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REVIEW 6.0 19.02.2020, 08:00

(Album, RH 394, 2020)

ANVIL - Legal At Last

Seit dem herzlichen „Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“-Film ist es nicht leicht, etwas Kritisches über die Band zu schreiben. Die Canucks sind darin einfach zu sympathisch und selbstredend zu hundert Prozent Metal. Darüber hinaus bot der Vorgänger „Pounding The Pavement“ von 2018 relativ wenig Anlass zur Kritik, auch wenn das kanadische Trio eh immer nur eine simple Mischung aus Rock´n´Roll, Hardrock und Metal ausrollt. Was an „Legal At Last“ in erster Linie nervt, sind die plakativen „Witzchen“, angefangen beim Cover, das einen kiffenden Engel mit einer ANVIL-Bong zeigt. Stolz freut sich Herr Kudlow, dass die liberale kanadische Regierung Marihuana legalisiert hat und „damit auch die ANVIL-Bong“. Wow. Auch wenn man als Krautrocker vielleicht darüber nachdenken könnte, deshalb ins gelobte Land überzusiedeln, muss ich mir ja nicht gleich einen Song dazu antun. Trotzdem ist der Motörhead-Doublebass-Roller schon das einsame Album-High(light). Denn es geht ja weiter, mit ´Nabbed In Nebraska´, wo sich Lips über die restriktive Drogenpolitik eines US-Bundesstaats ausheult (sorry, aber ´Busted At The Border´ von Thunderhead war da deutlich cooler). Als Nächstes werden wir über ´Chemtrails´ (oje...) aufgeklärt oder ´Plastic In Paradise´. Im Hintergrund sind Gangshouts zu hören, die fast schon wie eine Metal-Parodie klingen. Ist es nur (etwas zu platter) Humor, übersteigertes Sendungsbewusstsein oder schon tumbes Klischee? „Legal At Last“ lässt einen zuweilen etwas ratlos zurück. Musikalisch ist es grundsolide, vor allem die kompetente Produktion und das superbe Schlagzeugspiel lassen keine Wünsche offen, aber das Songwriting und der spröde Gesang können diesmal nur selten begeistern. Es mangelt an metallischem Biss und echtem Wortwitz. Wie schon bei einigen Alben der Neunziger wirken ANVIL wie müde Wiederholungstäter. Seht euch mal das Video zu ´Nabbed In Nebraska´ an...

REVIEW 8.0 22.01.2020, 08:00

(Dynamit, RH 393, 2020)

BONDED - Rest In Violence

Dass mit Markus Freiwald (dr.) und Bernd Kost (g.) zwei bestens bekannte (Ex-Sodom-)Ruhrpott-Musiker hinter BONDED stecken, dürfte sich herumgesprochen haben. Ebenso, dass man Assassin-Shouter Ingo Bajonczak für sich gewinnen konnte. Aber wie klingt es nun? Sehr heavy jedenfalls. Der erste Track ´Godgiven´ tritt vehement die Tür ein und verschafft dem Sänger mit seiner kräftigen Röhre gleich etwas Platz. Ob man BONDED in Zukunft als echte Band wahrnehmen wird, hängt natürlich auch von seinem Wiedererkennungswert ab. Die Eröffnungsnummer sitzt jedenfalls wie ´ne Eins! Thrash auf höchstem Niveau, auch mit Overkills Bobby Blitz am Mikro (´Rest In Violence´) klingt der Fünfer keinesfalls harmloser. Freiwalds perfekt ausgeführte Drumrolls erinnern an das taktvolle Gemetzel der ersten Slayer-Alben, Bernemanns Hi-Gain-Gitarrenarbeit glänzt mit einer wohldosierten Mischung aus Dreck, Technik und dezenten Melodien. ´Suit Murderer´ besitzt das rohe Flair des unbarmherzigen Ruhrpott-Thrash (Kreator), während ´Je Suis Charlie´ sowohl von der Textidee als auch vom Gesangsarrangement her mein Höhepunkt des Albums ist. Aber natürlich gibt es auch Verbesserungspotenzial. Die Verbindung zwischen Gesang und Musik ist nicht immer so elegant wie im Titel über den feigen Angriff auf das französische Satireblatt. So quält sich ´No Cure For Life´ trotz eines guten Refrains etwas über die Runden, und mit zunehmender Spieldauer nutzt sich auch das technisch allerbeste Gedresche etwas ab. Mehr Mut zu Melodie und Abwechslung hätte für meine Begriffe nicht geschadet. Trotzdem ein Debüt, das Genre-Fans auf dem Zettel haben sollten!

