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REVIEW 9.5 28.04.2021, 08:00

(Dynamit, RH 407, 2021)

BROILERS - Puro Amor

Besser checken, ob die A-Seite des 90er-Tapes beim Kopieren tatsächlich das ganze gut 46-minütige Album mitnimmt (meistens ist ja ein bisschen Spielraum), denn sonst verpasst man das Paukenschlag-Finale: Die abschließenden 60, 70 Sekunden von Song Nummer 14, ´An allen anderen Tagen nicht (Lebe, du stirbst!)´, hinterlassen sprachlos, die Quasi-Essenz von „Puro Amor“ fasst an und bewegt, man kann sie, sofern nicht kalten Herzens geboren, nicht einfach wegnicken oder weglächeln - die Klarheit der simplen Worte wirft um, fernab jeder Banalität; wer weiß, was Savatages ´Believe´ oder Saviour Machines ´Jesus Christ´ als letzte Statements auslösen, liegt richtig, wenn er dieses BROILERS-Lied in dieselbe Reihe stellt. Kann sein, dass manch einer hier Pathos wittert, aber Social Distortion schlagen nun mal Slime, die Düsseldorfer PunkrockerInnen, die 1994 als Rumpel-Oi!-Truppe angefangen haben, konnten sich von allzu lauen Klischees emanzipieren, indem sie diese lediglich mit einem Augenzwinkern fortführen, nie arrogant oder streberhaft, sondern mit einer herrlichen Natürlichkeit, für die vor allem die klugen Texte Sammy Amaras sorgen, die man sich, wenn man möchte, auf der Zunge zergehen lassen kann. Zwei-, dreimal versanden die musikalisch immer scheuklappenfreien Ausflüge ein wenig (´Dachbodenepisoden´, ´Alter Geist´, die nur mittelmäßige zweite Single ´Alles wird wieder ok!´), beim Rest feuert der Fünfer ausnahmslos einmal mehr aus allen Rohren, ernst und nachhaltig (´Nach Hause kommen/Zurück zu mir´, ´Porca Miseria´) genauso wie heiter (´Diktatur der Lerchen´, ´Niemand wird zurückgelassen´), und wenn die Bläser schmettern (´Da bricht das Herz´, ´Alice und Sarah´), gibt´s sowieso kein Halten mehr. Die BROILERS bezeichnen „Puro Amor“, ihr achtes Studiowerk, dem Titel entsprechend als „Album über die Liebe“. Ich finde, das alles überschattende Thema der Platte ist Vergänglichkeit. Am Ende spielt es keine Rolle: „Puro Amor“ ist vor allem Begleiter in der Krise. Der verständnisvolle Freund. Und ja, auch ein Mutmacher. Und das ist nicht pathetisch oder kitschig - das ist lebenswichtig.

REVIEW 18.11.2020, 08:00

(Album, RH 402, 2020)

IRON MAIDEN - Nights Of The Dead - Legacy Of The Beast: Live In Mexico City

Dieser (recht plötzlich angekündigte) neue Maiden-Release ist so fett, dass man ihm gleich drei Titel spendiert hat: „Nights Of The Dead“, „Legacy Of The Beast“ und „Live In Mexico City“. Sieht auf dem Cover beknackt aus, ändert aber natürlich nichts daran, dass auch der drölfundachtzigste On-stage-Mitschnitt von Steve Harris & Co. in fast jeden (virtuellen) Einkaufskorb wandern wird. Und man muss sich da auch ehrlich machen: Selbst wenn man die Sinnhaftigkeit von „Nights Of The Dead...“ im Grunde anzweifelt, erwischt man sich dennoch dabei, wie man das zwei CDs bzw. drei LPs lange Album, das mit Ausnahme von ´For The Greater Good Of God´ (von „A Matter Of Life And Death“ - bitte, gern geschehen!), ´The Wicker Man´ und den Blaze-Bayley-Schoten ´The Clansman´ und ´Sign Of The Cross´ ausschließlich Material aus der klassischen Phase (also bis „Fear Of The Dark“) enthält, am Ende öfter hört als fast alle Studioalbum-Neuerscheinungen des Monats (okay, es ist ein schwacher Monat...). Und „Nights Of The Dead...“ ist ja auch eine schmeckende fast zweistündige Ersatzdroge in Zeiten, in denen man sich schon über irgendein popeliges mittelgutes „normal“ stattfindendes Clubkonzert freuen würde wie Peters weiland über ein „Bravo Girl!“-Abo, mit 70.000 mezcalgedopten MexikanerInnen als Background-Chor, 400 Soundeffekten von der Bühnenshow im Background und einem Bruce Dickinson, der seiner Hintermannschaft bereits beim Opener ´Aces High´ dermaßen davonrennt, dass mindestens einer seiner unzähligen Gitarristen vor Schreck beinahe von der Bühne fällt. Im Ernst: Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen, „damals“, im September 2019. Ich würde noch heute davon zehren.

