Festivals & Live Reviews

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DIE APOKALYPTISCHEN REITER , IN EXTREMO , KORPIKLAANI - In Extremo, Die Apokalyptischen Reiter, Korpiklaani - 12.07.08, Northeim - Waldbühne

Irgendwie ist es eine skurrile Szenerie: Eine Kleinstadt wird vom Heavy Metal heimgesucht. Was bei vielen Festivals längst Routine ist, wirkt in Northeim immer noch wie Ausnahmezustand. Die lokalen Hilfskräfte (Ortsfeuerwehr und Dorfpolizei) kommen aus dem Staunen jedenfalls nicht heraus. Die Waldbühne, ein ordentliches Amphitheater aus der Nazizeit, hat so was offenbar auch noch nicht erlebt. Viele Besucher - zum Teil komplette Familien - machen den Eindruck, als seien sie nach dem Motto "wenn hier schon mal was los ist, dann gehen wir da auch hin" zum Konzert gekommen.

Folglich sitzen sie nahezu die gesamte Zeit auf den Rängen, spannen bei drei Regentropfen den Schirm auf und beobachten mehr die übrigen Besucher ("Gut, dass das nicht MEIN Kind ist!") als das Treiben auf der Bühne.

Dort geht es mit den Waldschraten von KORPIKLAANI los, jener Band, die (mit)verantwortlich dafür ist, dass die gute alte Metal-Mode um so unsinnige Accessoires wie Trinkhorn, Lederwams und Fusselbart erweitert wurde. Damit sehen ihre Fans eher weniger nach Rock'n'Roll aus, sondern mehr wie ein paar Nerds, die nicht mehr zwischen Realität und Live-Rollenspiel unterscheiden können. Das sehen offenbar auch die lokalen Securitys so und nehmen ihnen am Einlass die Trinkhörner als "gefährliche Gegenstände" gleich wieder ab. Sei's drum. Das Publikum und die Dorfjugend feiern Kirmes-Klassiker wie "Happy Little Boozer" ab, als gebe es kein Morgen.

Dann machen sich DIE APOKALYPTISCHEN REITER ans Werk. Ihre Mischung aus Thrash-, Death-, Black- und J.B.O.-Metal kommt ebenfalls hervorragend an. Die Fans lassen sich freudig per Kanone einschäumen und zur Reitermania darf wieder fleißig in Gummibooten zum Mischpult übergesetzt werden. Ahoi! Die meisten Besucher haben das wohl noch nicht gesehen und sind folglich begeistert. Zum Glück kommt das Personal der Bierpilze offenbar von außerhalb; der Nachschub ist nach anfänglichen Schwierigkeiten jedenfalls gesichert und auch bitter nötig.

Als IN EXTREMO die Bretter betreten, beginnt es gerade zu dämmern. Bis auf die eingangs erwähnten Familien kommt nun das Publikum von den Rängen und bevölkert verstärkt den Innenraum. Zum ersten Mal an diesen Abend wirkt das Ambiente: Die von Bäumen umstandene Bühne, der dunkle Himmel, die Pyros der Band. Dass die sieben Vaganten eine feste Live-Größe sind, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Die Setlist ist gewohnt vielseitig und die Jungs haben ganz offensichtlich Spaß an der Sache. Missmut erringen sie lediglich, als Sänger Michael ins Publikum fragt: "Northeim, wo liegt das eigentlich? In der Nähe von Göttingen und Hannover, oder?". Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch, legt aber wohl doch ein wenig den Finger in die Kleinstadt-Wunde zumindest derjenigen, die an diesem Abend tatsächlich aus Northeim kommen. Der Großteil ist nämlich offenbar eher von außerhalb (man könnte vermuten: aus den beiden von Michael genannten Städten!) angereist.

IN EXTREMO - schon häufig gesehen in Hallen und auf Festivals - bilden also die Konstante auf ungewohntem Terrain. Es ist ein wenig so, als begleite man sein Lieblingsfußballteam zu einem Auswärtsspiel ... Trotz allem: ein schöner, musikalischer Abend - und ein interessanter Ausflug in eine spannend-fremde Welt.

Bands:
DIE APOKALYPTISCHEN REITER
IN EXTREMO
KORPIKLAANI
Autor:
Sören Nolte

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