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REVIEW 9 24.11.2021

(Album des Monats, RH 414, 2021)

EXODUS - Persona Non Grata

Nach dem Ende von Slayer kann sich Gitarrist Gary Holt endlich wieder voll auf EXODUS konzentrieren und liefert mit dem an den Anfang gestellten Titelstück gleich einen Brückenschlag zwischen beiden Bands. Nun ist es ja wahrlich nicht so, dass sich EXODUS jemals der Verweichlichung verdächtig gemacht hätten, aber hier gehen sie noch einen Schritt weiter. Die textlich an 'Blacklist' erinnernde Nummer scheißt zugunsten von kompromissloser Härte weitgehend auf Melodien und wirkt mit ihrem ultra-brutalen Riffing einfach nur bitterböse. Passend dazu kläfft und brüllt Zetro mit maximalem Hass-Level, ohne seine ansonsten ja durchaus vorhandenen Gesangsfähigkeiten zu nutzen. Was für ein Opener! Auch 'The Beatings Will Continue (Until Morale Improves)' holt sofort den Knüppel aus dem Sack und ist mit gerade mal drei Minuten der wohl kürzeste Song der Bandgeschichte; die im Refrain verwendeten Gangshouts verstärken die Hardcore/Crossover-Schlagseite noch. Den Gegenpol zu diesem Hochgeschwindigkeitsgebolze bildet die schleppende Abrissbirne 'Prescribing Horror', die mit ihrem balladesken Babygebrüll-Break für intensive Grusel-Atmosphäre sorgt und zu den Höhepunkten zählt. Ansonsten gibt's natürlich jede Menge galoppierende Bay-Area-Thrasher mit prägnanten Mitgröl-Refrains sowie bärenstarken Soli, die den typischen EXODUS-Sound am repräsentativsten abbilden. Besonders hervorzuheben sind diesbezüglich das ebenfalls extrem angepisste 'R.E.M.F', die zweite Single 'Clickbait' sowie mein Favorit 'Slipping Into Madness', der in zukünftigen Live-Setlists dauerhaft seinen Platz finden sollte. Ein gewaltiges Statement nach langen sieben Jahren Albumpause!

REVIEW 9 27.10.2021

(Album des Monats, RH 413, 2021)

MASTODON - Hushed And Grim

Der Tod ihres langjährigen Managers Nick John war für MASTODON ein schwerer Schlag, den die Band auf ihrem neuen Album „Hushed And Grim“ zu verarbeiten versucht. Dementsprechend spielen melancholische Töne 2021 eine noch größere Rolle als üblich im MASTODON-Kosmos, aber das ist nicht die einzige Neuerung: Das Atlanta-Quartett hat seinen Sound und die Komplexität der Arrangements deutlich entschlackt, wodurch die tiefschürfenden Emotionen noch besser zur Geltung kommen und nun auch Leute Zugang zum Material finden dürften, die das bisherige Schaffen immer als zu verkopft empfunden haben. Doch auch Fans der vertrackten MASTODON-Kompositionen können beruhigt sein: Die Band ist weit davon entfernt, ins Formelhafte abzurutschen, und in der Lage, über eine Dauer von 86 Minuten mit einem geschmackvollen Potpourri aus Rock, Psychedelic, Punk, Metal, Alternative und Prog zu fesseln. Im Vergleich zu den Anfangstagen stehen mittlerweile weniger die (immer noch starken) Riffs im Mittelpunkt, sondern die Gesangsmelodien, deren Aufteilung zwischen Bassist Troy Sanders, Gitarrist Brent Hinds und Drummer Brann Dailor auf dem achten Album noch eine Spur homogener wirkt. In Verbindung mit den traurigen Texten gelingt es den Vokalisten, den Hörer tief in der Seele zu berühren. Der epische, postrockige Abschlusstrack 'Gigantium' lässt glücklicherweise Licht am Ende des Tunnels erblicken. Ein verdammt heißer Anwärter auf das Album des Jahres!

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REVIEW 8.5 01.09.2021

(Album des Monats, RH 411, 2021)

THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - Aeromantic II

„Amber Galactic“ und „Sometimes The World Ain´t Enough“ sind Melodic-Rock-Meilensteine, die selbst neben den Genre-Klassikern der Achtziger locker bestehen können. Beim letztjährigen Album „Aeromantic“ machten sich jedoch leichte Abnutzungserscheinungen bemerkbar - nicht zuletzt, weil es mit einigen eher mittelmäßigen Songs unnötig aufgebläht wurde. Auch „Aeromantic II“, das übrigens keinen echten Bezug zu Teil eins hat, hat teils damit zu kämpfen. Das eine oder andere kommt einem in ähnlicher Form schon bekannt vor, und nicht alle Hooklines zünden; zudem schränkt der pappige Schlagzeugsound die Dynamik des Klangbilds unnötig ein. Aber, liebe AOR-Hooligans, das alles ist Jammern auf verdammt hohem Niveau, denn die Ausnahmeklasse der schwedischen Allstar-Band kommt immer noch hinlänglich zur Geltung. So reißt einen die schwungvolle Single ´Burn For Me´ mit ihrer unbändigen Spielfreude, einem packenden Refrain sowie munter klimperndem Honky-Tonk-Piano unweigerlich mit. Ähnlich hochklassig geriet ´Midnight Marvelous´ mit tollem Gitarren-Lick und atmosphärischem Bass/Keyboard-Break. Mut zu Disco zeigen ´White Jeans´ (galoppierender Dschinghis-Khan-Beat und ganz feine Gesangsmelodien) sowie ´You Belong To The Night´ (asiatisch angehauchte Keyboard-Klänge und reichlich Achtziger-Feeling). Apropos: Das etwas an Michael Jackson erinnernde ´Zodiac´ sowie die Neue-Deutsche-Welle-Hommage ´How Long´ tragen ebenfalls völlig ungeniert schrill glitzernden Pop-Appeal zur Schau und übertragen ihn mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit in den Rock-Kontext. Also klappt die Rückenlehnen nach hinten, lasst euch von den beiden Flugbegleiterinnen Champagner servieren und genießt den Flug. Chin-chin!

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REVIEW 8,5 28.07.2021

(Album des Monats, RH 410, 2021)

DEE SNIDER - Leave A Scar

„It's that time again, did you think that it would end? Wild and freewheeling, so damn appealing. I can't stop! It's not something that I choose, just what I gotta do...“ - ein Freund davon, kleine Brötchen zu backen, war DEE SNIDER bekanntlich noch nie. Dementsprechend ist es keine Überraschung, dass er sich mit seinen 66 (!) Lenzen doch noch nicht wie angedacht (mehr dazu im Interview in dieser Ausgabe) in die wohlverdiente Rente verabschiedet. Recht so, denn von dem Elan und der Energie, mit denen der Mann auch nach über 40 Jahren im Showbiz noch zu Werke geht, könnte sich der eine oder andere jüngere Kollege gerne mal ein Scheibchen abschneiden. „Leave A Scar“ ist genau wie der Vorgänger „For The Love Of Metal“ (2018) in enger Zusammenarbeit mit Hatebreed-Fronter Jamey Jasta entstanden, der die Scheibe nicht nur produziert, sondern auch Teile des Songwritings übernommen hat. Davon ab hat Dee inzwischen in der Truppe, die ihn in den vergangenen Jahren live begleitet hat, auch eine echte Backing-Band gefunden - ein Umstand, der dem Album, das organischer als der Vorgänger wirkt, guttut. „Leave A Scar“ bietet das übliche Snider-Spektrum zwischen aggressiven, mitunter recht modern klingenden Metal-Smashern und einfühlsamen Balladen, für 'Time To Choose' hat er sich mit George „Corpseginder“ Fisher zudem einen nicht unbedingt zu erwartenden Gastsänger ins Boot geholt - auch dazu mehr im Interview. Sehr starke Scheibe!

REVIEW 9 30.06.2021

(Album des Monats, RH 409, 2021)

AT THE GATES - The Nightmare Of Being

Für ihr neuestes Album hat Sänger Tomas „Tompa“ Lindberg Bücher gewälzt, sich in den Grundgedanken des Pessimismus reingewühlt und schwingt sich somit dazu auf, der Schopenhauer oder Lessing des neuen Jahrtausends zu werden. Spaß beiseite, aber die Thematik Pessimismus schwingt auf „The Nightmare Of Being“ natürlich auch in der Musik mit, denn düsterer, progressiver und atmosphärischer hat man AT THE GATES noch nie erlebt. Der Titelsong zermürbt einen mit seiner depressiven Grundstimmung und hat dennoch was unglaublich Faszinierendes an sich. Bei 'Garden Of Cyrus' gleiten AT THE GATES in die Prog-Ära der siebziger Jahre ab; Lindberg selbst spricht hier vom „King-Crimson-Song“, völlig abgefahren! 'Cosmic Pessimism' ist mit trippigen Rhythmen arrangiert (Voivod lassen grüßen), wühlt dabei im Krautrock-Terrain und hat mit Death Metal rein gar nichts mehr zu tun. Das abschließende 'Eternal Winter Of Reason' ist eine mitreißende Prog-Doom-Suite, die pure Verzweiflung ausstrahlt. Die alte AT THE GATES-Hörerschaft wird ob dieses Brockens von Album erst mal schlucken (ja, auf „The Nightmare Of Being“ gibt's phasenweise mehr Flöten, Bläser und Streicher zu hören als Gitarren), doch mit der richtigen Einstellung kann man hier ganz viel entdecken, und letztendlich wird man mit „typischerem“ AT THE GATES-Material wie 'Spectre Of Extinction' oder 'The Abstract Enthroned' auch wieder versöhnt. „The Nightmare Of Being“ ist ein extrem mutiges, ja geradezu visionäres Album, das den Schweden völlig neue Türen öffnet und möglicherweise eine neue Ära der Bandhistorie einleitet. Phänomenal!

