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REVIEW 8,5 21.10.2020

(Album des Monats, RH 401, 2020)

ARMORED SAINT - Punching The Sky

ARMORED SAINT haben einen Lauf. Das letzte Album „Win Hands Down“ erreichte mit Platz 33 in Deutschland eine beachtliche Chart-Platzierung und wurde im Rock Hard wie selbstverständlich zum „Album des Monats“ gekürt, nachdem „La Raza“ 2010 bereits wichtige Vorarbeit geleistet hatte. Mit „Punching The Sky“ ist das Triple nun perfekt, denn das Album enthält nach wie vor die bekannten Trademarks der nettesten und besten (echten) Metal-Band im Großraum Los Angeles: ausgefeilte Riffideen motivierter Profis, exzellenten Gesang ohne Anbiederung ans breite Publikum und professionelle, abwechslungsreiche Rhythmen. Darüber hinaus schauen die nicht mehr ganz so jungen Musiker schon lange gerne über den Tellerrand der Szene, ob nun Richtung Progressive Rock, Post-Punk oder Lateinamerika. Am Ende sind jedoch alle Stücke klar erkennbare ARMORED SAINT-Songs. Der Album-Einstieg mit dem treibenden, hymnenhaften Epos 'Standing On The Shoulders Of Giants' ist so perfekt, dass man es gerne mal Iron Maiden & Co. unter die Nase reiben würde. Der imposante Riff-Metaller 'End Of The Attention Span' mit seinen Gangshouts schließt sich nahtlos an. Im Folgenden variieren die Heiligen das Tempo, bauen immer wieder mehrstimmige Gitarrenbrücken ein, beginnen mit Drum-Intros oder bauen verschachtelte Arrangements auf, die man erst nach mehreren Durchläufen komplett durchschaut. Und exzellente, ruhige Momente ('Unfair') gibt es natürlich auch. Eines ist klar: Mit den teilweise etwas umständlich formulierten Refrains und kopflastigen Strukturen werden ARMORED SAINT das durchschnittliche Radiopublikum auch in hundert Jahren nicht erreichen, aber das ist hier auch gar nicht das Ziel. Vielmehr ist „Punching The Sky“ erneut ein hochwertiges Angebot an ein hörerfahrenes Metal-Publikum, das sich nur allzu gerne von nicht alltäglichen Gedankenwelten und mit Sorgfalt konstruierten Songs davontragen lässt. Well done!

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REVIEW 8.5 21.10.2020

(Dynamit, RH 401, 2020)

DAVID JUDSON CLEMMONS - Tribe & Throne

Ein überragender Musiker: Der mittlerweile in Berlin lebende Amerikaner DAVID JUDSON CLEMMONS (g./v.) schreibt seit den späten Achtzigern Underground-Geschichte, bereits seine frühen Bands Ministers Of Anger und Murdercar waren Bombe, und das erste und einzige Damn-The-Machine-Album (von 1993) gehört zum Besten, was in Sachen Progressive Metal (wenn man den luftigen, fast jazzigen Sound denn als Metal bezeichnen möchte...) jemals (!) aufgenommen wurde. Seine späteren Betätigungsfelder The Fullbliss und Jud lieferten dagegen extrem fokussierten Alternative, dem die unerträgliche Bräsigkeit der meisten Acts dieses Sektors immer abging - ebenfalls sehr hörenswert! An diesen Sound, den von Jud allemal, knüpft nun in gewisser Weise „Tribe & Throne“ an, ein neues Sechs-Song-Full-length-Wunder, von Beatsteaks-Drummer Thomas Götz nicht nur großartig mit eingespielt, sondern auch produziert, das mal harten Stoner der Noisolution-Schule (Jud halt...) evoziert, oft aber auch die unvergessenen The God Machine zu Zeiten ihres Debüts (´Servants´) oder sogar Bullet Lavolta in ihrer „Swandive“-Phase - und das zudem hier und da in Sachen Beat und Atmosphäre in Richtung Old-School-Goth/Post-Punk schielt, diesen Einflüssen aber mit einer fast „deutschen“ Exaktheit (Neu!, anyone?) die störende Schnoddrigkeit nimmt (´My Trust´, ´It Or The Dome´). Beeindruckend, einmal mehr! „Tribe & Throne“ ist erhältlich über die üblichen digitalen Plattformen oder „physisch“ als LP und CD via $(LEhttp://www.djclemmons.com:www.djclemmons.com|_blank)$.

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REVIEW 8.0 21.10.2020

(Dynamit, RH 401, 2020)