REVIEW 8,5 22.01.2020, 08:00

(Dynamit, RH 393, 2020)

ANNIHILATOR - Ballistic, Sadistic

Jeff Waters hat seine Versprechen (weitgehend) eingehalten. „Ballistic, Sadistic“ ist ein Neustart für ANNHILATOR. Gitarre, Bass und Drums grooven und hämmern endlich wieder organischer miteinander, der Billigsound der letzten Veröffentlichungen ist hoffentlich ein für allemal vergessen. Auch der Gesang klingt ehrlicher und spontaner. Damit ist noch nicht alles Gold, was glänzt, aber der Rahmen für einen der besten Heavy-Metal-Gitarristen der Welt ist zumindest würdig. Fans des gepflegten Geschredders kommen hier erneut auf ihre Kosten, die Geschwindigkeit ist größtenteils atemberaubend, die Präzision der Riffs, Soli und Licks eine wahre Wonne. Kleinere Schwächen gibt es allenfalls beim Songwriting zu vermelden. Nach 17 Alben wiederholt sich so einiges im ANNIHILATOR-Camp, das wurde auch auf der kürzlich absolvierten Tour deutlich. Dennoch ist der typische, „galoppierende“ Doublebass-Beat ein Markenzeichen des Kanadiers geworden. Macht immer wieder Spaß und kann auch abendfüllend sein. Mit 'Lip Service' (er meint „Cunnilingus“...) hat sich sogar so was wie ein Beinahe-Remake von 'Knight Jumps Queen' auf die Platte geschlichen. Man muss das wohl alles nicht so ernst nehmen. Die Platte zeichnet sich zwar durch viel Wut und Punk-Attitüde aus, wirkt aber längst nicht so verkrampft wie sonst. 'Armed To The Teeth', 'Psycho Ward' und 'That's Life' haben den richtigen Funken Melodie abgekriegt, ab der Album-Mitte kommen noch zahlreiche Thrash-Granaten zum Zuge, die nicht viel schlechter als die Debüt-Hymne 'Welcome To Your Death' durchs Gelände knattern. Auf ein gewitztes Thrash-Epic à la 'Alison Hell' müssen wir hingegen wohl noch warten, aber der Anfang ist immerhin gemacht.

REVIEW 9 18.12.2019, 08:00

(Dynamit, RH 392, 2019)

APOCALYPTICA - Cell-0

Musik besteht aus Noten. Metal aus Verzerrung und Leidenschaft. Die Band, die beides meisterhaft zusammenführen kann, sind APOCALYPTICA. Nun werden viele lachen, mit dem Kopf schütteln oder ihr Abo kündigen. Meinetwegen, hatten wir alles schon. Es stimmt auch, dass APOCALYPTICA in den letzten Jahren viel Bockmist verzapft haben, widerliche Anbiederung an das US-Publikum inklusive. Die Kollaboration, die mir ein „Date“ mit Nina Hagen verschaffte, bei dem Eicca Toppinen und der Interviewer (natürlich) nicht zu Wort kamen, war allerdings grandios. Genauso wie die Show im Libanon kurz vor dem Bombardement durch Israel und die Biere in der Sauna der finnischen Botschaft in Berlin. Ich bin bei APOCALYPTICA also nicht vollkommen neutral - aber die Jungs werden unterschätzt. Persönlich und musikalisch sowieso. „Cell-0“ ist die Scheibe, die nach Album Nummer vier, „Reflections“, hätte kommen müssen. Im Titel ist eine Null, eine Art Neustart also? Man war mit dem Metallica-Cover-Debüt auf Tour und entdeckte noch einmal die Kraft des Instrumentalen, nur mit dem Unterschied, dass Toppinen & Co. heute wesentlich reifere Musiker sind. „Cell-0“ erzeugt Bilder im Kopf und ist nur für Soundtrack-People, die genau das mögen. Es ist der überfällige Fick aus Moderne und klassischer Konservatoriumsausbildung, den diese Typen schon lange in sich tragen, aber nie verwirklichen konnten, durften oder wollten. Die Kompositionen sind gefühlvoll, manchmal radikal, oft sentimental (Finnen halt...) und im Großen und Ganzen wunderschön und mit viel Liebe zum Detail inszeniert. Ständiger Wechsel von Technik, Sound, Tempo, Spielart. Schöner die Celli nie schluchzten, möchte man sagen. Anspieltipp: das zehnminütige Titelstück.

