Review

Reviews 8.5

NIGHTWISH

Endless Forms Most Beautiful

Ausgabe: RH 336

Nuclear Blast/Warner (79:16)
Wo die Konkurrenz in diesem Genre - nennen wir es ruhig grob schubladisiert Symphonic Metal - vor allem große Gesten fabriziert, servieren NIGHTWISH tatsächlich große Taten. Chefdenker Tuomas Holopainen (keys) packt in einen einzigen Song mehr Detailreichtum als so manche Stümperkapelle in ihre gesamte Diskografie und sollte sein komplexes Hirn irgendwann der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Natürlich erschlägt einen die Opulenz von „Endless Forms Most Beautiful" bei den ersten Durchläufen. Die ausschweifenden Orchester/Chor-Arrangements, die Balanceakte zwischen Zartheit und Härte, zwischen progressivem Anspruch und tollen Hooks und zum Abschluss der 24-minütige Parforceritt ´The Greatest Show On Earth´ - all das will erst mal verdaut werden, wächst einem jedoch stetig ans Herz. Denn Holopainen hat trotz seines immensen Pomp-Faibles zugleich ein Gespür für eine gewisse Aufgeräumtheit. Er will seine Hörer nicht kurzfristig blenden, sondern langfristig begeistern. So lässt er beispielsweise immer wieder Gitarrist Emppu Vuorinen von der Leine, der mit ruppigem Riffing Akzente setzt, oder fährt die fast durchweg präsenten klassischen Musiker auf feinfühlige Kammerorchester-Größe runter.
Bei so viel Ambitioniertheit muss man beinahe zwangsläufig in dem Bereich Abstriche machen, der früher NIGHTWISHs Kernkompetenz war und auf dem ihr kommerzieller Durchbruch basiert: Eingängige, umgehend durchschaubare Hits sind nicht mehr so recht Holopainens Ding. Er probiert es zwar, doch speziell ´Élan´ klingt wie ein ´Nemo´-Recycling, wie ein in Richtung der Plattenfirma gegrummeltes „Hier habt ihr eure verdammte Single fürs Radio und die Clubs!". Das hält den Macher aber nicht davon ab, sogar in diesem Song formidable Feinheiten für diverse Kopfhörerabfahrten zu platzieren. Als einziges wirkliches Manko entpuppt sich ausgerechnet der eigentlich größte Trumpf des neuen Line-ups: Mikro-Amazone Floor Jansen kann viel mehr, als sie auf diesen 80 Minuten zeigen darf, und wirkt streckenweise nahezu schaumgebremst. Sie singt ihre Vorgängerin Anette Olzon locker in Grund und Boden, dennoch wirkt es, als ob Tuomas Angst hat, nach dem Tarja-Turunen-Desaster jemals wieder eine Frontfrau auf Augenhöhe zuzulassen. Das ändert aber nichts daran, dass NIGHTWISH mit „Endless Forms Most Beautiful" eine Messlatte auflegen, unter der ihre Epigonen wie frustrierte Zwerge herumstrampeln werden.

Autor:
Jan Jaedike
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