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Foto: Celeye Kopp

ToneTalk 23.10.2019, 08:00

»Ich lief bei Dragonforce gegen eine Wand«

Frédéric Alexandre Leclercq war bis vor kurzem in erster Linie als Dragonforce-Bassist bekannt, weshalb sich mancher darüber wundern mag, dass er bei den Überschall-Power-Metallern ausgestiegen und nun festes KREATOR-Mitglied ist. Mit uns sprach der 41-jährige Franzose gleich nach diesem Mega-Transfer über seine wahren Wurzeln im extremen Bereich und das Musikmachen generell.

Erst mal die offensichtliche Frage: KREATOR und du – wie kommt´s?

»Mille rief mich einen Tag nach meinem Geburtstag an und bot mir an, eine Show mit der Band im Vorprogramm von Slayer und Anthrax in Chile zu spielen. Der Termin fiel mit einem Konzert der bevorstehenden Dragonforce-Tour zusammen, doch ich erklärte mich unter der Bedingung bereit, dass ich festes Mitglied werde – und er sagte ja! Kurz vorher hatte ich mich schon in einem Interview über meine Unzufriedenheit bei Dragonforce geäußert. Ich hatte seit einiger Zeit versucht, ihrer Musik einen anderen Dreh zu verleihen, lief aber ständig gegen eine Wand. Hinter den letzten zwei Alben stehe ich voll, doch das neue ist für mich ein zu krasser Rückschritt. Wir waren wie Feuer und Wasser, also nahm ich meinen Hut, denn sonst wären wir nicht mehr miteinander ausgekommen.«

Ich tippe mal darauf, dass der Richtungswechsel einen finstereren Sound ergeben hätte.

»Ich habe viel für „Maximum Overload“ und „Reaching Into Infinity“ komponiert, um das Ganze abwechslungsreicher zu gestalten. Stilistisch hätten wir uns nicht ändern müssen, aber mir war nach unterschiedlichen Stimmungen. Man kann seine Stullen immer gleich belegen oder mit Knoblauch oder Remoulade für mehr Würze sorgen, auch wenn es viele Leute gibt, die gerne zu McDonald´s gehen, weil sie wissen, was sie dort erwartet.«

Gehen wir ganz an den Anfang zurück: Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?

»Meine Mutter erzählte mir, sie hätte viel Piano gespielt, während sie mit mir schwanger war, und dabei gespürt, wie ich in ihrem Bauch reagierte. Demnach wurde mir die Musik vielleicht im wahrsten Sinn des Wortes in die Wiege gelegt. Ich hatte schon immer ein gutes Ohr und sang gerne oder klimperte auf Mamas Instrument herum. Schließlich nahm ich Klavierstunden, doch die kamen zu meinem Schulunterricht dazu, weshalb mir Zeit für mich selbst fehlte. Da es mir wichtiger war, etwas fürs Leben zu lernen, lief die Musik eine Weile nur nebenher.«

Gab es eine Initialzündung in Sachen Metal?

»Ja, als ich von jemandem eine Kassette mit Manowar und Queensryche bekam. Das war genau das, was mir gefehlt hatte. Horrorfilme oder generell gruseliges Zeug wie Totenschädel faszinierten mich schon früh, und Bands wie diese vertonten das entsprechend. Ich wusste gleich beim ersten Hören, dass ich lernen wollte, wie man Gitarre spielt.«

Dann bist du den üblichen Weg durch verschiedene Bands wie Heavenly oder Maladaptive gegangen, hast mit dem Virtuosen George Lynch gespielt und Fusion-Jazz gemacht.