REVIEW 7.5 20.11.2019, 08:00

(Dynamit, RH 391, 2019)

TYGERS OF PAN TANG - Ritual

Das Vorgängeralbum gehört zu den erfolgreicheren der dänischen Plattenfirma Mighty und bewies, dass auch Bands wie die TYGERS OF PAN TANG, deren wechselhafte Geschichte etwas unübersichtlich ist, mit Beharrlichkeit und Geschick einen goldenen Spätherbst ihrer Karriere feiern können. Dass dem starken italienischen Sänger Jacopo Meille neben Songwriter und Ur-Mitglied Robb Weir dabei der Hauptanteil des Erfolgs zugeschrieben werden kann, dürfte sich herumgesprochen haben. „Ritual“ ist ein Album, wie es kaum noch erscheint. Die Songs zeichnen sich durch eine lockere Gradlinigkeit aus, die man eher aus dem AOR/Melodic-Rock-Sektor kennt, während das Soundgewand mit satter Gitarren-Distortion fast schon nach Heavy Metal klingt. Die Tygers haben in ihrer Karriere beides gemacht und sind nun bei einer Mischung angelangt, die für viele traditionelle Hörer passt. Anders als bei ähnlich gelagerten Truppen (Whitesnake, Vandenberg, Pretty Maids) wird man hier nie wilder Griffbrett-Akrobatik oder gar „Experimenten“ ausgesetzt, und sei es nur ein öder Blues-Shuffle. So gut und grundsolide „Ritual“ Song für Song auch ist (Schwachpunkte sind keine auszumachen), fehlt mir persönlich ein bisschen die Reibung in dieser Wohlfühl-Oase ohne Überraschungen. Vergleiche mit den Frühwerken der Band finde ich deshalb auch unpassend. Trotzdem ist das natürlich ein gutes Album, das seine besten Momente hat, wenn es etwas druckvoller zur Sache geht (´Worlds Apart´, ´Raise Some Hell´, ´Damn You!´, ´The Art Of Noise´). Richtig die Zähne zu fletschen, geht aber anders.

REVIEW 8.0 20.11.2019, 08:00

(Dynamit, RH 391, 2019)

SILVERTOMB - Edge Of Existence

Sachen gibt´s... Kaum preise ich im 1989-Special Soundgardens „Louder Than Love“ als stilistisches Unikat der Musikgeschichte an, erscheint ausgerechnet in diesem Monat ein Album, das daran anknüpft. Schwere Doom-Psychedelia und ein weit ausholender Gesang sind das Erste, was man auf „Edge Of Existence“ wahrnimmt. Und dass die Soundgarden-typischen hypnotischen 7/8- oder 3/4-Takte (´Love You Without No Lies´, ´So True´) hier Anwendung finden, ist dann auch keine Überraschung mehr. Nun, SILVERTOMB, die Band um das federführende Ex-Type-0-Negative-Mitglied Kenny Hickey (g./v.), sind halt musikalische Kinder der Neunziger. Mit Trommler Johnny Kelly ist sogar ein weiterer Pete-Steele-Weggefährte dabei. Anders als bei A Pale Horse Named Death spielt unterkühlte Goth-Stimmung bei SILVERTOMB kaum eine Rolle. Die Platte ist eine Art vertonte Lebensgeschichte von Hickey, vieles dreht sich um Liebe und Selbstmordgedanken. Entsprechend emotional, abwechslungsreich und unkalkuliert klingt die Musik. Klar, der sich windende Gesang kippt schon mal leicht ab, Hickey ist kein Chris Cornell, aber letztlich werden diese kleinen Schönheitsfehler von einer Musik aufgefangen, die jederzeit leidenschaftlich klingt. Die Basis sind geschmackvolle Heavy-Riffs und durchdachte Arrangements, zu denen auch kreative Effekte, Intros und Zwischenspiele gehören. Monster-Magnet-Fans können ebenfalls zugreifen!

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