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REVIEW 9,5 24.11.2021

(Dynamit, RH 414, 2021)

NESTOR - Kids In A Ghost Town

Seitdem ich Anfang Juni die beiden vorab veröffentlichten Videos zu 'On The Run' und '1989' entdeckt habe, laufen diese bei mir rauf und runter, sodass ein nicht unerheblicher Teil der eine Million Streams auf mein Konto gehen dürfte. So laut, wie ich 'Call The Police' mitsinge, grenzt es an ein Wunder, dass selbige noch nicht bei mir vor der Tür stand. Zusammen mit zwei Freunden habe ich im totalen NESTOR-Rausch sogar Flüge zu den Shows nach Kopenhagen und Göteborg gebucht, bevor die Schweden wie aus dem Nichts für das Keep It True Rising angekündigt wurden. Doch wer steckt hinter dieser Band? Der Legende nach wurde sie bereits vor über drei Dekaden von fünf Schulfreunden in Falköping gegründet, die seinerzeit aber keine Veröffentlichung zustande brachten. Nun haben die gereiften Herren ihre alten Rockstar-Träume wieder aufleben lassen und verfolgen diese endlich mit der nötigen Entschlossenheit. Mit viel Herzblut, Geschmackssicherheit und Nostalgie erwecken sie mit großer Authentizität die Achtziger zum Leben, wobei sie neben viel AOR und Melodic Rock (Journey, Icon) auch eine an Praying Mantis erinnernde NWOBHM-Schlagseite haben, die besonders bei 'Firesign' zum Vorschein kommt. Stilistisch sind die „Kids In A Ghost Town“ also nicht wirklich außergewöhnlich, aber zum einen haben sie ein unfassbar gutes Hit-Gespür (bei drei Songs stand der angesehene Songwriter Andreas Carlsson zur Seite, der u.a. schon mit Bon Jovi und Europe gearbeitet hat), zum anderen haben sie Gefühl, Gefühl und noch mal Gefühl (also genau das, was den vielen Retorten-Projekten abgeht). Die wunderschönen Gitarren verbreiten eine so intensive Sehnsucht, dass man Pipi in den Augen hat, und Sänger Tobias Gustavssons zartschmelzende, latent melancholische Stimme berührt das Herz - und zwar nicht nur bei der Piano-Ballade 'Tomorrow', die er im Duett mit Samantha Fox (!) singt, sondern auch bei den Rocksongs. Das kontroverse Image mit klamaukig wirkenden Retro-Klamotten, das eher nach Power Metal aussehende Logo und das, nennen wir es mal, suboptimale Cover sind nicht ganz einfach, aber von derlei Oberflächlichkeiten sollte man sich nicht blenden lassen. Magazinübergreifend sind viele Kollegen ebenfalls total aus dem Häuschen, und ich bin mir sicher, dass NESTOR nicht nur mein Newcomer des Jahres 2021 sind!

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REVIEW 9 24.11.2021

(Dynamit, RH 414, 2021)

SWALLOW THE SUN - Moonflowers

Es ist Winter, es ist dunkel, es ist kalt. Was gibt's da Besseres als ein Glas schweren, tiefroten Wein und dazu eine neue Scheibe von SWALLOW THE SUN? Die Doom-Prog-Melancholiker aus Finnland liefern mit „Moonflowers“ wieder ab, und zwar auf Qualitätsstufe eins. Mastermind und Gitarrist Juha Raivio verarbeitet auch auf „Moonflowers“ den tragischen Krebstod seiner 2016 verstorbenen Lebensgefährtin Aleah Stanbridge, die eine hervorragende Sängerin und Songwriterin war. Im Vergleich zum starken Vorgängeralbum „When A Shadow Is Forced Into The Light“ (2019) wirkt „Moonflowers“ reduzierter, nackter, intimer und dadurch atmosphärisch noch tiefgehender. Das wunderschöne 'Woven Into Sorrow' rührt in der richtigen Stimmung zu Tränen, ebenso wie die herzzerreißende Akustikballade 'The Fight Of Your Life'. Und dennoch gleiten SWALLOW THE SUN nie ins Kitschige ab, sie vermeiden scheinbar bewusst jegliche Klischees. Dafür sind die Herren viel zu gute Musiker, deren Wurzeln, man mag es kaum glauben, im Progrock-Bereich bei Bands wie Rush oder Yes liegen. Trotz aller Traurigkeit und Melancholie weiß das Sextett auch immer wieder mit harten Passagen zu fesseln. Das abschließende 'This House Has No Home' offeriert gar blastige Black-Metal-Parts, und auch die zweite Singleauskopplung 'Enemy' ist ein ordentliches Metal-Pfund. Ein fantastisches, tief unter die Haut gehendes Album, das zudem mit einem ausbalancierten Jens-Bogren-Mix zu punkten weiß. Beeindruckend!

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