schatten erwachen. Im kalten Schein des Mondes befreit sich das AVANTASIA-Theater aus dem knorrigen Griff der Bäume und öffnet seine Tore für Besucher. Das Gebäude, das Zeremonienmeister Tobias Sammet zusammen mit zahlreichen befreundeten Musikerinnen und Musikern in jahrzehntelanger Feinarbeit aufgebaut hat, erstrahlt mittlerweile prunkvoller denn je und trotzt standhaft Wind und Wetter. Im Inneren werden die gepolsterten Sitzreihen von allerlei schrägen Gestalten und finsteren Kreaturen bevölkert, die direkt einem Tim-Burton-Film entsprungen sein könnten. Die heutige Vorstellung trägt den Titel „A Paranormal Evening With The Moonflower Society“ und wählt einen deutlich düstereren Einstieg als zuvor „Moonglow“ und „Ghostlights“. Das von Sammet mit diabolischer Zirkusdirektor-Grandezza vorgetragene ´Welcome To The Shadows´ verbreitet zunächst unheilvoll wabernde Nebelschwaden, bevor Primal-Fear-Sirene Ralf Scheepers im aggressiven ´The Wicked Rule The Night´ alles in Grund und Boden kreischt. Neu in der AVANTASIA-Darstellerriege ist auch Nightwish-Goldkehlchen Floor Jansen, die die symphonische Hymne ´Kill The Pain Away´ und die schöne Ballade ´Misplaced Among The Angels´ veredelt. Im Folgenden geben sich die alteingesessenen Veteranen Michael Kiske, Jorn Lande, Bob Catley, Ronnie Atkins, Geoff Tate und Eric Martin auf der Bühne die Klinke in die Hand und decken mit federleichtem Power Metal (´The Inmost Light´), krachendem Hardrock (´I Tame The Storm´) sowie theatralischem Bombast à la Magnum und Meat Loaf (´The Moonflower Society´) das gesamte AVANTASIA-Spektrum ab. Nach dem kunterbunten Longtrack ´Arabesque´ fällt schließlich der Vorhang und überlässt sein Publikum wieder der Nacht. Der Laden läuft im Hause Sammet & Co.!

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REVIEW 9.0 28.09.2022

(Dynamit, RH 424, 2022)

SKID ROW - The Gang's All Here

Seit der Veröffentlichung des letzten SKID ROW-Longplayers „Revolutions Per Minute“ im Jahr 2006 hat sich das Personalkarussell bei den New-Jersey-Rockern gleich mehrfach weitergedreht: Erst musste der (inzwischen leider verstorbene) Frontmann Johnny Solinger seinen Hut nehmen, dann folgte ein kurzlebiges Intermezzo mit TNT-Goldkehlchen Tony Harnell, der stimmlich null zur Band passte, woraufhin Ex-Dragonforce-Shouter ZP Theart für knapp fünf Jahre den Posten hinterm Mikro übernahm - und seit dessen unfreiwilligem Abgang Anfang 2022 ist nun Ex-H.E.A.T-Vorturner Erik Grönwall der neue Mann an der Front. Das wiederum passt wie Arsch auf Eimer, denn Erik trat dereinst nicht nur mit einer Performance des SKID ROW-Klassikers ´18 And Life´ bei der Fernseh-Talentshow „Swedish Idol“ an, sondern ist auch seit Jugendtagen ein riesiger Fan seiner neuen „Arbeitgeber“; mehr dazu im Interview. Dass Erik ein kompetenter Sänger ist, hat er bereits bei H.E.A.T unter Beweis gestellt, auf „The Gang´s All Here“ wächst der Mann allerdings über sich hinaus und rotzt mit Schmackes einen Grüngelben nach dem anderen in die Arena. Der Rest der Band zieht mit: So jung und energetisch klangen SKID ROW seit „Slave To The Grind“ nicht mehr, und die Platte hat inzwischen bekanntlich über drei Jahrzehnte auf dem Buckel. Highlights? Jeder einzelne Song. Im Ernst: Stinker sucht man auf „The Gang´s All Here“ vergeblich, vom arschtretenden Opener ´Hell Or High Water´ über den Titeltrack bis zum Longtrack ´October´s Song´ (mit einer Spieldauer von über sieben Minuten die längste Nummer, die SKID ROW je aufgenommen haben) passt hier alles. Heißer Anwärter auf die Platte des Jahres.

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