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REVIEW 9.0 26.05.2021

(Album des Monats, RH 408, 2021)

HELLOWEEN - Helloween

Diese Platte zu machen, dürfte eine ziemlich undankbare Aufgabe gewesen sein - nicht weil „Helloween“, also der erste Full-length-Output der Hamburger Kürbisköpfe nach der Reunion mit Michael Kiske (v.) und Kai Hansen (g./v.) im Jahr 2016, am Ende eine schlechte Scheibe geworden ist, ganz im Gegenteil sogar - sondern schlicht und einfach, weil das hier DAS Album ist, auf das jeder Teutonen-Metal-Fan seit dem großen Split Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger gewartet hat. Will meinen: Es wird mit ziemlicher Sicherheit eine nicht zu verachtende Anzahl von Menschen geben, die nicht mit dem einverstanden sind, was die Musiker abliefern. Ist in Ordnung, liegt in der Natur der Sache, und recht machen kann man es in heutigen Zeiten sowieso nicht mehr jedem. Das nur vorweg, und jetzt ans Eingemachte: HELLOWEEN haben sich gewaltig ins Zeug gelegt. Die Band macht nicht den Fehler, mit ihrem selbstbetitelten Album (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen EP von 1985) die Entwicklungen der letzten 25 Jahre zu verleugnen und auf Teufel komm raus ein drittes „Keeper Of The Seven Keys“ (bzw. ein viertes, einen dritten Teil gab´s mit „The Legacy“ bekanntlich schon...) abliefern zu wollen. Stattdessen arbeiten sich die Herrschaften quer durch die Phasen der eigenen Geschichte, „Chameleon“- und „Pink Bubbles Go Ape“-Tage mal außen vor gelassen. Es gibt Weikath-Songs, Deris-Songs, Gerstner-Songs und jeweils einen Song von Grosskopf und Hansen - wobei Letzterer, der old-schooligste Track des Drehers, mit einer Spielzeit von knapp 15 Minuten beinahe ein Viertel der Platte ausmacht, es muss sich also niemand über einen zu geringen Beitrag empören. Alle Stücke eint, dass man ihre jeweiligen Haupt-Autoren deutlich raushört - und trotzdem wirkt „Helloween“ aufgrund der im Studio stattgefundenen Teamarbeit (mehr dazu in der Titelstory dieser Ausgabe) nicht wie ein Stückwerk, sondern wie ein Album aus einem Guss. Hier kommt tatsächlich jeder auf seine Kosten, der der Band in der Vergangenheit mal etwas abgewinnen konnte. Und das ist nach solch einer langen Karriere wahrlich ein Kunststück, das man erst mal vollbringen muss.

REVIEW 8.5 28.04.2021

(Album des Monats, RH 407, 2021)

GOJIRA - Fortitude

Jahrzehntelang krebsten GOJIRA im Metal-Underground herum, ehe „Magma“ die Franzosen 2016 etwas überraschend in die Beletage des Weltmetalls katapultierte. Der Umzug in die Künstlermetropole New York und das Verarbeiten des Todes der Mutter in emotionalen Songs half den Brüdern Duplantier, unsichtbare Grenzen zu überwinden und außergewöhnliche Tonkunst zwischen Metallica und Fear Factory zu erschaffen. Nun ist wieder ein Stück Normalität eingekehrt, die Erwartungshaltung der Fans, einen mindestens ebenbürtigen Nachfolger zu erhalten, war entsprechend. Sie wurde im August letzten Jahres noch durch die erste Single-Auskopplung ´Another World´ geschürt, einen der eingängigsten Headbanger der letzten Jahre. Doch der Song erweist sich am Ende als bester Titel des Albums, was zunächst mal eine kleine Enttäuschung darstellt. „Fortitude“ ist jedoch ein forderndes Album, das mit interessanten Details, teils philosophisch angehauchten Texten und einer positiven Energie hochansteckend bleibt. Bestes Beispiel ist der mantraartige Titeltrack, der zunächst wie ein Lückenfüller wirkt, um die Platte zu strecken, am Ende jedoch stundenlang im Kopf herumspukt. ´Fortitude´/´The Chant´ teilt das Album in zwei Hälften. Die geschmackvollen Rhythmus- und Rifforgien der zweiten Hälfte laden zum Träumen (´The Trails´) und Auswendiglernen ein, das Starter-Fünfpack ist als abwechslungsreiche Jukebox ohnehin gelungen. Das wuchtige ´Born For One Thing´ eröffnet bestens, ´Amazonia´ schließt sich schwer groovend an, ´Another World´ ist ein Hit, ´Hold On´ lädt als Kampfslogan zum Mitshouten ein. Selbst die etwas diffuse Rifforgie ´New Found´ ist nicht von schlechten Eltern. An zwei, drei Stellen schleicht sich ein bisschen Ratlosigkeit ein, wenn Passagen wie aneinandergeklebt wirken oder Refrains nicht wie ein opulentes Feuerwerk zünden. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau. Auch wenn GOJIRA diesmal nicht der ganz große Wurf gelingt, so ist „Fortitude“ doch ein zeitgemäßes Gesamtkunstwerk, das man als aufgeschlossener Metaller gehört haben sollte.

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