»Eine Zeit lang bedeutete mir der technische Aspekt eine ganze Menge, denn Heavy Metal war für mich mit anspruchsvollen Riffs und wilden Soli verbunden. Trotzdem würde ich mich auch heute nicht als überragenden Instrumentalisten bezeichnen. Ich bin höchstens guter Durchschnitt, stehe aber total auf Sachen wie Yngwie Malmsteen oder die progressiven Megadeth-Alben mit Marty Friedman. Wenn jemand früher behauptete, man könne auch mit drei Akkorden etwas ausdrücken, winkte ich geringschätzig ab, doch ich schätze, wenn man älter wird, stellt sich eine gewisse Gelassenheit ein, und so ist es auch bei mir. Jedenfalls halte ich Gedudel um seiner selbst willen für unsinnig, es muss schon zum jeweiligen Song passen. Darum mag ich den mittlerweile verstorbenen Gitarristen Allan Holdsworth. Er hatte eine ganz eigene Tonsprache und spielte komplizierten Kram, was man auf den ersten Hör oft nicht merkte. Am Ende läuft es immer darauf hinaus, was man sagen will.«

Verstehst du die Gitarre oder den Bass als dein Hauptinstrument?

»Die Gitarre, weil ich darüber zum Metal-Musiker geworden bin, obwohl ich jetzt meistens Bass spiele, übrigens auch weiterhin bei meinen Landsleuten Loudblast. Die sechs Saiten liegen mir aber besonders am Herzen, wohingegen ich den Bass eher als Werkzeug begreife. Über den Tellerrand schauen zu können, ist allerdings wertvoll, denn wo sich andere auf eine Sache beschränken, habe ich einen eher ganzheitlichen Ansatz und betrachte das Gesamtbild.«

Bist du aus dem Grund auch zum Produzieren gekommen?

»Dragonforce-Gitarrist Sam Totman ließ sich als Produzent auf unseren Platten aufführen, was mich wunderte; das Wort klingt ja irgendwie hochtrabend. Er rechtfertigte es so, dass er ja die Aufnahmen beaufsichtigen und sich um die Arrangements kümmern würde, also dachte ich: Das kann ich auch. Nach und nach brachte ich mich im Studio stärker in die Abläufe ein und lernte immer mehr über die theoretischen Hintergründe. Wenn ich nun für andere Bands arbeite, sind sie zu mir gekommen, weil sie etwas auf mein Urteilsvermögen geben und davon ausgehen, dass ich ihre Wünsche umsetzen kann. Darüber hinaus produziere ich ja auch mein Death-Metal-Projekt Sinsaenum und die japanischen Power-Metaller Mary´s Blood. Mit deren Gitarristin zu komponieren, ist spannend, wir feilen gerade an einem Nebenprojekt, und auch Jens Bogren hat mir einiges beigebracht. Dieser Job passt außerdem zu mir, weil ich ein hibbeliger Mensch bin, der selten stillhalten kann.«

Du wirst nach wie vor vom Instrumentenhersteller ESP gesponsert, richtig?

»Genau, das müssten jetzt an die 13 Jahre sein, den Vertrag bekam ich kurz nach meinem Einstieg bei Dragonforce. Sam und Herman Li wurden damals noch von Ibanez betreut, die auch um mich geworben haben, doch unser Bühnentechniker zu jener Zeit empfahl mir ESP und hatte einen Bekannten dort. Ich gehöre zu den wenigen ESP-Künstlern mit einem individuell auf sie zugeschnittenen Bassmodell. Endorsements sind ziemlich praktisch und etwas, worum man sich als Professioneller bemühen sollte. Immerhin kostet gutes Equipment einen Haufen Geld und ist für viele immer noch ein Luxus oder wenigstens ein teures Hobby. Umso schöner, wenn dir ein Unternehmen so sehr vertraut, dass es dir seine Produkte für Tourneen zur Verfügung stellt und gemeinsam mit dir neue Entwicklungen vorantreibt. Ich weiß definitiv zu schätzen, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss, falls unterwegs etwas kaputtgeht, und nicht mehr eisern für mein Handwerkszeug zu sparen brauche. Das ist eine der schönsten Begleiterscheinungen von Musik als Beruf: Du bist bekannt und wirst dafür belohnt, das Aushängeschild einer Marke zu sein. Natürlich tut diese Form von Anerkennung gut, und ich liebe ESP wirklich.«

Nimmst du an der unendlichen Debatte um Röhren- im Vergleich zu Transistorverstärkern teil?