REVIEW 8.5 21.10.2020, 08:00

(Dynamit, RH 401, 2020)

DAVID JUDSON CLEMMONS - Tribe & Throne

Ein überragender Musiker: Der mittlerweile in Berlin lebende Amerikaner DAVID JUDSON CLEMMONS (g./v.) schreibt seit den späten Achtzigern Underground-Geschichte, bereits seine frühen Bands Ministers Of Anger und Murdercar waren Bombe, und das erste und einzige Damn-The-Machine-Album (von 1993) gehört zum Besten, was in Sachen Progressive Metal (wenn man den luftigen, fast jazzigen Sound denn als Metal bezeichnen möchte...) jemals (!) aufgenommen wurde. Seine späteren Betätigungsfelder The Fullbliss und Jud lieferten dagegen extrem fokussierten Alternative, dem die unerträgliche Bräsigkeit der meisten Acts dieses Sektors immer abging - ebenfalls sehr hörenswert! An diesen Sound, den von Jud allemal, knüpft nun in gewisser Weise „Tribe & Throne“ an, ein neues Sechs-Song-Full-length-Wunder, von Beatsteaks-Drummer Thomas Götz nicht nur großartig mit eingespielt, sondern auch produziert, das mal harten Stoner der Noisolution-Schule (Jud halt...) evoziert, oft aber auch die unvergessenen The God Machine zu Zeiten ihres Debüts (´Servants´) oder sogar Bullet Lavolta in ihrer „Swandive“-Phase - und das zudem hier und da in Sachen Beat und Atmosphäre in Richtung Old-School-Goth/Post-Punk schielt, diesen Einflüssen aber mit einer fast „deutschen“ Exaktheit (Neu!, anyone?) die störende Schnoddrigkeit nimmt (´My Trust´, ´It Or The Dome´). Beeindruckend, einmal mehr! „Tribe & Throne“ ist erhältlich über die üblichen digitalen Plattformen oder „physisch“ als LP und CD via $(LEhttp://www.djclemmons.com:www.djclemmons.com|_blank)$.

REVIEW 8.0 21.10.2020, 08:00

(Dynamit, RH 401, 2020)

FATES WARNING - Long Day Good Night

Kollege Blums Interview-Frage nach dem (Studio-)Ende FATES WARNINGs erscheint mir beim Albumtitel „Long Day Good Night“ und dem melancholischen Akustik-Abschluss ´The Last Song´ zumindest legitim. Wäre der 13. Dreher der vielleicht besten Band der Welt der tatsächlich letzte, man würde sich allerdings nicht in absoluter Hochform verabschieden (aber wer macht das schon...). Exemplarisch für „Long Day Good Night“ steht ein wenig der Longtrack ´The Longest Shadow Of The Day´, dessen erste Hälfte aus einer instrumentalen Mischung aus jazzigem Gedudel und harten Ausbrüchen besteht, die von einer recht ruhigen zweiten mit Vocals abgelöst wird, die mit Teil eins quasi nichts zu tun hat und zudem ebenfalls nicht wirklich aufhorchen lässt, nur um nach insgesamt elfeinhalb Minuten in einem unmotivierten Fade-out (!) zu versanden. Seltsames Ding, und ich glaube ganz generell, die Band stand irgendwann unter Zeitdruck, und statt am Ende zu sieben und aus gut 72 Minuten kompakte 50 zu machen, hat man halt alles durchgewunken, schon den dritten Track der Platte, ´Alone We Walk´, würde man nicht vermissen. Demgegenüber stehen aber natürlich nach wie vor die generellen Qualitäten einer Band, die Maßstäbe gesetzt hat, deren Signature-Sound man bereits nach wenigen Sekunden erkennt, die auch in mittelprächtigen Momenten mehr Relevanz vermittelt als neun von zehn „Konkurrenten“ auch aus dem eigenen Genre - und ja, die auch hier ein paar Stücke geschrieben hat, die dem unmenschlichen eigenen Katalog gerecht werden, neben dem Opener und achtminütigen Mini-Best-of ´The Destination Onward´ vor allem das luftige ´Now Comes The Rain´ (das auch eine Ray-Alder-Solonummer sein könnte) sowie der Album-Hit ´Shuttered World´, der die Genialität „aktuellerer“ Elf-von-zehn-Hämmer wie ´Another Perfect Day´ oder ´From The Rooftops´ zumindest streift. Zu kritisch? Vielleicht. Aber starke Schultern müssen nun mal mehr tragen.

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