FATES WARNING - Long Day Good Night

Kollege Blums Interview-Frage nach dem (Studio-)Ende FATES WARNINGs erscheint mir beim Albumtitel „Long Day Good Night“ und dem melancholischen Akustik-Abschluss ´The Last Song´ zumindest legitim. Wäre der 13. Dreher der vielleicht besten Band der Welt der tatsächlich letzte, man würde sich allerdings nicht in absoluter Hochform verabschieden (aber wer macht das schon...). Exemplarisch für „Long Day Good Night“ steht ein wenig der Longtrack ´The Longest Shadow Of The Day´, dessen erste Hälfte aus einer instrumentalen Mischung aus jazzigem Gedudel und harten Ausbrüchen besteht, die von einer recht ruhigen zweiten mit Vocals abgelöst wird, die mit Teil eins quasi nichts zu tun hat und zudem ebenfalls nicht wirklich aufhorchen lässt, nur um nach insgesamt elfeinhalb Minuten in einem unmotivierten Fade-out (!) zu versanden. Seltsames Ding, und ich glaube ganz generell, die Band stand irgendwann unter Zeitdruck, und statt am Ende zu sieben und aus gut 72 Minuten kompakte 50 zu machen, hat man halt alles durchgewunken, schon den dritten Track der Platte, ´Alone We Walk´, würde man nicht vermissen. Demgegenüber stehen aber natürlich nach wie vor die generellen Qualitäten einer Band, die Maßstäbe gesetzt hat, deren Signature-Sound man bereits nach wenigen Sekunden erkennt, die auch in mittelprächtigen Momenten mehr Relevanz vermittelt als neun von zehn „Konkurrenten“ auch aus dem eigenen Genre - und ja, die auch hier ein paar Stücke geschrieben hat, die dem unmenschlichen eigenen Katalog gerecht werden, neben dem Opener und achtminütigen Mini-Best-of ´The Destination Onward´ vor allem das luftige ´Now Comes The Rain´ (das auch eine Ray-Alder-Solonummer sein könnte) sowie der Album-Hit ´Shuttered World´, der die Genialität „aktuellerer“ Elf-von-zehn-Hämmer wie ´Another Perfect Day´ oder ´From The Rooftops´ zumindest streift. Zu kritisch? Vielleicht. Aber starke Schultern müssen nun mal mehr tragen.

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REVIEW 9.0 21.10.2020

(Dynamit, RH 401, 2020)

MOLASSESS - Through The Hollow

Die Geister des Gestern schlafwandeln umher, sie durchwehen als gestaltlose Ahnungen von Vergänglichkeit, von Verlust und von Wiedergeburt diese Musik. Sechs Jahre nach dem Tode Selim Lemouchis, dem Herz und Hirn von The Devil´s Blood, versammeln sich auf diesem Album ehemalige Mitstreiter sowie Schwester und Sängerin Farida Lemouchi; bereits 2019 waren sie unter dem Namen Molasses (mit drei statt vier „s“) bei ihrem Heimatfestival Roadburn aufgetreten und hatten dazu eine EP vorgelegt. Uns eröffnet dieses atemberaubend fähige Ensemble nun eine aus den Fugen geratene Außerwelt, in der schon Songtitel wie ´Formless Hands´, ´The Stagnant Maze Of Time´ oder ´Through The Hollow´ erspüren lassen, dass Zeit, Raum und überhaupt alle Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt werden sollen, um einer schattenhaften Metaphysikmusik zu weichen. Vergleiche mit einer großen Vorgängerband sind ja schnell unpassend, unfair, aber auch unerlässlich. Also: Wer hooksatte Hits wie ´Christ Or Cocaine´ erhofft, wird enttäuscht sein. Wer an The Devil´s Blood jedoch ebenso den psychedelischen Pomp schätzt, wer etwa die Langversion von ´Voodoo Dust´ gerade deswegen liebt, weil das Stück am Ende zu einem einzigen, ewigen Riff zerschmilzt, den wird dieses Debüt verfolgen; erst Woche auf Woche, dann Tag auf Tag. Oft wie in Watte verpackte, um sich selbst kreisende Hypnogitarren grundieren Ausflüge, die mitunter so verspielt und zugleich so gewichtslos anmuten wie Ethiojazz von Mulatu Astatke, mit Tastenläufen, die perlen wie bei The Doors. Und seltsam flüchtige Wesen sind diese Kompositionen, sie erstehen Durchgang für Durchgang wie zuvor ungehört auf, um schließlich sachte ins Dickicht unseres Bewusstseins einzusickern. In ´The Devil Lives´, dem Schlusstrack, der als Skizze noch aus Selim-Zeiten stammt, singt Farida: „The Devil´s Blood is here with me“. Verpuppt, verwandelt - aber doch vertraut. Fuck yeah, it is.

REVIEW 8.0 21.10.2020

(Dynamit, RH 401, 2020)

PALLBEARER - Forgotten Days

Trouble, seid ihr es? Der Opener und Titelsong ´Forgotten Days´ bringt in sechseinhalb Minuten die Essenz PALLBEARERs auf den Punkt, mit stark einnehmendem Gitarrensound, diesem partiellen Eric-Wagner-Gesang von Brett Campbell sowie einer Melodieführung, die - höre den Quasi-Refrain - eher an Ozzy solo (in dessen melancholischen Momenten) als die ursprünglichen Black Sabbath erinnert, und auch das folgende ´Riverbed´, in dem man sich schon nach einer guten Minute ein krasses Downbreak traut, das die Richtung des Songs verändert, ist absolute Weltklasse. Jene gibt es im weiteren Verlauf leider erst wieder mit dem Doppelabschluss ´Rite Of Passage´ und ´Caledonia´, die am Ende sehr versöhnlich stimmen, dazwischen verlieren die Amerikaner, die einmal mehr auch als Generikum für Warning-Fans auf Entzug herhalten können, allerdings ein wenig den Faden, sie finden keine passenden Hooklines, die Stimmung stimmt, aber es mäandert halt zu sehr irgendwo im Raum, schon beim Space/Stoner-Ausflug ´Stasis´ an dritter Stelle, aber auch im zwölfminütigen Herzstück ´Silver Wings´, das läuft und läuft und läuft und irgendwann vorbei ist, ohne dass man sonderlich Notiz genommen hätte (okay, die Riffs sind sehr fein...). Weil sich weite Teile der Kollegenschaft auch nach dem Drumherum (brillanter Sound, wunderbares Artwork!) garantiert die Finger lecken, reicht es natürlich immer noch für eine Kaufempfehlung, das hier ist nach wie vor Doom-Metal-Champions-League - aber ein latentes Sinnieren über verschenkte Möglichkeiten, das sei mir an dieser Stelle erlaubt...

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