»Nein, aber sagen wir so: Ich sollte an und für sich mehr über die Unterschiede und Elektronik allgemein wissen. Stattdessen konzentriere ich mich einfach darauf, dass sich das, was ich mache, in meinen und hoffentlich auch anderen Ohren gut anhört. Folglich bin ich kein Fanatiker, sondern entscheide von Fall zu Fall, was am besten ist. Zuallererst muss es praktisch sein, weshalb ich auch nicht darauf achte, welcher Name auf Amps steht oder wie genau die technischen Spezifikationen lauten. Ich habe mich lange mit der Firma Peavey ausgetauscht und bin momentan mit Kemper im Gespräch.«

Was wünschst du dir als Bassist, der mit einigen hochkarätigen Taktgebern zu tun hat, von einem Schlagzeuger?

»Ich hatte das Glück, mit Mike Warren Wengren von Disturbed jammen zu dürfen, wobei wir Freunde wurden. Er ist nicht nur äußerst tight und wie ein lebendes Metronom, sondern schreibt auch Riffs, was man ja auch am stark rhythmisch geprägten Stil seiner Band erkennt. Einerseits kann er fest draufhauen, andererseits groovt er wie der Teufel und ist imstande, wie im Jazz hinter dem Beat zu spielen. Neben ihm finde ich auch Dave McClain von Sacred Reich toll. Die zwei bringen wohl auf den Punkt, wonach ich bei Drummern suche. Speziell heutzutage, wo alles mithilfe von Software geradegerückt wird, sollte man umso mehr auf ein organisches Feeling achten. Darum setze ich mich vorm Produzieren anderer Acts am liebsten mit ihren Rhythmusgruppen im Proberaum zusammen und überlege, wie ich ihr Zusammenspiel optimal zur Geltung bringen kann. Ich bin gespannt darauf, wie das nun bei KREATOR laufen wird.«

Du sagst es. Was steht für dich in naher Zukunft an?

»Ich bin immer noch total überwältigt davon, diese Gelegenheit scheinbar genau zur richtigen Zeit erhalten zu haben. Mitglied einer so legendären Band zu sein, ehrt und freut mich riesig, wobei ich nicht überheblich klingen will, wenn ich unterstelle, dass es letzten Endes vermutlich so kommen musste. Mag sein, dass man sich in gewissen Kreisen das Maul darüber zerreißt, dass ich von einer melodischen Combo komme, die die Szene polarisiert, aber dieses Lager kennt meine Anfänge nicht, und ich fühle mich im Death-, Black- und Thrash-Bereich eher zu Hause als im Power Metal. Aufgeregt werde ich nur vor unserer ersten gemeinsamen Show sein, doch dass ich mich bestens bei KREATOR eingliedere, daran besteht für mich kein Zweifel. Ich hatte halt anderthalb Jahrzehnte ein und dieselbe Freundin, jetzt fängt eine neue Liebesbeziehung an.«

Wirst du auf lange Sicht auch mit Sinsaenum weitermachen?

»Unbedingt, auch weil unser zweites Album mehr oder weniger untergegangen ist. Ich habe schon viele neue Ideen, die ich nur noch zusammenzufügen brauche, bevor wir unsere Terminpläne unter einen Hut bringen müssen, um das Material fertigzustellen und einzuspielen. Innerhalb relativ kurzer Zeit zwei Alben und eine EP herauszubringen, war kräftezehrend, nicht zu vergessen die Tour, auf die wir gegangen sind, doch aufgeben will ich das nicht so ohne Weiteres. KREATOR sind bis auf weiteres logischerweise meine Priorität, also bürde ich mir keine weiteren Pflichten auf, die ihnen in die Quere kommen; wir fangen bald mit den Arbeiten an einem neuen Album an. Das Privileg, mehrere stilistisch unterschiedliche Bands auf gehobenem Niveau betreiben zu dürfen, möchte ich dessen ungeachtet für nichts in der Welt aufgeben. Wenn man immer nur ein und dasselbe macht, wird man allzu schnell satt und langweilt sich.«

www.facebook.com/frederic.leclercq.official

Autor:
Andreas Schiffmann

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